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Öffnung oder Zensur?

2010 April 15

Langsam, ganz langsam werden die Kubaner zu Kapitalisten. Noch nicht mir Haut, aber immerhin schon mit Haaren. Ohne öffentliche Ankündigung oder gar Erklärung werden seit Anfang diesen Monats die bislang durchweg staatlichen Friseursalons privatisiert. Die Barbiere und Friseusen auf Castros Insel bekommen nicht mehr den kargen kubanischen Einheitslohn ihrer Branche, sondern arbeiten nun in die eigene Tasche. Und sie bezahlen Miete für ihre Etablissements, die weiterhin in Staatshand bleiben. Steuern natürlich auch. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Fortsetzung der vorsichtigen marktliberalen Öffnung der Regierung des kleinen Castro, wirft auf den zweiten Blick eine fast unbeantwortbare Frage auf: Warum gerade die Friseure?

Wer schon einmal in Havanna in einem Friseursalon war, der weiß, dass dort lange Reihen von mit Kunstleder überzogenen Sesseln aufgestellt sind, auf denen die Kunden zum Einheitspreis abgefertigt werden. Und es gibt weitere Reihen von mit Plastik bezogenen Stühlen, auf denen andere Kunden schwitzend festkleben und darauf warten, an die Reihe zu kommen. Nun ist in Kuba das Verbot, auf privater Basis Menschen auszubeuten, noch immer nicht gefallen. Ausbeuten darf weiterhin nur der Staat. Wie aber soll Privatwirtschaft in solchen kollektiven Haarschneidehallen funktionieren, wenn jeder nur aus der eigenen Arbeit Gewinn erzielen darf. Muss dann jeder, der dort Geld verdienen will, seinen eigenen Friseursessel anmieten? Und seinen eigenen Stuhl, auf dem sein nächster Kunde warten darf? Und was ist, wenn ein Figaro zwei wartende Kunden hat? Muss dann einer stehen, obwohl der vom nächsten Friseur angemietete Wartestuhl gerade frei ist? Oder kann ihn ein Haarschneider mit weniger Andrang kurzfristig an einen Kollegen mit mehr Zulauf untervermieten? Sind private Untervermietungen von staatlichem Eigentum mit dem karibischen Sozialismus zu vereinbaren oder lauert da nicht die Konterrevolution? Raúl Castro schweigt zu diesen Fragen.

Vielleicht ist die Privatisierung des Haarschneidewesens am Ende nur ein Falle: Vordergründig gibt man sich marktliberal, lockt aber die neuen Unternehmer in antisozialistisches Verhalten, was dann ein Vorwand wäre, die Friseursalons zu schließen. Innenarchitektonisch wäre das kein Verlust. Ich zumindest kenne keinen äußerlich attraktiven Friseursalon in Kuba. Für den Austausch von Nachrichten und Gerüchten aber wäre das Verschwinden dieser kollektiven Einrichtung ein schwerer Verlust. Wo sonst können 50 Menschen und mehr ungestört zusammenkommen und einfach plaudern. „Radio Bemba“ nennen die Kubaner diese Art des Nachrichtenaustauschs, der viel interessanter ist als die Parteizeitung „Granma“ und zudem staatlich nicht kontrolliert werden kann. Wenn Friseursalons demnächst wegen antisozialistischer Untervermietung staatlicher Wartestühle geschlossen werden und private Friseure nur noch bei sich zu Hause einzelne Kunden bedienen dürfen, ist klar: Es ging bei der Privatisierung des Friseurhandwerks nicht um eine Öffnung zur Marktwirtschaft, es ging um die Zensur von Radio Bemba.

Toni Keppeler, 14.4.2010

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