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Die Mordopfer von Comayagua

2012 Februar 17

Honduras ist wieder in den weltweiten Nachrichten – mit Bilder des Grauens von verbrannten Leichen und ihren weinenden Angehörigen. Über 350 Menschen sind beim Brand im Gefängnis von Comayagua zu Tode gekommen.

Schon vor dem Feuer gab es schreckliche Bilder aus dieser Haftanstalt. 856 Gefangene waren darin zusammengedrückt wie Sardinen in einer Büchse. Das Gefängnis war einmal für 400 Insassen gebaut worden, 856 hatte man hineingequetscht. Nachts gab es gerade zwölf Schließer, die nach dem Ausbruch des Feuers angeblich die Schlüssel nicht fanden, um die Zellen zu öffnen. Das Gefängnis hatte keine Krankenstation, für die Gefangenen gab es keinerlei psychologische Betreuung. Für ihre Ernährung wurde weniger als ein Dollar pro Tag ausgegeben.

Überfüllte Gefängnisse sind Alltag in Honduras, Guatemala und El Salvador. Hauptsächliche Ursache dafür ist die repressive Politik gegen Mitglieder von Jugendbanden. Am schlimmsten ist diese demografischen Explosion hinter Gefängnismauern in El Salvador: In den 28 Vollzugsanstalten des Landes drängen sich 24.000 Gefangene auf einem Platz, der für 9060 ausgelegt ist – eine Überbelegung von 253 Prozent. Im derzeitigen Wahlkampf vor der Parlamentswahl im März spielt das Thema trotzdem keine Rolle. Kein Politiker fühlt sich bemüßigt, über eine Lösung des Problems auch nur nachzudenken. Gefangene zählen in El Salvador nicht bei einer Wahl: sie haben kein Stimmrecht. Zudem erzählen Politiker aller Parteien, mit Haft und noch längeren Strafen könne man die überbordende Gewaltkriminalität eindämmen. Von Resozialisierung spricht niemand.

Vertreter der Organisation Amerikanischer Staaten und der Vereinten Nationen verlangen nun von den Regierungen von Honduras und den restlichen Länder Lateinamerikas, sie mögen doch bitte die Menschenrechte ihrer Gefangenen achten – jetzt, da von der Haftanstalt in Comayagua nur noch Asche übrig ist. Die Hälfte der Häftlinge, die dort verbrannten oder erstickten, hatten noch nie einen Richter gesehen, geschweige denn ein Urteil gehört. Man darf gespannt sein, in welcher Rubrik der Statistik der Todesursachen sie auftauchen werden. Eigentlich müssten sie als Mordopfer gelten.

Cecibel Romero, 17.2.2012

Der Mann der kleinen Schritte

2012 Januar 30

Raúl Castro ist der Mann der großen Ankündigungen und der ganz kleinen Schritte. Egal, welchen Elefanten er oder seine Adepten in den vergangenen zwei Jahren ausposaunt haben, es tippelte immer nur eine Maus in die Manege.

Da gab es zunächst vor eineinhalb Jahren die Ankündigung, über eine halbe Million Staatsbedienste würden innerhalb weniger Monate entlassen und sollten sich als Selbständige ein Auskommen suchen. Kurz darauf hieß es dann, dass es so schlimm nicht kommen werde; man habe das Programm auf mehrere Jahre gestreckt.

Vor der Sitzung der Volkskammer Ende vergangenen Jahres hieß es, es werde Reiseerleichterungen für Kubaner geben und die rechneten schon damit, dass das Ausreisevisum abgeschafft werde. Dann aber sagte Raúl Castro nur, man werde dieses doch sehr komplexe Thema im Auge behalten und es vielleicht irgendwann mit graduellen Änderungen anpacken.

Vor der Konferenz der Kommunistischen Partei am vergangenen Wochenende rechneten die Kubaner fest damit, dass die vorher schon angekündigte Begrenzung aller Amtszeiten in Partei und Staat auf zwei Mal fünf Jahre als beschlossen verkündet würde. Statt dessen sagte Castro nur, man werde vorsichtig damit beginnen, diese Regelung in einzelnen Bereichen einzuführen.

