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Freiheit ist schwarz

Warum an die Revolution in Haiti erinnert werden muss. Ein Essay. Von Toni Keppeler.

„Sklaven dürfen auf diesem Territorium nicht existieren, die Sklaverei ist auf ewig abgeschafft. Alle Menschen werden frei geboren, leben frei und sterben frei, als Franzosen.“ Dies ist der dritte Artikel einer Verfassung, die jedoch nicht in Frankreich geschrieben wurde. Sie wurde im Mai 1801 in der damaligen französischen Kolonie Saint Domingue (heute Haiti) verabschiedet und trat ohne Absprache mit der Kolonialmacht sofort in Kraft. Frankreich hat darauf mit einem Krieg reagiert, einschließlich eines geplanten Völkermords und dem Vergasen von Kriegsgefangenen. Die Nation, die bis heute stolz ist auf die Freiheit, Gleichheit, Bürderlichkeit ihrer Revolution und sich als Wiege der Menschenrechte sieht, hat all diese Werte zwölf Jahre nach dem Sturm auf die Bastille in der Karibik verbrannt.

Es waren die Schwarzen in Haiti, die die Ideale dieser Revolution ernst genommen, eingefordert und in dreizehn Jahren Befreiungskrieg auch in die Praxis umgesetzt haben. Haiti war nicht nur der nach den USA zweite unabhängige Staat auf dem amerikanischen Kontinent, es war auch der einzige, in dem wirkliche Befreiung stattgefunden hat. Auch wenn man Simón Bolívar noch heute den „Libertador“, den „Befreier“ nennt – in seinen und allen anderen folgenden Kriegen ging es nur um die Unabhängigkeit einer kleinen Europa-stämmigen Elite von ihrem Mutterland. Diese Elite besaß auch nach der Unabhängigkeit weiterhin Leibeigene, seien es importierte Sklaven aus Afrika (Bolívar hatte rund tausend davon) oder in Bergwerken zu Tode geschundene Ureinwohner. In Haiti aber haben Sklaven sich selbst befreit, von ihren direkten Herren und von der Kolonialmacht. Und doch denkt man heute bei Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschenrechten nicht an Haiti, sondern an Frankreich, bei Sklavenaufständen nicht an Toussaint Louverture sondern an Spartacus, obwohl der mit seiner Erhebung letztlich gescheitert ist.

Es ist schwer zu verstehen, warum die Geschichte Haitis bis heute weitgehend ignoriert wird. Es gibt kaum deutschsprachige Literatur dazu, das Land spielt trotz seiner Revolutionsgeschichte selbst für internationalistisch gesinnte Linke keine Rolle. Drei Gründe, die kaum voneinander zu trennen sind, mögen das zu erklären versuchen:

1. Von Haiti wird seitens der Weltmächte seit seiner Unabhängigkeit ein absurdes Zerrbild gezeichnet. Heute gilt das Land als ziemlich gescheiterter Staat, unfähig, sich selbst zu regieren, heimgesucht von Aufständen und Naturkatastrophen, dunkel, gewalttätig und unheimlich. Nur selten wird versucht, dieses Zerrbild aufzuklären.

2. In der haitianischen Revolution spielte die afrokaribische Religion Vodou (nicht das Voodoo, das Hollywood daraus gemacht hat) eine zentrale Rolle. Die Kombination von Aufklärung und Revolution mit einer animistischen Religion wirkt im aufgeklärten Europa verstörend.

3. Das Denken über die Freiheit ist eurozentristisch. Auch die Linke hat Befreiungsbestrebungen außerhalb Europas nur anerkannt, wenn sie ihre Lehren kopiert haben (Kuba, Vietnam, die marxistischen Guerillas Lateinamerikas). Dieser intellektuelle Eurozentrismus ist eine subtile Form des Neokolonialismus.

