El Salvador ehrt Jürg Weis

Die Frühgeborenen-Station im Spital von Santa Ana bekommt den Namen des 1988 ermordeten schweizer Internationalisten.

Von Toni Keppeler

Fast dreißig Jahre nach seinem gewaltsamen Tod in El Salvador ist Jürg Weis noch nicht vergessen. Am vergangenen Freitag wurde die neu errichtete Abteilung für Frühgeburten im staatlichen Spital von Santa Ana im Westen des zentralamerikanischen Landes nach dem schweizer Internationalisten benannt. Selbst Präsident Salvador Sánchez Cerén nahm am vergangenen Freitag an der Feier zur Namensgebung teil. El Salvador und die schweizer Linke verbindet eine lange Geschichte.

Weis, damals 42 Jahre alt, war Pfarrer und im Zürcher Zentralamerika-Sekretariat für die Koordination schweizer Solidaritätsprojekte in El Salvador verantwortlich. Dort herrschte damals ein blutiger Bürgerkrieg. Militärs und rechte Todesschwadrone ermordeten alle, die auch nur entfernt mit der Opposition sympathisierten. Vor allem die Menschen auf dem Land hatten zu leiden. Sie galten der Regierung als mögliche Unterstützer der Guerilla der FMLN. Weis hatte das Land mehrfach besucht. Am 22. August 1988 war er in der Provinz Cabañas unterwegs. Nach offizieller Darstellung wurde er an jenem Tag auf Seiten der Guerilla in ein Feuergefecht mit einer Militärpatouille verwickelt und erschossen. Mit ihm starben zwei Guerilleros. Angeblich haben die Soldaten seiner Leiche eine noch heiße Feuerwaffe aus den Händen genommen. Sie hätten die Toten zwei Stunden lang unbewacht in einem Maisfeld liegen lassen, um Verstärkung zu holen. In dieser Zeit sei das Gesicht von Weis von Guerilleros verstümmelt worden, um seine Identifizierung zu erschweren. Der schweizer Pass aber wurde bei der Leiche gefunden.

Nicht nur dieser Widerspruch führte dazu, dass im September neun schweizer und deutsche Anwälte, Pfarrer und Politiker nach El Salvador flogen, um den Tod von Weis aufzuklären. Bei einer Obduktion der Leiche am gerichtsmedizinischen Institut der Universität Basel war festgestellt worden, dass er die Hieb- und Stichwunden im Gesicht noch zu Lebzeiten erlitten hatte und dass er aus nächster Nähe erschossen worden war. Zeugen hatten gesehen, wie der auffällig große Mann von Mitgliedern der paramilitärischen Nationalpolizei verschleppt worden war. Der Bericht der Delegation fällte ein deutliches Urteil: Es gab „kein Gefecht, sondern Mord“, die Mörder „gehören der Armee oder anderen salvadorianischen Sicherheitskräften an“. Sie wurden bis heute nicht gerichtlich belangt.

Dass nun die Abteilung für Frühgeburten im Spital von Santa Ana nach Jürg Weis benannt worden ist, „lag fast auf der Hand“, sagt Spital-Direktor Ramón Ábrego. Er hatte 2012 Besuch von Franco Cavalli bekommen. Der ehemalige Nationalrat der Sozialdemokraten war nicht als Politiker, sondern als einer der Gründer des kleinen tessiner Hilfswerks „Associazione per l’aiuto al Centro America“ (Amca) gekommen, das seit über zwanzig Jahren medizinische Projekte in Zentralamerika unterstützt.

Ábrego und Cavalli waren sich schnell einig: Die 1950 errichtete und seither nicht erweiterte Frühgeborenenstation in Santa Ana entspricht schon lange nicht mehr internationalen Standards. Als Regionalkrankenhaus ist das Spital für ein Einzugsgebiet zuständig, in dem jedes Jahr rund 18.000 Kinder geboren werden. Pro tausend Geburten bräuchte man eigentlich einen Brutkasten. Santa Ana verfügt über sechs und die stehen enger beieinander, als es die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation zum Schutz vor Infektionen erlauben. Geld für eine Erweiterung hat das Gesundheitsministerium nicht. Der Staat steht am Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Nun ist – mit rund 400.000 Franken von Amca – ein Neubau auf dem Gelände fertiggestellt worden. In einem zweiten Schritt soll er mit fast noch einmal so viel Geld mit den nötigsten Apparaten ausgestattet werden. „Als wir der Gesundheitsministerin vorschlugen, den Bau nach Jürg Weis zu benennen, war sie sofort einverstanden“, sagt Ábrego. Sie war, als der Schweizer ermordet wurde, genauso bei der Guerilla wie der heutige Präsident. Das Andenken an Weis wird in Ehren gehalten, die gerichtliche Aufarbeitung des Mordes aber steht noch aus. Seit der Oberste Gerichtshof El Salvadors im vergangenen Jahr eine Generalamnestie für im Bürgerkrieg begangene Verbrechen aufgehoben hat, wäre sie zumindest möglich.

woz, 18.5.2017