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Der Glanz der großen Figuren wird blass

Der Glanz der großen Figuren wird blass

Warum Populismus in Lateinamerika etwas ganz anderes ist als in Europa. Von Toni Keppeler.

Auf dem Weg von Europa nach Lateinamerika ändern politische Begriffe bisweilen ihre Konnotation: Wenn man in Europa von Populismus spricht, denkt man in der Regel an rechtslastige Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ), den „Front National“ in Frankreich oder die „UK Independence Party“ (Ukip) in Britannien. In Lateinamerika denken wir an linke Präsidenten wie Hugo Chávez in Venezuela, Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien, Cristina Fernández de Kirchner in Argentinien oder Evo Morales in Bolivien.

Auch das, was mit populistischer Politik gemeint ist, scheint in Lateinamerika anders gemeint zu sein: Wenn Morales der verarmten Bevölkerung Boliviens im Alter eine Mindestrente von umgerechnet kaum fünfzig Euro garantiert, nennt man das in deutschen Zeitungen „populistische Wahlgeschenke“. Wenn aber in Deutschland der Minimalsatz staatlicher Sozialleistungen auf das achtfache der bolivianischen Volksrente festgesetzt wird, dann sprechen die selben Zeitungen von „Sozialabbau“. Ganz offensichtlich messen wir Europa und Lateinamerika an sehr unterschiedlichen Maßstäben.

In ihren Verfassungen sind die meisten lateinamerikanischen Republiken tadellose Demokratien nach westeuropäischem und nordamerikanischem Vorbild. In ihrem Herzen aber sind sie es nicht. Zwischen der Idee eines Staats und seiner Wirklichkeit klafft ein garstiger Graben. Mehr noch: „Die Ideen verschleiern die Wirklichkeit, anstatt sie offen zu legen und zum Ausdruck zu bringen“, schrieb der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz vor schon bald siebzig Jahren in seinem fulminanten Essay „Das Labyrinth der Einsamkeit“. Das gilt noch immer und hängt mit der Entstehungsgeschichte dieser Staaten zusammen.

Die Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit

In der institutionellen Politik jedoch gilt derselbe Maßstab. Wir hätten gerne, dass die lateinamerikanischen Republiken Demokratien seien, wie wir sie in Mittel- und Westeuropa haben – seien es präsidiale wie in Frankreich oder parlamentarische wie in Deutschland. „Richtige“ Demokratien jedenfalls. Und doch sehen wir auf der anderen Seite des Atlantiks Staaten , die von den jeweiligen Eliten als Selbstbedienungsladen genutzt werden; wir sehen Gerichte, die korrupt sind und/oder politschen Interessen dienen; selbstherrliche Präsidenten, die ewig an der Macht sein wollen. Chávez etwa regierte vierzehn Jahre lang (Helmut Kohl sechzehn, aber das nur nebenbei).

Die Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Republiken wurde – mit Haiti als Ausnahme – nicht von geknechteten Arbeitern oder gar Sklaven auf den Plantagen und in den Gold- und Silberminen der Kolonialherren erkämpft, sondern von den Kolonialherren selbst: Von den in Lateinamerika geborenen und „Kreolen“ genannten Nachkommen der spanischen Eroberer. Sie wollten sich in 19. Jahrhundert vom niedergehenden spanischen Weltreich nicht mehr gängeln lassen, sondern selbst über ihren Handel bestimmen und den daraus resultierenden Reichtum mit niemandem teilen. Paz: „Es ist verständlich, dass sich die Kreolen im Kampf um die Unabhängigkeit von der versteinerten Bürokratie der Halbinsel zu befreien versuchten, wobei sie nicht einmal vorhatten, die soziale Struktur der Kolonie zu ändern.“

Die Reden der lateinamerikanischen Unabhängigkeitshelden mögen revolutionär geklungen haben. Ihr Diskurs aber und ihr Bezug auf die Werte der französischen Revolution waren kaum mehr war als eine modische Attitüde, eine republikanische Tarnkappe. Noch einmal Paz: „Gleich nach der Erlangung der Unabhängigkeit haben die herrschenden Klassen sich als die Erben der alten spanischen Ordnung konsolidiert. (…) Die Gruppen, die die Unabhängigkeitsbewegung angeführt hatten, stellten keine neuen sozialen Kräfte dar, sondern nur die Verlängerung des Feudalsystems. Die Modernität der jungen hispanoamerikanischen Nationen täuscht; in Wahrheit handelte es sich um dekandente Gesellschaften (…). Das spanische Imperium zersplitterte in eine Vielzahl von Republiken, die von den einheimischen Oligarchien geschaffen wurden.“

