Eine Stadt versinkt im Boden

Erst wurden Seen trocken gelegt, dann das Abwasser weit weg gebracht. Die Wasserreservoire trockneten aus und die Bevölkerung explodierte. Mit dem Klimawandel spitzt sich die Lage in Mexiko-Stadt dramatisch zu: Die unterirdische Natur holt sich das Wasser zurück und zerstört dabei ein Weltkulturerbe.

Von Toni Keppeler

Es war nachts um zwei, ganz in der Nähe der Landestelle Zacapa. Ein Nachtwächter hat es als erster gehört: ein lautes Schlürfen und Gurgeln. „Es war, als habe man den Stöpsel aus einer gigantischen Badewanne gezogen“, erzählt Ángel Cristobal. „Ein gewaltiger Strudel, der alles verschluckt hat.“ Die schnell herbeigerufenen Arbeiter und Ingenieure brauchten bis morgens um neun, um die Stelle mit dem Loch mit Sandsäcken zu isolieren. Bis dahin war der Wasserspiegel im gut 150 Kilometer langen Kanalsystem von Xochimilco um einen halben Meter gesunken. Eine riesige Wassermenge war im Inneren der Erde verschwunden.

Ángel Cristobal ist Bootsführer in Xochimilco. Der junge Mann, kaum dreißig Jahre alt, stammt aus einem kleinen Weiler in den Bergen des mexikanischen Bundesstaats Puebla, wo noch immer die Aztekensprache Nahuatl gesprochen wird. Man sieht ihm seine Abstammung an: dunkle Haut, pechschwarze kurz geschnittene Haare. Er ist klein, kompakt und kräftig. Vor fünf Jahren ist er nach Xochimilco am südlichen Rand des Molochs von Mexiko-Stadt gekommen, „weil es hier Arbeit gibt“. Das Kanalsystem ist einer der letzten Reste des Reichs seiner Vorfahren. Die Azteken hatten ihre Hauptstadt Tenochtitlan auf einer kleinen Insel in einem See gebaut, um sie besser verteidigen zu können. Um Land zu gewinnen, füllten sie Flöße mit Schlamm und verankerten sie mit Pfählen in niedrigen Wasser. Auf diesen sogenannten Chinampas bauten sie Mais an, Tomaten und anderes Gemüse, und viele Blumen. Xochimilco heißt übersetzt das „Blumenfeld“. Das Zentrum von Tenochtitlan lag dort, wo jetzt das historische Zentrum von Mexiko-Stadt ist – zwanzig Kilometer nördlich des heutigen Xochimilco. Dazwischen, im See, lagen ihre Felder auf diesen schwimmenden Gärten. Die Ernte brachte man auf Booten über die zwischen den Chinampas entstandenen Kanälen in die Stadt.

Von dieser Landschaft aus Seen und Kanälen ist nur ein kleiner Rest geblieben. Xochimilco ist heute Weltkulturerbe und Naherholungsgebiet für die über zwanzig Millionen Einwohner von Mexiko-Stadt. Hier weht immer eine leichte Brise, es ist kühler als in der Beton- und Asphaltwüste der Megastadt. An den Wochenenden stehen die Menschen Schlange, um auf eines der Ausflugsboote zu kommen: Bunt angestrichene „Trajineras“ genannte Flöße mit Dach, Stühlen und langem Tisch. Junge Männer wie Ángel Cristobal staken sie mit langen Holzstangen durch die Kanäle zwischen den Chinampas hindurch. Auf vielen werden noch immer – heute in Gewächshäusern – Blumen angebaut, auf anderen Mais und Gemüse. „Einmal im Jahr fällst du ins Wasser“, sagt Cristobal. „Weil du ausrutschst oder weil du mit einer anderen Trajinera zusammengestoßen bist.“ Manchmal werde es richtig eng auf den Wasserstraßen.

