Der Alte im Vulkan

Wie Ernst Fuchs zu Carlos Vanzetti wurde. Wie er für die Befreiung von der Somoza-Diktatur gekämpft und den Niedergang der sandinistischen Revolution erlitten hat. Und wie er trotzdem versucht hat, als Arzt für ein besseres Nicaragua zu arbeiten. Erinnerung an einen Freund.

Von Toni Keppeler

Die Gattin des Präsidenten hat einen Spleen. Sie lässt Bäume aufstellen, aus Metall, sechs, sieben, acht Meter hoch. Nachts werden sie von Tausenden kleiner Reflektoren erleuchtet. Die ersten waren alle gelb, inzwischen strahlt es nach Einbruch der Dunkelheit in allen erdenklichen Bonbonfarben. Sie sind aus Stahlblech, gefertigt nach einer Vorlage des österreichischen Jugendstilmalers Gustav Klimt, und es gibt in Nicaragua über dreihundert davon. Ein solcher Baum, behauptet der Volksmund übereinstimmend, koste mehr als 50.000 US-Dollar. Ein Wahnsinn im ärmsten Land Lateinamerikas. Doch Rosario Murillo, Sprecherin und Ehefrau von Daniel Ortega, hat eine ausgeprägte esoterische Ader und glaubt, die von ihr „Lebensbäume“ genannten Sklupturen trügen zur Harmonie unter den Nicaraguanern bei. „Ich fürchte, dieser Kitsch gefällt den meisten“, sagt Carmen Vanzetti. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fährt sie an ein paar Dutzend dieser Dinger vorbei.

Vanzetti, 34, ist Ärztin. Sie hat mit einem Stipendium der kubanischen Regierung in Havanna Medizin studiert und in Nicaragua eine Facharztausbildung zur Orthopädin angeschlossen. Zwei Jahre hat sie freiwillig in einem Gesundheitsposten in Yalagüina gearbeitet, einem staubigen Dorf in der Hungerzone des Nordens. Sie ist im Geländewagen von einem Weiler zum andern geholpert, hat Hunde gegen Tollwut geimpft und chronisch unterernährte Kinder aufgepäppelt. Heute wohnt sie in einem Vorort der Hauptstadt Managua und arbeitet als Orthopädin in einem Krankenhaus der staatlichen Sozialversicherung in Granada, einem hübschen Kolonialstädtchen 45 Kilometer weiter im Süden.

Carmen Vanzetti ist Sandinistin. Keine hundertprozentige, sondern eine, die Witze macht über den kaum mehr öffentlich in Erscheinung tretenden alternden Daniel Ortega und seine etwas schräge Frau. Vanzetti weiß: Jede andere vorstellbare Regierung wäre viel schlimmer als Ortega und Murillo. Schulen und Gesundheitsversorgung für die Armen wären dann nicht mehr gratis, es gäbe keine ordentlich ausgestatteten Gesundheitsposten im Hinterland. Keine Hilfen für Kleinbauern, keine präsidiale Unterstützung beim Bau einfacher Häuschen. Das alles gab es nicht unter den neoliberalen Präsidenten Violeta Barrios de Chamorro, Arnoldo Alemán und Enrique Bolaños, die Nicaragua zwischen 1990 und 2006 regierten.

Heute gibt es das alles und dafür nimmt Vanzetti in Kauf, dass das, was Ortega und Murillo Demokratie oder die „Herrschaft des Volks“ nennen, schon etwas eigenartig ist. Der Präsident hat eine komfortable Mehrheit im Parlament sowie die Wahlkommission und das Oberste Gericht unter seiner Kontrolle. Laut Verfassung müsste er längst abgetreten sein, denn die lässt höchstens zwei Amtszeiten und keine direkte Wiederwahl zu. Ortega aber wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im November 2016 zum vierten Mal ins höchste Staatsamt gewählt. Er hat das Wahlrecht so geändert, dass ihm 35 Prozent der Stimmen für einen Sieg reichen und die zerstrittene Opposition kaum den Hauch einer Chance hat. Und er hat das Verfassungsgericht urteilen lassen, die in der Verfassung verankerte Amtszeitbegrenzung verstoße gegen seine Bürgerrechte. So tritt er wieder und wieder an.

