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Mais, das ist Leben

Mais, das ist Leben

Wie El Salvador mit der Produktion von eigenem Saatgut Lebensmittelimporte drastisch reduziert und gleichzeitig Konzernen wie Monsanto ein Schnippchen geschlagen hat. Von Cecibel Romero und Toni Keppeler.

Nach dem Glauben der Pipiles und der Maya, die in vorkolumbianischer Zeit den Landstrich besiedelten, der heute El Salvador heißt, haben die Götter die ersten Menschen aus Maisbrei geformt. Mais, das ist Leben, und das gilt noch immer. Mais ist das Grundnahrungsmittel Mittelamerikas schlechthin. Er wird in El Salvador heute meist genau so angebaut wie schon vor 2.000 Jahren: auf kleinen Gütern, kaum eines größer als zwei Hektar. Ein angespitzter Stock, eine kurzstielige Harke und eine Machete sind oft die einzigen dabei eingesetzten Werkzeuge. Auf solchen Minifundien, die kaum mehr Ertrag bringen, als eine Familien zum Essen braucht, wird die Grundlage dafür geschaffen, dass kein Hunger herrschen möge unter den rund sechs Millionen Salvadorianern.

Marcela Hernández geht durch die Reihen im Maisfeld. Trotz der aufkommenden tropischen Hitze ist sie vermummt wie bei einer Straßenschlacht. Über ihrem langärmligen schwarzen Pullover trägt sie ein schwarz-gelbes Ringelkapuzenshirt. Die Kapuze hat sie über die Baseball-Kappe, das schwarze Halstuch bis unter die Augen gezogen. Dazu Handschuhe und feste Jeans. Die Kleidung schützt sie vor der stechenden Sonne – lieber schwitzen als verbrennen –, die Handschuhe vor Schnittwunden. Die Ränder von Maisblättern können scharf sein wie Messer.

Jedes Bündel von Hüllblättern nimmt sie in die Hand und drückt zu, um zu spüren, ob sich darin noch ein Kolben versteckt. Wenn sie einen findet, packt sie ihn aus, schneidet ihn mit einem kleinen Messer ab und wirft ihn in einen Jutesack, den sie um die Hüfte gebunden hat. Sie hat ein gutes Auge, kommt schnell voran. Die meisten Hüllblätter sind schon leer. Hernández ist bei der Nachlese. Die eigentliche Ernte war schon ein paar Tage zuvor.

Der Aufwand für ein paar stehen gebliebene Maiskolben lohnt sich. Was hier in der pazifischen Küstenebene geerntet wird, ist ein besonderer Mais, nicht für den Konsum bestimmt. Es handelt sich um Saatgut. Die Kunst, es herzustellen, war in El Salvador vor Jahrzehnten verloren gegangen. Lange wurde auch auf den kleinsten Gütern nur Hybridmais der internationalen Saatgutkonzerne ausgesät. Der ist nicht reproduktionsfähig. Die Kleinbauern mussten jedes Jahr neues Saatgut kaufen, zusammen mit den dazugehörenden Düngern und Pestiziden. Nach einer Missernte mussten sie Schulden aufnehmen, um sich neues Saatgut leisten zu können.

„Wir stellen seit fünf Jahren Saatgut her“, sagt Ramón de Jesús Sorto. „Es ist inzwischen unser rentabelster Geschäftszweig.“ Es war nicht leicht, gibt er zu. „Ein Lernprozess von fast zwei Jahren.“ Sorto ist Vorsitzender der Kooperative La Maroma. Sie bewirtschaftet knapp 950 Hektar in der Küstenebene nahe der Kleinstadt Jiquilisco. 150 Mitglieder, dazu noch einmal 150 dauerhaft beschäftigte Landarbeiter.

La Maroma wurde 1980 gegründet. Nach einem der vielen Militärputschs versuchte die Regierungsjunta, der in ländlichen Gebieten immer stärker werdenden Guerilla mit einer Landreform die Basis zu nehmen. Großgrundbesitz wurde an über 600 Kooperativen verteilt. „Es war eher ein Antiaufstandsprogramm als eine Landreform“, sagt der heutige Landwirtschaftsminister Orestes Ortez. Die Guerilla konnte damit nicht aufgehalten werden. Noch im selben Jahr weiteten sich ihre Operationen zu einem zwölf Jahre dauernden blutigen Bürgerkrieg gegen die Militärs und ihre Todesschwadrone aus.

