Reportagen, Essays, Hintergründe (Auswahl)

Der Korridor des Todes

Fünfhundert Milliarden Pesos sind viel Geld. Fünfhundert Milliarden, das ist eine Fünf mit elf Nullen dahinter. Kolumbianer sind es gewohnt, mit großen Summen zu jonglieren, aber fünfhundert Milliarden sind selbst für sie zuviel. Man drückt es leichter in US-Dollar aus, dann sind es gut 120 Millionen. So viel Geld haben Migranten auf dem Weg von Necoclí…

Der entführte Federschmuck

Hernán Cortés war nicht willkommen. Als der spanische Eroberer im November 1519 mit seinem Heer auf Tenochtitlán zu marschierte, schickte ihm Moctezuma II., der Herrscher der Azteken, eine Delegation entgegen. „Es kamen nun wieder einige Gesandte, unter ihnen einer, von dem man mir sagte, dass er ein Bruder Moctezumas sei”, schrieb Cortés in seinem Bericht über dieses Treffen an Carlos I.,…

Der Leuchtturm soll schweigen

Nayib Bukele erzählt gerne Geschichten. Manchmal stimmen sie ein bisschen, meist aber stimmen sie nicht. Und weil der 39-jährige Werbefachmann seit dem 1. Juni vergangenen Jahres Präsident von El Salvador ist, erzählt er am liebsten von sich selbst und davon, wie erfolgreich er das kleine zentralamerikanische Land regiert. Nayib Bukele ist selbstverliebt…

Das Geräusch einer Klinge auf Knochen

Der Weg nach Puerto Merizalde führt in die Wildnis. Die einzige Verbindung in dieses Dorf mitten im Dschungel geht über Buenaventura, die mit knapp einer halben Million Einwohner wichtigsten Hafenstadt Kolumbiens. Sie ist umtriebig, laut, schmutzig und gefährlich. Buenaventura ist bekannt für grausame Morde…

Die Banane und der Tod

Der Tod der Banane hat einen langen Namen. Er heißt Fusarium oxysporum forma specialis cubense tropical race 4. Kaum jemand kann sich das merken. Experten, die mit ihm zu tun haben, nennen ihn deshalb nur kurz „Fusarium” und bisweilen noch kürzer „TR4”. Die Sensationspresse schrieb vom „Killer-Pilz”. Was er anrichtet,…

Die Albtraum-Republik

Fiktion und Wirklichkeit liegen in Haiti oft nahe beieinander. „Ich hatte Joseph gesagt, dass während meiner Abwesenheit das Geschäft weitergehen solle wie üblich“, schrieb der britische Erfolgschriftsteller Graham Greene in seinem 1966 erschienenen Haiti-Roman „Die Stunde der Komödianten“. „Denn wer wusste, ob sich hier nicht ein paar Journalisten einige Tage aufhalten wollten, um eine Reportage über ein Land zu schreiben,…

Sie nannten ihn Carlos Vanzetti

„Er war gefürchtet, arrogant, musste Recht haben, teilte aus“, schrieb sein Schüler, Kollege und Freund Dagle Avilés in einem Nachruf. „Er war anspruchsvoll und konnte um der Sache Willen auch repressiv sein.“ Carlos Vanzetti war, gelinde gesagt, kein einfacher Mensch. Mindestens ein Dickkopf, schon allein aus Gründen der Physiognomie: beeindruckende 62 Zentimeter Schädelumfang, umflort von dünn gewordenen graublonden Locken…

Die Angst vor dem Frieden

Noanamá liegt verloren im Dschungel. Rund 800 Menschen wohnen hier, und sie wissen auch, warum: Sie wollen in Ruhe gelassen werden. Zwei oder drei Familien der Emberá-Wounaan leben hier, alle anderen sind Afrokolumbianer. Ihre Vorfahren waren Sklaven. Sie waren entlaufen und haben sich in diesem unwirtlichen Gebiet versteckt. Der Dschungel rund um Noanamá gehört zu den regenreichsten Gegenden der Welt…

Erinnerung an Hugo Chávez, Simón Bolivar und andere Helden im Zentrum von Caracas.

Hugo Chávez ist tot

Venezuela ist ein seltsames Land geworden, widersprüchlich, bisweilen fast absurd. Da wird von einer humanitären Katastrophe gesprochen, von an die neunzig Prozent der Bevölkerung, die in Armut leben, von politischer Konfrontation und Repression. Es gibt einen Präsidenten und einen zweiten, der sich mit einer fadenscheinigen Berufung auf die Verfassung selbst zum amtierenden Präsidenten ernannt hat…

Die zwei Seiten der Barrikade

Wenn man einfach nur die Geschichte einer Familie erzählen will und dabei alle Namen unterdrücken muss, dann stimmt etwas nicht in diesem Land. Diese Geschichte handelt von einer Familie in Nicaragua und es werden keine Namen genannt. Nicht die von Personen, die geschützt werden sollen, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber auch nicht die Namen von denjenigen,…