Ortega lässt die großen Unternehmer schalten und walten, wie sie wollen, und wird deshalb von ihnen geschätzt. Er speist gerne mit seinen einstigen erbitterten Feind, dem reaktionären Erzbischof Miguel Obando y Bravo. Zur Versöhnung hat er ihm ein Gesetz geschenkt, das Abtreibung unter allen denkbaren Umständen verbietet. Die handzahme katholische Kirche ist vielleicht die einzige Institution, die neben dem Präsidenten und seiner Frau noch nennenswerten Einfluss hat auf das Denken der Nicaraguaner hat. Ansonsten hat Ortega zusammen mit seiner Familie ein Imperium aus Radiosendern, Fernsehstationen und Werbeagenturen geschaffen, über das die omnipräsente Rosario Murillo gebietet.

In seiner Partei, der Sandinistischen Befreiungsfront (FLSN) kann Ortega schon lange nicht mehr in Frage gestellt werden. Seit Jahren fand kein Parteitag mehr statt, die Gremien tagen nicht. Die Parteilinie wird vom Präsidentenpaar entschieden und Rosario Murillo hat längst die alten Kader kalt gestellt. Sie setzt auf die Jugend, die sich mit der Hoffnung auf einen Job im Apparat ködern lässt. Auf Leute wie Carmen Vanzetti, die durchaus Chancen hätte, im Gesundheitswesen von Nicaragua etwas zu werden. Sie kennt Daniel Ortega persönlich. Der Präsident schätzte ihren Vater und kam ganz selbstverständlich zu dessen Beerdigung. Carlos Vanzetti starb am 30. Mai 2003. Auch er war Arzt; außerdem einstiger Kämpfer  der FSLN an der Südfront im Befreiungskrieg gegen das Somoza-Regime; und dann so etwas wie der Vater der Neurochirurgie in Nicaragua. Doch Carmen Vanzetti sagt: „Ich will nicht die Tochter von Doktor Vanzetti sein, ich bin die Doktorin Vanzetti.“ Deshalb macht sie keine Karriere im Gesundheitsministerium, sondern operiert Knochen in einem ganz normalen Krankenhaus. Da ist sie wie ihr Vater.

Carlos Vanzetti war eine bekannte Figur, in Nicaragua wie in der deutschen Solidaritätsszene. Sein Geburtsname war Ernst Fuchs. Er war, bevor er Carlos Vanzetti wurde, Neurochirurg in Berlin. Ein Halbgott in Weiß und so hat er sich auch immer benommen. Der Umgang mit ihm war nicht leicht. Nicht für die Solidaritätsbewegung und auch nicht für seine nicaraguanischen Schülern und Kollegen. Er war ein Dickkopf, schon allein von der Physiognomie her: beeindruckende 62 Zentimeter Schädelumfang, umflort von dünn gewordenen graublonden Locken. „Er war gefürchtet, arrogant, musste Recht haben, murrte, teilte aus“, schrieb sein Schüler, Kollege und Freund Dagle Aviles in einem Nachruf. „Er war anspruchsvoll und konnte um der Sache willen auch repressiv sein.“ Aber das alles nur „mit dem einzigen Ziel: sein Patient“.

