Reportagen, Essays, Hintergründe (Auswahl)

Leben vom Geld der Verwandten draußen

San Isidro sieht nicht aus wie eine Stadt der Arbeitslosen. Die meisten Straßen sind mit Natursteinen gepflastert, viele Gebäude frisch verputzt. Etliche folgen nicht mehr der traditionellen Architektur von eingeschossigen Häuschen mit Wänden aus einem Gemisch aus Lehm und Stroh und einem Dach aus Ziegeln. Es gibt ihn noch, den Baustil, der in den ländlichen Regionen El Salvadors üblich ist…

Mit der Kraft von Sonne, Wind und Vulkanen

Tocopilla liegt in einer malerischen Bucht am Pazifik. Davor der blaue Ozean, gleich dahinter der steile Aufstieg auf das 2.000 Meter hoch gelegene Plateau der Atacama-Wüste. Die Lage wäre nicht schlecht für eine mondäne Sommerfrische, aber das Städtchen ist das wohl schmutzigste in ganz Chile. Das liegt an den beiden Kohlekraftwerken unten am Hafen. Zwei Frachter werden dort gelöscht…

Wie der Frieden verspielt wird

Heiler Mosquera blutet aus. Der Ort, benannt nach einem im Krieg gefallenen Comandante der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), liegt ganz im Süden des Landes, in der Provinz Putumayo. Ein paar Kilometer weiter beginnt der Regenwald Amazoniens. 530 Kämpferinnen und Kämpfer der ehemaligen Guerilla haben sich dort Mitte Dezember vergangenen Jahres versammelt…

Mit eiserner Disziplin gegen die Wand

Er hätte wissen müssen, dass er gescheitert war. Aber selbst wenn er es ahnte, er hat es geleugnet, sogar vor sich selbst. „Elf Monate sind seit dem Beginn unserer Guerillatätigkeit ohne Schwierigkeiten vergangen“, beginnt sein letzter Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1967. „Der Vormittag verlief ohne Gefahr, in einer fast idyllischen Stimmung.“ Seine Truppe lagerte nach einem Nachtmarsch in einer Schlucht…

Die Stadt im Schatten der Mauer

Wasserleichen sind kein schöner Anblick, sagt Miguel Villanueva, und er muss es wissen. Sechs hat er schon gesehen, alles junge Männer. Morgens, angeschwemmt am Strand von Tijuana. Nein, fotografiert habe er keinen, sagt er; er habe Respekt vor Toten. Er habe Abstand gehalten und die Feuerwehr gerufen. Die sei hier zuständig für die Rettung von Ertrinkenden und für den Abtransport der Wasserleichen…

Mais, das ist Leben

Nach dem Glauben der Pipiles und der Maya, die in vorkolumbianischer Zeit den Landstrich besiedelten, der heute El Salvador heißt, haben die Götter die ersten Menschen aus Maisbrei geformt. Mais, das ist Leben, und das gilt noch immer. Mais ist das Grundnahrungsmittel Mittelamerikas schlechthin. Er wird in El Salvador heute meist genau so angebaut wie schon vor 2.000 Jahren: auf kleinen Gütern, kaum eines größer als zwei Hektar…

Das war Fidel. Er war Kuba.

Es ist eine fast kitschige Anekdote, deren Wahrheitsgehalt sich nicht mehr überprüfen lässt. Fidel Castro hat sich nie dazu geäußert. Erzählt hat sie Marita Lorenz in ihrem autobiografischen Buch „Lieber Fidel“. Sie soll sich am 27. Februar 1959 zugetragen haben. Maritas Vater, ein deutscher Kapitän, ankerte mit dem Kreuzfahrtschiff „Berlin“ vor Havanna, das wenige Wochen zuvor von Castros Truppen im Triumpfzug eingenommen worden war…

Der Glanz der großen Figuren wird blass

Auf dem Weg von Europa nach Lateinamerika ändern politische Begriffe bisweilen ihre Konnotation: Wenn man in Europa von Populismus spricht, denkt man in der Regel an rechtslastige Parteien wie die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ), den „Front National“ in Frankreich oder die „UK Independence Party“ (Ukip) in Britannien…

Wider die überflüssigen Dinge

Am Morgen, wenn die Millionenstadt erwacht und die U-Bahnen sich überfüllen, kommen nicht nur die Angestellten in Anzug und Krawatte oder dezentem Kostüm aus den Mittelklasse-Vierteln ins Zentrum von Santiago de Chile. Auch schlecht gekleidete Leute drängen sich in den Zügen. Sie kommen von weit draußen, vom Stadtrand, wo die Mietskasernen an heruntergekommene Plattenbauten aus Sowjetzeiten erinnern…

Im siebten Kreis der Hölle

Im Volksmund heißt das Gefängnis „Mariona“, nach dem Stadtteil am Rand von San Salvador, in dem es steht. Sein offizieller Name ist „Penitenciaría Central de La Esperanza“ – „Zentrale Strafanstalt der Hoffnung“. Man kann das auch als zynisch empfinden. Wer hier hereinkommt, lässt alle Hoffnung fahren. Draußen auf der Straße steht alle paar Meter ein Soldat in Tarnuniform in der brütenden Hitze, eine Sturmhaube…