Die Eliten und ihr Staat

Aus eben diesem Grund wurde Simón Bolívars Traum von einem vereinten Lateinamerika nie wahr. Die jeweiligen Eliten mit all ihren Widersprüchen und Eigeninteressen steckten ihre Claims ab und gründeten zu deren Schutz ihre Staaten. Vordergründig wurde das republikanische Spiel gespielt: Es gab Parteien und Wahlen. Gewählt aber hat lange nur eine verschwindende Minderheit, denn das aktive Wahlrecht war an Bedingungen gebunden: Man musste erwachsen sein (oft wenigstens 25 Jahre alt), über ein festgesetztes Mindestvermögen verfügen und die spanische Sprache lesen und schreiben können. Die indigene Bevölkerung – in Ländern wie Guatemala oder Bolivien die Bevölkerungsmehrheit – war schon allein durch die letzte Bedingung lange vom Wahlrecht ausgeschlossen. Kombiniert mit den anderen beiden Regelungen führte dies dazu, dass in Bolivien bis in die fünfziger Jahre hinein keine fünf Prozent der Bevölkerung – die fünf weißesten und reichsten Prozent, versteht sich – an Wahlen teilnehmen durften. Selbst im europäisch anmutenden Chile waren bis 1970, dem Jahr des Wahlsiegs der Sozialisten Salvador Allende, nur zwanzig Prozent der Bevölkerung wahlberechtigt.

Der Staat gehörte einer elitären Minderheit und die bestätigte sich immer nur selbst in allen wichtigen Ämtern. Die Interessensvertretung der kreolischen Agraroligarchie waren dabei in der Regel die so genannten konservativen Parteien. Spätere europäische und nicht selten palästinensische Einwanderer dominierten schnell Handel und Banken und gründeten für ihre Interessen die liberalen Parteien. In fast allen lateinamerikanischen Ländern gab es irgendwann Bürgerkriege zwischen Konservativen und Liberalen, zuletzt in Kolumbien. Von 1948 bis 1958 dauerte dieses blutige Schlachten, das bis heute in den Geschichtsbüchern „la violencia“ – die Gewalt – genannt wird. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen starben. Es waren nicht die Eliten, die ihr Leben für ihre Interessen gaben. Es war ihr Fußvolk, das schnell vergessen wurde, als sich die Oligarchen schließlich auf eine Teilung der Macht einigten. Versprengte und betrogene Milizen gründeten damals eigene autonome Enklaven im Hinterland, die sie selbst verwalteten und „Republiken“ nannten. Als diese ein paar Jahre später von der kolumbianischen Armee überwältigt wurden, entstanden die ersten Guerilla-Organisationen – der Ausgangspunkt eines bis heute andauernden militärischen Konflikts.

Guerilleros und Militärs

Die Guerillas, inspiriert vom Erfolg Fidel Castros in Kuba, stellten die Dominanz der kreolischen Eliten vor allem in den Siebziger- und Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts mit der Waffe in der Hand in Frage – in Guatemala, El Salvador, Nicaragua, Kolumbien und Peru zunächst in den ländlichen Regionen und als Stadtguerillas in Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile. Erfolgreich war nur die Sandinistische Befreiungsfront in Nicaragua. In El Salvador und Guatemala endeten die Bürgerkriege mit Verhandlungslösungen, die den Aufständischen eine gewisse politische Teilhabe garantierten. Kolumbien, so scheint es, folgt diesem Weg. Alle anderen bewaffneten Bewegungen wurden militärisch zerschlagen.