Ist Fidels kleiner Bruder nur ein letztlich enttäuschender Schwätzer?

Eher ein gewiefter Taktiker, der seinen Parteigenossen in den vergangenen zwei Jahren eine ganze Menge zugemutet hat: Autos und Häuser dürfen privat verkauft werden, Bauern dürfen ihre Ware ohne staatlichen Zwischenhändler Hotels anbieten und mit denen auch die Preise aushandeln, Banken geben Kredite an Privatleute, sogar an Unternehmer. Deren Zahl wächst täglich. Sie, die Jahrzehnte lang als selbstsüchtige imperialistische Agenten galten, sollen nun die marode kubanische Wirtschaft retten. So einen Paradigmenwechsel müssen versteinerte Apparatschiks erst einmal schlucken.

Man darf es deshalb nicht überbewerten, dass Raúl Castro zum Abschluss der Kommunisten-Konferenz noch einmal das Ein-Parteien-System als mit Zähnen und Klauen zu verteidigende Grundlage des kubanischen Sozialismus beschwor. Er musste den 800.000 Parteimitgliedern sagen: Ihr seid immer noch wer, ihr habt weiterhin das Sagen. Die Genossen brauchten ein bisschen Seelenmassage, damit Raúl Castro mit seinen Tippelschritten weitermachen kann.

Toni Keppeler, 30.1.2012

Das Geld der Maya

2012 Januar 9

2012 ist in der Kultur der Maya ein symbolisches Jahr: Ein Zyklus des Kalenders dieses Volkes, das zwischen dem 3. und dem 15. Jahrhundert Teile Mexikos, Belize und Zentralamerika beherrschte, endet am 21. Dezember. Ein neuer beginnt. Und wie das heutzutage so ist: Das Datum ist ein Anlass, um über den bevorstehenden Weltuntergang zu spekulieren. Solche Spekulationen freilich sind mehr auf Ignoranz und dem Einfluss von Hollywood gebaut als auf der Kutur der Maya. Der 21. Dezember 2012 bringt einfach nur eine besondere astronomische Konstellation, auf der die Wissenschaftler dieses Volkes ihren ziemlich präzisen Kalender gründeten: Erde und Sonne werden auf einer Linie im Zentrum der Milchstraße stehen, sonst gar nichts.

Ein Jahr vor diesem Ereignis hat der honduranische Präsident Porfirio Lobo in Copán, der größten Ruinenstadt der Mayas im Land, mit folkloristischem Brimborium eine Uhr eingeweiht. Sie tickt rückwärts, auf dieses Datum hin. Er lud Touristen aus aller Welt ein, in diesem „letzten“ Maya-Jahr das Land, die Ruinen und all die Festakte zu besuchen, die vorgesehen sind. Der Touristenstrom soll 2012 um mindestens zehn Prozent anschwellen.

Was Lobo nicht sagte: Wer im Maya-Jahr nach Honduras will, muss dafür bezahlen. Neuerdings wird von allen, die ins Land kommen, eine Einreisesteuer von 17 US-Dollar verlangt, zusätzlich zu den 32 Dollar Flughafensteuer.

Offiziell heißt dieser Obulus „Steuer für Sicherheit bei der Einreise“ und das Land selbst hat gar nichts von dem Geld. Es wird direkt weitergereicht an ein Firma aus den USA, die an den Grenzen Geräte zur Erfassung biometrischer Daten aufstellen und betreiben wird. „Wir werden nicht mehr erlauben, dass Drogenhändler, bezahlte Killer, Entführer, Geldwäscher oder Waffenschieber ins Land kommen“, sagt Innenminister Africo Madrid. Diese Kriminellen hätten Honduras „zu ihrer Operationszentrale machen können, weil wir kein modernes System der Einwanderungskontrolle hatten“. Gerade so, als ob Drogenhändler die offiziellen Kontrollen in Häfen oder Flughäfen passieren und nicht einen der unzähligen grünen Grenzübergänge in den Wäldern oder an den Küsten nutzen würden.