Kein anderer Arzt sei wie er zu nachtschlafender Zeit aufgestanden und ins Krankenhaus gefahren, wenn er auch nur den leisen Verdacht hatte, ein Patient könne ihn brauchen. Keiner habe so viele Tomografien aus eigener Tasche bezahlt, wenn ein Kranker sie sich nicht leisten konnte. Er mag vielen erschienen sein wie ein ruppiger Misanthrop, im Grunde aber war er ein Menschenfreund durch und durch. Auch deshalb hat er Ende 1978 seinen gut bezahlten Job in Berlin gekündigt und im Frühjahr 1979 einige Monate mit der sandinistischen Guerilla gegen die Nationalgarde des Diktators Anastasio Somoza gekämpft. Weil sein militärischer Vorgesetzter bei der FSLN den Kampfnamen Sacco angenommen hatte, nannte man ihn eben Vanzetti. Der Carlos kam vom deutschen Karl, der natürlich an Marx erinnerte und gleichzeitig einer seiner vielen Vornamen war. Geboren war er in Winzerhausen in Nordwürttemberg, am 17. Mai 1935. Nach dem Sturz Somozas blieb er unter seinem Kampfnamen in Nicaragua, auch als die Sandinisten 1990 abgewählt wurden und er ohnehin längst enttäuscht war von den einstigen Revolutionären.

Carlos Vanzetti war ein Freund. Immer, wenn ich in Nicaragua zu tun hatte, habe ich bei ihm gewohnt; in seinem stickigen Häuschen in einer der heißesten Gegenden von Managua, gerade einmal zweihundert Meter vom Krankenhaus Lenin Fonseca entfernt, wo er lange gearbeitet hat. Abends habe ich oft mit ihm Gin in Pampelmusensaft getrunken. Nur wenn er am nächsten Morgen operierte, war Alkohol tabu. Mir aber wurde es dann beim Frühstück regelmäßig schlecht, weil er rund um seine Kaffeetasse Fachbücher mit blutigen Fotografien aufgeschlagen hatte, die anstehende Operation Schritt für Schritt und mit allen Eventualitäten noch einmal durchging und mir detailreich erklärte.

Wenn wir beide einen Nachmittag frei hatten, sind wir meistens hinausgefahren aufs Land, in die Vorstadtsiedlung Satelite Asososca, wo seine Familie wohnte. Er hatte dort mit dem bei einer Privatoperation verdienten Geld ein kleines Schwimmbecken in den Garten bauen lassen, ein Kindheitstraum. Wir drehten dort unsere Runden oder hingen einfach nur am Beckenrand und er erzählte. Es ging dabei nur selten um die Sandinisten oder gar um ihre Revolution. Er beschäftigte sich in seinen letzten Jahren vor allem mit seiner Kindheit und Jugend und schrieb an einer Autobiografie, die er mir Kapitel für Kapitel per E-Mail zuschickte. Als er mit seinen Aufzeichnungen bis zur Studienzeit angekommen war, brach er den Versuch ab. Auch das Tagebuch aus seiner Guerillazeit blieb ein Fragment und umfasst gerade einmal drei Wochen. Ein paar Monate bevor er starb, hat er mir eine Kopie davon gegeben und gemeint, ich sei wohl der Geeignetste, der mit seinen Schreibversuchen irgendwann etwas anfangen könne. Diese Fragmente und unzählige Besuche, Gespräche und Erinnerungen sind die Grundlage dieses Textes.

Vanzettis Weg zum Revolutionär war nicht vorgezeichnet. Sein Vater war evangelischer Theologe und Sozialdemokrat, weshalb ihn seine Landeskirche in der Zeit des Faschismus in der Provinz versteckte, zuerst in Winzerhausen, dann im hohenlohischen Oberaspach. Ernst Fuchs war der dritte Sohn seiner Eltern, ihm folgten noch zwei Töchter. Er hatte eine unbeschwerte Kindheit und ärgerte sich nur, wenn er zum Sammeln von Bucheckern geschickt wurde oder zum Lesen von Stoppelfeldern liegen gebliebenen Ähren. Manchmal hütete er Kühe. Den Krieg kannte er nur von den Bombergeschwadern, die über Oberaspach hinweg in Richtung Stuttgart oder Nürnberg flogen. Erst ganz am Ende, beim Volkssturm, sah er Panzer und wollte die Heimat verteidigen: „So zogen wir - ein hinkender einbeiniger Mann und vier bis fünf Schlingel - auf die Anhöhe nach Ilshofen, um dort auf der topfebenen Straße eine Panzersperre zu bauen, indem wir einen schönen Birnbaum fällten (...). Während der schwierigen Prozedur - wir hackten am Stamm herum ohne klares Konzept -, dröhnte die Karawane von amerikanischen Panzern auf der Straße von Ilshofen heraus und machte ungefähr zwei Kilometer vor uns halt. Langsam drehten sich die Kanonen in unsere Richtung und dann feuerten sie einen Schuss über unsere Köpfe hinweg . Wir rasten in den Ort zurück. Wir hatten unser Bestmögliches getan, um die Heimat zu retten.“

