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Die Albtraum-Republik

Zehn Jahre nach dem großen Erdbeben erlebt Haiti ein gewalttätiges soziales Nachbeben. Ein Besuch bei einer Überlebenden. Von Toni Keppeler.

Fiktion und Wirklichkeit liegen in Haiti oft nahe beieinander. „Ich hatte Joseph gesagt, dass während meiner Abwesenheit das Geschäft weitergehen solle wie üblich“, schrieb der britische Erfolgschriftsteller Graham Greene in seinem 1966 erschienenen Haiti-Roman „Die Stunde der Komödianten“. „Denn wer wusste, ob sich hier nicht ein paar Journalisten einige Tage aufhalten wollten, um eine Reportage über ein Land zu schreiben, das sie zweifellos ‚Die Albtraum-Republik’ nennen würden.“ Der Roman handelt vom Haiti des François „Papa Doc“ Duvalier, der mit der Hilfe seiner Todesschwadrone der Tontons Macoutes das karibische Land von 1957 bis 1971 als „Präsident auf Lebenszeit“ blutig beherrschte und das Amt mit seinem Tod an seinen damals 19-jährigen Sohn Jean-Claude (genannt „Baby Doc“) weiterreichte. Das später mit Richard Burton und Elizabeth Taylor verfilmte Buch spielt im Wesentlichen in einem Hotel Trianon in der Hauptstadt Port-au-Prince, dessen Besitzer sich im obigen Zitat vom Hausdiener Joseph verabschiedet hatte, um für ein paar Wochen in die USA zu reisen.

Das Hotel Trianon heißt im wirklichen Leben Oloffson und ist das schönste und größte Beispiel der karibischen sogenannten Gingerbread-Architektur. Eine dreigeschossige weiß angestrichene Holzkonstruktion, mitten in einem Palmengarten, die wegen ihrer Türmchen, Balkone und Wandelgänge und dem vielen Gitterwerk trotz ihrer Größe wie ein niedliches Hexenhaus wirkt. Greene hat seinen Roman dort recherchiert und geschrieben und es gibt bis heute das Graham-Greene-Zimmer.

53 Jahre nach dem Erscheinen des Romans kam ich in dieses Hotel. Der Besitzer war für ein paar Wochen in die USA gereist, aber die Hausdiener waren da. Ich war nicht der einzige Gast. Außer mir gab es noch einen; einen im Ausland lebenden haitianischen Dokumantarfilmer, der wegen irgendwelcher Probleme mit seinem Pass nicht ausreisen konnte und hier gestrandet war. Die meisten anderen Hotels in Port-au-Prince hatten längst geschlossen; manche nur vorübergehend, andere auf Dauer.

Schon die Fahrt vom Flughafen zum Hotel war ein kleines Abenteuer. Mein haitianischer Freund hatte mich nicht mit dem Auto abholen können, weil zu viele Barrikaden den Weg versperrten. Er hatte statt dessen ein Mototaxi geschickt, ein kleines Motorrad, das wie ein Taxi funktioniert und dessen Chauffeur einen oder zwei Fahrgäste auf den Soziussitz klemmt. Natürlich alle ohne Helm. Damit mich der Fahrer erkennen würde, hatte der Freund ihm ein Foto von mir aufs Mobiltelefon geschickt. Es wäre nicht nötig gewesen. Kaum jemand stieg aus in Port-au-Prince. Ich war der einzige große weiße Mann unter der Handvoll Leute, die das Flugzeug verließ.

Die tropische Nacht war gerade hereingebrochen, die Stadt lag schwarz da, ohne Strom. Nur ein paar Verkehrsampeln funktionierten; sie wurden ignoriert. Außer wenigen Mototaxis gab es nicht viel Verkehr, auch Fußgänger waren kaum zu sehen. Sie gingen eiligen Schritts und verschwanden schnell in der Dunkelheit. Einmal begegnete uns ein Pritschenwagen mit abgeschaltetem Licht. Auf der Ladefläche saßen dicht gedrängt Männer in schwarzen Uniformen, mit schwarzen Stahlhelmen auf dem Kopf. Sie hielten ihre Sturmgewehre schussbereit in den Händen. Vereinzelt hörte man kurze Salven aus solchen Waffen und immer wieder lange trockene Schusswechsel mit Pistolen.