Nachdem sich das Loch im Kanal bei der Landestelle Zacapa aufgetan hatte, durften Cristobal und seine Kollegen sechs Wochen lang nicht arbeiten. So lange brauchte eine Baufirma, um das zwei auf drei Meter große Loch mit wasserfestem Beton zu versiegeln. Darunter, hat Cristobal erfahren, hat sich ein mehrere Kilometer langer Schlund aufgetan. Er reicht hinab bis zu einem nahezu ausgetrockneten unterirdischen See, einem der fast ausgetrunkenen Wasserspeicher der Megalopolis. Zwanzig Millionen Menschen verbrauchen mehr Wasser, als nachsickert, und jetzt, da mit dem Klimawandel immer weniger Regen vom Himmel fällt, kommt immer weniger unten an. Und immer mehr verdunstet an der Oberfläche. Der der Verkehr ist höllisch: Über den grossen Stadtautobahnen sind weitere vier oder sechs Fahrspuren auf Stelzen gebaut und auch so herrscht ob der Menge der Fahrzeuge täglich Stau. Das sorgt für eine ständige Dunstglocke über Mexiko-Stadt, und unter dieser Glocke wird es immer heisser. Der Wasserspeicher unter Xochimilco wurde unter diesen Bedingungen langsam zum Vakuum, sog über den Schlund so lange am Boden des Kanals, bis sich das grosse Loch auftat. Das war Mitte Februar diesen Jahres. Es dauerte über vier Monate, bis der Wasserspiegel wieder sein vorheriges Niveau erreicht hatte.

Am Montag ist es ruhig in Xochimilco, es kommen nur wenige Ausflügler. Hunderte von Trajineras liegen an den elf Landestellen, werden repariert, geputzt und frisch gestrichen. Cristobal hat Zeit zum Plaudern und stakt gern zu der Stelle, an der das Wasser im Grund verschwand. Sie ist unspektakulär. Am Ufer, zwischen üppigem Grün und roten Blüten, sieht man nur ein paar Betonreste von den Versiegelungsarbeiten. Obwohl der Kanal hier nur knapp über einen Meter tief ist, kann man die neue Dichtung auf dem Grund nicht erkennen. Das Wasser ist trüb und braun und riecht ein bisschen brackig. Cristobal bekommt fürs Bootführen einen mageren Lohn und lebt im Wesentlichen vom Trinkgeld. Die Besitzer der Flöße stehen am Eingang des Naturparks und locken die Kunden. Nur montags haben sie kaum etwas zu tun. So stehen in Gruppen zusammen im Schatten der großen Bäume und werfen Fünf-Pesos-Münzen, umgerechnet gut 25 Rappen. „Zahl“ oder „Adler“. Die „Zahlen“ scheiden aus, die „Adler“ erreichen die nächste Runde. So geht das, bis nur noch ein „Adler“ liegt. Wer ihn geworfen hat, bekommt alle Münzen.

Der Adler auf der mexikanischen Fünf-Pesos-Münze sitzt auf einem Kaktus und hält eine Schlange in den Krallen. Er beugt sich zu ihr hinunter, um sie zu fressen. Die Legende sagt, dass dieser Adler den Azteken den Ort angezeigt habe, an dem sie ihre Hauptstadt erbauen sollten. Anfang des 14. Jahrhunderts waren sie ein kleiner und armer Stamm und wanderten durchs Hochland des heutigen Mexiko. Ihr Gott Huitzilopochtli soll ihnen über einen Priester mitgeteilt haben, sie sollten sich dort niederlassen, wo sie einen auf einem Kaktus sitzenden Adler sehen, der eine Schlange verspeißt. In einem langgestreckten Hochtal im Zentrum des heutigen Mexiko, umgeben von hohen Bergen, entdeckten sie den Vogel auf einer kleinen Insel im westlichen Teil des Texcoco-Sees. Dort ließen sie sich nieder. Das war irgendwann zwischen 1320 und 1350.