Der alte Fuchs muss ein Professor vom alten Schlag gewesen sein, selbstsicher, eitel, autoritär. Der Sohn hat da einiges davon geerbt. Er verehrte seinen Vater. Trotzdem machte er nach dem Abitur erst einmal eine Apothekerlehre, die er nach einem Jahr abbrach. Danach studierte er in Tübingen und Berlin Medizin.

In Berlin genoss er die Großstadt, zog nachts durch Kneipen und Tanzcafes. Von politischem Engagement steht nichts in seinen Aufzeichnungen. Sie brechen ab, nachdem er zum ersten Mal nach langen und schwierigen Anläufen mit einer Frau geschlafen hat. Vorher aber finden sich zwei verstörende Kapitel. In einem erzählt er von einem studentischen Fest in der Mensa, bei dem er auf einer Treppe ausgerutscht und rücklings auf den Kopf gefallen sei. Dann spricht nicht mehr er selbst, sondern sein damals bester Freund: Fuchs sei bewusstlos gewesen, ins Krankenhaus gebracht worden, die Familie sei händeringend auf dem Gang gesessen. Drei Tage sei er im Koma gelegen, dann sei er gestorben. Im nächsten Kapitel aber lebt er wieder und geht mit dem selben Freund ins Tanzlokal „Eierschale“, wo sich die Halbwelt traf. Es sei dort zu einer Schießerei gekommen, ein Querschläger habe ihn getroffen, er habe noch den Schmerz gespürt, dann sei er gestorben. Den Sturz in der Mensa und die Schießerei in der „Eierschale“ gab es wohl wirklich. Aber warum hat er diese Geschichten bis zu seinem fiktiven Tod weitergesponnen?

Nach dem Studium machte Ernst Fuchs Karriere in Berlin. Er war einer der ersten Neurochirurgen, die unterm Mikroskop operierten. Er hielt Vorlesungen. Er heiratete und zeugte drei Söhne. Er hatte eine Neun-Zimmer-Wohnung, ein Ferienhaus in Schweden, verdiente 100.000 Mark im Jahr, was damals sehr viel Geld war. Er war ein gemachter Mann. Und doch war er immer ein Außenseiter. „Neurochirurgen“, sagte er oft, „sind ein reaktionäres Pack.“ Er engagierte sich politisch links. Er war in der Gewerkschaft und setzte sich öffentlich für eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung der Gefangenen der Rote Armee Fraktion ein. Damit machte er sich in der hysterischen Terroristenhatz der 1970er Jahre zum „Sympathisanten“ von Terroristen. Dann kam im Oktober 1977 der sogenannte „Deutschen Herbst“:  Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt,  ebenso ein deutsches Passagierflugzeug, um inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen. Unmittelbar nachdem  das Flugzeug von einer deutschen Spezialtruppe auf dem Flughafen von Mogadischu gestürmt worden war, begingen die RAF-Gründer Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe Selbstmord im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses Stuttgart-Stammheim. Am nächsten Tag wurde Schleyer getötet. Eine Welle der Repression gegen alle Sympathisanten und  Terrorverdächtigen, was so ziemlich alle Linken einschloss, ging durch die Bundesrepublik. Fuchs fühlte sich nun einsam in Berlin, als „heimatloser Linker“.

