Flucht aus der Hoffnungslosigkeit

Migranten aus Zentralamerika schließen sich auf ihrem Weg in die USA zu Karawanen zusammen. Nie waren sie so groß wie in dieser Saison.

Von Toni Keppeler

Tecún Umán ist Guatemalas Hauptstadt des Verbotenen. Fast nichts, was in dem rund 25.000 Einwohner zählenden Städtchen passiert, ist legal. Der Ort ist ein Hort der Schmuggler und Hehler, der schmuddeligen Bordelle ohne Lizenz und der Billardsalons, in denen der Streit ums Geld mindestens einmal in der Woche in eine Schießerei ausartet. Und es ist der letzte Rastplatz der Migranten ohne Papiere, bevor sie auf ihrem Weg in die USA den Río Suchiate nach Mexiko überqueren. An einem durchschnittlichen Tag kommen fast tausend von ihnen in die Stadt. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen machen sich täglich allein in El Salvador zwischen 300 und 400 Menschen auf den Weg in den Norden. Dazu kommen rund 300 aus Honduras und noch einmal etwa 300 aus Guatemala selbst. Fast alle wählen den Weg über Tecún Umán. Auch die bislang mindestens sechs so genannten Karawanen von Migranten, die in dieser Saison seit Oktober die Aufmerksamkeit der Weltpresse erregten, sind durch das Städtchen gezogen.

Tecún Umán liegt am südlichen Ufer des Río Suchiate. Am nördlichen Ufer beginnt Mexiko. Auf der Brücke mit Grenzstationen auf beiden Seiten ist an normalen Tagen nicht viel los. Der eigentliche Grenzverkehr spielt sich rund 200 Meter flussaufwärts ab. Dort gibt es, in Sichtweite der Grenzsoldaten, auf guatemaltekischer Seite eine regelrechte Landestelle. Dutzende von Floßen sind an in den Fluss hinaus gebauten Molen verankert: Aufgepumpte Schläuche von Lastwagenreifen als Schwimmer, darauf ein Rost aus Holzlatten. Bis zu zehn Menschen passen auf so ein Floß – oder eben Schmuggelware. Jetzt, in der Trockenzeit, ist der Río Suchiate nicht sehr tief. Die Männer, die diese Floße an Seilen auf die andere Seite nach Mexiko und dann wieder zurück nach Guatemala ziehen, versinken allenfalls bis zur Brust in den Fluten. 75 Quetzales verlangen sie für eine Fuhre, rund 8,50 Euro. In der Regenzeit, wenn der Suchiate mehr Wasser führt, staken sie ihre Fracht mit langen Holzstangen auf die andere Seite. Das ist langwieriger und auch ein bisschen teurer.

Benzin in großen Kanistern kommt so nach Guatemala, Maismehl, Tequila, chinesisches Blechspielzeug, sogar Heiligenstatuen. Alles, was in Mexiko billiger ist, wird auf einem informellen Markt oberhalb der Uferböschung zum Verkauf angeboten. Hinüber nach Mexiko werden fast ausschließlich Menschen transportiert. Ganze Familien sitzen auf einem Floß. Manche wollen nur Angehörige und Freunde auf der anderen Seite besuchen, andere sind Migranten ohne Papiere. Sie sind leicht zu erkennen: Sie tragen praktische Kleidung, meist Jeans, T-Shirts und Turnschuhe, die Männer genauso wie die Frauen. Sie haben einen kleinen Rucksack auf dem Rücken, darin Wäsche zum Wechseln und ein paar Dollars. Mehr braucht man nicht für die Reise.

Wer die paar Quetzales für die Überfahrt sparen will, geht von der Landestelle aus noch einmal gut hundert Meter flussaufwärts. Dort ist der Suchiate zwar breiter, in der Trockenzeit aber so flach, dass man gefahrlos auf die andere Seite waten kann. Maya-Frauen schürzen dort ihre bunten Röcke, Männer steigen aus den Hosen, verstauen sie im Rucksack und gehen in Unterwäsche ins Wasser. Kinder werden auf den Schultern getragen. Die Flößer stört das nicht, sie haben auch so genug Arbeit. Nur die Karawanen von Migranten mögen sie nicht. Karawanen verderben das Geschäft. Sie locken Fernsehteams nach Tecún Umán. Die Grenzer stehen unter Beobachtung und glauben, sie könnten den illegalen Grenzverkehr nun nicht dulden. Und die Karawanen nehmen die Brücke. Ein paar Stunden lang wird dort ein Machtkampf aufgefochten. Die Grenzsoldaten versperren den Weg, tief fliegende Armeehubschrauber versuchen, die Migranten einzuschüchtern. Doch die geben nicht nach und drängen. Schließlich wird die Grenze aufgemacht und die Fernsehteams haben die gewünschten dramatischen Bilder.

