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Die Einsamkeit des einstigen Volkshelden

Die Einsamkeit des einstigen Volkshelden

Wie Nicaraguas Präsident Daniel Ortega vom Revolutionär zum autokratischen Herrscher wurde – und wie die katholische Kirche auf diesem Weg immer wieder die Seite gewechselt hat. Von Toni Keppeler.

Daniel Ortega spielt auf Zeit. Bald vier Monate dauern die Proteste gegen den Präsidenten Nicaraguas schon an. Mehr als 300 Menschen sind getötet worden, die allermeisten von Sicherheitskräften oder Paramilitärs, die der Regierung nahestehen. Ortega scheint darauf zu setzen, dass die Massendemonstrationen, die seinen Rücktritt fordern, erst kleiner werden und dann ganz verschwinden. Tatsächlich ist die Zahl der Teilnehmer deutlich zurückgegangen. Barrikaden und Straßensperren, die überall im Land errichtet worden waren, hatte der Präsident schon im Vorfeld des 39. Jahrestags der sandinistischen Revolution am 19. Juli gewaltsam räumen lassen. Wer hätte gedacht, dass ein Mann, der einmal für eine Revolution stand, die in Europa bis weit hinein in christliche Kreise Begeisterung hervorgerufen hatte, einmal mit dem Diktator Anastasio Somoza verglichen würde – dem Mann, an dessen Sturz er vor bald vierzig Jahren beteiligt war?

Sicher, man weiß schon lange, dass Daniel Ortega keine reine Lichtgestalt war. Man kannte die Geschichten von der sogenannten Piñata, der vom Volksmund nach einem Kindergeburtstagsspiel benannten Selbstbereicherung der sandinistischen Funktionäre nach der Wahlniederlage von 1990. Man wusste, dass Ortega mögliche innerparteiliche Rivalen mit widerlichen Schmutzkampagnen aus dem Weg geräumt hatte. Selbst ehemalige sandinistische Ikonen wie der Dichter-Priester Ernesto Cardenal haben in den 1990er-Jahren die sandinistische Befreiungsfront FSLN tief enttäuscht verlassen. Man weiß auch, dass Zoilamérica Narváez ihrem Stiefvater vorgeworfen hat, er habe sie seit ihrem 13. Lebensjahr sexuell missbraucht.

Trotz allem war bis zuletzt etwas geblieben vom Zauber der Revolution. Nicaragua war ein armes Land voller freundlicher Menschen. Abends verbarrikadierten sie sich nicht in von Mauern und Gittern geschützten Häusern, wie man es in El Salvador, Guatemala oder Honduras tut. Sie stellten, wenn es kühler wurde, ihre Schaukelstühle auf den Bürgersteig und plauderten mit den Nachbarn. Nicaragua war ein für zentralamerikanische Verhältnisse sehr sicheres Land. Die Universitätsstadt León wurde noch zwei Wochen vor dem Beginn der Proteste von der US-amerikanischen Zeitschrift Forbes zur lohnendsten Tourismus-Destination Lateinamerikas erklärt.

Viele haben deshalb lange darüber hinweggesehen, dass an der Spitze dieses Landes ein immer selbstherrlicherer Regent stand. Ortega war ein Teflon-Mann, einer, an dem nichts hängen blieb. Er verdankte dies einem besonderen Charisma. Nicht, dass er ein guter Redner wäre. Seine Ansprachen sind eher eintönig und langatmig. Aber im Gespräch, von Angesicht zu Angesicht, da hatte er eine unglaubliche Präsenz, war schlagfertig, witzig und unterhaltsam und hatte die Fähigkeit, selbst Kritiker um den Finger zu wickeln.

Er hat dieses Charisma in den vergangenen Jahren verloren. Er gibt keine Interviews, gönnt sich kein Bad in der Menge mehr. Bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten wirkt er unkonzentriert. Er bewegt sich langsam und redet schleppend, sein Gesicht ist aufgedunsen. Ärzte aus seinem Umfeld sagen, das komme vom Cortison. Er soll seit Jahren an Lupus leiden, einer seltenen Krankheit des Immunsystems, deren Schübe durch starke Sonneneinstrahlung ausgelöst werden können. In einem tropischen Land ist das für einen Politiker eine Katastrophe.

Daniel Ortega ist einsam geworden. Er hat den Kontakt zum Volk verloren. Das mag mit dazu beigetragen haben, dass er am 18. April dieses Jahres die Lage völlig falsch eingeschätzt hat. Es war eine fatale Entscheidung, eine kleine Demonstration gegen seine per Dekret verkündete Rentenreform – Kürzung der Bezüge bei gleichzeitiger Erhöhung der Beiträge – von einer Gruppe der Parteijugend zusammenprügeln zu lassen. Vorher hatte er bei Protesten ein gutes Gespür. Er wusste, wann ein kurzes Zuschlagen genügte und wann es besser war, zu verhandeln und Zugeständnisse zu machen. Diesmal hat ihn sein Gespür getäuscht und aus einer bösen Schlägerei ist ein landesweiter Aufstand geworden.