Es ging in einem wilden Ritt, den Koffer quer zwischen Fahrer und Fahrgast geklemmt, durch die Stadt und über die Hügel. Bisweilen stieß der Lichtkegel des Scheinwerfers auf dichten schwarzen Qualm, der über brennenden Altreifen stand, die mitten auf der Straße lagen. Immer wieder versperrten Barrikaden aus Ästen, ausgerissenen Leitplanken, Gerümpel und Kehricht den Weg. Manchmal war nicht auszumachen, ob es sich um eine Barrikade handelte oder nur um eine der vielen Müllhalden in der Stadt, die entstanden sind, weil es schon ewig keine Müllabfuhr mehr gibt. Der Fahrer machte dann kehrt und suchte einen anderen Weg. Er wusste: Barrikaden werden von jungen Männern bewacht, die mit Steinen und manchmal auch mit Pistolen und Gewehren bewaffnet sind.

Wir brauchten für einen Weg, der zu friedlichen Zeiten kaum zwanzig Minuten in Anspruch nimmt, fast eine Stunde. Wir atmeten beide auf, als wir in dem von einer Mauer umfriedeten Palmengarten des Hotels Oloffson angekommen waren. Ich konnte absteigen, die Beine schütteln und strecken. Ich nahm meinen Koffer, ging vorbei an einer Statue von Guédé, dem für die Toten zuständigen Geist des haitianischen Vodou (das ganz anders ist als das von Hollywood erfundene Voodoo). Ich stieg die Treppe hinauf zur Terrasse des Restaurants und bestellte ein haitianisches Bier.

In den nächsten Tagen saß ich hier oft. Immer dann, wenn in der Gegend zu viele Schusswechsel zu hören waren, wenn schwarzer Rauch über dem nahen Zentrum der Stadt stand und ein beißender Geruch nach verbranntem Gummi und verwesendem Unrat von dort zum Hotel herüberzog. Zu solchen Stunden trauten sich selbst die unerschrockendsten unter den Mototaxi-Fahrern nicht auf die Straße. Verabredungen fanden dann später statt oder an einem anderen Tag, und als die Recherchen für diese Geschichte abgeschlossen waren, drängte sich der von Graham Greene vorgeschlagene Titel geradzu auf: „Die Albtraum-Republik“.

*

Am 12. Januar 2010, es war ein Dienstag, bebte um 16 Uhr 54 in Port-au-Prince eine schier endlose Minute lang die Erde. Seismologische Institute machten das Epizentrum 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt in einer Tiefe von 17 Kilometern aus. Die Stärke wurde mit 7,0 auf der nach oben offenen Richterskala angegeben. 7,0 ist ein starkes Erdbeben, aber lange nicht das stärkste, das aufgezeichnet wurde. Gut sechs Wochen später, am 27. Februar, wurde im dicht besiedelten Süden von Chile ein Beben mit einer Stärke von 8,8 registriert. Die Richterskala ist exponentiell: eine Stärke von 8 ist doppelt so stark wie 7. Das Beben im Süden von Chile war also fast vier Mal so stark wie das von Port-au-Prince. In Chile kamen 521 Menschen ums Leben, viele von ihnen nicht beim Erdbeben selbst, sondern bei einem davon ausgelösten Tsunami. In Port-au-Prince gab es keinen Tsunami. Aber es starben – nach regierungsamtlichen Angaben – 316.000 Menschen. Weit über 300.000 überlebten verletzt, fast zwei Millionen wurden obdachlos. Das ist der Unterschied zwischen einem der reichsten Länder Lateinamerikas und dem mit Abstand ärmsten.

Port-au-Prince liegt in einer malerischen Bucht am karibischen Meer. Der Hafen und das alte Zentrum liegen unten auf einem schmalen Küstenstreifen, dahinter geht es hinauf in die Berge. An den Hängen stehen die Häuschen der armen Leute, so dicht gedrängt, dass es aus der Ferne so aussieht, als seien sie übereinandergestapelt. Die meisten bestehen aus nur einem kleinen Zimmer: Vier Wände aus schmalen Hohlblocks, darüber ein Dach aus Wellblech. Wer ein solches Viertel besucht, braucht einen ortskundigen Führer. Man verliert sich leicht in dem Labyrinth aus engen erdigen Wegen und Treppen. Wenn oben in einem solchen Quartier eine Häuserzeile einstürzt, kann dies den ganzen Hang hinunter eine fatale Kettenreaktion auslösen: Die Häuschen stürzen wie Dominosteine in die Tiefe.

Nicht nur in solchen Armenvierteln gab es Tote. Auch ganz oben in Pétionville, der Vorstadt mit frischerer Luft, wo reiche Leute in großen Villen hinter hohen Mauern wohnen, stürzten Gebäude ein. Sogar das mondäne Hotel Montana, ein wuchtiger Betonklotz, in dem die damalige UNO-Mission zur Stabilisierung Haitis ihr Hauptquartier hatte, brach zusammen wie ein Kartenhaus. Die gesamte Führungsriege der Mission starb unter tonnenschweren Trümmern. Beim Bau hatten weder der Architekt, noch der Statiker oder die Bauaufsicht auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass es in Haiti zwar nicht oft, aber doch dann und wann zu schweren Erdbeben kommen kann.