Zu 1.: Was in Haiti war und was daraus gemacht worden ist

Saint Domingue, seit 1697 französische und davor spanische Kolonie, war die brutalste Sklavenhaltergesellschaft in der Karibik und für Frankreich das rentabelste Stückchen Erde. Das Land, das gerade einmal zwei Drittel der Fläche der Schweiz umfasst, lieferte Ende des 18. Jahrhunderts mehr Zucker als Kuba, Jamaika und Brasilien zusammen und über die Hälfte des weltweit geernteten Kaffees. Der wichtigste Ausfuhrhafen Cap Français (heute Cap Haïtien) war größer und eleganter als Boston.

All dieser Reichtum wurde mit dem Blut hunderttausender Sklaven bezahlt. Bis zum Beginn ihres Aufstands 1791 waren über eine Million Menschen aus Afrika importiert worden, die meisten aus dem Kongobecken und aus der Gegend zwischen dem heutigen Liberia und Nigeria. Sie wurden mit den Brandzeichen ihrer Besitzer markiert und überlebten meist nicht lange. Jedes Jahr starben zwischen fünf und zehn Prozent der Sklaven an Hunger, Überarbeitung, Krankheiten und Folter.

Als in Frankreich 1789 die Revolution begann, gab es in der Kolonie Saint Domingue nach offizieller Schätzung 55.000 freie Bewohner, also weiße Siedler und von ihnen gezeugte freie Farbige, dazu gut 450.000 schwarze Sklaven. Da Sklavenbesitz besteuert wurde, dürfte ihre tatsächliche Zahl höher gewesen sein. Rund 330.000 dieser Sklaven waren noch in Afrika geboren worden, über 40.000 noch nicht einmal ein Jahr in der Kolonie. Die Ureinwohner der Taíno – Ende des 15. Jahrhunderts rund eine Million – waren schon von den Spaniern ausgerottet worden.

Der Sklavenaufstand und der Verlauf des Befreiungskriegs standen immer im direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Frankreich. Als erste hatten die Farbigen – im Kolonialjargon gens de coleur – die Postulate der französischen Revolution auch für sich eingefordert. Sie waren zwar frei und hatten selbst oft Sklaven, wurden aber in der kolonialen Gesellschaft diskriminiert. Auch unter den Weißen gab es Konflikte. Die sogenannten petits blancs – Handwerker, Wirte, aber auch Ganoven – forderten für sich Gleichheit ein und gründeten nach Pariser Vorbild republikanische Clubs. Die als grands blancs bezeichneten Plantagenbesitzer waren royalistisch gesinnt, pochten auf ihrem Privileg, die Geschicke der Kolonie alleine in Absprache mit dem Mutterland zu bestimmen und luden, als in Paris Revolutionäre an der Regierung waren, die Briten zu einer Invasion ein. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen Fraktionen wurden zum Teil gewalttätig ausgefochten. Die jeweiligen Herren zogen dabei mit ihren Sklaven als Fußvolk in die Scharmützel – mit der Folge, dass auch die Schwarzen Zugang zu Waffen bekamen.

Der große Aufstand der Sklaven wurde bei einer geheimen Vodou-Zeremonie der Vorarbeiter verschiedener Plantagen in der Nacht des 14. August 1971 im Wald von Bois Caïman in der Nähe von Cap Français verabredet. Es gibt in Haiti Legenden, nach denen Toussaint Louverture dieses Treffen einberufen habe. Das ist durchaus möglich. Louverture war Vorarbeiter und Kutscher seines Herrn und kam als solcher viel auf anderen Plantagen herum. Es gibt aber keinen sicheren Beleg für seine Anwesenheit in Bois Caïman. Öffentlich in Erscheinung getreten ist er erst zwei Jahre später. Erster Führer des Aufstands war der Vodou-Priester Boukman Dutty, ein über Jamaika nach Saint Domingue gekommener Sklave. In der Nacht des 22. August wurden dann in einer koordinierten Aktion in der nördlichen Küstenebene Zuckerrohrplantagen angezündet und Zuckermühlen zerstört. Weiße, die nicht in die gesichterten Städte an der Küste entkommen konnten, wurden erschlagen, in Stücke gerissen oder lebendig in ihren Häusern verbrannt.