Im Jahr darauf  erhielt eine Freundin einen Brief von dem Maler Dieter Masuhr, der im nicaraguanischen Estelí die Einnahme der Stadt durch die Sandinistische Befreiungsfront und danach die Bombardierung durch die Nationalgarde des Diktators Anastasio Somoza miterlebt hatte. „Was macht ihr da eigentlich in Deutschland? Ihr seid doch völlig überflüssig in Berlin“, schrieb Masuhr. „In Estelí sterben die Leute wegen einer banalen Knochenverletzung. Hier braucht man euch.“ Ein Satz fuhr Fuchs besonders ins Mark: „Ihr seid doch alle ersetzbar.“

Fuchs hielt sich für unersetzlich. „Wir Neurochirurgen sind alle besonders eitel“, sagte er und nahm sich selbst nie davon aus. Man müsse sich geradezu als Halbgott fühlen, sonst traue man sich nicht, ins Gehirn anderer Leute zu schneiden. Trotzdem hat er über Masuhrs Satz nachgedacht „und kam zu dem Schluss: In Berlin gibt es sechs oder sieben Neurochirurgen, die sind so gut wie ich. Das also kann es nicht sein, was mich hier hält.“

Als dann am 22. August 1978 Eden Pastora als „Comandante Zero“ zusammen mit zwei Dutzend Guerilleros den Nationalpalast in Managua besetzte, tausend Menschen als Geiseln nahm und damit die Freilassung des inhaftierten Sandinistenführers Daniel Ortega und weiterer 58 politischer Gefangener erpresste, da hatte der heimatlose Linke in Berlin einen neuen Helden gefunden. So erging es nicht nur Ernst Fuchs. In weiten Teilen der westdeutschen Linken, bis hinein in kritische kirchliche Kreise, scheinen die Sandinisten und ihre schnellen Erfolge im Befreiungskrieg gegen das Somoza-Regime der revolutionäre Funke gewesen zu sein, auf den man gewartet hatte, um die nach dem „Deutschen Herbst“ eingetretene Lähmung überwinden zu können.

Aber es war nicht nur ein neues revolutionäres Heldentum, von dem sich Fuchs so angezogen fühlte, dass er im Oktober 1978 kündigte. Er machte in diesen Monaten auch eine schwere persönliche Krise durch. Seine Ehe zerbrach. Er hat nie viel darüber erzählt, aber er muss völlig am Boden gewesen sein. In verstreuten Aufzeichnungen finden sich Hinweise auf eine „lange Krankheit“, in sein nur wenige Monate später entstandenes Kriegstagebuch notierte er einmal ohne weitere Erklärung: „Ein Selbstmord im Leben ist genug.“ Auch in den drei Wochen im Dschungel, in denen er Tagebuch führte, hat er sich oft seinen eigenen Tod ausgemalt, ganz plastisch und bis hin zu dem Detail, dass man ihm seinen Gürtel abnehmen würde, in dem er eine eiserne Reserve an Dollars versteckt hatte. Die Vorstellung von seinem Tod war ihm mindestens so nah wie der Wunsch, den Krieg zu überleben.

Anfang 1979 reiste Fuchs zunächst nach Costa Rica und verbrachte dort ein paar Wochen im Haus von Sergio Ramírez. Der Schriftsteller, der später unter Daniel Ortega Vizepräsident von Nicaragua werden sollte, war damals der Initiator der „Gruppe der Zwölf“, ein Zusammenschluss von Intellektuellen, die den Sandinisten nahe standen und so etwas wie das diplomatische Gesicht der FSLN waren. Ramírez pflegte unter anderem die Kontakte zur Sozialistischen Internationalen und zur sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung. Von seinem Haus aus ging es am 21. März weiter ins Ausbildungslager der Guerilla hinter der Südfront.

