Die vielen Wunder von Panamá

Warum das kleine Land zwischen Nord- und Südamerika zwar fußballerisch ein Zwerg sein mag, sonst aber für viele ein Traumland ist.

Von Toni Keppeler

Oh, wie schön ist Panamá! Das weiß jedes Kind aus dem Bilderbuch von Janosch, obwohl der kleine Bär und der kleine Tiger mit ihrer schwarz-gelb gestreiften Tigerente aus Holz dort nie angekommen sind. Panamá ist ein erträumtes Land, nicht nur für kleine Bären und Tiger. Auch für Kreuzfahrt-Touristen (die Passage durch den Panamá-Kanal), für Steuerflüchtlinge (die Panamá Papers), für Dandys (der Panamá-Hut), für Biologen (die größte Artenvielfalt auf dem amerikanischen Kontinent), für Waffenhändler und andere Ganoven (die Freihandelszone Colón, wo es keine Zölle und auch so gut wie kein Gesetz gibt).

Und – aber das wissen nur die, die schon dort waren und nicht nur Panamá-Stadt und Strände gesehen haben – es ist auch das Land, in dem man innerhalb von zwei Stunden eine Zeitreise durch tausende Jahre Menschheitsgeschichte machen kann: von den glitzernden Banken und Hotels der Hauptstadt über deren an Alt-Havanna erinnerndes koloniales Zentrum bis hin zu den Emberá, einer Ethnie, die noch nackt durch die Wälder rund um den Gatúnsee streift. Nur in ein paar ihrer Dörfer wurden die Baumhütten schmuck hergerichtet, um täglich hunderte von Kreuzfahrt-Touristen empfangen zu können. Die Männer haben sich ein keckes Schürzchen vor die Scham gebunden, die Frauen tragen dazu ein glitzerndes Bustier. Zu viel natürliche Nacktheit, sagt der Dorfälteste etwas verschämt, würde vor allem ältere US-amerikanische Kreuzfahrerinnen verstören.

Ein Fußballfeld wird man auf einer solchen Zeitreise kaum sehen. Obwohl das Land – etwa so groß wie Bayern, aber mit nur vier Millionen Einwohnern – zum fußballbegeisterten Lateinamerika gehört, spielt diese Sportart nur eine untergeordnete Rolle. Baseball ist das Mannschaftsspiel, das Emotionen weckt. Fußball rangiert in der Beliebtheitsskala in etwa auf der Höhe von Boxen. Trotzdem dreht sich derzeit im Fernsehen mindestens jeder zweite Werbespot um den größeren Lederball. Das liegt daran, dass sich Panamá zum ersten Mal überhaupt für eine Fußballweltmeisterschaft qualifiziert hat. Und dass gerade kein wichtiges Baseball-Turnier ansteht.

Gut, es geschah mit viel Glück. Am entscheidenden Spiel war Panamá gar nicht beteiligt. Weil die USA zum Ende der Qualifikation gegen die fußballerisch noch viel unbedeutenderen Karibik-Inseln Trinidad und Tobago mit 1:2 verloren haben, rutschten die Panamesen überraschend so gerade noch durch. Bis 1974 hatte die Nationalmannschaft nicht einmal an den Qualifikationsturnieren teilgenommen, danach habt sie sich nie qualifiziert. In den fünf vorbereitenden Freundschaftsspielen auf Russland, gab es nur ein Unentschieden (0:0 gegen Nordirland) und einen Sieg (1:0 gegen Trinidad und Tobago). Vom zur WM geschickten Kader verdienen etliche ihr Geld bei US-amerikanischen Clubs, einer kickt gar in der zweiten spanischen Liga. Für heimische Vereine engagieren sich gerade drei: die beiden Ersatztorhüter und ein Mittelfeldspieler. Panamá ist kein gutes Land, um sich als Fußballer einen Namen zu machen.

Gäbe es nicht die USA und ihre militärischen und wirtschaftlichen Interessen, würde es Panamá als Staat gar nicht geben. Der schmale Streifen Land zwischen Pazifik und Karibik war bis 1903 eine kolumbianische Provinz. Schon die Spanier waren davon fasziniert. Nicht wegen der Artenvielfalt, die daher rührt, dass sich in Panamá die nord- und die südamerikanische Flora und Fauna treffen. Die Spanier lockte der kurze Weg vom Pazifik zur Karibik – Luftlinie gerade einmal sechzig Kilometer. Dort bauten sie schon im 16. Jahrhundert einen Maultierpfad, um das aus Bolivien herangeschiffte Gold und Silber schnell auf die andere Seite und von dort nach Europa zu bringen. Als Mitte des 19. Jahrhunderts Kalifornien im Goldrausch lag, suchten die USA einen schnellen und sicheren Weg von Ost nach West, der die von Ureinwohnern und Desperados unsicher gemachten Gegenden im Mittleren Westen umging. Sie bauten eine Eisenbahn durch die Provinz Panamá. Der Franzose Ferdinand Lesseps schließlich begann 1881, einen Kanal auf Meereshöhe durch die Landenge zu graben – und war nach acht Jahren und 20.000 toten Arbeitern bankrott.