Nüchtern und aus der Distanz betrachtet ging es den Guerillas um die gleichberechtigte Anerkennung der im politischen und wirtschaftlichen Leben marginalisierten Bevölkerungsmehrheit. Oder anders gesagt: um die Aufhebung der Herrschaft der hergebrachten Eliten. Diese wiederum verteidigten ihre Privilegien mit der Armee und übergaben ihr, wenn es brenzlig wurde, den Staat. Es folgten die Jahrzehnte der Militärdiktaturen. Die Konflikte wurden als offene Bürgerkriege ausgefochten wie in Nicaragua und El Salvador, oder als schmutzige Kriege des Militärs gegen die Opposition wie in Argentinien und Chile. Und was Octavio Paz über die Kluft zwischen Idee und Wirklichkeit bei der Gründung dieser Staaten gesagt hat, gilt auch für diese blutigen Jahrzehnte. In Wirklichkeit waren die Konflikte hausgemacht, eine Konsequenz der in die Republiken hinübergeretteten kolonialen Strukturen. Ausgefochten aber wurden sie unter den ideologischen Vorzeichen des Kalten Kriegs. Die Militärherrscher und die von ihnen verteidigten Eliten sprachen von einer von Moskau gesteuerten kommunistischen Weltverschwörung und wurden von den USA politisch, logistisch, finanziell und oft auch militärisch unterstützt. Auf der anderen Seite pflegten die Guerilla-Kader einen marxistischen Diskurs und bekamen ihre Waffen meist aus Kuba.

Das übergestülpte Schema des Ost-West-Konflikts hat diese Kriege erst angeheizt – und dann zu ihrem Ende beigetragen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren die Ideologien des Kalten Kriegs obsolet. Die USA drängten auf ein Ende der Militärherrschaft in Lateinamerika und auf formale Demokratisierung. Die für Jahrhunderte Ausgeschlossenen haben zumindest eines erreicht: Es gilt heute überall das allgemeine Wahlrecht.

Paternalistische Politik

Die hergebrachten Eliten aber haben – von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen – ihre Privilegien verteidigt. Und doch hatten sie ein Problem: Vorher hatten sie im Wesentlichen nur sich selbst gewählt; jetzt mussten sie sich dem ganzen Volk stellen. Sie lösten das Problem mit einem Rückgriff auf eine noch immer bestehende Wirtschafts- und Sozialstruktur der Kolonialzeit. Die Eroberer waren von ihrer jeweiligen Krone mit Grundbesitz belohnt worden. Die auf diesem Boden lebende eingeborene Bevölkerung bekamen sie einfach dazu. Diese faktischen Leibeigenen waren an diese Haciendas und damit an deren Besitzer gebunden. Der knechtete sie, garantierte aber gleichzeitig ihre Existenz. Diese enge Bindung zwischen dem „patrón“ und dem „peón“ ist bis heute ein Grundmuster lateinamerikanischer Politik: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, beziehungsweise: der bekommt meine Stimme. Denn wenn es dem patrón gut geht, geht es den peones zumindest nicht so schlecht, wie es ihnen gehen könnte.

Die politische Kultur Lateinamerikas ist durch und durch paternalistisch. Die Eliten, die sich zunächst nur selbst gewählt hatten, ließen sich nun von ihren Untertanen wählen. In ländlichen Gegenden ist das bis heute so. Viele der inzwischen als korrupt bekannten Abgeordneten und Senatoren aus den agrarischen Gebieten Brasiliens kommen genau so zu ihren Ämtern. Zum Teil werden politische Posten innerhalb einer Familie vererbt. Parteien spielen dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Man kann sie wechseln wie das Hemd und tut das oft auch. Mehrheiten werden nicht durch Überzeugungsarbeit oder ausgehandelte Kompromisse errungen, sondern gekauft und das war lange selbstverständlich. Das derzeitige politische Drama des Korruptionsskandals rund um den halbstaatlichen Erdölkonzern Petrobras in Brasilien zeigt: Die Betroffenen haben keinerlei Schuldbewusstsein. Woher auch?

Parteien sind in diesem Spiel meist nur Hüllen und bestenfalls Wahlkampfmaschinen, die den persönlichen Interessen ihrer Führer dienen. Manche sind langlebig und inhaltsleer wie die Partei der Demokratischen Bewegung Brasiliens (PMDB), der stärksten in ihrem Land. In ihr findet sich zu jeder Position auch die diametrale Gegenposition. Andere sind ganz auf einzelne Personen oder kleine Klüngel zugeschnitten. So wurde in Peru im Juni mit Pedro Pablo Kuczynski ein Präsident gewählt, der seine Partei nur für den Wahlkampf gegründet und ihr – unter Missachtung der spanischen Orthographie – den Namen „Peruanos por el Kambio“ (Peruaner für den Wandel; eigentlich: Cambio) gegeben hatte, damit die Kurzform PPK seine Initialen ergibt. Die Ermittler der Uno-Kommission gegen die Straffreiheit in Guatemala haben vor kurzem einen Bericht veröffentlicht, nach dem der dortige Partido Popular – von Januar 2012 bis zum Sturz des der Korruption bezichtigten Präsidenten Otto Pérez Molina im September 2016 Regierungspartei – nicht etwa mit einer politischen Vision gegründet wurde, sondern mit dem Ziel, den Staat auszunehmen und die Parteigründer zu bereichern.

