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Wie in einem dystopischen Film

Wie in einem dystopischen Film

Nach einem schweren Erdbeben in Haiti ist die selbsternannte Übergangsregierung heillos überfordert und mehr mit sich selbst beschäftigt. Die Opfer müssen sich wieder einmal selbst helfen. Von Toni Keppeler

Auch zehn Tage nach dem schweren Beben ist die Lage noch unübersichtlich. Die Zahlen, die von der haitianischen Zivilschutzbehörde veröffentlicht werden, sind nicht viel mehr als eine vorläufige und eher zu tief angesetzte Größenordnung. Danach sind am Samstag vergangener Woche rund 2.500 Menschen gestorben, über 12.000 wurden verletzt, mehr als 30.000 Häuser zerstört oder schwer beschädigt. Viele Dörfer rund um das Epizentrum im bergigen Südwestens des Landes sind durch Erdrutsche von der Außenwelt abgeschnitten, kein Hilfstrupp kam bislang dorthin. Wie es in diesen Siedlungen aussieht, wissen nur die, die dort überlebt haben.

Das Erdbeben war eine Folge von Bewegungen in der Erdkruste. Unterhalb der sich in Ost-West-Richtung erstreckenden schmalen Tiburon-Halbinsel verläuft der Bruch zwischen der nordamerikanischen und der karibischen Platte. Wenn sich diese Platten aneinander reiben, kommt es zu schweren Erdbeben. Zuletzt war das am 12. Januar 2010 der Fall. Damals lag das Epizentrum rund hundert Kilometer weiter im Osten, die Erschütterungen trafen die Hauptstadt Port-au-Prince und ihre dicht besiedelte Umgebung. Nach Regierungsangaben sind damals über 300.000 Menschen ums Leben gekommen. Beim Beben am 14. August wurde etwa doppelt so viel Energie freigesetzt wie 2010. Zudem zog am 16. und 17. August das tropische Unwetter Grace über das Katastrophengebiet. Schwere Regenfälle verursachten Erdrutsche und Überschwemmungen.

Dass es im Vergleich mit 2010 trotzdem sehr viel weniger Tote gab, liegt vor allem daran, dass die Gegend rund um das Epizentrum ländlich geprägt ist. Mit Les Cayes (gut 70.000 Einwohner) und Jérémie (gut 30.000 Einwohner) gibt es nur zwei nennenswerte Städte. Im Vergleich dazu leben im Ballungsraum von Port-au-Prince mit seinen vielen an Hänge geklebten Armenvierteln fast drei Millionen Menschen. Für die jetzigen Überlebenden ist das kein Trost und schon gar keine Hoffnung. Denn Haiti ist, politisch gesehen, heute schlimmer dran als 2010.

Damals gab es eine verhältnismäßig stabile Regierung, die freilich vom Ausmaß der Katastophe völlig überfordert war. Heute gibt es gar keine Regierung. Das Abgeordnetenhaus ist seit zwei Jahren verwaist, weil nach dem Ablauf der letzten Legislaturperiode keine Wahl stattgefunden hat. In der zweiten Kammer, dem Senat, sind aus dem selben Grund nur noch zehn der dreißig Plätze besetzt. Und seit in der Nacht zum 7. Juli Präsident Jovenel Moïse ermordet wurde, gibt es auch keinen Staatschef mehr. Die Geschäfte führt ein Premierminister ohne Legitimation: Ariel Henry, der von Moïse wenige Tage vor seinem Tod ernannt, aber nie vereidigt wurde. Der 71-jährige Neurochirurg ist politisch völlig unerfahren. Er sei eben deshalb von Moïse ausgesucht worden, heißt es in politischen Kreisen in Port-au-Prince. Der Präsident wollte eine schwache Figur an der Spitze seines Kabinetts, die seinem selbstherrlichen und autoritären Regierungsstil nicht im Weg stehen würde. Auch angesichts der Katastrophe vom 14. August ist Henry schwach.

„Es fehlt an allem. An Wasser, an Essen, an Zelten”, sagt der Menschenrechtsanwalt Patrick Pelissier, der in den vergangenen Tagen ins Katastrophengebiet gefahren ist. Von der Zivilschutzbehörde sei nichts zu sehen. Einzig ein paar internationale Entwicklungsagenturen und Hilfswerke würden viel zu wenige Lebensmittel verteilen. Immerhin sei die Nationalstraße 2 offen, die einzige Verbindung von Port-au-Prince nach Les Cayes. Auf dieser Straße aber fühle man sich „wie in einem dystopischen Film: Du siehst absolut niemanden, es ist wie im Krieg”. Pelissier führt dies auf Bandenkriege zurück, die dort in den vergangenen Monaten gewütet haben und vor denen viele geflohen sind. Nun traue niemand dem Waffenstillstand, den ein paar dieser Banden nach dem Erdbeben ausgerufen haben. Tatsächlich sind trotzdem ein paar Lastwagen mit Hilfsgütern überfallen und geplündert worden. Es ist aber unklar, ob die Täter kriminelle Banden waren oder einfach nur verzweifelte Erdbebenopfer.