Die ersten Schlachten der Schwarzen glichen eher einem plündernden Aufstand als einem organisierten militärischen Vorgehen. Sie waren zunächst erfolgreich, allein wegen des Überraschungseffekts und der schieren zahlenmäßigen Überlegenheit. Die Verluste aber waren verheerend. Schnell wurde klar, dass es eine andere Tatktik brauchte als das bloße Anrennen gegen die Gewehre und Kanonen der Franzosen. Es war vor allem das strategische Geschick von Louverture, das dem Krieg eine entscheidende Wende gab. Die Schwarzen zogen sich ins bewaldete Bergland zurück und führten ihren Krieg, wie sie es aus Afrika kannten: mit Hinterhalten, überraschenden Angriffen und schnellen taktischen Rückzügen. Das Gelände war bestens geeignet dafür und den Franzosen war diese Art der Kriegsführung völlig unbekannt.

Louverture war aber nicht nur ein genialer Militär, er war auch ein gewiefter Verhandler, der die damals im Krieg liegenden europäischen Mächte Frankreich, Spanien und Britannien in der Karibik gegeneinander ausspielte. Er wurde General der spanischen Armee im noch immer spanischen Ostteil der Insel und griff von dort die Franzosen an. Er ließ sich von Britannien Waffen liefern. Nachdem die französische Nationalversammlung Anfang 1794 die Aufhebung der Sklaverei proklamiert hatte, wechselte er als General in die französische Armee und vertrieb erst die Spanier, dann die Briten aus der Kolonie und wurde schließlich deren Gouverneur. Es ging ihm allein um die Freiheit der Schwarzen. Ob er an Unabhängigkeit dachte, ist umstritten; er hat nie darüber gesprochen oder geschrieben. Seine Verfassung, inspiriert von den Werten der französischen Revolution, deutet eher darauf hin, dass ihm eine Art automes Gebiet vorschwebte, regiert von den ehemaligen Sklaven, aber unter dem außenpolitischen Schutz Frankreichs.

Napoleon Bonaparte, seit 1799 Erster Konsul der französischen Republik, wollte das nicht akzeptieren. Er wollte den Reichtum der Kolonie wiederhaben, um damit seine Kriege in Europa finanzieren zu können. Ende 1801 schickte er seinen Schwager Charles Victoire Emmanuel Leclerc mit 20.000 Soldaten nach Saint Domingue. Sein Auftrag: Die Sklaverei wieder einzuführen und die schwarzen Führer gefangen zu nehmen und nach Frankreich zu deportieren. Der Krieg gegen die schwarzen Truppen war kurz und heftig. Nachdem einige seiner Generäle zu den Franzosen übergelaufen war, sah sich Louverture zu einem Friedensvertrag gezwungen, den er freilich selbst diktierte: Die ehemaligen Sklaven bleiben frei, ihre Armee wird in die französischen Truppen integriert und er selbst zieht sich aufs Altenteil zurück. Leclerc ließ ihn kurz darauf in einen Hinterhalt locken, festnehmen und nach Frankreich bringen, wo man ihn in einem Verließ in Fort Joux nahe der schweizer Grenze verhungern und erfrieren ließ. Seine Gebeine wurden anonym verscharrt. Niemand sollte sich an ihn erinnern.

In Saint Domingue aber ging der Widerstand im Hinterland weiter. Die schwarzen – nun französischen – Generäle wechselten wieder die Seite und schlossen sich diesem Widerstand an. Leclerc ordnete daraufhin einen Völkermord an: „Wir müssen alle Schwarzen in den Bergen töten, Männer und Frauen, und nur Kinder unter zwölf Jahren verschonen.“ Er wurde vom Gelbfieber dahingerafft. Unter seinem Nachfolger Donatien Rochambeau aber ging der Völkermord weiter. Der ließ sogar Kriegsgefangene mit brennendem Schwefel vergasen. Es nutzte nichts. Im November 1803 wurden die Franzosen vernichtend geschlagen, am 1. Januar 1804 rief General Jean-Jacques Dessalines in Gonaïves die nun Haiti genannte Republik aus.