Selbst der neoklassizistische strahlend weiße Präsidentenpalast in der Küstenebene am Rand des Marsfelds, mehr als doppelt so groß wie das Weiße Haus in Washington, hielt den Erschütterungen nicht stand. Die Ruine stand dort noch drei Jahre, als Mahnmal mit schiefen Seitenflügeln, meterbreiten Rissen und eingestürztem Dach. Jetzt sind die Trümmer weggeräumt. Der über mannshohe Zaun aus grün gestrichenen Eisenpalisaden, der das Gelände umsäumt, ist mit einem Sichtschutz aus Plastikplanen versehen. Nur durchs Zufahrtstor kann man hineinspähen und sieht eine große grüne Wiese und ganz im Hintergrund ein paar Wohncontainer, in denen Präsident Jovenel Moïse gelegentlich arbeiten soll. In den Tagen meines Besuchs war er nur selten dort. Nur dann, wenn es seinen Leibwächtern gelungen war, den von Barrikaden versperrten Weg von seiner Residenz in Pétionville hinunter in den Präsidentencontainer freizuschießen.

An jenem 12. Januar 2010 war Jésula Etienne 21 Jahre alt. Sie wohnte und arbeitete als Kindermädchen in Delmas, einer längst mit Port-au-Prince zusammengewachsenen Vorstadt, in der – die amtlichen Angaben gehen weit auseinander – zwischen 370.000 und 700.000 arme Leute den Hang hinauf wohnen. Die Stadtteile haben keine Namen, nur Nummern. Jésula war in einem der etwas besseren Viertel angestellt, in Delmas 65, ganz weit oben. Fast zehn Jahre später erzählt sie, dass ihr noch immer das Herz rase, wenn sie an diesen Tag zurückdenke. Ihre großen dunklen Augen füllen sich mit Tränen.

Sie war im Haus ihrer Arbeitgeber, als das Beben kam. Sie spielte mit dem zweijährigen Kind, für dessen Betreuung sie zuständig war. Das Haus stürzte ein, Jésula wurde von Trümmern eingeklemmt und sie spürte gleich: „Mein linker Arm war kaputt.“

Heute wohnt sie weiter unten am Hang, in Delmas 33. Um zu ihr zu kommen, muss man durchs geschäftige Zentrum des Orts, wo an den von Autos, Motorrädern und fliegenden Händlern verstopften engen Straßen bunt angestrichene Häuschen aufgereiht sind. Sie bieten in großen vergitterten Fenstern Autoersatzteile, Elektrogeräte, Mobiltelefonkarten, Lotterie-Lose und auch Lebensmittel zum Kauf an. Auf den Bürgersteigen davor sitzen in Abgaswolken Frauen unter großen Strohhüten gegen die stechende Sonne und haben vor sich Avocados und Bananen, Mangos und Papayas ausgebreitet. Fliegende Händlerinnen rufen Nagellack, Büstenhalter oder Rattengift aus. Junge Männer balancieren große Säcke auf dem Kopf, aus denen sie den Passanten kleine mit Trinkwasser gefüllte Plastikbeutel feilbieten.

Nach diesem lauten geschäftigen Treiben wird die Straße zu einem staubigen Weg und hört schließlich ganz auf. Für die letzten paar hundert Meter zu Jésulas Haus nimmt man einen schmalen Pfad, der durch eine als Müllkippe genutzte Schlucht den Berg hinauf führt. Man sollte diesen Weg nicht ohne Begleitung aus dem Stadtviertel nehmen, schon gar nicht als auffälliger Weißer.

Jésulas Haus liegt in der zweiten Reihe, versteckt hinter einem winzigen Tante-Emma-Laden auf einem staubigen Hof. Es ist vielleicht sechs Quadratmeter groß. Zwei breite Betten stehen darin, das hintere ist mit einem von der Decke herab hängenden Leintuch vom vorderen getrennt. An den Eisenträgern des Wellblechdachs hängen Bügel mit Hemden, Kleidern und Hosen, der wenige Platz auf dem Boden ist mit vor Wäsche überquellenden Plastikkörben zugestellt. „Da passt nicht einmal ein Stuhl hinein“, sagt Jésula. Hier wohnt sie, zusammen mit zwei ihrer Brüder und ihrer blinden Mutter. Sie bezahlen dafür 10.000 Gourdes Miete im Jahr, umgerechnet ein bisschen mehr als 90 Euro.