Zweihundert Jahre später war Tenochtitlan zu einer der größten Städte der damaligen Welt geworden. Die kriegerischen Azteken – sie nannten sich selbst „Mexica“ – beherrschten ein Gebiet, das vom heutigen Süden der USA bis nach Guatemala und Honduras reichte. Die Spanier staunten nicht schlecht, als sie die Inselstadt zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. In ihrem Zentrum auf einem großen Platz standen Pyramiden für die Götter und Paläste für die Herrscher; darum herum, in mehreren Ringen, gemauerte Häuser für die Stadtbewohner. Die ursprünglich kleine Insel war mit vom Festland gebrachten Felsbrocken auf gut dreizehn Quadratkilometer vergrößert worden. Zwischen den Häusern gab es ein System von Kanälen mit Zugbrücken für die Fußgänger. Hauptsächliches Transportmittel war das Kanu. Weil das Wasser des Texcoco – nur einer in einem großen System aus einem halben Dutzend Seen – wegen des Salpeters im Untergrund salzhaltig war, wurde in mehreren Aquädukten vom Festland her Süßwasser in die Stadt gebracht. Das längste maß fünfzehn Kilometer. Diese Aquädukte dienten gleichzeitig als Deiche, die die Stadt in der Regenzeit vor Überschwemmungen schützten. Zwischen 150.000 und 300.000 Menschen lebten und arbeiteten in Tenochtitlan.

Der Angriff der Spanier auf die Stadt begann Ende Mai 1521. Der Eroberer Hernán Cortés hatte seine Truppe von gerade 550 Mann mit bis zu 200.000 indigenen Verbündeten verstärkt. Er ließ dreizehn große und mit Kanonen ausgestattete Boote bauen, um Tenochtitlan vom See her belagern zu können. Als erstes kappte er die Süßwasserversorgung der Stadt, dann setzte er über. Es folgte ein Monate währendes blutigen Gemetzel, ein Kampf von Haus zu Haus. 200.000 Azteken sollen dabei getötet worden sein. Am 13. August floh der letzte Aztekenherrscher Cuauhtémoc während eines schweren Gewitters auf einem Boot aus der Stadt. Er wurden von den Spaniern gestellt, verhaftet, gefoltert und später erhängt. Tenochtitlan war gefallen.

Was von der Azteken-Stadt noch stand, rissen die Spanier nieder und ebneten mit dem Schutt die Kanäle ein. Die Deiche ließen sie verfallen. 1535 gründeten sie an der selben Stelle die Hauptstadt ihrer Kolonie Neu-Spanien, die sie „Ciudad de México“ nannten – Mexiko-Stadt, nach der Selbstbezeichnung der Azteken. Für ihren Aufbau wurden die das Hochtal begrenzenden steilen Hänge abgeholzt, mit der Folge, dass der nackte Boden die Wassermengen zu Beginn der Regenzeit nicht mehr halten konnte. Ab 1540 kam es immer wieder zu verheerenden Überschwemmungen. Allein in den besonders schlimmen Jahren zwischen 1629 und 1633 sind dabei rund 50.000 Menschen ertrunken.

Der damals in Neu-Spanien herrschende spanische Vizekönig Luis de Velasco sah die Lösung des Problems im Trockenlegen der Stadt. 1607 gab er entsprechende Arbeiten in Auftrag: Der wichtigste Zufluss der Seen-Platte wurde umgeleitet, der nördlichste See des Systems über einen Kanal ins angrenzende Tal entwässert. Dazu musste ein Bergrücken durchschnitten werden. 1637 waren die Arbeiten vollendet. Es handelte sich sicher um eine Spitzenleistung damaliger Ingenieurskunst – aber sie hatte fatale Folgen: Nicht nur die Stadt trocknete wie gewünscht aus, sondern auch ihr Untergrund.

Schon im 19. Jahrhundert sind die Quellen, die Mexiko-Stadt mit Trinkwasser versorgten, eine nach der anderen versiegt. Das lag damals im Wesentlichen an der Abholzung der die Stadt umgebenden Berge. Das Regenwasser versickerte nicht mehr, sondern floss über den erodierten Boden weg und wurde durch das Entwässerungssystem aus dem Stadtgebiet gebracht. Der Grundwasserspiegel sank. Um die Einwohner der Stadt nicht verdursten zu lassen, musste immer tiefer gebohrt werden. Schon um die Wende zum 20. Jahrhundert gab es über tausend Tiefbrunnen im Stadtgebiet. Und das Zentrum sackte immer schneller ab. Der Grund: Den feinkörnigen Tonerden im Untergrund wurde das Wasser entzogen. Sie begannen zu schrumpfen.