Seit dem Militärputsch vom Juni 2009 hat Honduras international nur als Land mit horrender und weiter steigender Kriminalität Schlagzeilen gemacht. Bald jeden Monat wird ein Journalist ermordet, ohne dass jemals ein Täter gefasst wird. Die Welt ist dort längst am Untergehen. Jetzt kann die Regierung mit dem letzten Maya-Jahr wenigstens ein bisschen von diesem Untergang ablenken.

Cecibel Romero, 9.1.2012

Der Präsident geht zur Arbeit

2011 Dezember 1

Früher sagte man Pfarrern nach, sie würden nachts in ihrem Arbeitszimmer das Licht brennen lassen, um ihre Schäfchen davon zu überzeugen, dass sie hart für ihr Seelenheil arbeiteten. So dachte sich der letzte, der zu später Stunde aus der Kneipe wankte: Der Pfarrer arbeitet noch immer. Und der erste Frühaufsteher wunderte sich: Der Pfarrer arbeitet schon wieder.

In El Salvador soll das Volk wissen, dass der Präsident hart für das Wohl des Landes arbeitet. Man kann es nicht ignorieren, wenn er sich morgens von der hoch oben über der Stadt gelegenen Residenz zum Präsidentenpalast begibt, der an einer der meist befahrenen Ausfallstraßen der Hauptstadt gut drei Kilometer weiter liegt. Denn dann kommen alle anderen zu spät zur Arbeit. Zuerst sperren ein paar Polizisten auf Motorrädern die um diese Zeit ohnehin völlig überlasteten Straßen ab. Staus, Gehupe und hin und wieder auch ein Auffahrunfall sind die absehbaren Folgen. Ist die Bahn einmal frei geräumt, rast ein kleiner Konvoi von nagelneuen meist dezent grau oder schwarz lackierten Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben durch, bisweilen eskortiert von weiteren Polizisten auf Motorrädern.

Mauricio Funes, der derzeitige Präsident des kleinen Landes, ist ein ganz besonderer Autonarr.  Gelegentlich setzt er sich selbst ans Steuer; vor allem dann, wenn Fernsehkameras in der Nähe sind. Kaum war er im Amt, hat er sich – als Privatmann, versteht sich – einen Hummer gekauft. Nun verdient ein Präsident in El Salvador magere 5000 US-Dollar im Monat, das reicht nicht für so einen paramilitärischen Luxus-Schlitten. Aber wir wollen zu Gunsten von Funes einmal annehmen, er sei als Präsident ganz besonders kreditwürdig und stottere sein Auto in Raten ab. Landesüblich freilich wäre eher ein Griff in die Staatskasse.

Neuerdings hat der erste Diener des Staats noch freiere Fahrt, wenn er zur Arbeit geht. In dieser Woche wurden direkt vor der Ausfahrt seiner Residenz zwei Ampeln auf der vorbeiführenden vierspurigen Straße installiert. Nun verzichtet Funes trotzdem nicht auf die repräsentative Eskorte und man kann sich fragen, worin der zusätzliche Nutzen dieser Verkehrszeichen liegt, wenn ohnehin alles weiträumig abgesperrt wird. Aber schick ist das schon: Man steigt ins Auto, drückt auf den Knopf der Fernbedienung und alle anderen sehen rot.

Toni Keppeler, 1.12.2011

Hundert Dollar Eintritt

2011 November 18

In Zentralamerika beginnt die Erntezeit. Für Tausende von Nicaraguanern bedeutet dies, auf Wanderschaft zu gehen. Sie ziehen in die Kaffeefincas und auf die Zuckerrohrfelder von Honduras und El Salvador und vor allem gehen sie in ihr reiches Nachbarland im Süden, nach Costa Rica.