Jimmy Cherizier, unter dem Spitznamen „Barbecue” der mächtigste Bandenführer von Port-au-Prince, hat gar eine Hilfsaktion angekündigt. Der ehemalige Polizist war als Krimineller ein enger Verbündeter des ermordeten Präsidenten und führt einen auf über tausend Mann geschätzen Verbund von Banden, der sich „G9” nennt. An die Erdbebenopfer gerichtet schrieb Cherizier auf der Internetplattform Facebook: „Die revolutionären Kräfte der G9 und ihre Alliierten teilen ihren Schmerz und ihre Sorgen (…) und werden Hilfe bringen.” Ganz im Griff aber hat auch er die Hauptstadt nicht. In der vergangenen Woche wurde zwei Ärzte, die sich in den völlig überfüllten Krankenhäusern um eingeflogene Schwerverletzte aus dem Erdbebengebiet kümmerten, von einer anderen Bande entführt. Einer der beiden Entführten ist einer der wenigen orthopädischen Chirurgen des Landes, die man gerade jetzt dringend braucht.

Aber nicht nur Kriminelle nutzen die Katastrophe. Auch Politiker fluten das Erdbebengebiet und verteilen ein paar Reissäcke mit dem Logo ihrer Partei oder Wasserflaschen mit ihrem Konterfei. Auch Michel Martelly, Moïses Vorgänger im Präsidentenamt und dessen politscher Ziehvater, ist mit einem Kleinflugzeug nach Les Cayes gekommen. Seine Leibwächter verteilten Geldscheine an Erdbebenopfer. Offensichtlich hatte Martelly den Bedarf unterschätzt. Weil nicht alle auf seinem Weg bedacht werden konnten, kam es zu handgreiflichen Streits um die Zuwendungen. Mit ein paar Geldstapeln mehr hätte Martelly solche wüsten Szenen verhindern können. Es wäre für ihn kein Problem gewesen. Er und Moïse gelten als die korruptesten Präsidenten Haitis seit der Diktatur der Duvalier-Familie (1957 bis 1986). In Martellys Regierungszeit (2011 bis 2016) wurden die meisten Hilfsgelder nach dem Erdbeben von 2010 ausbezahlt. Milliarden sind verschwunden. Nun will Martelly für eine zweite Amtszeit kandidieren. Sein Auftritt in Les Cayes war Wahlkampf.

Die Wahlen fürs Präsidentenamt und die beiden Kammern des Parlaments sollten eigentlich am 26. September stattfinden. Sie wurden schon vor dem Beben auf den 7. November verschoben, weil bislang nichts vorbereitet ist. Sehr wahrscheinlich wird auch dieser Termin verstreichen. Denn noch ist nicht klar, wie die Übergangszeit bis zu einer neu gewählten Regierung politisch gefüllt werden soll. In Port-au-Prince verhandeln Politiker, die Moïse nahe standen, seit dem Präsidentenmord mit der Opposition. Ein Mandat dafür hat niemand, aber die beiden Seiten kommen sich langsam näher.

Zwei Optionen werden derzeit gehandelt: Henry fungiert weiterhin als Premierminister, erweitert aber sein Kabinett um Mitglieder der Opposition. Also so etwas wie eine Regierung der nationalen Einheit. Nur ist diese Lösung in der Verfassung nicht vorgesehen. Dort steht, das Parlament wähle in einem solchen Fall einen Übergangspräsidenten, und das hat der Rumpfsenat auch getan. Er bestimmte seinen Präsidenten Joseph Lambert für diesen Posten. Der 60-Jährige ist ein Berufspolitiker alten Schlags: einer der mit allen reden und in Hinterzimmern Kompromisse aushandeln kann. Aber Henry wehrt sich gegen die verfassungsgemäße Lösung.

Je länger dieser Streit anhält, desto länger wird Haiti keine Regierung haben, die in der Lage wäre, Nothilfe im Katastrophengebiet zu leisten. Nach dem Korruptionsskandalen um die internationalen Hilfsgelder nach dem Beben von 2010 wird dieses Mal deutlich weniger Geld ins Land fließen. Damals wurden die meisten Überlebenden nicht von internationaler Hilfe, sondern von Großfamilien und Nachbarschaftsverbänden aufgefangen. Das wird auch diesmal wieder so sein.

August 2021


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