„Abends mit einem der Chefs einer Guerillabasis im Restaurant Steak gegessen“, notierte Fuchs, der jetzt schon Carlos Vanzetti hieß, zwei Tage später in seinem Kriegstagebuch. Es war der erste Eintrag. Gegen 21 Uhr ging es weiter im Geländewagen in Richtung nicaraguanische Grenze. „Dreißig Kilometer durch Wasserläufe, mit und ohne Wasser, durch zahllose Gatter, vorbei an Pferden und Kühen, durch den Urwald, vorbei an einem einsamen Gehöft und durch Schlamm. Bis dann bei einem Gatter Schluss war.“ Zu Fuß mit der Taschenlampe ging es weiter zum Lager. „Am Boden, in eine Decke gehüllt, zwischen Stiefeln mehr recht als schlecht geschlafen. Hätte, glaube ich, stehend schlafen können. Fünf Uhr Wecken!“

Siebzig Männer und Frauen waren im Ausbildungslager, darunter auch eine Deutsche, Ulla aus Stuttgart. „Zäh, idealistisch, eine Frau, die was tun will. Ist toll.“ Vanzetti bewunderte sie. Er fühlte sich nicht so fit, hatte Schmerzen im rechten Bein, vor allem bei seinen ersten Schießübungen auf den Knien. Als Arzt wusste er: Es ist der Meniskus. Auf 250 Meter galt es, mit dem schweren belgischen Sturmgewehr FAL eine menschliche Silhouette zu treffen, „mit einer Zielscheibe da, wo das Herz ist“. Vanzettis Bilanz von je acht Schuss: „Im Stehen: negativo. Im Liegen dann drei Mal die Silhouette, einmal die Scheibe.“

Natürlich fiel er auf: Ein Typ wie ein Schrank zwischen schmalen und knochigen Bauernsöhnen und -töchtern, die alle mindestens einen Kopf kleiner waren als er. Privilegien aber hatte er keine. Er wurde genauso wie alle anderen wegen kleiner Disziplinlosigkeiten kollektiv zu Liegestützen und Kniebeugen mit dem Sturmgewehr verdonnert. Er beschwerte sich nicht. Er ärgerte sich nur darüber, dass selbst die Kleinsten fitter waren als er und lange vor ihm an die Front beordert wurden: „Der Knabe zwölf, das Mädchen - sie schrieb seitenweise Liebesgedichte - dreizehn. Kinder.“ Die Verpflegung fand er bisweilen zum Kotzen: „Heute essen wir Affen. Mir ist schon jetzt ganz schlecht.“ Die abgezogenen Tiere erinnerten ihn an Kinderleichen in der Pathologie.

Mit dem Töten von Feinden hatte er keine Probleme. Die erste Exekution eines gefangenen Nationalgardisten erlebte er noch aus der Ferne. „Morgens hörte ich eine Salve und dann einen einzelnen Schuss. Ich hasse den Krieg! Aber hätte ich auch geschossen? Bin ich schon so weit militant geworden? Gern hätte ich’s nicht getan.“ Aber schon drei Tage später, als der Lagerkommandant nach Freiwilligen für die Erschießung eines Verräters fragte, „habe ich mich zu meiner Überraschung mit hoch gehobenem Arm gesehen“. Aber es war nur eine Scheinfrage, um die Rekruten zu prüfen.

Am übernächsten Tag wurde es ernst. Ein Verräter war gefasst worden. „Dort unter den Bäumen lag er. Auf dem Bauch. Die Hände auf den Rücken gefesselt. An den Beinen auch. (...) Alejandro sagte: Ein Deserteur, der den Sohn eines unserer Helfer mit dem Messer erstochen hat. Handgranaten in der Tasche! Er stand auf, wir traten an. Er ging mit dem Hut auf dem Kopf. Breitrandig. Sein Gesicht braun und ausdruckslos. Die Augen waren schon tot. Er wurde vor einen Baum gestellt. Der Wind wischte ihm den Hut, den dreckigen weißen breitrandigen mexikanischen Hut vom Kopf. Eine Salve! Er sank zur Seite. Tot! Federico gab ihm noch einen Schuss in den Kopf. Mein Gewehr hatte acht Kugeln weniger. Der Typ, der vorher damit geschossen hatte, hatte auf Dauerfeuer gestellt. (...) Sie haben seine Schuhe ausgezogen, das wenige Geld an sich genommen. Den Hut. Die Schuhe haben nicht viel getaugt. Die Uhr ist eine solide Marke. Ob mir mal jemand den Gürtel auszieht?“