Es war dieses taktische Gespür, das Ortega groß gemacht hat. Zwei Jahre vor dem Sieg der Sandinisten über die Nationalgarde der Somoza-Diktatur war die Guerilla heillos zerstritten. Zwei Flügel bekämpften sich bis aufs Blut. Der eine setzte auf die Strategie des sogenannten verlängerten Volkskriegs, mit der das Regime mit vielen kleinen Nadelstichen zermürbt werden sollte. Der andere wollte im eine klassische proletarische Revolution mit einer Arbeiterpartei als Avantgarde anzetteln. Ortega gründete eine dritte Strömung, die sogenannten Terceristas. Er setzte auf einen Aufstand, getragen von einem breiten Volksbündnis bis hinein in bürgerliche Kreise. Der Erfolg gab ihm recht. Nach eineinhalb Jahren des bewaffneten Aufstands und 40.000 Toten war der Tyrann verjagt. Am 19. Juli 1979 zogen die Sandinisten siegreich in Managua ein und es begann ein begeisterndes Experiment unter widrigsten Bedingungen.

Es war die Zeit, in der Kooperativen Großgrundbesitz übernahmen. Junge Freiwillige unter der Anleitung des Jesuitenpriesters und Befreiungstheologen Fernando Cardenal senkten den Anteil der Analphabeten von über fünfzig auf unter zehn Prozent. Der Trappistenmönch Ernesto Cardenal – ein Bruder von Fernando – wurde Kulturminister und versuchte, auf der Inselgruppe Solentiname im Nicaragua-See das Urchristentum in einer Bauerngemeinde wieder auferstehen zu lassen. Seine Liebesgedichte und sein „Evangelium der Bauern von Solentiname“ wurden weltweit genauso bekannt und beliebt wie die naive Malerei der Bauern. In Nicaragua wurden Schulen gebaut und Krankenhäuser mit Gratisbehandlung für die Bevölkerung. Die neue Polizei war nicht mehr kaserniert und repressiv, sondern wohnte in den Stadtvierteln und arbeitete mit der Bevölkerung. Das Land wurde so sicher wie das Urlaubsparadies Costa Rica.

Es war aber auch die Zeit des von den USA finanzierten Kriegs der antisandinistischen Contra mit weiteren 30.000 Toten. Die Zeit, in der die US-Marine die Hafeneinfahrten Nicaraguas verminte, um die Wirtschaft zu strangulieren. Die Zeit der Hyperinflation und der langen Schlangen vor leeren Läden. Der Kalte Krieg wurde ganz heiß ausgefochten und parallel dazu tobte der Kampf zwischen einer von der Befreiungstheologie inspirierten Basiskirche und der stockkonservativen Kirchenleitung unter Kardinal Miguel Obando y Bravo. Der wusste, dass er die Rückendeckung von Papst Johannes Paul II. hatte, wenn er die Sandinisten als gottlose Kommunisten geißelte. Unvergessen ist die Szene vom März 1983, als Ernesto Cardenal vor dem Nicaragua besuchenden Johannes Paul II. niederkniete und ihm den Ring küssen wollte. Der Papst aber zog die Hand zurück und ging einfach weiter. Cardenal wurde zwei Jahre später von seinem Amt als katholischer Priester suspendiert. Ortega war in dieser Zeit erst Mitglied einer Revolutionsjunta, seit 1984 dann gewählter Präsident.

Die Wahl 1990 hat er gegen die bürgerliche Violeta Chamorro verloren. Es war eine seiner stärksten Stunden. Chamorro brauchte damals drei Tage, bis sie den Schock ihres unerwarteten Siegs überwunden hatte und vor die Presse treten konnte. Ortega rief schon am Morgen nach der Wahlnacht seinen Anhängern zu, man werde nun „von unten regieren“. Er konnte das. Er war der einzige politische Führer, dessen Partei im ganzen Land organisiert und jederzeit mobilisierbar war. Er konnte Nicaragua mit Demonstrationen und Straßenblockaden lahmlegen, wann immer er wollte. Ohne ihn ging nichts.

Er konnte aber auch verhandeln. Mit Chamorros Nachfolger, dem so rechten wie korrupten Arnoldo Alemán, teilte er alle wesentlichen staatlichen Institutionen – vom Rechnungshof über den Wahlrat bis hin zu den Gerichten – unter ihren Anhängern auf. Das Wahlrecht wurde geändert: 35 Prozent der Stimmen genügen, um als Sieger ins Präsidentenamt zu kommen. Es musste Ortega nur gelingen, die zerstrittene Rechte zu spalten, dann konnte er zurück an die Macht. Ende 2006 war es so weit. Das Verfassungsverbot einer Wiederwahl ließ er dann 2010 vom ihm hörigen Verfassungsgericht aushebeln. Seither wurde er wieder und wieder gewählt.

