Reportagen, Essays, Hintergründe (Auswahl)

Die zwei Seiten der Barrikade

Wenn man einfach nur die Geschichte einer Familie erzählen will und dabei alle Namen unterdrücken muss, dann stimmt etwas nicht in diesem Land. Diese Geschichte handelt von einer Familie in Nicaragua und es werden keine Namen genannt. Nicht die von Personen, die geschützt werden sollen, damit sie nicht zu Opfern werden. Aber auch nicht die Namen von denjenigen,…

Das wilde Leben eines CIA-Agenten

Jetzt sind sie beide tot. Beide sind im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Und das, obwohl beide über Jahrzehnte versuchten, den jeweils anderen zu töten. Der eine ist weltbekannt. Er hieß Fidel Alejandro Castro Ruz und starb am 25. November 2016 in seinem Haus in Havanna. Er war zumindest einmal ganz nahe dran, den anderen tödlich zu erwischen…

Freiheit ist schwarz

„Sklaven dürfen auf diesem Territorium nicht existieren, die Sklaverei ist auf ewig abgeschafft. Alle Menschen werden frei geboren, leben frei und sterben frei, als Franzosen.“ Dies ist der dritte Artikel einer Verfassung, die jedoch nicht in Frankreich geschrieben wurde. Sie wurde im Mai 1801 in der damaligen französischen Kolonie Saint Domingue (heute Haiti) verabschiedet und trat ohne Absprache mit der Kolonialmacht sofort in Kraft…

Die Einsamkeit des einstigen Volkshelden

Daniel Ortega spielt auf Zeit. Bald vier Monate dauern die Proteste gegen den Präsidenten Nicaraguas schon an. Mehr als 300 Menschen sind getötet worden, die allermeisten von Sicherheitskräften oder Paramilitärs, die der Regierung nahestehen. Ortega scheint darauf zu setzen, dass die Massendemonstrationen, die seinen Rücktritt fordern, erst kleiner werden und dann ganz verschwinden…

Durchscheinende Deko-Objekte aus Müll

Im zentralamerikanischen El Salvador ist Recycling für die meisten Menschen tatsächlich ein Fremdwort: ein fremdes Wort, dessen Bedeutung man nicht kennt. Es gibt keine Mülltrennung und keine Pfandflaschen, nicht solche aus Glas und schon gar nicht welche aus Plastik. In den Supermärkten verstauen Einpacker die Waren in unzähligen Plastiktüten. Die werden dann später mit Verpackungsmaterial gefüllt,…

Kein Castro mehr an der Spitze des Staats

Raúl Castro tritt ab. Am 19. April wird die Volkskammer von Kuba seinen Nachfolger im Präsidentenamt wählen. Er hatte es angekündigt: Zwei Perioden von jeweils fünf Jahren. Länger soll kein Regierungsfunktionär mehr sein Amt ausüben dürfen, nicht einmal ein Castro. Ein dritter nach Fidel und Raúl stand nie als Ersatzmann bereit. Vom 19. April 2018 an wird deshalb der höchste Repräsentant Kubas einen anderen Nachnamen tragen…

Leben vom Geld der Verwandten draußen

San Isidro sieht nicht aus wie eine Stadt der Arbeitslosen. Die meisten Straßen sind mit Natursteinen gepflastert, viele Gebäude frisch verputzt. Etliche folgen nicht mehr der traditionellen Architektur von eingeschossigen Häuschen mit Wänden aus einem Gemisch aus Lehm und Stroh und einem Dach aus Ziegeln. Es gibt ihn noch, den Baustil, der in den ländlichen Regionen El Salvadors üblich ist…

Mit der Kraft von Sonne, Wind und Vulkanen

Tocopilla liegt in einer malerischen Bucht am Pazifik. Davor der blaue Ozean, gleich dahinter der steile Aufstieg auf das 2.000 Meter hoch gelegene Plateau der Atacama-Wüste. Die Lage wäre nicht schlecht für eine mondäne Sommerfrische, aber das Städtchen ist das wohl schmutzigste in ganz Chile. Das liegt an den beiden Kohlekraftwerken unten am Hafen. Zwei Frachter werden dort gelöscht…

Wie der Frieden verspielt wird

Heiler Mosquera blutet aus. Der Ort, benannt nach einem im Krieg gefallenen Comandante der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), liegt ganz im Süden des Landes, in der Provinz Putumayo. Ein paar Kilometer weiter beginnt der Regenwald Amazoniens. 530 Kämpferinnen und Kämpfer der ehemaligen Guerilla haben sich dort Mitte Dezember vergangenen Jahres versammelt…

Mit eiserner Disziplin gegen die Wand

Er hätte wissen müssen, dass er gescheitert war. Aber selbst wenn er es ahnte, er hat es geleugnet, sogar vor sich selbst. „Elf Monate sind seit dem Beginn unserer Guerillatätigkeit ohne Schwierigkeiten vergangen“, beginnt sein letzter Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1967. „Der Vormittag verlief ohne Gefahr, in einer fast idyllischen Stimmung.“ Seine Truppe lagerte nach einem Nachtmarsch in einer Schlucht…