Seit Generationen schon kümmern sich Nicaraguaner darum, dass Minen und Bananenplantagen und überhaupt die Agroindustrie in Costa Rica rund läuft. Man findet sie inzwischen auch in der Tourismus-Branche, auf dem Bau und im Dienstleistungsgewerbe; da vor allem als schlecht bezahlte Hausangestellte.

Wieviele es sind, weiß niemand genau. Man schätzt ihre Zahl auf zwischen einer halben und einer ganzen Million. Jedenfalls so viele, dass sich die gut situierten Bürger Costa Ricas seit einem guten Jahrzehnt bedrängt fühlen, die Ausländerfeindlichkeit stetig zunimmt und die Nicaraguaner für alle Probleme des Landes verantwortlich gemacht werden. 2006 wurde eigens ein neues Einwanderungsgesetz erlassen, das Abschiebungen erleichtert und Arbeitgeber mit hohen Geldstrafen bedroht, wenn sie Nicaraguaner ohne Arbeitserlaubnis anstellen. Gleichzeitig wurden die Voraussetzungen für eine Arbeitserlaubnis so drastisch verschärft, dass es nahezu unmöglich ist, eine zu bekommen. Zudem wird von Nicaraguanern – im Gegensatz zu allen anderen Zentralamerikanern – ein Visum verlangt.

Neuerdings haben die Behörden eine weitere Hürde erfunden: jeder Ausländer, der nach Costa Rica einreisen will, muss der Grenzpolizei seine „wirtschaftliche Unabhängigkeit“ beweisen, indem er mindestens hundert US-Dollar in bar vorweist. Für europäische Urlauber ist das kein Problem, für nicaraguanische Wanderarbeiter schon. In den vergangenen Tagen wurden unzählige von ihnen an der Grenze von Peñas Blancas zurückgewiesen, weil sie nicht genügend grüne Scheine in der Tasche hatten.

Nicaragua lebt von dem Geld, das Wanderarbeiter nach Hause schicken. Der größte Teil – rund 900 Millinen Dollar im Jahr – kommt aus den USA. Aber es sind nicht die ärmsten, die in den Norden gehen. Die gehen in die andere Richtung, nach Costa Rica. Die 163 Millionen Dollar, die sie im vergangenen Jahr nach Hause schickten, haben den Anteil der Armen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben, um 20 Prozent gesenkt.

Kaum eingeführt, wurde in dieser Woche das Eintrittsgeld von hundert Dollar vorübergehend ausgesetzt. Nicht etwa aus humanitären Gründen, sondern weil man den Ablauf der Kontrolle effektiver gestalten will. Costa Rica mag für den Umweltschutz, für sein Bildungs- und Gesundheitswesen ein Vorbild in der Region sein. Was den Umgang mit Wanderarbeitern angeht ist es das Gegenteil.

Cecibel Romero, 18.11.2011

Lifting für Granma

2011 Oktober 30

Es war schon immer eine Unverschämtheit. Da hat die Revolutionsregierung von Kuba Abermillionen in Schulen und Universitäten, in Forschung und Lehre investiert und damit ein Bildungsniveau geschaffen, wie es in Lateinamerika und der Karibik einzigartig ist. Und gleichzeitig wird diese so gebildete Bevölkerung in den staatlichen Medien – und andere sind so gut wie unzugänglich – für dumm verkauft. Das Parteiblatt „Granma“ und „Juventud Rebelde“, die Zeitung der kommunistischen Jugend, sind so bürokratisch, einfältig und uninformativ, dass man fast froh darüber ist, dass sie nur ein paar wenige Seiten dünn sind.

Ein paar Mal habe ich über diesen Widerspruch mit Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei diskutiert und es dann bleiben lassen, weil solche Debatten in immer der selben Sackgasse endeten: bei den USA. Fidel Castro selbst hat den schwindsüchtigen Informationsgehalt seiner Parteiblätter damit gerechtgertigt. Es gebe bei den linientreuen kubanischen Journalisten die „Angst, über etwas zu informieren, weil sie glauben, das könne nützlich sein für den Feind“.