Ist die persönliche Verpflichtung der Wähler gegenüber einem Kandidaten nicht durch Besitz- und Arbeitsverhältnisse gegeben, wird sie durch Wahlgeschenke hergestellt. Bis heute kommt es vor, dass Politiker an den Tagen vor einer Wahl nicht nur T-Shirts und Kappen, Saatgut und Düngemittel, Zementsäcke und Wellblech verteilen, sondern ganz offen auch Geldscheine an potenzielle Wählerinnen und Wähler aushändigen.

In dieser ganz auf Personen und nicht auf Programme bezogenen Art, Politik zu machen, spielt die Gabe der Rede eine zentrale Rolle. In einer Region, in der die Mehrheit der Bevölkerung bis vor wenigen Jahrzehnten weder lesen noch schreiben konnte, hat das kunstvoll beherrschte Wort ein kaum zu überschätzendes Gewicht. Poeten, denen in Europa ein armseliges Leben beschieden wäre, können in Lateinamerika wahre Volkshelden sein. Fidel Castro wurde von den Kubanern nicht zuletzt wegen seiner viele Stunden dauernden Reden bewundert. Hugo Chávez hat dem Volk echt lutherisch aufs Maul geschaut. In Europa mögen seine Reden oft eher derb erschienen sein; in Venezuela hat er die Massen begeistert.

Die neuen Linksparteien

Es gab nur wenige Ausnahmen von dieser personenbezogenen Politik: Die christdemokratisch orientierten Parteien etwa waren Ausdruck einer langsam wachsenden bürgerlichen Mittelschicht und deren politischem Willen. Vor allem aber sind die Linksparteien am ehesten Programmparteien im mitteleuropäischen Sinn. Entstanden sind sie meist im Widerstand gegen die Militärdiktaturen: Zur Partei gewandelte ehemalige Guerilla-Organisationen wie die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) in Nicaragua und die Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) in El Salvador, aber auch die aus der Gewerkschaftsbewegung kommende Arbeiterpartei (PT) in Brasilien oder die Partei für die Demokratie (PPD) in Chile, die so etwas wie eine Tarnkappe für die unter der Diktatur des Augusto Pinochet verbotene Sozialistische Partei war. Dass sich die FSLN in Nicaragua unter der Führung von Daniel Ortega von einer Programmpartei zu einer rein auf die Führungsperson bezogenen Organisation zurückentwickeln konnte, zeigt, wie wirkungsmächtig solche Muster in der lateinamerikanischen Politik sind.

Bei den ersten freien Wahlen nach der Epoche der Diktaturen hatten diese Linksparteien noch keine Chance. Zu groß war die Angst der Wählerinnen und Wähler vor den eben gebändigten Militärs. Sie befürchteten, dass diese, sollten ihre einstigen linken Todfeinde die Regierung übernehmen, noch einmal zuschlagen könnten. Nur in Chile waren die inzwischen sehr gemäßigten Sozialisten in einer Koalition mit den Christdemokraten und unter einem christdemokratischen Präsidenten als Regierungspartei möglich. Ansonsten folgten den Militärjuntas wieder Präsidenten aus den hergebrachten Eliten (wie in El Salvador und Guatemala), charismatische Provinzfürsten (wie Carlos Menem in Argentinien) oder aus dem Nichts aufgetauchte scheinbare Technokraten (wie Alberto Fujimori in Peru). Sie prägten die neoliberalen Jahre, in denen der Internationale Währungsfonds mit seinen Strukturanpassungsprogrammen die politischen Leitlinien vorgab. Es wurde privatisiert auf Teufel komm raus, wobei sich die alten und auch neue Oligarchen bereichterten und die ohnehin schon breite Kluft zwischen sehr wenigen Reichen und vielen Armen noch breiter wurde.