Zum Gespräch hat Jésula ihre besten Kleider angezogen: Eine altrosa Bluse mit silbernem Glitterdekolleté, einen kurzen schwarzen Faltenrock und rosa Plastiksandalen mit bunten Blümchen auf den Riemen. Ihr schwarzes Haar hat sie zu vielen Zöpfchen geflochten. Sie ist klein, keine ein Meter sechzig. Ihr linker Arm ist eine Handbreit unter der Achsel abgeschnitten. „Manchmal habe ich noch immer Schmerzen“, sagt sie leise. „Dort, wo einmal mein Arm war.“

Ihre traurigen Augen werden nur einmal heller, als sie über die Frage nachdenkt, ob es auch einmal eine glückliche Zeit in ihrem Leben gegeben hat. „Ja“, sagt sie, „als ich ein Kind war, in Jérémie.“ Sie ist am Rand dieses pitoresken Kolonialstädtchens im äußersten Südwesten Haitis als einziges Mädchen zusammen mit sechs Brüdern aufgewachsen. Für eine Haitianerin vom Land ist sie lange zur Schule gegangen, bis ein Jahr vor dem Abitur. „Ich habe die Ferien geliebt, wenn ich mit meinen Freundinnen zum Baden an den Strand konnte.“ Ihr Vater war Kleinbauer. „Wir waren arm“, sagt Jésula, „aber wir hatten immer etwas zu essen.“

Es gibt viele Kleinbauern in Haiti. Nach der Revolution von 1804, als 500.000 Schwarze nach 13 Jahren blutigen Kriegs die 50.000 französischen Kolonialisten und ihre von Napoleon geschickte noch einmal so große Streitmacht verjagt hatten, wollten die nun befreiten Sklaven nie wieder auf Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen für einen Großgrundbesitzer schuften. Jeder wollte sein eigenes Stückchen Land. Sie haben das durchgesetzt gegen die „Mulatten“, die man bis heute in Haiti so nennt. Ein hässliches Wort, das vom spanischen „mula“ – „Maultier“ – abgeleitet ist, der Kreuzung von Pferd und Esel. So wurden die hellhäutigeren Kinder bezeichnet, die die weißen Siedler meist mit Gewalt mit schwarzen Sklavinnen gezeugt hatten; so nennt man hellhäutigere Haitianer noch immer. Diese Mulatten waren schon zu Kolonialzeiten freie Menschen, und wenn auch mit weniger Rechten als ihre weißen Väter, so doch oft mit eigenem Landbesitz und eigenen schwarzen Sklaven. Sie wollten nach der Unabhängigkeit die Plantagenwirtschaft weiterführen, zogen sich aber vor der Übermacht der Schwarzen in die Städte zurück und bestimmen seither die Politik und die Wirtschaft des Landes.

Die Landverteilung war fatal für die Entwicklung Haitis. Wälder wurden gerodet, um Fläche für den Ackerbau zu gewinnen. Und weil Holzkohle in armen Haushalten die wichtigste und oft einzige Energiequelle ist und dafür noch mehr Bäume gefällt werden, ist Haiti heute das entwaldetste Land der westlichen Hemisphäre. Der nackte Boden laugt aus, wird von tropischen Sturzregen weggeschwemmt. So gingen auch die Ernten von Jésulas Vater mehr und mehr zurück, und als die Mutter erblindete und keine Hilfe mehr war, musste die Tochter in die Hauptstadt, um Geld zu verdienen. Die einzige Anstellung, die sie fand, war die eines Kindermädchens in Delmas 65.

Als sie damals am 12. Januar 2010 unter den Trümmern des Hauses lag, hat sie viel Blut, aber nie das Bewusstsein verloren. Sie konnte rufen. Es dauerte zwei oder drei Stunden, dann hatten die Nachbarn mit Prügeln, Hämmern und Schaufeln die Wand aufgebrochen, die umgestürzt war und über ihr lag. Sie wurde ins Freie gezogen. Das Kind, mit dem sie bis zum Beben gespielt hatte, war tot.