„Zunächst wurden wir gezwungen, nur Baumwolle anzubauen, weil das auch die Vorbesitzer getan hatten“, erzählt Sorto. Als die Länder der ehemaligen Sowjetunion auf den Weltmarkt drängten und den Baumwollpreis zunichte machten, seien sie auf Zuckerrohr umgestiegen. „Während des Kriegs war es uns sogar verboten, Mais für den Eigenbedarf anzubauen.“ Die Armee habe behauptet, das sei nur Proviant für die Guerilla. „Spätestens da ging das Wissen um Mais und seine Reproduktion verloren.“

Nach dem Krieg beherrschte ein Nahezu-Monopolist den Saatgutmarkt: Alfredo Cristiano Burkhard von der ultrarechten Arena-Partei und von 1989 bis 1994 Präsident von El Salvador. Eine seiner Firmen – Semillas Cristiani Burkhard S.A. – war in ganz Zentralamerika Generalvertreter für Hybridsaatgut des US-Konzerns Monsanto. 2008 hat Cristiani diesen Betrieb an Monsanto verkauft.

Er hatte einen guten Riecher. 2009 gewann die ehemalige Guerilla der FMLN die Präsidentschaftswahl, die neue Regierung legte ein Programm zur Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft auf. Die Ernährungssicherheit in El Salvador war damals prekär. Die drei wichtigsten Grundnahrungsmittel mussten importiert werden: 25,8 Prozent der nötigen roten Bohnen, 86,9 Prozent des Reises und 42,2 Prozent des Maises. Alle drei Produkte gehören zu der Gruppe von Lebensmitteln, die nach einer Studie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen den stärksten Preisschwankungen auf dem Weltmarkt ausgesetzt sind. Und das bedeutete in den Jahren zuvor, dass der Preis immer weiter nach oben ging. Es gab zwar Mais und Bohnen auf dem Markt, aber so teuer, dass ihn die Armen nicht kaufen konnten. Auf dem Land, wo fast vierzig Prozent der Familien in Armut leben, stieg die Zahl der chronisch unterernährten Kinder. Mais, das ist Leben.

Über das von der FMLN-Regierung aufgelegte Programm werden jährlich kostenlose Saatgutpakete an über eine halbe Million Kleinbauern verteilt. Und dieses Saatgut sollte nicht mehr internationale Konzerne und Importeure bereichern, sondern von eigenen Produzenten kommen. Schon die vorige Arena-Regierung hatte Saatgut verteilt. „Aber dieses Programm hatte nichts mit der Förderung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft zu tun“, sagt Wilfredo Rubio, ein Berater des Landwirtschaftsministeriums. „Es folgte ausschließlich den wahltaktischen Interessen von Arena.“ Immer vor Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen brachten Wahlkämpfer der Partei Samen, Dünger und Pestizide auf Staatskosten unters Publikum und erreichten damit viel weniger Betriebe. Cristiani hat damit zwar rund neun Millionen US-Dollar verdient, die nationale Lebensmittelproduktion aber wurde nicht gesteigert.

Die linke Regierung verteilte dann nicht nur Saatgut, sondern suchte auch Betriebe, die dieses produzieren wollten und schickte ihnen Berater. Das Nationale Zentrum für angepasste Technologie, ein staatliches Forschungsinstitut, das während der zwanzig Jahre mit Arena-Regierungen nur als nutzlose Hülle existierte, wurde wiederbelebt und eröffnete Filialen auf dem Land. Dort wurden inzwischen eigene Bohnensorten gezüchtet, die auf Meeresniveau – also in der fruchtbaren Küstenebene des Landes – angebaut werden können. Die vorher üblichen Bohnensorten erfordern eine Höhe von wenigstens 400 Metern.

Die Produktion von Saatgut wurde durch ein präsidiales Dekret vor internationaler Konkurrenz geschützt: Der Regierung verpflichtete sich, für das Kleinbauernprogramm – sie liefern über 80 Prozent der nationalen Pordiktion – zuerst die im Land hergestellten Samen zu kaufen. Schon 2012 gab es eine Rekordernte von über einer Million Tonnen Mais. Das Ziel, von Importen unabhängig zu werden, war fast erreicht. Danach aber kamen drei Jahre der Dürre und die Produktion ging wieder leicht zurück. Trotzdem: „Bei Mais decken wir derzeit mit der nationalen Produktion rund neunzig Prozent der Nachfrage“, sagt Rubio. „Bei Bohnen sogar über hundert Prozent.“ Nur die Reisproduktion hinkt hinterher. Es fehlt an genügend feuchten Böden.