Man muss diese Geschichte kennen, um zu verstehen, warum es ab der Jahrtausendwende zu einer ganzen Reihe von Linksregierungen gekommen ist: Die zunehmenden sozialen Spannungen, kombiniert mit der nachlassenden Angst vor den Militärs, brachte sie an die Macht. Die einzige Ausnahme war Hugo Chávez, der selbst ein Militär und gescheiterter Putschist war. Aber Venezuela hatte nicht wie Argentinien, Brasilien oder Chile eine Militärdiktatur erlebt. Die Armee war im Wesentlichen politisch neutral geblieben und galt als eine der wenigen Institutionen, in der Menschen aus der Unterschicht sozial aufsteigen konnten. Chávez war einfach ein starker Mann aus dem Volk, der den herrschenden Familien die Stirn bot. Sein Wahlsieg war ein Sieg der vielen Underdogs gegen die schmale Elite.

In Brasilien war die Kluft zwischen arm und reich so gefährlich geworden, dass im Wahlkampf von 2002 selbst Großunternehmen den Arbeiterführer Lula da Silva unterstützten, weil sie unter einer weiteren neoliberalen Regierung eine soziale Explosion befürchteten. In Argentinien kam nach einem Staatsbankrott und politischem Chaos der damals weit gehend unbekannte Néstor Kirchner eher durch Zufall an die Macht. Er war alles andere als charismatisch: Er schielte und nuschelte und wirkte mit seinen schlecht geschnittenen Haaren und den viel zu weiten Anzügen eher wie ein zwielichter Gebrauchtwagenhändler. Charismatisch wurde er erst durch seine Politik.

Eines muss dabei festgehalten werden: Nirgends – nicht einmal in Venezuela – wurde der Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell grundsätzlich in Frage gestellt. Die Dekade der linken Regierungen war nicht revolutionär; sie war ein Jahrzehnt der Sozialreformen. Am bekanntesten wurde die von da Silva in Brasilien aufgelegte Bolsa Família, mit der arme Familien einen Einkommenszuschuss bekommen, wenn sie gleichzeitig ihre Kinder regelmäßig zur Schule und zur Gesundheitsvorsorge schicken. Die Bolsa wurde in vielen Ländern kopiert und an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst. Allein in Brasilien haben mindestens 35 Millionen Menschen mit der Hilfe solcher Programme die Armut überwunden und sind in die untere Mittelschicht aufgestiegen.

Zur populären Sozialpolitik kam, dass so gut wie jeder der linken Präsidenten eine starke Persönlichkeit und eine beeindruckende Geschichte hatte. Lula da Silva (Brasilien), Néstor Kirchner (Argentinien) und Michelle Bachelet (Chile) wurden von den jeweiligen Militärregimes verfolgt und inhaftiert, José Mujica (Uruguay) und Dilma Rousseff (Brasilien) gar gefoltert. Evo Morales (Bolivien) kam aus ärmsten Verhältnissen und wurde als Gewerkschaftsführer von Militärs mehrfach böse zusammengeschlagen und verhaftet. Es war die Kombination aus Sozialreform und Persönlichkeit, die diese Präsidenten so beliebt machte.

Der Fluch des Rohstoffreichtums

Dass ihr Glanz jetzt verblasst, haben sie sich zum Teil selbst zuzuschreiben. So gut wie alle lateinamerikanischen Volkswirtschaften sind nach wie vor vom Export von Rohstoffen abhängig: Erdöl und Erdgas, Gold, Silber und Kupfer, Soja, Getreide und Fleisch. In den Jahren, in denen China den Weltmarkt leerkaufte und die Preise nach oben trieb, ließen sich aus den Erlösen prima Sozialprogramme finanzieren. Eine Diversifizierung der Wirtschaft aber wurde, wenn überhaupt, nur zögerlich angegangen. Venezuela hat sogar mehr denn je einzig und allein auf den Export von Erdöl gesetzt. Außer Bolivien hat kein Land in den goldenen Jahren nennenswerte Reserven für schlechte Zeiten angelegt. Und niemand war auf einen derartigen Preissturz für Rohstoffe vorbereitet: Für Erdöl wird heute nur noch ein Drittel der Boompreise bezahlt, für Soja nur noch rund die Hälfte. Die Folge: In Venezuela stürzt die Wirtschaft ab, in Argentinien und Brasilien herrscht Rezession, in fast allen anderen Ländern sind die über Jahre stabilen hohen Wachstumsraten empfindlich geschrumpft.

