Der Präsident und die toten Mädchen

In Guatemala-Stadt ist ein Jugendheim abgebrannt. Eine absehbare Katastrophe mit 40 Toten.

Von Toni Keppeler

Es war, wie so oft in Guatemala, eine angekündigte Katastophe. Am Mittwoch vergangener Woche brach in einem staatlichen Jugendheim am Rand der Hauptstadt ein Feuer aus. 19 Mädchen sind sofort verbrannt. Die Zahl der Toten stieg inzwischen auf vierzig. Fünfzehn weitere schweben mit schweren Brandverletzungen in Lebensgefahr. Die Mädchen waren zur Strafe in einem Saal eingeschlossen worden. Sie haben aus Protest Matrazen in Brand gesteckt. Angeblich hinderte die Polizei die Feuerwehr vierzig Minuten lang, die Mädchen zu befreien.

Der „Sichere Hort der Jungfrau der Auferstehung“ war ursprünglich als Heim für behinderte Kinder und für Jugendliche gegründet worden, die von den Behörden wegen Misshandlungen aus ihren Familien genommen wurden. Irgendwann fingen die Jugendgerichte an, alle Problemfälle dort abzuladen: Straßenkinder, Kleinkriminelle, Drogenabhängige. Ursprünglich für 400 Jugendliche ausgelegt, waren zuletzt 748 Jungen und Mädchen dort untergebracht. Seit Jahren war nicht mehr in die Infrastruktur investiert worden. Es gab Berichte von Misshandlungen und sexueller Aggression gegen Mädchen, bis hin zu Vergewaltigungen und Zwangsprostitution.

Im vergangenen Jahr hatte ein Gericht die Schließung des Heims angeordnet. Trotzdem wurden weitere Jugendliche eingewiesen. Zuletzt hat die Interamerikanische Menschenrechtskommission am 31. Januar von der Regierung Auskunft verlangt, was denn zum Schutz der dort untergebrachten Jugendlichen getan worden sei. Die Anfrage ist bis heute nicht beantwortet worden.

Nach dem Feuer tauchte der rechtspopulistische Präsident Jimmy Morales zunächst ab. Carlos Rodas, der Leiter der für das Heim zuständigen Behörde für soziale Wohlfahrt, wollte in einer Medienkonferenz „keine Fahrlässigkeit“ feststellen und meinte, der Präsident „muss sich um wichtigere Angelegenheiten kümmern“. Rodas, seine Stellvertreterin und der Leiter des Jugendheims wurden inzwischen verhaftet. Am Samstag schwoll eine spontane Demonstration von 200 auf mehrere tausend Menschen an. Die forderten vor dem Regierungspalast den Rücktritt des unfähigen Präsidenten.

woz, 16.3.2017