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Leben vom Geld der Verwandten draußen

Ein Drittel der Salvadorianer wohnt und arbeitet im Ausland. In San Isidro bekommt so gut wie jeder Haushalt Überweisungen aus den USA. Man sieht das im Ort: Es gibt kaum Arbeit, aber viele ungewöhnliche Neubauten. Von Cecibel Romero.

San Isidro sieht nicht aus wie eine Stadt der Arbeitslosen. Die meisten Straßen sind mit Natursteinen gepflastert, viele Gebäude frisch verputzt. Etliche folgen nicht mehr der traditionellen Architektur von eingeschossigen Häuschen mit Wänden aus einem Gemisch aus Lehm und Stroh und einem Dach aus Ziegeln. Es gibt ihn noch, den Baustil, der in den ländlichen Regionen El Salvadors üblich ist. Dazwischen aber stehen viel größere neue Häuser, aus Hohlblocks gebaut und oft mit einem zweiten Stockwerk, die Dächer aus gewellten Faserzementplatten. Die verspielten Fassaden erinnern an Vorstadtsiedlungen im Süden von Kalifornien.

Dort, in den USA, stehen nicht nur die Vorbilder dieser Neubauten; dort wohnen auch ihre Besitzer. San Isidro, ein Städtchen, das mit allen dazugehörenden Weilern gut 11.000 Einwohner zählt und eine gute Autostunde nordöstlich der Hauptstadt San Salvador in der Provinz Cabañas liegt, gehört zu den Gemeinden mit der höchsten Auswanderungsrate in El Salvador. Der relative Reichtum des Orts kommt aus dem Norden. Und eben deshalb geht kaum jemand einer geregelten Arbeit nach. Arbeiten lohnt sich nicht in San Isidro.

Daysi Moreno ist die letzte. Ihre drei Schwestern sind alle in die USA gegangen, alle illegal, die erste und älteste 1993. Den Schlepper bezahlte damals deren Freund, der schon vorausgegangen war. Sie schickte dann das Geld, mit dem die anderen beiden nachkamen. Moreno, heute 38 Jahre alt, ist die jüngste. „Ich durfte nicht gehen, weil meine Mutter nicht alleine hier bleiben wollte.“ Nur ihr Mann ist gegangen. Zweihundert US-Dollar schickt er jeden Monat nach Hause, für sie und ihre vier Söhne. Ihre Schwestern steuern weitere 50 Dollar für die Mutter bei. „Da muss man jeden Cent umdrehen, sonst kommt man nicht über die Runden“, sagt sie.

Um ein bisschen dazu zu verdienen, backt sie am Abend vor ihrem Haus auf einer mit Gasfeuer erhitzten Eisenplatte Pupusas zum Verkauf aus: mit Bohnenmus, Käse oder Bauchspeck gefüllte Maisfladen, das billigste und traditionellste Gericht El Salvadors. Ihre Mutter verkauft am Morgen aus einem Korb heraus Äpfel, Mangos und Gurken und um diese Jahreszeit auch Jicama, eine süßlich-scharf schmeckende Wurzelknolle.

Für ihre Söhne – der älteste ist zwanzig, der jüngste elf – sieht Moreno keine Zukunft in San Isidro. Es gibt so gut wie keine Arbeit. Eine Großfarm für Schweine ein paar Kilometer außerhalb und ein paar Viehzüchter, sonst nichts. Die hügelige Gegend rund um den Ort ist trocken und karg, der Anbau der traditionellen Grundnahrungsmittel Mais und Bohnen lohnt sich allenfalls für den Eigenbedarf. „Und glaubst du, dass die Jungen Kühe melken wollen für vier Dollar am Tag?“ fragt die Mutter und schüttelt den Kopf. Nein, wenn ihre Kinder eine Zukunft haben wollten, dann müssten sie weg.