Die Freude über die Unabhängigkeit währte nicht lange. Die USA und Britannien – beides Sklavenhalternationen – wollten kein Beispiel für erfolgreiche Befreiung dulden und verhängten eine Wirtschaftsblockade gegen Haiti. Frankreich erpresste mit einer weiteren Kriegsdrohung 1825 eine Entschädigung von 90 Millionen Gold-Francs, damals eine schier unglaubliche Summe. Haiti nahm Kredite auf und bezahlte daran bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Schuldendienst fraß bis zu achtzig Prozent des Staatsetats. Haiti wurde so zum Modellfall eines postkolonialen Schuldnerstaats gemacht. Die angebliche Gefahr, das Land würde seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, war 1915  Vorwand für eine US-Militärintervention. Tatsächlich aber ging es um einen strategischen Hafen für die US-Marine, den Haiti nicht abgeben wollte. Zwanzig Jahre lang war das Land im Griff der US-Armee. Der Widerstand dagegen aber hörte nie auf. Die Invasoren zogen 1935 schamhaft ab. Die Lanzerromane weißer Soldaten über ihre traumatischen Erfahrungen mit dem schwarzen Widerstand aber wurden der Anfang eines Zerrbilds, das bis heute besteht. 1934 wurde in Hollywood mit „White Zombie“ der erste Voodoo-Horrorfilm über Haiti gedreht.

Zu 2.: Warum Vodou eine Religion der Befreiung ist

Europäisches Nichtwissen über Vodou – so die geläufige haitianische Orthografie – ist gemeinhin geprägt von mit Nadeln traktierten Stoffpuppen und Zombies, die um Mitternacht aus ihren Gräbern steigen und Unheil über die Lebenden bringen. Alles Mumpitz. Vodou ist eine afro-karibische Religion, ähnlich der Santería in Kuba oder Obeah in Jamaika. Sie speißt sich aus der Erinnerung an Afrika und aus der gemeinsamen Erfahrung der Entwurzelung, Verschiffung und Sklaverei. Anders als die eher rein spirtuellen Kulte in Kuba und Jamaika hat Vodou jedoch eine politische und kämpferische Komponente. Jean Price-Mars, der haitianische Historiker und Volkskundler, sieht den eigentlichen Ursprung der Religion im Treffen der Verschwörer 1791 in Bois Caïman. In seinem 1928 erschienenen Essayband Ainsi parla l’Oncle schreibt er über dieses Treffen: „In der schwarzen Nacht, zwischen den verschlungenen belaubten Ästen des Mapou-Baums, trafen sich die Verschwörer. (…) Da, in der Stille im Schatten, gab die Priesterin unverständliche Zeichen von sich und versenkte das Opfermesser in der Kehle des Wildschweins. Dann stellte sie die Eingeweide auf dem blutüberströmten Boden zur Schau und Boukman verkündete die heiligen Worte: ‚Der gute Gott, der die Sonne macht, (…) ist versteckt hinter den Wolken. Von dort aus betrachtet er uns und sieht alles, was die Weißen tun. Der Gott der Weißen befielt das Verbrechen, unser Gott dagegen will Wohltaten. Aber dieser gute Gott befielt uns nun Vergeltung. Er wird uns führen und uns beistehen. zerschmettert das Bild des Gottes der Weißen, der Durst hat nach unseren Tränen. Hört den Ruf der Freiheit.’“