Raúl Castro treibt nun als Nachfolger des älteren Bruders eine andere Angt um: Dass sich die Kubaner nicht mehr mit den Staatsmedien langweilen wollen, sondern dass sich immer mehr heimlich Satellitenschüsseln installieren und sich ihre Nachrichten bei eben diesem Feind abholen. Damit das nicht passiert, soll Granma ganz anders werden.

Wenn sich am kommenden 28. Januar die Delegierten der Kommunistischen Partei versammeln, um über Reformen zu debattieren, sollen auch die Staatsmedien auf der Traktandenliste stehen. Raúl Castro wünscht sich in diesen in Zukunft einen „objektiven und investigativen Journalismus“, ohne „Selbstzensur und Mittelmäßigkeit“, ohne „bürokratische und verschleiernde Sprache“, ohne „Vereinfachungen, Rhetorik, Triumphalismus und Banalität“.

Wünschen wir den Kubanern, dass es um mehr geht als nur um ein Facelifting für Granma.

Toni Keppeler, 30.10.2011

Cambio! Change! Wechsel!

2011 Oktober 26

Dieser Beitrag handelt von ganz kleinen Dingen. Von fast nichts im Vergleich zu den Millionen, die in Zentralamerika gerne aus Staatskassen geplündert werden. Aber es geht eben doch um Korruption, wenn auch auf ganz niedrigem, alltäglichem Niveau. Es handelt davon, dass öffentliche Funktionäre – egal, ob gewählt oder einfach nur angestellt – einen ihnen vom Staat zur Verfügung gestellten und von Steuergeldern finanzierten Wagen samt dem für seine Bewegung nötigen Benzin für private Ausflüge nutzen.

Solche ganz kleinen Fälle von alltäglicher Korruption waren die ersten, die in der Presse El Salvadors gebranntmarkt wurden. Das war vor gut zehn Jahren und damals fast eine kleine Sensation: Journalisten trauten sich, die „Autoritäten“ (so sagt man hier zu Regierungsangestellten) bloß zu stellen. Die Recherche war denkbar einfach: Man musste nur am Wochenende die Restaurants am Pazifikstrand abklappern und sich die Nummerschilder der dort geparkten Fahrzeuge ansehen. El Salvador hat ein einfaches Kennzeichen-System: Ein „P“ mit nachfolgender bis zu sechsstelliger Nummer bezeichnet einen privaten Wagen, ein „N“ (für „nacional“) einen staatlichen. Zudem müssen staatliche Fahrzeuge eigentlich das Logo des Ministeriums tragen, dem sie zugeordnet sind.

Nun hat es vor gut zwei Jahren einen Regierungswechsel gegeben. Der neue Präsident Mauricio Funes, von der ehemaligen Guerilla der FMLN aufs Schild gehoben, obwohl er selbst kein Linker ist, war angetreten mit dem Versprechen, alles ganz anders zu machen: Cambio! Change! Wechsel! Um Korruption vorzubeugen, hat Funes einen Unterstaatssekretär für Transparenz berufen und wenn man heute am Wochenende die Naherholungsgebiete der Salvadorianer besucht, sieht man tatsächlich keine Fahrzeuge mehr mit dem „N“ auf dem Nummernschild. Sollte es tatsächlich vorbei sein mit der kleinen Korruption?

Der schöne Schein trügt. Es braucht nicht viel Recherche um festzustellen: Auch die neuen „Autoritäten“ nutzen das bewegliche Staatsgut für private Zwecke. Nur tun sie es dezenter. Die neuen Dienstwagen tragen kein Logo eines Ministeriums und auch kein „N“, sondern das unauffällige „P“ auf dem Kennzeichen. Der versprochene Wechsel beschränkt sich im Fall dieser kleinen Korruption auf einen schlichten Wechsel des Nummernschilds.