„Allein in diesem Jahr sind zehn meiner Schüler gegangen“, sagt der Lehrer Pedro Escobar. „Und fast alle anderen denken darüber nach.“ Es sei schwierig, junge Leute für den Schulstoff zu interessieren. Allenfalls im Englisch-Unterricht seien sie aufmerksam, weil Kenntnisse in dieser Sprache im Norden nützlich sind. Ansonsten aber „versuchen sie, mit minimalem Aufwand ihren Abschluss zu machen und dann zu verschwinden“. Er kann es verstehen.

„Die Jugendlichen hier sind immer die Opfer“, sagt er. Entweder seien sie Beute der „Maras“ genannten gefährlichen Jugendbanden, die sie zu rekrutierten versuchen oder – wenn sie damit scheitern – gewalttätig bis hin zum Mord werden. „Oder sie werden von der Polizei bedrängt und manchmal auch verprügelt, weil die alle Jugendlichen für potenzielle Mitglieder der Maras hält.“ In eine andere Stadt zu ziehen, verbessert die Lage nicht. Maras gibt es überall in El Salvador. Auch deshalb sieht Moreno keine Zukunft für ihre Söhne in San Isidro. „Es gibt zuviel Gewalt hier.“ Erst vor kurzem gab es eine Schießerei zwischen zwei miteinander verfeindeten Jugendbanden. Auch zwei Polizisten haben sie schon umgebracht.

Es war die Gewalt, die am Anfang der großen Auswanderung aus El Salvador stand. In den 1980er-Jahren fochten die rechtsextreme Regierung mit ihren Todesschwadronen und ihrer Armee einen blutigen Bürgerkrieg gegen die linke Guerulla FMLN und ihre Unterstützer aus. Hundertausende flohen in die Vereinigten Staaten. Auch nach dem Ende des Kriegs 1992 ebbte die Auswanderungswelle nicht ab. Die bis 2009 regierende rechte Arena-Partei förderte den massenhaften Exodus. Sie glaubte, mit den Überweisungen von Auslandssalvadorianern könne der Konsum und damit die Wirtschaft angekurbelt werden.

Weltweit gibt es heute rund neun Millionen Salvadorianer. Drei Millionen davon leben im Ausland, alleine zwei Millionen in den USA. Knapp 5 Milliarden US-Dollar haben sie im vergangenen Jahr an ihre Verwandten zu Hause überwiesen. Die Summe gleicht rund 80 Prozent des Außenhandelsdefizits aus. Oder anders gesagt: Arbeitskraft ist das bei weitem wichtigste Exportprodukt des Landes. Im landesweiten Durchschnitt bekommen 21,5 Prozent der Haushalte solche Überweisungen. In San Isidro ist es fast jeder.

Der Ort war im Bürgerkrieg glimpflich davongekommen. Er lag zwischen zwei heftig umkämpften Gebieten und war deshalb oft erste Anlaufstation für Flüchtlinge. Die Tradition der Auswanderung ist dort viel älter. Die letzte Boomzeit von San Isidro liegt bald siebzig Jahre zurück. In den 1940er-Jahren hatten Minengesellschaften aus den USA in den Hügeln rund um das Städtchen Gold entdeckt und ausgebeutet. Es gab Arbeit, es gab Lohn. Doch die Minen waren nach einem Jahrzehnt erschöpft. Die Bergbaufirmen verschwanden wieder und die Bevölkerung blieb arbeitslos zurück. Viele gingen damals ins nahe Honduras, das viel spärlicher besiedelt ist als El Salvador. Dort gab es Land, das man bebauen konnte. Doch 1969 zettelten die Militärs beider Länder einen Krieg an, der, weil er nach einem Fußballspiel der Nationalmannschaften gegeneinander ausgebrochen war, als der „Fußballkrieg“ in die Geschichte einging. Die Salvadorianer wurden aus Honduras vertrieben. Damals wanderten die ersten aus San Isidro auf Suche nach Arbeit in die USA.

Sie ließen sich in Los Angeles nieder und holten dann einen Verwandten nach dem anderen nach. Heute leben in der Stadt an der Westküste fast 500.000 Salvadorianer, darunter die größte Diasporakolonie aus San Isidro. Eine weitere, aber deutlich kleinere Gemeinschaft ist auf der anderen Seite der USA in Miami entstanden.