Die Darstellung ist sicher nicht historisch, sondern in aus Haiti umlaufenden Legenden konstruiert und dramatisiert. Price-Mars aber ist sicher, dass aus diesem seit dem Beginn der Kolonialzeit belegten nächtlichen Kult der Sklaven in Bois Caïman etwas Neues entstanden ist: „Ohne Zweifel nahmen diese Treffen in der Folge einen eindeutig politischen Charakter an.“ Und diese politische Religiosität sei „in vielerlei Hinsicht neu, eine Tochter der Umstände und der Notwendigkeit des Moments. Und das ist, wie uns scheint, der Ursprung unseres Vodou.“

Es soll hier nicht das Pantheon des Vodou erklärt werden und auch nicht seine Gemeindestruktur und seine Riten. Wer sich an der Vielzahl der Geister dieser Religion stört, sei daran erinnert, dass auch Katholiken ein Heer von Heiligen verehren. Wen Trace und Besessenheit während der Zeremonien stören, soll daran denken, dass eingeatmeter Weihrauch eine ähnliche Wirkung entfaltet wie Haschisch. Und wer Tieropfer abstoßend findet, sei darauf hingewiesen, dass die Eucharistie nichts anderes ist als eine sublimierte Form der Anthropophagie. Price-Mars hat Vodou als den sogenannten Hochreligionen gleichwertig beschrieben, mit eigenen Traditionen und eigener Theologie, mit Priestern und eigener Moral.

Für die Verschwörer von 1791 war Vodou der Kitt, der aus den vielen aus Afrika deportierten Ethnien eine soziale Einheit schuf. Vodou gab ihnen ein einheitliches Selbstbewusstsein und die Kraft zum Widerstand. Bei den Angriffen auf die Franzosen fühlten sich die schwarzen Krieger ihren Geistern besessen. Wenn Louverture in eine Schlacht ritt, trug er unter seinem französischen Dreispitz ein rotes Kopftuch – die Farbe des Kriegsgotts Ogu. In der gesamten Geschichte Haitis wurde Widerstand über Vodou-Gemeinden organisiert. Die politische Sprengkraft ihrer nächtlichen Treffen mit Trommeln und Tanz haben die Franzosen genausowenig begriffen wie später die US-Marines. Auch beim Sturz der Duvalier-Diktatur spielten Vodou-Priester eine entscheidende Rolle. Die in Vodou-Gemeinden bestehende Pflicht zur gegenseitigen Hilfe hat nach dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 sehr viel mehr überlebende Opfer aufgefangen als alle internationale Hilfe.

Zu 3.: Denken über die Freiheit darf nicht eurozentristisch sein

Im schwarzen Widerstand in der Karibik ist eine intellektuelle Bewegung entstanden, die später unter dem Namen Négritude großen Einfluss auf die Befreiungskriege des französisch kolonisierten Afrikas hatte. Urvater dieser Bewegung war der Haitianer Jean Price-Mars, der den Begriff Négritude zwar noch nicht verwendet, aber die Grundlagen dieser Bewegung erarbeitet hat. Sein Standardwerk Ainsi parla l’Oncle, eine Sammlung von Essays über vorher nur mündlich tradierte haitianische Volkslieder, Legenden und Erzählungen und Studien zum Volksglauben Vodou und seiner kulturellen Bezüge zu verschiedenen Regionen Afrikas, wurde nie ins Deutsche übersetzt.