Trotzdem wurde mehr und mehr Wasser aus der Stadt gebracht. In den Jahren 1897 bis 1900 ließ der damalige Diktator Porfirio Díaz einen weiteren Entwässerungskanal bauen, den sogenannten „Gran Canal“. Mit ihm wird seither das Abwasser der Stadt, statt es zu klären, gut fünfzig Kilometer weit in den Norden gebracht. Was das für die Stabilität von Mexiko-Stadt bedeutete, wurde kurz nach der Fertigstellung dieses Kanals offenbar. 1902 ordnete Díaz an, auf der Hauptverkehrsader der Stadt, dem Paseo Reforma, eine neunzig Meter hohe Säule zu errichten, die von einem goldenen Engel gekrönt werden sollte. Das Monument sollte als „Engel der Unabhängigkeit“ zum hundertsten Jahrestag des Beginns der Unabhängkeitskämpfe gegen die spanischen Kolonioalherren im September 1910 eingeweiht werden. Im Mai 1907 – die Säule war inzwischen 25 Meter hoch – kam die Konstruktion in Schieflage und kollabierte. Der Boden darunter war unter ihrem Gewicht eingesunken – aber nicht gleichmäßig. Beim zweiten Versuch baute man zunächst eine Plattform auf tief in den Grund gerammten Stahlbetonsäulen und darauf dann das Monument. Das Experiment funktionierte. Die Säule wurde rechtzeitig fertig und steht noch heute.

Allerdings steht sie nicht mehr so da wie vor gut hundert Jahren. Damals wurden in die Basisplattform neun flache Stufen gebaut, die hinaufführten zum Sockel des Monuments. Die gesamte Höhe, gemessen von der untersten Stufe auf dem Paseo Reforma, betrug 90,16 Meter. Die Straße sank weiter, die Säule aber blieb wegen ihrer tiefen Verankerung im Untergrund auf dem selben Niveau. Um von der Straße auf die neun flachen Stufen zu gelangen, wurden deshalb 1986 dreizehn weitere etwas höhere drunter gebaut. Man erkennt sie leicht: Die alten Stufen sind dunkelgrau, die neuen sehr viel heller. Vom Nievau der Straße aus gemessen ist das Monument heute 94,66 Meter hoch.

Seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts sind Teile der Stadt mit einer Geschwindigkeit von zwischen 1,4 und 40,3 Zentimetern im Jahr eingesunken. Der Zócalo, der große Platz im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt, an dessen Rand einst die Tempelpyramiden der Azteken standen, lag im Jahr 1900 noch 2240 Meter über dem Meeresspiegel, heute sind es nur noch 2231 Meter – eine Differenz von neun Metern.

Zumindest für die Bausubstanz wäre das nicht weiter tragisch, wenn dieses Absinken gleichmäßig vonstatten gehen würde. Aber der Untergrund der Stadt ist nicht gleichmäßig dicht. Er besteht aus weichen Tonen mit hohem Wasseranteil, sandig-tonigen Seeablagerungen, Sanden und Kiesen, Schwemmmaterial und Schlammblasen; und dazwischen immer wieder Basalt und andere harte vulkanische Gesteine. Der Boden unter Mexiko-Stadt ist so, wie es der Grund des Texcoco-Sees vor über 500 Jahren war: Weich und schlammig und aus dem Wasser ragten ein paar steinige Inseln. Eben deshalb sinkt heute die Stadt, je nach Untergrund, schneller oder langsamer ab - oder gar nicht.