Toni Keppeler, 25.10.2011

Sicherheitsprobleme, hier und dort

2011 September 25

„Schick mir das Foto, das du von mir und den Kindern gemacht hast“, sagt Alejandro Solalinde zur Fotografin der Zentralamerikanischen Universität von San Salvador (UCA), die ihn auf seiner 30-stündigen Reise nach El Salvador begleitet. „Selbstverständlich“, antwortet sie. „Und auch das von der Preisübergabe werde ich schicken.“ Der mexikanische Priester hat in den vergangenen Jahren schon viele Preise erhalten. Sie scheinen ihm nicht so wichtig zu sein. „Schon recht“, sagt er. „Aber das mit den Kindern ist mir besonders wichtig.“

Er scheint nicht müde zu sein, trotz seines eng gefüllten Terminkalenders: Treffen mit Nichtregierungsorganisationen, Interviews mit Radios, Fernsehsendern und Nachrichtenagenturen, ein Besuch im Kinderhort eines Armenviertels und eben die Preisübergabe in der UCA. Solalinde wird dort für seine Arbeit als Verteidiger der Mernschenrechte von illegalen zentralamerikanischen Migranten auf ihrem Weg durch Mexiko in die USA geehrt.

2007 hat Solalinde die Unterkunft „Hermanos en el camino“ („Geschwister unterwegs“) in Ixtepec im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca eröffnet. Monat für Monat wird sie von 4.000 Migranten besucht. Sie ruhen sich dort ein letzten Mal aus, bevor sie auf den Güterzug springen, der sie schneller zur Grenze mit den USA bringen soll. „La Bestia“  heißt dieser Zug im Jargon der Migranten. Die Bahnlinie ist gerade 500 Meter von der Unterkunft entfernt. Solalinde dachte am Anfang, es gehe vor allem darum, seinen Gästen ein warmes Essen aufzutischen. Heute geht es um etwas ganz anderes: Der Priester kämpft dafür, dass der Staat die Menschenrechte der Migranten respektieren möge.

Ich unterhalte mich mit ihm nach der Preisverleihung in einem der Gärten der UCA. Am Tisch sitzt mir ein hagerer Mann von 66 Jahren gegenüber, mit Halbglatze, aber ohne graue Strähnen. Er trägt eine kaffeefarbenes T-Shirt mit dem Portrait von Oscar Romero, jenem Erzbischof von San Salvador, der 1980 beim Zelebrieren einer Messe von einem rechtsradikalen Killer erschossen wurde.

Unter den Bäumen im UCA-Garten ist es kühl und still. Am nächsten Tisch sitzt ein Mann, der uns nicht aus den Augen lässt. Es ist ein Leibwächter von Golán, einer der bekanntesten privaten Sicherheitsfirmen El Salvadors. Man sieht ihre Männer in staatlichen Einrichtungen, vor Privathäusern und in Firmen. Ähnlich bekannt und groß ist die Konkurrenz von COSASE. Ihr Besitzer war einer der wichtigsten Financiers des Wahlkampfs des heutigen Präsidenten Mauricio Funes und gehört nun zum engsten Kreis seiner Berater. Private Sicherheitsdienste sind ein Bombengeschäft in ganz Zentralamerika. Am absurdesten ist es in Guatemala: Dort gibt es 120.000 private Schutz- und Wachmänner, aber nur 19.900 Polizisten.

Der Mann am Nebentisch trägt eine weite weiße Jacke. Sicher ist darin eine Waffe versteckt, um im Notfall seinen Schützling verteidigen zu können. Die ganzen dreißig Stunden, die Solalinde in El Salvador verbringt, ist dieser Mann in seiner Nähe. Die eine Nacht schlief der Priester in keinem Hotel, sondern in einem Gästehaus auf der Gelände der UCA. Auch dies „aus Sicherheitsgründen“.

In Mexiko wird Solalinde seit Monaten von gleich vier Männern bewacht. Sie wurden ihm von der Regierung zugeteilt, nachdem er Todesdrohungen erhalten hatte. Von wem? Man weiß es nicht, sagt er. Es könnten Drogenkartelle sein, andere Gruppierungen des organisierten Verbrechens, aber auch die Polizei oder Politiker. Die Gangster mögen ihn nicht, weil er der erste war, der Massenentführungen, Folter, Erpressung und Mord an Migranten durch das Kartell der Zetas weltweit bekannt gemacht hat. Politiker und Polizei kritisiert er für ihre Untätigkeit. Selbst die katholische Kirche nimmt er immer wieder aufs Korn, weil sie bequem sei und das Problem der Migranten lieber ignoriere, als sich auch um diese ihre Schäflein zu kümmern.