Price-Mars hat die haitianische Sprache, Religion und Kultur als gänzlich neues Produkt einer Kolonialgesellschaft verstanden, entstanden aus unterschiedlichen afrikanischen Wurzeln, aber mit der gemeinsamen Erfahrung der Deportation, der gemeinsamen Unterdrückung und Ausbeutung in einer Sklavenhaltergesellschaft und des gemeinsamen Widerstands dagegen. Und er hat erkannt, dass die in den Jahren 1791 bis 1804 erkämpfte Freiheit und Unabhängigkeit unvollendet blieben: „Obwohl die Freiheitskämpfe und die Revolution formal zu Recht und Gesetz führten, hörte die Gewalt im Land nicht auf. Der Umsturz hatte eher oberflächliche als tiefgreifende Auswirkungen, die Macht blieb trotzdem in den Händen weniger und de facto blieb die soziale Hierarchie unverändert.“ Das Haiti, das aus dem Befreiungskrieg der Schwarzen hervorgegangen ist, war für ihn letztlich der Versuch einer Kopie Frankreichs, das seine Revolutionsziele weit verfehlt und statt des Citoyen den Bourgeois hervorgebracht hatte. In Haiti war eine neue Bourgeoisie – vorwiegend aus Farbigen – entstanden, die große Bevölkerungsmehrheit der Schwarzen wurde zum neuen Proletariat aus verarmten Subsistenzbauern und Gelegenheitsarbeitern. Es war das Anliegen von Price-Mars, dieser Klasse durch die Besinnung auf die eigene Tradition, Religion und Kultur ein Selbstbewusstsein zu geben, das für ihn Voraussetzung für die Vollendung von Freiheit und Unabhängigkeit war.

Aimé Césaire, der wichtigste Politiker von Martinique im 20. Jahrhundert, nannte diese Denkbewegung dann Négritude. Sie sei, sagte er in einem Vortrag 1987, „die Geschichte einer Gemeinschaft, deren Erfahrungen mit ihren Deportierungen ganzer Bevölkerungen, ihren Menschentransfers von einem Kontinent auf den anderen, den Erinnerungen an ferne Glaubensvorstellungen, ihren Überresten ausgelöschter Kulturen eigentlich als einzigartig erscheint“. Die Gemeinschaft der Schwarzen konstituiere sich „zunächst in einer Gemeinschaft erlittener Unterdrückung, einer Gemeinschaft aufgezwungener Aussonderung, einer Gemeinschaft krasser Diskriminierung. Und natürlich – und das gereicht ihr zur Ehre – zu einer Gemeinschaft fortgesetzten Widerstands, erbitterten Ringens um die Freiheit und unbezähmbarer Hoffnung.“

Aus diesem aus der Geschichte abgeleiteten neuen Selbstbewusstsein heraus wurde Césaire zum galligsten Kritiker des Kolonialismus, kompakt nachzulesen in seiner Kampfschrift Über den Kolonialismus: „Es wäre schon der Mühe wert, (…) dem ach so distinguierten, ach so humanistischen, ach so christlichen Bourgeois des 20. Jahrhunderts begreiflich zu machen, dass er selbst einen Hitler in sich trägt (…) und dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen gegen den Menschen ist, nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern das Verbrechen gegen den weißen Menschen, die Erniedrigung des weißen Menschen und dass er, Hitler, kolonialistische Methoden auf Europa angewendet hat, denen bislang nur die Araber Algeriens, die Kulis Indiens und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“ Nicht die Schwarzen sind die Barbaren, sondern die angeblich zivilisierten Weißen, die hehre Werte vor sich hertragen und hinterrücks foltern und meucheln. „Eben das ist der große Vorwurf, den ich dem Pseudohumanismus mache: dass er die Menschenrechte allzu lange beschränkt hat, dass er eine enge und fragmentarische, eine partielle und parteiische und eine alles in allem ekelhaft rassistische Auffassung von ihnen gehabt hat und immer noch hat.“

Die Schrift wurde im französischen Original 1950 zum ersten Mal veröffentlicht. In einem Europa, das gerade den Faschismus überwunden hatte, musste derart harsche Kritik verstörend wirken. Aber natürlich hat Aimé Césaire recht. Wer sich auf die französische Revolution bezieht, ohne zu erwähnen, wie sie in Haiti verraten wurde und welchen Widerstand es dagegen gab, der ist entweder ein Ignorant – oder Rassist.

Literatur:

Césaire, Aimé, 2017: Über den Kolonialismus. Kommentierte Neuausgabe, Berlin

Price-Mars, Jean, 2009: Ainsi parla l’oncle – Essais d’ethnographie (1928), Québec

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Die Auswahl und Übersetzung der Zitate von Price-Mars hat Laura Nadolski besorgt.

September 2018


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