Die Stadt im Schatten der Mauer

Wasserleichen sind kein schöner Anblick, sagt Miguel Villanueva, und er muss es wissen. Sechs hat er schon gesehen, alles junge Männer. Morgens, angeschwemmt am Strand von Tijuana. Nein, fotografiert habe er keinen, sagt er; er habe Respekt vor Toten. Er habe Abstand gehalten und die Feuerwehr gerufen. Die sei hier zuständig für die Rettung von Ertrinkenden und für den Abtransport der Wasserleichen…

Mais, das ist Leben

Nach dem Glauben der Pipiles und der Maya, die in vorkolumbianischer Zeit den Landstrich besiedelten, der heute El Salvador heißt, haben die Götter die ersten Menschen aus Maisbrei geformt. Mais, das ist Leben, und das gilt noch immer. Mais ist das Grundnahrungsmittel Mittelamerikas schlechthin. Er wird in El Salvador heute meist genau so angebaut wie schon vor 2.000 Jahren: auf kleinen Gütern, kaum eines größer als zwei Hektar…

Das war Fidel. Er war Kuba.

Es ist eine fast kitschige Anekdote, deren Wahrheitsgehalt sich nicht mehr überprüfen lässt. Fidel Castro hat sich nie dazu geäußert. Erzählt hat sie Marita Lorenz in ihrem autobiografischen Buch „Lieber Fidel“. Sie soll sich am 27. Februar 1959 zugetragen haben. Maritas Vater, ein deutscher Kapitän, ankerte mit dem Kreuzfahrtschiff „Berlin“ vor Havanna, das wenige Wochen zuvor von Castros Truppen im Triumpfzug eingenommen worden war…

Der Glanz der großen Figuren wird blass

Auf dem Weg von Europa nach Lateinamerika ändern politische Begriffe bisweilen ihre Konnotation: Wenn man in Europa von Populismus spricht, denkt man in der Regel an rechtslastige Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ), den „Front National“ in Frankreich oder die „UK Independence Party“ (Ukip) in Britannien…

Wider die überflüssigen Dinge

Am Morgen, wenn die Millionenstadt erwacht und die U-Bahnen sich überfüllen, kommen nicht nur die Angestellten in Anzug und Krawatte oder dezentem Kostüm aus den Mittelklasse-Vierteln ins Zentrum von Santiago de Chile. Auch schlecht gekleidete Leute drängen sich in den Zügen. Sie kommen von weit draußen, vom Stadtrand, wo die Mietskasernen an heruntergekommene Plattenbauten aus Sowjetzeiten erinnern…

Im siebten Kreis der Hölle

Im Volksmund heißt das Gefängnis „Mariona“, nach dem Stadtteil am Rand von San Salvador, in dem es steht. Sein offizieller Name ist „Penitenciaría Central de La Esperanza“ – „Zentrale Strafanstalt der Hoffnung“. Man kann das auch als zynisch empfinden. Wer hier hereinkommt, lässt alle Hoffnung fahren. Draußen auf der Straße steht alle paar Meter ein Soldat in Tarnuniform in der brütenden Hitze, eine Sturmhaube…

Seit über hundert Jahren herrscht Krieg

Es war eine laue Sommernacht, sternenklar. Eine Stunde nach Mitternacht schlich eine Gruppe von jungen Männern auf das Haus von Werner Luchsinger zu. Die Ermittlungen gingen später von bis zu zwanzig Tätern aus. Das Haus steht auf dem vierzig Hektar großen Landgut Lumahue, abgeschieden ein paar Kilometer außerhalb von Vilcún im Süden Chiles. Man muss es kennen, sonst findet man es nicht. Auf Schotterpisten und Erdwegen…

Den Knochen einen Namen geben

Die jüngste Lieferung war ein Alptraum. Es enthielt eine Hand voll Kohlestückchen in einer Plastiktüte, keines größer als zwei Zentimeter. Laien könnten das für ein Überbleibsel einer Grillparty halten. Sofía Egaña ist forensische Anthropologin und weiß: es sind Knochenreste. Das, was von einem politischen Gefangenen übrig blieb. Oder war es eine politische Gefangene? Oder waren es mehrere?…

Herr Clinton baut Haiti auf

Erdbeben kommen nicht auf Bestellung und trotzdem gibt es immer irgend einen, der darauf vorbereitet ist. Das Beben, das am 12. Januar 2010 um 16:53 Ortszeit die haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince erschütterte, rund 300.000 Menschen tötete und fast zwei Millionen obdachlos machte, das hatte wirklich niemand erwartet. Über hundert Jahre hatte sich die Erde hier nicht mehr nennenswert bewegt…

Der Ort der Zuflucht versinkt im Meer

Im November beginnt die schlimme Zeit. Dann kommt der Wind aus dem Norden, drückt das Wasser gegen die Insel, wird zum Sturm und fegt die auf Stelzen ins Meer hinaus gebauten Klohäuschen aus Palmstroh oder Zinkblech weg. Die Wellen brechen große Lücken in die mühsam errichteten Barrieren aus gebrochenen Korallen. Dann steht Gardi Muladup unter Wasser…