2013 intervenierte Mari Carmen Aponte, die damalige Botschafterin der Vereingten Staaten. Das Dekret zum Schutz des heimischen Saatguts verstoße gegen den Freihandelsvertrag, den die zentralamerikanischen Ländern mit den USA abgeschlossen haben. Die Regierung müsse den Kauf der Körner international ausschreiben. Andernfalls, drohte die Botschafterin, werde ein bereits genehmigtes Paket über 277 Millionen Dollar Entwicklungshilfe gestrichen. Die Regierung gab nach. Die nationalen Produzenten waren da schon so weit, dass sie Monsanto in Preis und Qualität ausstechen konnten. Das Saatgut kommt weiterhin aus El Salvador.

„Wir haben mit 15 Hektar angefangen“, erzählt der Kooperativen-Vorsitzende Sorto. Heute weiß er, dass eine Pflanzung mit Saatgutmais wenigstens 300 Meter von anderen Maisfeldern entfernt sein muss, um Verunreinigungen durch Samenflug zu vermeiden. Dass solcher Mais vom ersten Tag an gepflegt und auf eine andere Art geerntet werden müssen: nicht mit den Hüllblättern, sondern gleich als nackter Kolben, auch wenn das aufwändiger ist. Und er weiß, dass diese Kolben getrocknet und dass schadhafte Körner entfernt werden müssen. „Wir bauen heute Saatgutmais auf knapp 170 Hektar an und wollen noch weiter ausbauen“, sagt er. Sechzig Menschen sind dort dauerhaft beschäftigt, die meisten von ihnen Frauen. „Wir haben sogar einen eigenen Agraringenieur eingestellt“, sagt Sorto. „Der arbeitete vorher bei Monsanto, im Herzen der Bestie.“ Bei der jüngsten Ausschreibung der Regierung hat die Kooperative La Maroma einen Vertrag über die Abnahme von 575 Tonnen Saatgut erhalten. „Das schaffen wir bequem und es bleibt sogar noch etwas für den freien Verkauf.“

Der Arbeitstag in La Maroma beginnt im Morgengrauen um 5:30 Uhr. Auf einer großen Freifläche zwischen einem Zuckerrohr- und einem Maisfeld liegen tausende von Kolben auf langen Plastikbahnen ausgebreitet. Dahinter, in der Ferne, der aktive Vulkan Chinchontepec. Das Land der Kooperative liegt günstig zwischen zwei Flüssen. „So haben wir zwei Ernten im Jahr“, sagt Sorto. „Während der Trockenzeit von November bis April arbeiten wir mit Bewässerung, in der Regenzeit erledigt das unser Klima.“

Alle paar Meter hockt eine Frau und manchmal auch ein Mann auf den Bahnen, barfuß oder in Strümpfen, um das Plastik nicht zu beschädigen. Sonst aber sind sie genauso vermummt wie die Arbeiterinnen bei der Ernte. Mit einem Messerchen, mit einem an Eispickel erinnernden Werkzeug oder mit den bloßen Fingern entfernen sie flink die schadhaften Körner. Die meisten sitzen auf der Spitz des Kolbens, manche aber auch in den regelmäßigen weißen Reihen. Die gesäuberten Kolben kommen in eine große Plastikschüssel und werden dann in Jutesäcken eingesammelt.

Die Arbeiterinnen haben um sich herum ein Tagewerk an zu säubernden Kolben liegen. Die meisten haben das um 10, spätestens um 10:30 Uhr erledigt. Danach wird die Hitze unerträglich. Zehn Dollar gibt es für so ein Tagewerk, deutlich mehr der gesetzlich garantierte Mindestlohn von 6,67 Dollar am Tag, der üblicherweise auf dem Land bezahlt wird. Mitglieder der Kooperative bekommen am Ende des Jahres zudem eine Gewinnbeteiligung; die letzte hat ihr Jahressalär fast verdoppelt. Saatgutmais, das ist besseres Leben. Wenigstens ein bisschen.

April 2017


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