Ein Nachbar hat sich von einem Freund ein Auto geliehen und sie ins nächste öffentliche Krankenhaus gefahren. Dort war nur eine Krankenschwester, kein Arzt. Es gibt nur wenige Ärzte in Haiti. 90 Prozent derer, die ausgebildet werden, gehen danach ins Ausland, weil sie dort besser verdienen. Und diejenigen, die geblieben waren, kümmerten sich in der vom Beben verwüsteten Stadt erst einmal um die eigenen Familien. Die Krankenschwester stillte das Blut von Jésulas Wunde und gab ihr Schmerztabletten. Das war alles, für die nächsten vier Tage. Dann endlich tauchte ein Arzt auf. „Er hat den Arm gleich abgeschnitten.“

Im Krankenhaus wurde sie von zwei ihrer Brüder gefunden, die in Port-au-Prince auf dem Bau gearbeitet hatten. Sie hatten das Beben unverletzt überstanden, nur ihre Unterkunft war eingestürzt. Sie waren nach Delmas 65 gegangen und hatten dort erfahren, in welches Krankenhaus ihre Schwester gebracht worden war. 22 Tage lag sie dort, dann wurde sie entlassen. Sie hat seither keinen Arzt mehr gesehen, geschweige denn einen Physiotherapeuten oder eine Psychologin. Zum Abschied schenkte man ihr ein kleines Zelt, in dem sie mit ihren beiden Brüdern wohnen konnte. Man schickte sie ins nächste Lager der Erdbebenopfer.

In den Wochen nach dem 12. Januar 2010 füllten sich alle Plätze und Brachflächen der Stadt und in Pétionville auch ein Golfclub mit den Zelten internationaler Hilfsorganisationen. Das dicht zusammengepferchte Wohnen unter prekären sanitären Bedingungen war ein ideales Umfeld für die Cholera, die im Oktober 2010 von UNO-Blauhelmen aus Nepal eingeschleppt worden war. In den folgenden drei Jahren starben fast 9.000 Menschen daran, über 700.000 wurden angesteckt. Die Umsiedelung der Obdachlosen begann erst zwei Jahre nach dem Beben. Viele waren da längst zur Verwandschaft aufs Land gezogen oder irgendwo in der Stadt bei Freunden untergekommen. Die meisten der Übriggebliebenen schickte man nach Canaan und Corail, zwei nebeneinander liegende für die Erdbebenopfer gegründete Siedlungen, achtzehn Kilometer nördlich von Port-au-Prince. Man baute dort Hütten aus Sperrholz und Wellblech und ein paar Latrinen. Es gibt keinen Baum, keine Arbeit und so wenig Wasser, dass es an den Brunnen regelmäßig zu heftigem Streit kommt. Tagsüber fahren kaum Busse von der Hauptstadt dorthin, nachts überhaupt keiner. Heute leben mehr als 200.000 Menschen in Canaan und Corail. Die beiden Siedlungen gelten als die gefährlichsten Slums von Haiti.

Ein paar der nach dem Erdbeben errichteten Lager wurden nie aufgelöst. Eines der größten ist in Caradeux gleich hinter Delmas. Dort stehen längst keine Zelte mehr, die Bewohner haben sich aus Holzlatten, Plastik und Wellblech Hütten gebaut. Es gibt kein fließendes Wasser, aber immerhin so etwas wie Straßen: breite Schotterpisten, an deren Rändern der informelle Handel blüht. An einem Wellblechzaun hängen Hemden zur Ansicht, eine Lotteriebude verkauft auch Guthaben fürs Mobiltelefon, Frauen tragen in großen Schüsseln Obst und Gemüse auf dem Kopf und preisen es an. Als Weißer ist man dort nicht gern gesehen, die Stimmung wird schnell aggressiv. Die Menschen haben zu viele Versprechen von Weißen gehört und nie etwas bekommen.

Jésula Etienne war ein Jahr im Zeltlager in Delmas. Ihre Brüder gingen jeden Tag hinaus, suchten Arbeit als Tagelöhner oder in einem der viele Programme, bei denen Menschen, die mithalfen die vielen Trümmer zu beseitigen, mit ein bisschen Reis und Bohnen bezahlt wurden. Sie blieb im Zelt. Sie fühlte sich schwach und unnütz. Essen und Wasser brachten die Brüder, im Lager gab es keine Lebensmittelverteilung. „Ich habe ein Jahr lang Klopapier und Menstruationsbinden bekommen“, sagt sie. Es war die einzige internationale Hilfe, die bei ihr angekommen ist.

Als ihre Brüder Arbeit gefunden und das gemeinsame Zelt verlassen hatten, meinte ein evangelikaler Pastor, der im Lager zu missionieren versuchte, es gehe nicht an, dass sie als junge Frau alleine dort bliebe. Man hatte zu viel gehört von Vergewaltigungen und von Frauen, die versuchten, mit Prostitution ihr Überleben zu sichern. Er brachte Jésula zusammen mit einer anderen jungen Frau ins Haus eines Freundes. Dort half sie zwei Jahre lang, so gut sie konnte, im Haushalt. Dann wurde sie vor die Tür gesetzt. Er habe kein Geld mehr für ihr Essen, meinte der Freund des Pastors. Jésula ging zu einer Cousine in die Wohnung. Wiederum ein Jahr später konnte die ihre Miete nicht mehr bezahlen und Jésula zog zu ihren beiden Bürdern in das Sechs-Quadratmeter-Häuschen in Delmas 33. Kurz darauf kam auch ihre blinde Mutter. Ihr Vater war krank geworden und gestorben, alle Kinder waren längst zu Hause ausgezogen. Die Mutter konnte nicht allein dort bleiben. „Es liegt ein Fluch auf unserer Familie“, sagt Jésula.