Das war nicht immer so. Solche Karawanen gibt es seit mindestens fünf Jahren. Sie waren in aller Regel unbeobachtet von Journalisten unterwegs. Sie wurden von Organisationen und Einrichtungen zusammengestellt, die sich seit Jahren um papierlose Migranten kümmern. Sie seien, sagt der Priester Mauro Verzeletti, der die Unterkunft „Casa del Migrante“ in Mixco bei Guatemala-Stadt leitet, „einfach billiger“ als der traditionelle Weg in den Norden. Für Jahrzehnte reisten die Zentralamerikaner in kleinen Gruppen. Schlepper akzeptieren zehn oder zwölf Migranten, bringen sie in Bussen, zu Fuß oder auf Güterzügen quer durch Zentralamerika und Mexiko und zuletzt illegal über die Grenze in den USA. Unterwegs gibt es Häuser, in denen diese Gruppen übernachten oder auch einmal für ein paar Tage versteckt werden können. Vor zehn Jahren noch verlangten die Schlepper 2.000 bis 3.000 Dollar für die Reise. In letzter Zeit aber sind die Preise explodiert, vor allem seit US-Präsident Donald Trump von einer Grenzmauer träumt, die jetzt schon bestehenden Befestigungsanlagen verstärken und erweitern lässt und den Grenzschutz personell aufgestockt hat. 10.000 bis 12.000 Dollar sind heute ein üblicher Preis. Migranten, die in den USA meist kaum mehr als die Jobs von Erntehelfern, Tellerwäschern oder Kindermädchen ergattern können, verschulden sich damit auf Jahre.

Zudem wurde die Reise immer gefährlicher. „Drogenmafias und das organisierte Verbrechen haben die Route seit Jahren unter Kontrolle“, weiß Verzeletti. Sie dominieren nicht nur die Netzwerke der Schlepper. Es gibt auch tausende von Berichten, nach denen Migranten entführt wurden, um von ihren Verwandten zu Hause Lösegeld zu erpressen. Unzählige Frauen wurden vergewaltigt und in die Prostitution gezwungen. Oft wird von den Migranten verlangt, auf dem Schleichweg über die Grenze der USA ein Kokainpaket in den Rucksack zu stecken. Die geheimen Unterkünfte auf dem Weg dienen häufig gleichzeitig als Drogenlager und auch die Migranten heißen im Schlepper-Jargon schlicht „Pakete“. Auch die Polizei entführt und erpresst. Weltweit bekannt wurde das Massaker an 72 Zentralamerikanern im August 2010 in einer geheimen Unterkunft in einem Landgut bei San Fernando im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas. Die Polizei hatte die Migranten entführt und an das Verbrecherkartell der Zetas verkauft. Als sie sich weigerten, Kokain über die Grenze zu schleusen, wurden sie ermordet.[1]

Karawanen mit tausend und mehr Menschen sind der beste Schutz gegen solche Gefahren. Ihre Saison beginnt immer im Oktober, wenn in Zentralamerika die Regenzeit zu Ende geht und damit der Weg in den Norden weniger beschwerlich wird. Sie dauert dann bis in den April. Im Mai beginnt die nächste Regenzeit. Die in Zentralamerika zusammengestellten Karawanen wuchsen auf ihrem Weg bis nach Mexiko, weil sich viele Kurzentschlossenen spontan anschlossen. Bald nach Tecún Umán brachen sie meist in zwei Teile auseinander. In Arriaga im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas enterte ein Teil einen dort losfahrenden Güterzug, der wegen der vielen Personenunfälle „La Bestia“ genannt wird. Wem das zu riskant war, reiste zu Fuß, per Anhalter oder mit dem Bus weiter.

Kurz vor den Vereinigten Staaten lösten sich die Karawanenteile dann vollends auf. Ein Teil ging ganz legal über die Grenze und beantragte Asyl. Wer dafür keine Gründe vorbringen konnte, suchte sich in Tijuana einen Schlepper oder wagte sich auf eigene Faust in kleinen Gruppen durch die Wüste. Nach ein paar Tagen war die Menschenmenge verschwunden. „Die Zahl der Migranten ist seit Jahren stabil“, sagt der Priester Verzeletti in Mixco. „Was sich verändert hat, ist die Art des Reisens: als Karawane sind sie sichtbar.“

Auch die Gründe, warum die Menschen massenhaft El Salvador, Honduras und Guatemala verlassen, sind seit über zehn Jahren die selben. Egal, welchen papierlosen Migranten man auch fragt, die Antworten gleichen sich: Armut und Gewalt. In Guatemala ist rund die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren chronisch unterernährt. In der Hauptstadt aber regiert ein kleiner Klüngel von Oligarchen, deren Reichtum auf der Ausbeutung der ländlichen Bevölkerung beruht und der zudem so korrupt ist, dass für Sozialprogramme kein Geld mehr bleibt. Der im September 2015 gestürzte Präsident Otto Pérez Molina wanderte vom Präsidentenpalast direkt ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft und die internationale Juristenkommission Cicig[2]werfen ihm vor, seine „Patriotische Partei“ mit dem alleinigen Ziel gegründet zu haben, die Staatskasse auszunehmen. Auch gegen seinen Nachfolger Jimmy Morales wird wegen Korruption ermittelt, weshalb er das Mandat von Cicig gekündigt hat. Sein honduranischer Kollege Juan Orlando Hernández ist kaum besser. Unter seiner Herrschaft wurde sogar die Sozialkasse geplündert, weshalb in den Armenkrankenhäusern des Landes die nötigsten Medikamente und Verbandsmaterial fehlen. In El Salvador regiert zwar seit 2009 mit der ehemaligen Guerilla der FMLN die Linke, aber auch sie hat die in sie gesetzten Hoffnungen weitgehend enttäuscht. Ihre Sozialpolitik unterscheidet sich kaum von der der rechten Vorgängerregierungen. „Die Frustration und Hoffnungslosigkeit hat in den vergangenen Jahren in Zentralamerika eher noch zugenommen“, sagt die guatemaltekische Menschenrechtlerin Helen Mack.