Solalinde trägt ein Kreuz aus Holz um den Hals. Er sagt, es sei nicht Angst gewesen, warum er die Leibwächter akzeptiert habe. „Mein Leben hängt nicht von diesen Gorillas ab“, sagt er. Er habe sie seiner Familie zuliebe akzeptiert, für die Kirche und für die internationalen Organisationen, die seine Arbeit unterstützen und möglich machen.

Aber wer bedroht ihn in El Salvador? „Seit dem Mord an dem argentinischen Liedermacher Facundo Cabral in Guatemala kann man nirgendwo mehr sicher sein“, sagt er. Die Zetas seien längst auch in Zentralamerika aktiv. „Und der mexikanischen Regierung wäre es nur recht, wenn mir etwas im Ausland zustößt. Sie sagen ja immer, dass die Gefahr von außen kommt und sie selbst nichts damit zu tun haben.“

Solalinde hat San Salvador, die gewalttätigste Stadt Lateinamerikas, inzwischen wieder verlassen und ist zurückgekehrt nach Oaxaca. Zuletzt haben wir noch davon gesprochen, dass auf einer Stadtautobahn in Veracruz 35 Leichen abgeladen wurden. Der Priester wusste nichts davon. Er hatte in El Salvador keine Zeit, die Zeitungen zu lesen. Aber es erschreckte ihn. Nicht, weil man sich in Mexiko über 35 weitere Leichen noch erschrecken würde. Aber er war erst kürzlich in Veracruz, bei der Hochzeit einer Frau aus der Gruppe „Las Patronas“. Diese Frauen haben eine ausgefeilte Technik entwickelt, mit der sie Plastiktüten mit Essen und Trinken auf den vorbeifahrenden Zug „La Bestia“ werfen. In der Regel sitzen ein paar hundert ausgehungerte zentralamerikanische Migranten auf dem Wagen dieses Zugs.

Als Solalinde zurück nach Oaxaca kam, wurde er sicher von seinem Leibwächtern vom Flughafen abgeholt. Sie werden ihm erzählt haben, dass inzwischen weitere 14 Leichen in Veracruz aufgetaucht sind. Vielleicht wollte er deshalb unbedingt das Foto mit den Kindern haben, die neugierig waren und ihn anfassten und ganz spontan umarmten. Es war einfach ein Moment ohne Gewalt, ohne Trauer und Tod in seinem Leben. Daran wollte er sich erinnern.

Cecibel Romero, 25.9.2011

Die Gier nach Macht

2011 September 12

Die Guatemalteken können sich am 6. November zwischen Teufel und Belzebub entscheiden: Bei der Präsidentschaftswahl vom Sonntag erreichten der General im Ruhestand Otto Pérez Molina und der mindestens ebenso rechte Manuel Baldizón die Stichwahl. Pérez Molina, obwohl ihm formaljuristisch nie etwas nachgewiesen wurde, wird mit so gut wie jedem spektakulären Verbrechen der vergangenen drei Jahrzehnte in Verbindung gebracht; von Massakern an Maya-Gemeinden im Bürgerkrieg über das Verschwindenlassen von Guerilleros bis hin zum Mord am Menschenrechtler und Weihbischof Juan Gerardi. Baldizón ist ein schnell reich gewordener Jungunternehmer der Hotel-Branche. Eben deshalb sagt man ihm beste Kontakte zu Drogenmafias nach. Wer schnell reich wird und viel baut in Guatemala, der kann das meist nur, weil er Drogengelder wäscht. Der smarte 41-Jährige will die horrende Kriminalität des Landes mit einer paramilitärischen Nationalgarde bekämpfen und Verbrecher zur Abschreckung öffentlich hinrichten lassen.