In den ersten Jahren waren die Kontakte zwischen draußen und der Heimat nicht einfach. Kaum jemand in San Isidro hatte ein Telefon. Die Verwandten mussten bei der Filiale der staatlichen Telefongesellschaft anrufen und den gewünschten Gesprächspartner durchgeben. „Dann wurden die Leute zu einer bestimmten Zeit aufs Amt bestellt“, erinnert sich der Lehrer Escobar. In Los Angeles erschien damals vierzehntägig die Zeitung „Chilinco News“, die den Spitznamen der Leute aus San Isidro im Namen trug und über die Vorgänge in der Heimatgemeinde berichtete.

Die wichtigste Figur in San Isidro war damals eine Frau, die man „die Reisende“ nannte. Sie flog regelmäßig nach Los Angeles, brachte kleine Geschenke dorthin und – weil sie wusste, wie man Zöllner besticht – gegen Bezahlung sehr große Geschenke zurück. Und vor allem brachte sie Klatsch und Tratsch: Wer sich mit wem zusammengetan hatte, wieviele Kinder geboren worden waren, wer sich getrennt hatte. Der Mann, der die örtliche Filiale eines Geldtransfer-Unternehmens umtrieb, stieg zu solcher Prominenz auf, dass er gleich drei Mal in Folge zum Bürgermeister gewählt wurde, obwohl er garnicht aus San Isidro stammte.

Heute gibt es Filialen von gleich zwei solchen Unternehmen im Ort, dazu einen Geldautomaten einer Bank. „Wer noch immer telefonieren muss, der hat sich nicht modernisiert“, sagt Daysi Moreno. Sie hat sich vor sechs Jahren per Ratenzahlung einen Computer gekauft und hat einen Internetzugang im Haus. „Man kann sich jetzt sogar sehen; es ist fast so, als wäre man dort“, sagt sie. „Nur umarmen kann man sich nicht.“ Als sie sich erinnert, wie sie zum ersten Mal mit ihrer Schwester über so eine Videoverbindung gesprochen hat, schießen ihr Tränen in die Augen. Sie hatte nie ein Foto von sich in die USA geschickt, weil sie Fotos von sich nicht mag. Die Schwester erinnerte sich kaum an ihr Aussehen. „Als sie mich nach vielen Jahren wieder sah, hat sie geweint.“

Manchmal wüssten die Verwandten in Los Angeles sogar schneller Bescheid, was im Ort los ist, als sie selbst. „Alles wird fotografiert und sofort auf Facebook gestellt, und dann fragt mich meine Schwester danach.“ Erst neulich habe sie sich nach Veränderungen im Stadtpark erkundigt, die sie auf einem Foto gesehen habe. „Ich wohne da gerade einen Häuserblock entfernt und wusste noch nicht Bescheid.“

Die Beziehungen zwischen der Heimat und draußen sind enger geworden, aber auch individueller. Die „Chilinco News“ gibt es nicht mehr. Auch die in Los Angeles gegründete „Vereinigung der Freunde von San Isidro, Cabañas“ (ASIC) ist nicht mehr so aktiv wie früher. Der Lehrer Escobar zählt auf,  für was der Verein Geld gegeben hat: Für den Ausbau der Stadtbibliothek, den Bau eines kleinen Kulturzentrums, für einen Gesundheitsposten und einen Krankenwagen und für die Elektrifizierung einiger Weiler in der Umgebung. Zum Fest des Ortspatrons Ende Mai habe sich früher San Isidro mit Besuchern gefüllt, die Leute aus Los Angeles hätten die Feier bezahlt und auch die Schönheitskönigin gewählt. In den vergangenen Jahren aber habe der Besucherstrom deutlich abgenommen – was hauptsächlich an der immer restriktiver werdenden Migrationspolitik der USA und der damit verbundenen Furcht liegt, nach dem Fest nicht wieder zurückkehren zu können.