Mehr als zehn Milliarden US-Dollar hat die internationale Staatengemeinschaft Haiti als Not- und Wiederaufbauhilfe versprochen. Dazu kamen rund drei Milliarden von regierungsunabhängigen Hilfswerken und noch einmal fast vier Milliarden, die der damalige venezolanische Präsident Hugo Chávez über sein Petrocaribe-Programm ausgeschüttet hat. Gemessen am durch das Beben angerichteten Schaden – er wird auf fünf bis sieben Milliarden Dollar geschätzt – müsste Haiti zehn Jahre später ein prosperierendes Land sein. Tatsächlich wurden drei Jahre nach der Katastrophe überall in Port-au-Prince Bauzäune aus Wellblech aufgestellt, gestrichen in den Nationalfarben Blau und Rot. Viele davon stehen noch heute. Der einzige Unterschied: manche wurden grün überstrichen. Dahinter aber tut sich immer noch nichts. Nur hinter ein paar stehen Bauruinen, die schon wieder vergammeln.

Ein Großteil des vielen Geldes kam nie bei den Armen an, sondern ging zurück in die reiche Welt. Von den 2,4 Milliarden Dollar, die in den ersten beiden Jahren an Nothilfe ausbezahlt wurden, gingen allein zwanzig Prozent an die US-Armee. Die hatte wenige Tage nach dem Beben die Hauptstadt und ihre Umgebung mit 20.000 Marinesoldaten besetzt, ohne bei der dortigen Regierung nachzufragen. Damit sollte eine größere Fluchtwelle in die Vereinigten Staaten verhindert werden. Der Einsatz wurde aus dem Nothilfe-Topf bezahlt. Danach war der größte Hilfsgeldempfänger die US-Beratungsfirma Chemonics, die für ihre Dienste fast 200 Millionen Dollar in Rechnung stellte. Die haitianische Regierung bekam gerade 0,9 Prozent, haitianische Organisationen nur 0,09 Prozent des Geldes.

Bei der Wiederaufbauhilfe war die Verteilung kaum besser. Mehr als die Hälfte floss in Projekte, die schon vor 2010 angelaufen waren und nichts mit dem Erdbeben zu tun hatten. Schon bewilligte Entwicklungshilfe wurde einfach zur Wiederaufbauhilfe umdeklariert. Über die haitianische Regierung und einheimische Institutionen wurden weniger als zehn Prozent des Geldes kanalisiert, haitianische Organisationen bekamen nicht einmal 0,6 Prozent.

Von den fast vier Milliarden Dollar aus Venezuela ist nach einem im September vergangenen Jahres veröffentlichten Bericht einer Untersuchungskommission des haitianischen Senats rund die Hälfte verschwunden. Die andere Hälfte steht im Wesentlichen als unfertige Bauruinen im Land herum. Der Name von Präsident Moïse wird in diesem Bericht 69 Mal erwähnt. Nur ein Beispiel: Der Mann, der als Importeur von Autoersatzteilen reich geworden war und dann in Bananenplantagen investiert hatte, gehörte nach dem Beben zu den Gründern und Teilhabern zweier Baufirmen. Jede dieser Firmen bekam – zu einem weit überhöhten Preis – den Zuschlag für den Bau derselben von Petrocaribe finanzierten Straße ganz im Norden, wo man das Beben gar nicht gespürt hatte. Jede Firma rechnete diese Straße als ihre Leistung ab. Bis heute wurde nur ein Teilstück gebaut.

Seit dieser Bericht bekannt ist, reißen die Proteste nicht ab. Zunächst forderten Demonstrationen von Hundertausenden den Rücktritt des Präsidenten. Dann artete der spontane Volkszorn in einen Kleinkrieg mit Barrikaden, brennenden Altreifen und Schießereien aus. Jeden Tag werden im Durchschnitt drei Menschen getötet. Seit Mitte September sind die meisten Schulen und Universitäten geschlossen, kaum jemand arbeitet, weil wegen der vielen Barrikaden kaum jemand an seinen Arbeitsplatz gelangt.