Seit über hundert Jahren herrscht Krieg

Es war eine laue Sommernacht, sternenklar. Eine Stunde nach Mitternacht schlich eine Gruppe von jungen Männern auf das Haus von Werner Luchsinger zu. Die Ermittlungen gingen später von bis zu zwanzig Tätern aus. Das Haus steht auf dem vierzig Hektar großen Landgut Lumahue, abgeschieden ein paar Kilometer außerhalb von Vilcún im Süden Chiles. Man muss es kennen, sonst findet man es nicht. Auf Schotterpisten und Erdwegen…

Den Knochen einen Namen geben

Die jüngste Lieferung war ein Alptraum. Es enthielt eine Hand voll Kohlestückchen in einer Plastiktüte, keines größer als zwei Zentimeter. Laien könnten das für ein Überbleibsel einer Grillparty halten. Sofía Egaña ist forensische Anthropologin und weiß: es sind Knochenreste. Das, was von einem politischen Gefangenen übrig blieb. Oder war es eine politische Gefangene? Oder waren es mehrere?…

Herr Clinton baut Haiti auf

Erdbeben kommen nicht auf Bestellung und trotzdem gibt es immer irgend einen, der darauf vorbereitet ist. Das Beben, das am 12. Januar 2010 um 16:53 Ortszeit die haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince erschütterte, rund 300.000 Menschen tötete und fast zwei Millionen obdachlos machte, das hatte wirklich niemand erwartet. Über hundert Jahre hatte sich die Erde hier nicht mehr nennenswert bewegt…

Der Ort der Zuflucht versinkt im Meer

Im November beginnt die schlimme Zeit. Dann kommt der Wind aus dem Norden, drückt das Wasser gegen die Insel, wird zum Sturm und fegt die auf Stelzen ins Meer hinaus gebauten Klohäuschen aus Palmstroh oder Zinkblech weg. Die Wellen brechen große Lücken in die mühsam errichteten Barrieren aus gebrochenen Korallen. Dann steht Gardi Muladup unter Wasser…

Ein Gift, das an die Nieren geht

Auf den ersten Blick sieht Dennis Osorio nicht aus wie ein Mann im letzten Stadium einer tödlichen Krankheit. Dreißig Jahre alt ist er und kräftig. Er liegt auf dem Bett, nur mit einer Sporthose bekleidet. Ein breiter Brustkorb, feste Arme und Beine. Seine eine Hand berührt den Rosenkranz aus Plastik, den er um den Hals trägt. Die andere hängt über den Bettrand hinaus und sucht grapschend den Arm seiner dort sitzenden Schwester Ana María…

Wie der Nestlé-Arbeiter Luciano Romero ermordet wurde

Eigentlich wollte Luciano Romero seine Frau am Abend nicht alleine zu Hause lassen. Er wollte nicht arbeiten, sondern sein Taxi, einen gelben Chevrolet Sprint mit dem Nummernschild UWQ-473, einfach eine Nacht vor dem Haus stehen lassen. Seine Frau Ledys Mendoza hatte am Tag eine kleine ambulante Operation gehabt. Luciano hatte sie ins Krankenhaus begleitet. «Als wir am Nachmittag nach Hause kamen», erzählt Ledys Mendoza,…

Leben und Sterben in Ciudad Juárez

Ciudad Juárez ist eine Stadt, die es nicht geben sollte. Zumindest nicht so, als Welthauptstadt des Verbrechens. 2008 gab es rund 1.000 Morde, 2009 waren es gut 2.000 und im vergangenen Jahr über 3.000. Und das in einer Stadt mit gerade 1,3 Millionen Einwohnern. Statistisch gesehen sind Bagdad oder Kabul im Vergleich dazu sichere Orte. Und nichts deutet darauf hin, dass es 2011 besser werden könnte. Wer geht da schon gerne hin?…

Land ohne Geld für Geld ohne Land

Porfirio Lobo muss bisweilen der Verzweiflung nahe sein. Es ist nicht leicht, Präsident eines Landes zu sein, das zu den ärmsten in Lateinamerika gehört und das derzeit die weltweit höchste Mordrate außerhalb von Kriegsgebieten vorweisen kann – jedes Jahr sterben mehr als 80 Menschen pro 100.000 Einwohner eines gewaltsamen Tods. Lobo ist Herr über eine kriminell unterwanderte Polizeitruppe…

Billiger als ein Suppenhuhn

Das Treffen war wenig spektakulär und doch sind seine Folgen ein paar Tage später weltweit durch die Presse gegangen: Am 28. Januar sind sich Maletide Fenelon und Laura Silsby im Armenviertel Mais Gaté zum ersten Mal begegnet. Das war genau zwei Wochen nach dem schweren Erdbeben in Haiti. Maletide Fenelon ist Haitianerin, Mutter von vier Mädchen. Sie wohnt in dem Viertel am Rand von Port-au-Prince…

Kontrolle über den Hinterhof

Ende 2018 verkündete die Verwaltung des Panamá-Kanals stolz, dass nunmehr 5.000 Frachter und Kreuzfahrtschiffe das neue Schleusensystem der wichtigsten künstlichen Wasserstraße der Welt passiert hätte. Es war einer jener Ozeanriesen der sogenannten Post-Panamax-Klasse, die bis zu 13.000 Container laden können. In die alten, seit 1914 benutzten Schleusen passt nur die nach deren Maßen benannte Panamax-Klasse…