Reportagen, Essays, Hintergründe (Auswahl)

Das absehbare Ende des Pinochet-Staats

Im Süden von Chile ging es zuletzt zu wie zu Zeiten der Diktatur. Mitte Oktober hat Präsident Sebastián Piñera über 72 Gemeinden den Ausnahmezustand verhängt und das bedeutet, dass die paramilitärische Polizeitruppe der Carabiñeros durch Militärs verstärkt wird, um Proteste zu ersticken….

Wie in einem dystopischen Film

Auch zehn Tage nach dem schweren Beben ist die Lage noch unübersichtlich. Die Zahlen, die von der haitianischen Zivilschutzbehörde veröffentlicht werden, sind nicht viel mehr als eine vorläufige und eher zu tief angesetzte Größenordnung. Danach sind am Samstag vergangener Woche rund 2.500 Menschen gestorben, über 12.000 wurden verletzt, mehr als 30.000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt…

Seit zwei Jahren ist das Land lahmgelegt. Barrikade in Port-au-Prince im November 2019.

Wer erschoss Jovenel Moïse?

Nur auf den ersten Blick scheint alles klar: Nach Darstellung der Polizei sei in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche kurz nach ein Uhr ein Kommando von gut zwei Dutzend Kolumbianern und zwei haitistämmigen US-Amerikanern in die festungsartig geschützte Residenz des haitianischen Präsidenten Jovenel Moïse in Nobelvorort Pétionville am Rand der Hauptstadt Port-au Prince eingedrungen…

Abschied für Raúl Castro

Die letzte Bilanz des Raúl Castro als Generalsekretär der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) sieht erschreckend aus. Um elf Prozent ist die Wirtschaft der sozialistischen Insel im vergangenen Jahr eingebrochen. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, in Krankenhäusern werden manche Medikamente knapp. Dem Land geht es so schlecht wie seit dreißig Jahren nicht mehr, als die Sowjetunion verschwand…

Der entführte Federschmuck

Hernán Cortés war nicht willkommen. Als der spanische Eroberer im November 1519 mit seinem Heer auf Tenochtitlán zu marschierte, schickte ihm Moctezuma II., der Herrscher der Azteken, eine Delegation entgegen. „Es kamen nun wieder einige Gesandte, unter ihnen einer, von dem man mir sagte, dass er ein Bruder Moctezumas sei”, schrieb Cortés in seinem Bericht über dieses Treffen an Carlos I.,…

Der Leuchtturm soll schweigen

Nayib Bukele erzählt gerne Geschichten. Manchmal stimmen sie ein bisschen, meist aber stimmen sie nicht. Und weil der 39-jährige Werbefachmann seit dem 1. Juni vergangenen Jahres Präsident von El Salvador ist, erzählt er am liebsten von sich selbst und davon, wie erfolgreich er das kleine zentralamerikanische Land regiert. Nayib Bukele ist selbstverliebt…

Das Geräusch einer Klinge auf Knochen

Der Weg nach Puerto Merizalde führt in die Wildnis. Die einzige Verbindung in dieses Dorf mitten im Dschungel geht über Buenaventura, die mit knapp einer halben Million Einwohner wichtigsten Hafenstadt Kolumbiens. Sie ist umtriebig, laut, schmutzig und gefährlich. Buenaventura ist bekannt für grausame Morde…

No listo para la emergencia

Al inicio de la pandemia, el Gobierno anunció la construcción de un gran hospital con 2.000 camas para atender a los pacientes con Covid-19. Pero el servicio no estuvo operativo cuando los salvadoreños llegaron a un pico de contagios que saturaron la red hospitalaria general. Actualmente, faltan médicos especialistas…

Der Genosse Präsident

Am 26. März verhängte Chiles Präsident Sebastián Piñera wegen der Corona-Pandemie eine Ausgangssperre über die Hauptstadt Santiago und ließ sie vom Militär durchsetzen. In den Monaten zuvor hatte es täglich Demonstrationen und Straßenschlachten gegeben. Der Regierungspalast Moneda war weiträumig mit hohen Gittern abgesperrt,…

Die Banane und der Tod

Der Tod der Banane hat einen langen Namen. Er heißt Fusarium oxysporum forma specialis cubense tropical race 4. Kaum jemand kann sich das merken. Experten, die mit ihm zu tun haben, nennen ihn deshalb nur kurz „Fusarium” und bisweilen noch kürzer „TR4”. Die Sensationspresse schrieb vom „Killer-Pilz”. Was er anrichtet,…

Funcionario vende protectores al gobierno

La noche del 18 de marzo, cuando se anunció el primer caso confirmado de coronavirus en El Salvador, el presidente Nayib Bukele dijo que se venía un tiempo de mucho sacrificio para distintos sectores económicos del país y aseguró que el Estado haría una importante inversión para proteger la vida de su población. “Aquí va a fluir mucho dinero…