Zur wirtschaftpolitischen Kurzsichtigkeit gesellte sich ein Übel, das aus rohstoffreichen Ländern längst bekannt ist: Je mehr Bodenschätze vorhanden sind, desto größer ist für die Regierenden die Versuchung der Korruption. Dass selbst ehemalige Befreiungsbewegungen nicht dagegen gefeit sind, hätte man längst wissen können: Das erdölreiche Angola wird seit Jahrzehnten von einer einst linken Guerilla-Organisation regiert und ist trotzdem eines der korruptesten Länder der Welt. Warum sollten da Emporkömmlinge der neuen venezuelanischen Elite um Hugo Chávez oder Oportunisten aus der brasilianischen Arbeiterpartei besser sein? Chile, dachte man lange, sei in dieser Hinsicht einigermaßen immun. Aber auch dort haben Schmiergeldskandale und Vetternwirtschaft das Umfeld der sozialistischen Präsidentin erreicht.

Es ist die Kombination aus Krise und Korruption, die die Menschen gegen die linken Regierungen aufbringt. Fatalerweise reagieren diese darauf mit Angst vor der eigenen Politik: In Chile sagt Präsidentin Bachelet, sie wolle ihre Reformversprechen aus dem Wahlkampf den wirtschaftlichen Umständen anpassen. Sie meint damit: sie sollen gestreckt, verzögert, auf unbestimmte Zeit verschoben werden. In Argentinien präsentierten die Peronisten bei der Wahl Ende vergangenen Jahres mit Daniel Scoli einen Kandidaten ihres wirtschaftsliberalen Flügels, der sich programmatisch kaum vom dann knapp siegreichen neoliberalen Mauricio Macri unterschied. Oft war es die regierende Linke selbst, die den Rollback zu neoliberaler Austeritätspolitik einläutete. Nur in Venezuela reagiert der Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro mit Trotz und autoritären Methoden.

Was von der linken Dekade bleibt

Wenn es in den vergangenen Monaten einen Rechtsruck gegeben hat, dann spielte er sich in den linken Regierungsparteien ab. Von den Menschen aber, die durch Sozialprogramm die Armut überwunden haben und deren Kinder auf Grund von linker Bildungspolitik ein bisschen mehr Chancen im Leben haben, will niemand, dass all dies wieder rückgängig gemacht wird.

Wenn es eine revolutionäre Umwälzung in der vergangenen Dekade gegeben hat, dann spielte sie sich an dieser Basis ab. Die linken Regierungen kamen allesamt durch Wahlsiege an die Macht, durch Wählerinnen und Wähler, die sich nicht mehr mit Wahlversprechungen und Geschenken der immer gleichen Elite einfangen ließen. Diese Basis mag angesichts von Krise und Korruption bröckeln. Das Bewusstsein der eigenen Kraft aber ist ungebrochen.

Am greifbarsten ist das in Bolivien, wo die Indígenas – also die Mehrheit im Land – für Jahrhunderte bestenfalls Dienstboten waren und sich kaum trauten, Weißen in die Augen zu blicken. Nach zehn Jahren Regierung unter dem Indígena Evo Morales wissen sie: Wir können ein Land regieren und wir können es besser, als es die Weißen je getan haben. Dieses Selbstbewusstsein kann ihnen niemand mehr nehmen. Im Nachbarland Chile geht die Jugend weiterhin massenhaft auf die Straße unf fordert von Bachelet trotz Krise die versprochene Bildungsreform ein. In Argentinien formiert schon nach wenigen Monaten Widerstand gegen Macris Entlastungspolitik für Unternehmen auf Kosten von Belastungen der einfachen Leute.

Das ist vielleicht das größte und nachhaltigste Verdienst von charismatischen Figuren wie Hugo Chávez und Lula da Silva, Evo Morales und Cristina Fernández: Sie haben sich von einer erwachenden Basis tragen lassen und gezeigt, dass eine andere Politik möglich ist; dass, wer bitterarm geboren wurde, nicht ewig bitterarm bleiben muss. Die Zeit der großen linken Figuren mag in Lateinamerika zu Ende gehen. Ihre Nachfolger mögen schwächeln oder gar scheitern. Das neue Bewusstsein an der Basis aber bleibt.

August 2016


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