Das wilde Leben eines CIA-Agenten

Jetzt sind sie beide tot. Beide sind im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Und das, obwohl beide über Jahrzehnte versuchten, den jeweils anderen zu töten. Der eine ist weltbekannt. Er hieß Fidel Alejandro Castro Ruz und starb am 25. November 2016 in seinem Haus in Havanna. Er war zumindest einmal ganz nahe dran, den anderen tödlich zu erwischen…

Freiheit ist schwarz

„Sklaven dürfen auf diesem Territorium nicht existieren, die Sklaverei ist auf ewig abgeschafft. Alle Menschen werden frei geboren, leben frei und sterben frei, als Franzosen.“ Dies ist der dritte Artikel einer Verfassung, die jedoch nicht in Frankreich geschrieben wurde. Sie wurde im Mai 1801 in der damaligen französischen Kolonie Saint Domingue (heute Haiti) verabschiedet und trat ohne Absprache mit der Kolonialmacht sofort in Kraft…

Leben vom Geld der Verwandten draußen

San Isidro sieht nicht aus wie eine Stadt der Arbeitslosen. Die meisten Straßen sind mit Natursteinen gepflastert, viele Gebäude frisch verputzt. Etliche folgen nicht mehr der traditionellen Architektur von eingeschossigen Häuschen mit Wänden aus einem Gemisch aus Lehm und Stroh und einem Dach aus Ziegeln. Es gibt ihn noch, den Baustil, der in den ländlichen Regionen El Salvadors üblich ist…

Wie der Frieden verspielt wird

Heiler Mosquera blutet aus. Der Ort, benannt nach einem im Krieg gefallenen Comandante der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), liegt ganz im Süden des Landes, in der Provinz Putumayo. Ein paar Kilometer weiter beginnt der Regenwald Amazoniens. 530 Kämpferinnen und Kämpfer der ehemaligen Guerilla haben sich dort Mitte Dezember vergangenen Jahres versammelt…

Mit eiserner Disziplin gegen die Wand

Er hätte wissen müssen, dass er gescheitert war. Aber selbst wenn er es ahnte, er hat es geleugnet, sogar vor sich selbst. „Elf Monate sind seit dem Beginn unserer Guerillatätigkeit ohne Schwierigkeiten vergangen“, beginnt sein letzter Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1967. „Der Vormittag verlief ohne Gefahr, in einer fast idyllischen Stimmung.“ Seine Truppe lagerte nach einem Nachtmarsch in einer Schlucht…

Die Stadt im Schatten der Mauer

Wasserleichen sind kein schöner Anblick, sagt Miguel Villanueva, und er muss es wissen. Sechs hat er schon gesehen, alles junge Männer. Morgens, angeschwemmt am Strand von Tijuana. Nein, fotografiert habe er keinen, sagt er; er habe Respekt vor Toten. Er habe Abstand gehalten und die Feuerwehr gerufen. Die sei hier zuständig für die Rettung von Ertrinkenden und für den Abtransport der Wasserleichen…

Das war Fidel. Er war Kuba.

Es ist eine fast kitschige Anekdote, deren Wahrheitsgehalt sich nicht mehr überprüfen lässt. Fidel Castro hat sich nie dazu geäußert. Erzählt hat sie Marita Lorenz in ihrem autobiografischen Buch „Lieber Fidel“. Sie soll sich am 27. Februar 1959 zugetragen haben. Maritas Vater, ein deutscher Kapitän, ankerte mit dem Kreuzfahrtschiff „Berlin“ vor Havanna, das wenige Wochen zuvor von Castros Truppen im Triumpfzug eingenommen worden war…

Der Glanz der großen Figuren wird blass

Auf dem Weg von Europa nach Lateinamerika ändern politische Begriffe bisweilen ihre Konnotation: Wenn man in Europa von Populismus spricht, denkt man in der Regel an rechtslastige Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ), den „Front National“ in Frankreich oder die „UK Independence Party“ (Ukip) in Britannien…

Wider die überflüssigen Dinge

Am Morgen, wenn die Millionenstadt erwacht und die U-Bahnen sich überfüllen, kommen nicht nur die Angestellten in Anzug und Krawatte oder dezentem Kostüm aus den Mittelklasse-Vierteln ins Zentrum von Santiago de Chile. Auch schlecht gekleidete Leute drängen sich in den Zügen. Sie kommen von weit draußen, vom Stadtrand, wo die Mietskasernen an heruntergekommene Plattenbauten aus Sowjetzeiten erinnern…

Im siebten Kreis der Hölle

Im Volksmund heißt das Gefängnis „Mariona“, nach dem Stadtteil am Rand von San Salvador, in dem es steht. Sein offizieller Name ist „Penitenciaría Central de La Esperanza“ – „Zentrale Strafanstalt der Hoffnung“. Man kann das auch als zynisch empfinden. Wer hier hereinkommt, lässt alle Hoffnung fahren. Draußen auf der Straße steht alle paar Meter ein Soldat in Tarnuniform in der brütenden Hitze, eine Sturmhaube…