Warum nur haben die Guatemalteken zwei solche Figuren in die Stichwahl gehievt? Haben sie in 36 Jahren Bürgerkrieg mit über 200.000 Toten und der nachfolgenden Welle der Kriminalität nicht schon genügend gelitten?

Die Antwort ist einfach: Es fehlte eine Alternative. Die Partei des amtierenden Präsidenten Álvaro Colom hatte keinen Kandidaten. Colom selbst ist zwar zaudernd und unsicher, aber immerhin: er ist ein gemäßigter Sozialdemokrat. Seine Frau – korrekt: seine Ex – Sandra Torres ist da viel entschiedener. Sie wollte Nachfolgerin des Gatten werden, obwohl die Verfassung die Kandidatur enger Verwandter des Amtsträgers verbietet. Das Paar hat sich deshalb aus wahltaktischen Gründen scheiden lassen. Doch die Gerichte sahen darin versuchten Betrug und schlossen Torres vom Urnengang aus.

Das war von vorn herein wenn nicht absehbar, so doch zumindest wahrscheinlich. Das Präsidentenpaar pokerte hoch und verlor. Das ist typisch für guatemaltekische Politiker: Es ging Sandra Torres nie um ihr Land, es ging nur um ihre persönlichen Ambitionen. Für ihre Gier nach Macht hat sie die Guatemalteken rechten Finsterlingen zum Fraß vorgeworfen.

Toni Keppeler, 12.9.2011

Alte Wunden

2011 August 16

Es sind immer die selben Scheinargumente, die die Schlächter von gestern ins Feld führen, wenn sie heute zur Verantwortung gezogen werden sollen. Derzeit kann man sie von Militärs in El Salvador hören: Man möge doch nicht „alte Wunden aufreißen“, und wenn man es doch tue, provoziere man „Instabilität“.

Im konkreten Fall geht es darum, dass ein spanischer Richter die Auslieferung von neun ehemals ranghohen Militärs verlangt, um sie als Verantwortliche für ein Massaker an der von Jesuiten geleiteten Zentralamerikanischen Universität von San Salvador im November 1989 vor Gericht zu stellen. Zu Hause sind die neun vor Strafverfolgung sicher, sie werden von einem völkerrechtlich mehr als fragwürdigen Amnestiegesetz geschützt. Weil aber fünf der acht damals Massakrierten spanische Staatsbürger waren, hat nun ein Richter in Madrid einen internationalen Haftbefehl gegen sie erwirkt.

Die neun Militärs haben sich deshalb in einer Kaserne verschanzt. Draußen haben ihre Freunde gegen die „spanische Einmischung“ in angeblich nationale Angelegenheiten demonstrierent. Sie sind es, die von „alten Wunden“ und „drohender Instabilität“ reden. Gerade so, als wären sie die Opfer und nicht die Täter.

Eine zynische Sprachverwirrung. Die Generäle ordneten an und schauten zu. Sie trugen keine Wunden davon. Aber sie rühren noch immer in den damals anderen zugefügten Wunden herum, wenn sie weiterhin Straflosigkeit als ihr gutes Recht verlangen.

Genauso zynisch ist die Warnung vor „drohender Instabilität“. Im Klartext ist das keine gut gemeinter Rat, sondern eine ganz böse Drohung. Wer, wenn nicht sie, können die Stabilität El Salvadors gefährden? Etwa die Opfer von damals?

Von Rechts wegen müssten die neun von der Polizei verhaftet werden. Dann müsste der Oberste Gerichtshof darüber entscheiden, ob sie nach Spanien ausgeliefert werden. So zumindest steht es im Gesetz. Ob dieses Gesetz auch angewandt wird, ist keine Frage der nationalen Souveränität. Es ist die Frage, ob El Salvador bald zwanzig Jahre nach dem Bürgerkrieg ein Rechtsstaat geworden ist oder nicht.

Toni Keppeler, 16.8.2011