Auch die USA waren an diesem Kanal interessiert – als schnelle Verbindung für Waren, Soldaten und Kriegsgerät. Aber sie wollten den Kanal für sich und das wollten die Kolumbianer nicht. Also unterstützten die USA 1903 eine vorher völlig unbedeutende Unabhängigkeitsbewegung und ließen ihre Kriegsflotte vor der kolumbianischen Küste auffahren. Als dann auch noch US-Marines Panamá besetzten und dessen Unabhängigkeit ausriefen, knickte der Kongress in Bogotá ein. Mit der Unabhängigkeit sicherten sich die USA die Hoheitsrechte über die Kanalzone. Als diese Wasserstraße – jetzt nicht mehr auf Meereshöhe, sondern mit einem Schleusensystem – 1914 eröffnet wurde, setzten die Kanalbetreiber bei der offiziellen Jungfernsfahrt jedem der auf dem Dampfer Ancon sitzenden Notabeln gegen die Tropensonne einen Hut aus geflochtenem Toquillastroh auf. Die Fotos gingen um die Welt, Dandys waren begeistert und verlangten nach dem „Panamá-Hut“.

Lange bestimmten die USA Politik und Kultur des Kleinstaats von ihren Gnaden. Zahlungsmittel ist der US-Dollar, Baseball der Nationalsport. Bis zu 65.000 GI waren in der Kanalzone stationiert, inklusive einer Folterschule für lateinamerikanische Diktatoren von Schlage Somozas, Stroessners und Pinochets. An der karibischen Ausfahrt entstand bei Colón die nach Hongkong umsatzstärkste Freihandelszone der Welt, die Duty Free Shops in aller Welt versorgt. Hin und wieder wird dort eine Fabrikhalle voller Sturmgewehre entdeckt oder ein Kleinflugzeug voller Kokain. Gelegentlich stürzt auch ein Privatjet voll windiger Geschäftsleute aus unerklärlicher Ursache ab. Die Konkurrenz ist hart in Colón.

Es war General Omar Torrijos, ein linksnationalistischer Militär, der sich 1968 an die Macht geputscht hatte, der den Kanal für Panamá erobert hat. 1978 trotzte er dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter einen Vertrag ab, der die Rückgabe der Kanalzone bis zum 31. Dezember 1999 festschrieb. Bis dahin aber nutzte Torrijos die Präsenz der Besatzungsmacht. ie Nähe von US-Militärs plus der Dollar als Zahlungsmittel flößt Finanzjongleuren Vertrauen ein. Torrijos baute Panamá-Stadt zum internationalen Bankenstandort aus, mit laxem Regeln wie in karibischen Steuerparadiesen, aber mit der Sicherheit der USA. Man kann bis heute im Internet eine Briefkastenfirma eröffnen. Es dauert gerade zehn Minuten und kostet nur ein paar Dollar. Das geschieht jeden Tag mehrere hundert Mal. Es gibt in Panamá mehr Briefkastenfirmen als Einwohner. Und es gibt kleine und große Anwaltskanzleien, die diese Firmen verwalten. Mossack Fonseca & Co., deren Daten geleakt und zu den berühmten Panamá Papers wurden, gehörte zu den größeren.

Die Wirtschaft von Panamá hängt noch heute am Kanal und an undurchsichtigen Finanzinstituten. Der Kanal füllt mit gut zwei Milliarden US-Dollar Maut-Einnahmen bei rund 600 Millionen Dollar Betriebskosten die Staatskasse, die Finanzinstitute sorgen für gut bezahlte Arbeitsplätze und gut situierte Besucher. Und das Land hängt noch immer vom Wohlwollen der USA ab. Im Rückgabevertrag über den Kanal haben sie sich ein ewiges Interventionsrecht gesichtert, für den Fall, dass dessen Neutralität gefährdet sei; was immer das bedeuten mag. Die Tatsache, dass Panamá den USA die Teilnahme an der Fußballweltmeisterschaft vermasselt hat, ist sicher kein solcher Fall. Schließlich ist Fußball nicht der Nationalsport. Weder in den USA, noch in Panamá.

taz, 23.6.2018