Am deutlichsten wird dies rund um den Zócalo. Der riesige einst ebene Platz ist heute eine wellige Landschaft mit deutlichem Gefälle in Richtung Westen. An der Nordseite steht die Kathedrale, ein verschachtelter wuchtiger Bau, stilistisch uneinheitlich mit Elementen der Renaissance, des Barock und des Klassizismus. 1573 haben die Spanier das Bauwerk begonnen, 1813 wurde es vollendet. Die Kirche war nie stabil. Von Anfang an ist sie eingesunken. Mitte des 20. Jahrhunderts aber, als die Bevölkerung der Stadt explodierte und immer mehr Wasser dem Boden entzog, hat sich das Absacken dramatisch beschleunigt. Das Tabernakel, ein Anbau an der westlichen Seite, scheint fast auf den Vorplatz zu kippen, der östliche Glockenturm stürzt in die entgegengesetzte Richtung.

Im Kirchenschiff verläuft keine vertikale Linie parallel zur nächsten, der Boden ist wellig, der Gleichgewichtsinn wird durch die verwirrenden optischen Eindrücke irritiert. Gläubige mögen das davon hervorgerufene Körpergefühl als heiligen Schauer empfinden, Ungläubigen wird schlicht ein bisschen schwindlig und sie fühlen sich wie angetrunken. Einzig die Kronleuchter verdienen Vertrauen: Sie folgen der Schwerkraft, ihre Aufhängungen markieren verlässliche vertikale Linien.

In der Mitte des Hauptschiffs hängt ein großes schweres Senkblei. Auf einer Marmorplatte darunter zeigt eine Zeichung die Bewegung des Pendels seit 1573 (wobei die Daten der ersten Jahrhunderte rekonstruiert sind). Die Linie der Zeichnung zeigt: Nachdem das Mittelschiff der Kathedrale zunächst sehr langsam in die Schräglage geriet, hat sich diese Bewegung seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisch beschleunigt. Seit Mitte der 1980er-Jahre drohte der westliche Anbau einzustürzen. Die Kirche wurde deshalb in den Jahren 1993 bis 1998 in aufwändigen Sanierungsarbeiten untergraben und auf einen Beton-Sockel gestellt. Sie sinkt seither weiter. Die Ingenieure hoffen, sie möge es wenigstens gleichmäßig tun.

Dass die Stadt immer schneller absackt, hängt direkt mit dem Bevölkerungswachstum zusammen: Je mehr Menschen dort leben, desto mehr Wasser wird dem Untergrund entzogen. Gleichzeitig wird immer mehr Fläche versiegelt, immer weniger Regenwasser kann versickern. 1950 noch zählte der Großraum von Mexiko-Stadt 2,9 Millionen Einwohner, 1980 waren es 13 Millionen, im Jahr 2000 schon 18,1 Millionen. 2015 wurden dann 21,6 Millionen gezählt. In den 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts bedeckte die Stadt gerade einmal 80 Quadratkilometer. Heute versiegelt der Großraum der Metropole hundert Mal so viel.

Absurderweise hat der zunehmende Wassermangel dazu geführt, dass es immer öfter Überschwemmungen gibt. Gerade so, als seien alle Entwässerungsbemühungen seit der Zeit der Spanier vergeblich gewesen, steht das Zentrum von Mexiko-Stadt zu Beginn fast jeder Regenzeit unter Wasser; eine direkte Folge des Absinkens. Denn mit dem Zentrum ist auch der „Gran Canal“, der Sammler für den Abtransport von Oberflächen- und Abwasser, abgesunken. Über weite Strecken hat er dabei sein Gefälle verloren, zum Teil muss das Abwasser sogar über Steigungen gepumpt werden. Der Kanal hat deshalb über 40 Prozent seiner ursprünglichen Kapazität verloren.

Das wiederkehrende Überschwemmungsproblem soll nun behoben werden – mit einem neuen unterirdischen Abflusskanal. Dieser „Tunel Emisor Oriente“, eine Kanalisation mit sieben Metern Durchmesser, wird durch den Untergrund der Stadt getrieben. 2008 wurde mit den Arbeiten begonnen, Mitte 2012 sollten sie eigentlich beendet sein. Da aber war noch nicht einmal die Hälfte der 63 Kilometer langen Strecke gebohrt. Inzwischen spricht davon davon, das Abflussrohr im Lauf des kommenden Jahres in Betrieb zu nehmen. Das Prinzip freilich bleibt das selbe: Regen- und Abwasser werden bis in den übernächsten Bundesstaat transportiert. Und die letzten Wasserspeicher unter der Stadt trocknen weiter aus.