Was die Gewalt angeht, sind die drei Länder seit Jahrzehnten unter den weltweit ersten fünf mit der höchsten Mordquote. El Salvador erreichte gar schon den Spitzenwert von 140 Morden pro 100.000 Einwohner im Jahr – über 200 Mal höher als der von Deutschland. Allein in den vergangenen drei Jahren wurden in dem rund sechs Millionen Einwohner zählenden Land mehr als 20.000 Menschen umgebracht. Für meisten der Toten sind die so genannten Maras verantwortlich – zu Verbrechersyndikaten gewordene ehemalige Jugendbanden. In El Salvador haben sie mindestens 60.000 Mitglieder, in den Nachbarländern Guatemala und Honduras nicht wesentlich weniger. Sie treiben flächendeckend Schutzgeld ein und kontrollieren ganze Stadtviertel. Jugendliche, die die sich nicht rekrutieren lassen, schweben in Lebensgefahr. Polizei und Militär gegen mit barer Gewalt gegen diese Banden vor, Menschenrechtsorganisationen sprechen von außergerichtlichen Hinrichtungen. Wer jung ist, arm und männlich, gilt den Sicherheitskräften prinzipiell als verdächtig. Tausende solcher junger Männer sind schon geflohen.

Karawanen sind für sie – schon allein aus finanziellen Gründen – der einzige Weg zu einem besseren Leben im Norden. Grenzanlagen und wüstes Getwittere des US-Präsidenten können sie nicht entmutigen. „Es sind Karawanen der Hoffnung“, sagt die honduranische Menschenrechtsanwältin Miroslava Cerpas. „Das sind tiefreligiöse Menschen, die auf einen Moses hoffen, der sie durch die Wüste ins gelobte Land führen wird.“

Das Getwittere Trumps war sogar entscheidend dafür, dass die erste Karawane dieser Saison mit bis zu 7.000 Menschen zur bislang größten wurde. Im Wahlkampf vor den Zwischenwahlen in den USA hatte der Präsident wegen seiner windelweichen Haltung zum Mord an dem saudischen Journalisten Jamal Kashoggi zunächst gar nicht gut ausgesehen. Nach Erkenntnissen der New York Times[3]haben ihm deshalb seine Berater empfohlen, zur Ablenkung auf ein anderes Thema zu setzen. Sie empfahlen die eben in Honduras zusammengestellte Migranten-Karawane. Die präsidialen Tweets lockten Journalisten an, das Thema war weltweit und eben auch in Honduras, El Salvador und Guatemala täglich in den Fernsehnachrichten. Immer mehr Menschen erfuhren davon und immer mehr schlossen sich an. Die dauernde mediale Begleitung führte dann auch dazu, dass sich diese Karawane nicht teilte und sich vor der Ankunft in Tijuana auch nicht auflöste. Tausende kamen dort ab Mitte November innerhalb weniger Tage an, die Aufnahmekapazitäten der Herbergen in der Grenzstadt reichten bei weitem nicht aus.

Erst in Tijuana begriffen die Menschen, dass es keinen Moses gab, der sie durch die Wüste führen würde, und dass sich der US-Präsident von ihrem Schicksal nicht anrühren ließ und die Grenze öffnete, sondern sie weiterhin als wüste Verbrecherhorde beschimpfte. Einmal entlud sich die Frustration in einem Versuch, die Grenze in der Masse zu überwinden. Er wurde von der US-Seite mit Tränengasgranaten zurückgeschlagen. Mitte Dezember begann dann der bei früheren Karawanen übliche Ablauf: Der große Tross begann, sich aufzulösen und sich auf mehrere Grenzorte zu verteilen. Kleine Gruppen suchen sich Schlepper oder gehen auf eigene Faust durch die Wüste in Richtung Norden. Es wird noch Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis der Migrantenstau in Tijuana abgebaut ist.

Le Monde diplomatique 1/2019



[1]Siehe taz vom 26. August 2010 und New York Times vom 23. Dezember 2014.

[2]Cicig (Internationale Kommission gegen die Straffreiheit in Guatemala) ist eine von den Vereinten Nationen entsandte Gruppe von Juristen und Kriminalisten, die seit 2009 das korrupte guatemaltekische Justizwesen durchforsten und mit dem Staat verbandelte Mafias in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft vor Gericht bringen soll.

[3]Siehe New York Times vom 24. Oktober 2018.