Zuletzt war der Verein vor gut fünfzehn Jahren richtig aktiv geworden. Damals erforschte ein kanadischer Konzern den Untergrund um San Isidro und wollte eine Goldmine im Tagebau öffnen. Die Einwohner waren besorgt. Minen verbrauchen und verseuchen erfahrungsgemäß große Mengen des in dieser trockenen Region ohnehin knappen Wassers. Der Widerstand gegen den Konzern wurde mit Unterstützung aus Los Angeles aus dem Kulturzentrum des Vereins heraus organisiert. Einer der damaligen Leiter des Hauses wurde ermordet. Nach langem Kampf verabschiedete das Parlament von El Salvador im vergangenen Jahr ein Gesetz, das Minen zum Abbau von Metallen im ganzen Land verbietet.

Die San Isidrenser in Los Angeles haben zwar mitgeholfen, die Natur in ihrer Heimatgemeinde zu bewahren. Zurückgekehrt aber ist so gut wie niemand. Die Häuser, die sie bauen ließen, sind oft voll eingerichtet, aber verrammelt. Nie hat dort jemand gewohnt und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass niemand jemals dort wohnen wird. Sie waren zunächst als Alterruhesitz gedacht, nach einem harten Berufsleben in den USA. Aber dann sind dort die Kinder geboren, haben die dortige Staatsbürgerschaft, sprechen oft besser Englisch als Spanisch. Und inzwischen gibt es auch Enkel, um die sich die erste Auswanderergeneration kümmern muss. Die repräsentativen Häuser in San Isidro seien deshalb nicht mehr als Alterssitz zu sehen, sondern als reines Statussymbol, „eine Art Trophäe“, heißt es in einer Studie über diese neue Spielart mittelamerikanischer Architektur, die das Netzwerk der Kulturzentren in Guatemala, Honduras und El Salvador herausgegeben hat.

Kevin Alejandro Flamenco ist einer der wenigen, die zurückgekehrt sind, aber er tat es nicht freiwillig. Er hatte Streit mit seiner Partnerin und die hatte ihn angezeigt. Nach dem zweiten solchen Vorfall wurde er verhaftet und abgeschoben. Vier Jahre lang lebte und arbeitete der 21-Jährige in Los Angeles. Zunächst war seine Mutter gegangen. Er war damals gerade elf Jahre alt und blieb beim Großvater zurück, um sich um seine kleinen Geschwister zu kümmern. „Ich habe ihnen das Essen gemacht und ihnen die Windeln gewechselt.“ Dann kam seine Mutter zurück und schickte ihn nach Los Angeles. Dort wohnte er bei einem Onkel, arbeitete dies und das, was sich gerade ergab, lernte seine Partnerin kennen, zeugte zwei Kinder. In guten Monaten schickte er 200 Dollar nach Hause, in schlechten nur 100. Nun ist er zurück.

„Man kann noch so sehr suchen“, sagt er. „Arbeit gibt es hier nicht.“ So hilft er seinem 89-jährigen Großvater. Der repariert Zeit seines Lebens Korbsessel und -bänke, traditionelle Möbel, die auf dem Land in El Salvador noch immer in jedem Haus stehen. Für einen mit frischen Geflecht ausgestatteten Sessel bekommen sie 12 Dollar – und arbeiten zu zweit einen ganzen Tag daran.

„Natürlich will ich wieder gehen“, sagt Flamenco. Aber nicht mehr in die USA. „Seit Donald Trump an der Regierung ist, ist das beschissen.“ Dessen repressive Migrationspolitik hat die Preise der Schlepper steigen lassen. Als er sich 2012 auf den Weg machte, musste seine Familie 6.000 Dollar zusammenkratzen. Heute verlangen die Schlepperbanden 10.000 Dollar. Nun will Flamenco sein Abitur nachholen, nach Möglichkeit ein bisschen Geld verdienen, „und dann mein Glück in Spanien versuchen“.

März 2018


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