Zur Zeit der Azteken hatte das zentrale Hochtal von Mexiko einen Überfluss an Wasser. Heute werden 40 Prozent des in der Hauptstadtregion verbrauchten Frischwassers in Pipelines von weit her gebracht. Und weil im 12.000 Kilometer langen Leitungsnetz der Metropole durch das Absinken des Bodens mehr Lecks entstehen als anderswo, gehen ebenfalls rund 40 Prozent davon verloren. Mindestens 20 Prozent der Bevölkerung  des Großraums haben schon heute kein fließendes Wasser. Und mit dem Klimawandel, sagt Ramón Aguirre Díaz, der Chef der städtischen Wasserwerke, „wird das noch viel schlimmer.“ Er erwartet heftigere Regenfälle, was mehr Überschwemmungen bedeute, aber auch längere und härtere Trockenperioden. „Ein potenzielles Desaster“, sagt er. „Wir haben lange nicht genügend Tanklaster, um dann die Versorgung der Bevölkerung flächendeckend aufrecht erhalten zu können.“

Draußen in Xochimilco wird es jetzt schon schlimmer. Das Loch vom Februar war nicht das erste und nicht einmal das größte. Im November vergangenen Jahres war ganz in der Nähe unvermittelt eine Straße eingebrochen. Dieses Loch sei so groß gewesen, dass zwei Kleinbusse darin verschwanden, erzählen Anwohner. Es habe aber nur Materialschaden gegeben. Im Kanalsystem der Azteken haben sich vor drei Jahren die ersten Löcher aufgetan, erzählt der Bootsführer Ángel Cristobal. „Erst gab es nur alle paar Monate ein Leck, inzwischen passiert es fast jede Woche einmal.“ Nur seien diese Löcher nicht so spektakulär wie der große Schlund vom Februar.

Das Kanalsystem wird deshalb inzwischen überwacht. Jeden Morgen kommen Wissenschaftler der Universidad Autónoma Metropolitana vorbei und überprüfen den Pegel. Sinkt der Wasserspiegel auch nur ein bisschen, rücken Trupps aus und suchen nach der Stelle, an der das Wasser im Untergrund verschwindet. Die Arbeiter sind inzwischen routiniert, hat Cristobal beobachtet. „Wenn das Loch nur klein ist, haben sie es schnell isoliert und verstopft. Das dauert nur ein paar Stunden.“ Der Verkehr der Trajineras werde dadurch kaum beeinträchtigt, es gebe eben eine kleine Umleitung um die isolierte Stelle. Vorläufig macht er sich keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz.

Die Universidad Autónoma Metropolitana unterhält ganz in der Nähe der Ausflugparks eine Außenstelle an einem Abschnitt des Kanalsystems, der für den Verkehr der Trajineras gesperrt ist. Dort ist der letzte Lebensraum des Axolotl. Der in freier Wildbahn akut vom Aussterben bedrohte bis zu 30 Zentimeter lange Schwanzlurch ist für die Wissenschaft vor allem wegen seiner erstaunlichen Regenerationsfähigkeit von Interesse: Abgerissene Gliedmaßen und selbst operativ entfernte innere Organe und Teile des Gehirns wachsen innerhalb weniger Wochen voll funktionsfähig nach. In dem universitären Institut werden in Becken und Tanks Axolotl zur Auswilderung gezüchtet. Die Kanäle und die schwimmenden Inseln von Xochimilco „sind noch immer ein kleines Paradies“, sagt die Biologin María Guadalupe Figueroa. „Aber in zehn, spätestens in fünfzehn Jahren wird es verschwunden sein.“

woz, 3.8.2017