Für die Familie von Jésula Etienne sind die Unruhen fatal. Vorher arbeiteten die beiden Brüder; der eine als Tagelöhner auf dem Bau, der andere als Mototaxi-Fahrer. Auf dem Bau wird schon lange nicht mehr gearbeitet. Mit dem Mototaxi konnte man vor den Unruhen an guten Tagen 1.000 Gourdes (rund neun Euro) machen, an schlechten waren es immer noch 200. Heute kommt der Bruder oft ohne Verdienst von der Straße zurück, weil es kaum noch Kunden gibt. Und wenn in Delmas zu viel geschossen wird, lässt er das Motorrad lieber gleich im Hof. „Wir essen nur noch einmal am Tag“, sagt Jésula. „Reis und Bohnen.“ In der Not fühlt sie sich noch unnützer als zuvor. „Ich wurde mit zwei Armen geboren“, sagt sie. „Ich habe nie gelernt, mit nur einem zu leben.“

*

„Niemand hat mehr die Kontrolle im Land“, sagt Patrick Pélissier. „Die Opposition nicht und die Regierung schon gar nicht.“ Péllisier ist Anwalt und Vorsitzender des Haitianischen Instituts für Menschenrechte. Sein Büro ist oben in Pétionville, ganz in der Nähe des privaten Anwesens von Präsident Moïse. Ein reicher Haitianer, der im Ausland lebt, hat es dem Institut mietfrei zur Verfügung gestellt. Nur die Putzfrau und der Gärtner werden bezahlt, finanziert aus den Mitgliedsbeiträgen eines Trägervereins. Alle anderen arbeiten ehrenamtlich.

An drei Wänden in Pélissiers Büro hängt umlaufend eine verwirrende Grafik mit kreolischen Namen, Kreisen und Pfeilen. „Wir haben alle kriminellen Banden Haitis und die von ihnen beherrschten Gebiete erfasst, es sind 150“, erklärt der Anwalt. Bei den meisten kennt er den Namen des Anführers und den Mann oder die Frau, die das Geld gibt. „Hinter jeder Bande steckt ein Politiker“, sagt er. Der statte die Kriminellen mit Kriegswaffen aus, „Kalaschnikows, M-16-Sturmgewehre, Galil-Maschinenpistolen und viel Munition.“ Die Banden kontrollierten im Gegenzug seinen Wahlkreis und garantierten den Wahlerfolg. „Ihre erste Aufgabe ist es, die Leute einzuschüchtern und vom Wahlgang abzuhalten, so dass nur die Anhänger des Auftraggebers zur Urne gehen.“ Bei der Wahl von Präsident Moïse lag die Wahlbeteiligung unter zehn Prozent, das Ergebnis war von vorn herein klar. Ihren Lebensunterhalt, weiß Pélissier, verdienen die Kriminellen mit Schutzgelderpressung und Entführungen. Wenn einmal – was selten vorkomme – ein Bandenführer verhaftet werde, sei er Dank seiner einflussreichen Beschützer schnell wieder frei. „Solche Geschichten kennt jeder in Haiti.“

Seit Massenmobilisierungen gegen den Präsidenten von Gewerkschaften und Oppositionsparteien, von Vodou-Vereinigungen, Unternehmerverbänden und sogar von der Polizei wegen der vielen Straßenblockaden im Land kaum mehr möglich sind, sei die Lage unübersichtlich geworden. Niemand wisse, wer eine Barrikade verteidige und wer sie angreife. Die einzigen, die man an ihrer Uniform erkennen kann, sind die Sicherheitskräfte. Sie haben schon mehrfach angekündigt, sie würden alle Barrikaden räumen und haben es trotz heftigen Gebrauchs ihrer Sturmgewehre nie geschafft. Alle anderen können genauso aufgebrachte Bürger sein wie kriminelle Banden aus dem Regierungs- oder Oppositionslager.

Klarheit herrscht nur in der spirituellen Welt, da ist sich Carl Henry Desloanis sicher. Er ist der Sprecher der Vereinigung der Hougan, der Zeremonienmeister des Vodou-Kults. Neunzig Prozent der Haitianer glauben an diese Geisterwelt, das Wort von Desloanis hat Gewicht. Er empfängt in seinem Amtssitz ein paar hundert Meter hinter dem Hotel Oloffson. Das, was er sein Büro nennt, sieht gar nicht so aus. Auf drei hohen Stufen an der Wand, bedeckt mit einem lila Tuch, stehen Rumflaschen, mit bunten Stoffen, geschmückte Behälter aus Kürbissen und Rasseln – Opfergaben der Gläubigen, die der Houngan in diesem Zimmer berät. Vor diesem Aufbau schwimmt eine brennende Kerze in einer Schale mit roter Flüssigkeit, daneben liegt ein Totenschädel über gekreuzten Knochen. Haitianer empfinden das nicht als gruselig. Guédé, der für die Toten zuständige Geist aus dem weiten Pantheon des Vodou, ist eine freundliche Gestalt. Er hilft den Seelen der Verstorbenen, unter dem Ozean zurück in die Heimat Afrika zu kommen, der ihre Vorfahren als Sklaven gewaltsam entrissen worden sind.