La epidemia de los trapos blancos

Las banderas blancas sobre los muros, puertas y paredes de lámina comenzaron a multiplicarse en la segunda quincena de mayo. Algunas estaban manchadas con frases demoledoras: “Tenemos hambre precidente”; “Necesitamos comida”. Lo que el presidente Nayib Bukele había vaticinado dos meses atrás para mediados de mayo era que la mitad de los salvadoreños (3,145,728) se habría contagiado de la COVID-19, no de la epidemia del hambre…

Mit Corona in die Diktatur

Die Fotos, die der Präsident über die Internetplattform Twitter verbreitete, erinnern an die dunkelsten Zeiten lateinamerikanischer Militärdiktaturen. Hunderte von Männern mit kahl rasierten Schädeln sind da zu sehen, nur mit weißen Boxer-Shorts und viele, aber nicht alle, mit einem Mundschutz bekleidet. Sie sitzen in langen Reihen in einer Halle, jeder die Beine um den Vordermann gelegt, das Gesicht auf dessen Rücken…

Probleme vor dem Fliegen

Der erste Spielfilm von 90 Minuten ist für jeden Filmemacher eine große Sache. In El Salvador ist diese Sache noch viel größer. In dem kleinen Land in Zentralamerika wurden in den vergangenen Jahrzehnten nur Dokumentarfilme gedreht – über den Bürgerkrieg zwischen 1980 und 1992 und seine Folgen, und zuletzt über die Gewalt der „Maras“ genannten Jugendbanden. In diesen Filmen wird viel geschossen. Brenda Vanegas aber arbeitet an einem eher stillen Spielfilm,…

Im Zeichen des Köters

Die Plaza Italia ist kein schöner Ort. Sie liegt da, wo das Zentrum von Santiago de Chile aufhört und das Geschäftsviertel Providencia beginnt. Zwei der wichtigsten Verkehrsadern der Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt fließen hier vielspurig in einen Kreisverkehr. In dessen Mitte steht die Statue eines Reiters auf einem Stück Rasen. Der Mann auf dem Pferd stellt General Manuel Baquedano dar, den Chef des chilenischen Heers im Salpeterkrieg von 1879 bis 1883. Er hat fast alle Schlachten verloren…

Die Albtraum-Republik

Fiktion und Wirklichkeit liegen in Haiti oft nahe beieinander. „Ich hatte Joseph gesagt, dass während meiner Abwesenheit das Geschäft weitergehen solle wie üblich“, schrieb der britische Erfolgschriftsteller Graham Greene in seinem 1966 erschienenen Haiti-Roman „Die Stunde der Komödianten“. „Denn wer wusste, ob sich hier nicht ein paar Journalisten einige Tage aufhalten wollten, um eine Reportage über ein Land zu schreiben,…

Wenn das Geld im Müllsack kommt

Antonio Saca ist wohl der einzige ehemalige Präsident der neueren Geschichte, der im Frack verhaftet und so ins Gefängnis gebracht wurde. Seine Verwandten mussten ihm als erstes neue Kleider bringen, T-Shirts und bequeme Hosen. Es ist heiß in El Salvador und die Gefängnisse verfügen über keine Klimaanlage. Es geschah am 30. Oktober 2016. Sacas Sohn feierte seine Hochzeit…

Das endlose Ringen

Es gibt viele faktische Staatschefs auf der Welt, deren demokratische Legitimierung man anzweifeln kann. Man braucht da gar nicht Kim Jong-un in der Demokratischen Volksrepublik Korea erwähnen oder jeden beliebigen Prinzen oder Scheich von der arabischen Halbinsel. In Lateinamerika kann man an Juan Orlando Hernández denken, der sich mit einem windigen Urteil ihm höriger Richter als Präsident von Honduras wiederwählen ließ…

Es hätte anders werden sollen

Was wohl aus Nicaragua geworden wäre, wäre Jimmy Carter am 4. November 1980 für eine zweite Amtszeit als Präsident der USA gewählt worden? Wahrscheinlich wäre dem kleinen zentralamerikanischen Land der blutige Krieg gegen die rechten Contraverbände erspart geblieben. Vielleicht hätte der Schwung der Revolution, die am 19. Juli 1979 mit dem Sieg der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN)…

Erinnerung an einen Revolutionär

„Er war gefürchtet, arrogant, musste Recht haben, teilte aus“, schrieb sein Schüler, Kollege und Freund Dagle Avilés in einem Nachruf. „Er war anspruchsvoll und konnte um der Sache Willen auch repressiv sein.“ Carlos Vanzetti war, gelinde gesagt, kein einfacher Mensch. Mindestens ein Dickkopf, schon allein aus Gründen der Physiognomie: beeindruckende 62 Zentimeter Schädelumfang, umflort von dünn gewordenen graublonden Locken…