Die Aussöhnung mit Obando y Bravo war sicherlich förderlich für die Rückkehr an die Macht. Kurz vor der Wahl von 2006 ließen sich Ortega und seine Lebensgefährtin Rosario Murillo – das Paar hatte schon sieben gemeinsame Kinder – in der Kathedrale von Managua vom Kardinal trauen. Zudem überredete Ortega die FSLN-Fraktion im Parlament, einer von Obando y Bravo geforderten Verschärfung des Gesetzes über den Schwangerschaftsabbruch zuzustimmen. Seither sind in Nicaragua Abtreibungen unter allen Umständen verboten, selbst wenn ein Mädchen nach einer Vergewaltigung schwanger wird oder das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Und Ortega und der Kardinal wurden gute Freunde und speißten regelmäßig miteinander. Obando y Bravo starb 92-jährig am 3. Juni dieses Jahres, keine drei Wochen nach dem Ausbruch der Unruhen.

In der FSLN war Ortega nicht immer unumstritten. Es gab Parteitage am Rand von Schlägereien, andere Ambitionierte aufs höchste Staatsamt. Ortega hat sie alle aus dem Weg geräumt. Eine entscheidende Rolle spielte dabei seine Frau, die Mutter von Zoilamérica Narváez. Im Skandal um den sexuellen Missbrauch hatte sie nicht ihrer Tochter, sondern dem mächtigen Mann an ihrer Seite den Rücken gestärkt. Seither ist ihr Einfluss so gewachsen, dass oft der Eindruck entsteht, Murillo und nicht Ortega regiere das Land. Sie hat die alten Parteikader entmachtet, die langjährigen treuen Mitglieder ignoriert. Statt dessen hat sie ein Netzwerk aus jungen Leuten aus Armenvierteln geschaffen, fanatisch, gewaltbereit und ihr ergeben. Sie lassen sich jederzeit rufen, wenn es darum geht, Proteste mit Prügeln im Keim zu ersticken, und so war es wohl auch am 18. April gedacht.

Die Aushöhlung der Partei zur leeren Hülle trug mehr zur Einsamkeit von Ortega bei als seine Krankheit. Er hat kein Korrektiv mehr, niemand, der ihm widerspricht. Das fiel lange nicht auf, weil Nicaragua unter seiner Herrschaft zu einem ruhigen und stabilen Land geworden war. Selbst der mächtige Unternehmerverband Cosep, der ihm einst spinnefeind war, hatte begriffen, dass man besser Geschäfte machen konnte mit Ortega als Präsident denn mit Ortega als Oppositionsführer. Der Präsident hat derweil heftig ins öffentliche Bildungs- und Gesundheitswesen investiert – beides war unter den rechten Vorgängerregierungen fast verschwunden. Er hat Null-Hunger-Programme für die arme Landbevölkerung aufgelegt. Er hat das alles mit Benzin finanziert, das eine von ihm kontrollierte Firma zu Vorzugspreisen vom befreundeten Venezuela bezog. Nun steht Venezuela selbst am Abgrund, die billigen Lieferungen bleiben schon lange aus. Die – wieder zurückgenommene – Rentenreform sollte wenigstens die marode Sozialkasse retten. Protest dagegen war nicht vorgesehen.

Seit Demonstranten niedergeknüppelt und auch erschossen werden und sich der Unmut zu einem Volksaufstand ausgeweitet hat, wittert der Unternehmerverband Morgenluft. Er hat zu einem – weitgehend befolgten – Generalstreik aufgerufen, fordert vorgezogene Neuwahlen und wollte das Problem zunächst ganz alleine mit dem Präsidenten lösen. Da machten die Studenten, die den Protest im Wesentlichen trugen, nicht mit. Auch die katholische Kirche hat sich seit dem Tod des 2005 zwar zurückgetretenen, aber weiterhin einflussreichen Obando y Bravo von der Regierung scharf distanziert. Kardinal Leopoldo Brenes hat alle Seiten zu einem immer wieder gescheiterten Runden Tisch geladen; Silvio José Baéz, der Weihbischof von Managua, wurde zeitweise so etwas wie der Sprecher der Demonstranten. Auch die Kirchenhierarchie fordert den Rücktritt Ortegas und vorgezogene Neuwahlen – was ihr Angebot, als Vermittler aufzutreten, schwierig macht. Ortega nennt die Bischöfe inzwischen „Putschisten“, es gab schon Angriffe fanatischer Sandinisten auf kirchliche Würdenträger.

Ein Ende des Konflikts ist nicht absehbar, auch wenn die Proteste derzeit nachlassen. Die Studenten, die die Bewegung getragen haben, sind vor der Übermacht der Polizei und ihrer bewaffneten Helfer geflohen. Sie verstecken sich auf dem Land und wollen sich aus dem Untergrund heraus neu organisieren. Fast vierzig Jahre nach dem Sieg der FSLN ist eine neue junge Generation aufgestanden, die mit dem Namen Ortega nicht mehr Befreiung verbindet, sondern Autokratie. Eine Generation, die zwar noch kein politisches Konzept hat, die aber genauso aufmüpfig ist, wie es Ortega als junger Mann war.

August 2018


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