Desloanis, ein verschmitzter Mann mit feinem Schnauz, der das weiße Hemd über einer schwarzen Hose trägt, sagt nichts, ohne sich vorher leise mit Eubony Georges Auguste zu beraten. Die runde fröhliche Frau mit lila Kopfputz und einem afrikanisch gemusterten schwarz-weißen Kleid ist die wohl einflussreichste Mambo Haitis – das weibliche Gegenstück des Houngan. Nach kurzer Beratung sagt Desloanis: „Wir erleben gerade ein schweres soziales Nachbeben der Katastrophe von 2010.“ Da gebe es nur einen Weg hinaus: „Wir müssen zurück ins Jahr 1791.“ Er meint damit die Nacht des 14. August jenes Jahres, in der sich im Wald von Bois Caïman im Norden Haitis die Verschwörer der Sklaven heimlich trafen und bei einer Vodou-Zeremonie feierlich schworen, dass eine Woche später der Aufstand gegen die französischen Sklavenhalter losbreche. Mit anderen Worten: Der wichtigste Vertreter der haitianischen Volksreligion ruft seine Gläubigen zum Aufstand auf. Und um das zu bekräftigen sagt er: „Das sagen auch die Geister.“

Gary Victor kennt sich mit Vodou und seinen Geistern aus, auch wenn er selbst nicht daran glaubt. Er ist der wohl beliebteste Schriftsteller Haitis, in seinen Kriminalromanen können sich korrupte Ermittler in Werwölfe und Bösewichte in Spinnen verwandeln. Und doch sagt er, seine Geschichten seien fast Reportagen. „Ich versuche, Haiti so zu sehen, wie es die meisten Haitianer tun.“ Und da können sich eben Bösewichte in Spinnen verwandeln. Man stellt sich vor, dass nur ein skurriler und etwas exaltierter Mensch solche wilden Romane schreiben kann. Doch Victor ist ganz anders. Nachdenklich sitzt der schwere Mann im blauen Polohemd und Jeans am Tisch auf der Terrasse des Oloffson und schlürft Kaffee mit sehr viel Zucker. Er wohnt gleich um die Ecke und kam zu Fuß. Seine roten Augen lassen an durchwachte Nächte denken, sein krauses schwarzes Haar ist ergraut, genauso der Drei-Tage-Bart. Auf Victor lastet Verantwortung.

Ein breites Oppositionsbündnis aus Parteien, Gewerkschaften, regierungsunabhängigen Organisationen und Unternehmerverbänden hat ihn in eine Kommission berufen. Die soll für den erhofften Fall eines Rücktritts von Präsident Moïse schon jetzt aus dem obersten Gerichtshof drei Kandidaten für das Amt eines Übergangspräsidenten auswählen und dazu Namen für die wichtigsten Ministerämter vorschlagen. Victor hätte die Berufung nicht akzeptiert, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass damit unnötiges Chaos nach einem Sturz des Präsidenten vermieden werden könnte. Aber er erwartet nicht viel davon. Er kennt die Politiker, die dann näher an die Macht rücken würden. „Die meisten von ihnen wollen auch nur an die Geldtöpfe“, sagt er. Es gehe dann weiter wie gehabt. „Das war schon vor dem Erdbeben so und danach wurde es noch schlimmer.“ Es sei nicht nur dieser Präsident. „Einer allein kann nicht korrupt sein“, sagt er. „Er braucht Komplizen, und die finden sich in der politischen Klasse Haitis genauso wie bei den internationalen Geldgebern.“ Das Oppositionsbündnis werde, sollte es an die Macht kommen, schnell am Streit ums Geld wieder zerbrechen.

Nein, Gary Victor hat keine Hoffnung für sein Land. „Wenn ich an Haiti in zehn Jahren denke, habe ich Albträume“, sagt er. Dann lächelt er ein einziges Mal. „Wenigstens gibt mir das Stoff für weitere Romane.“

*

Die Geschichte wurde im November vergangenen Jahres recherchiert. Bis heute hat sich an der Situation in Haiti nichts Wesentliches verändert.

Januar 2020


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