Je näher sein erster Fronteinsatz rückte, desto mehr dachte er nach übers Sterben und rechtfertigte im Vorhinein, das Opfer, das er möglicherweise bringen würde. „Wie ist Sterben? Wenigstens inmitten dieser Jugend. Jugend, die sterben wird. Ich hasse die Bourgeoisie! Ich hasse die Bourgeoisie der BRD, wie ich noch niemals etwas gehasst habe!“ Und an die bundesdeutsche Linke gerichtet: „Ihr redet und redet, um nichts tun zu müssen. Ihr redet, um nichts riskieren zu müssen! Ihr lest, ihr wisst, ihr wisst auch um euch, aber ihr kämpft an eurer eigenen Front, der Front eurer Ausreden.“ Er aber, er tat etwas, er riskierte sein Leben. Auch wenn sein Einsatz wieder und wieder verschoben wurde.

Am 1. April 1979 erwähnte er zum ersten Mal, dass es in den nächsten Tagen einen Großangriff geben solle. „Ich gehe an die Front. Vielleicht auch erst morgen. Bin gespannt! Hab’ Angst und Lust!“ Es dauerte noch eine Woche. Dann wurde er nachts um elf geweckt. „Alejandro: Doctor, sie brauchen dich an der Grenze.“ Er sollte möglichst nah an den Kämpfen die Notfallversorgung der Verletzten gewährleisten. Aber es dauerte noch einmal vier Tage, bis in der Nacht ein Posten der Nationalgarde (Guardia Nacional) überfallen wurde. Vanzetti schrieb fast enttäuscht darüber: „Aus dreißig Metern Entfernung Überfall mit Schnellfeuergewehren, nur: Die G.N.  trauten sich nicht raus in die Nacht.“ Erst am Tag darauf kam so etwas wie Euphorie auf. „Es soll zwölf Tote gegeben haben. Mit Hubschraubern haben sie zwölf zugedeckte Tragen abgeholt. Hat man durchs Fernrohr ausmachen können. Jetzt sind wir Sieger!!“

Beim Rückzug durch den Regenwald stürzte Vanzetti auf dem glitschigen Boden. Sein rechter Miniskus riss. Er konnte nicht mehr allein gehen, musste gestützt werden. Man brachte ihn nach Costa Rica, von dort flog er am 15. April nach Mexiko, wo er sich operieren lassen sollte. Die Sandinisten hatten dort Kontakte zu solidarischen Ärzten. Doch Vanzetti flog weiter nach Berlin. Er glaubte, dass ihn deutsche Ärzte schneller fit machen könnten. Sein Kriegstagebuch bricht an dieser Stelle ab. Was danach kam, fasste er in Erzählungen immer nur summarisch zusammen. „Nach vierzehn Tagen war ich zurück an der Südfront. Noch drei, vier Angriffe, dann waren wir in Managua.“

Tatsächlich ging es ziemlich schnell. Kein Befreiungskrieg in Mittelamerika war so kurz wie der in Nicaragua. In El Salvador dauerte der offene Schlagabtausch zwischen der Armee und der Guerilla zwölf, in Guatemala sogar 36 Jahre. Die FSLN war zwar schon 1961 gegründet worden, lange aber gab es nicht viel mehr als hin und wieder einen Überfall auf eine Militärpatrouille irgendwo im dünn besiedelten Hinterland im Norden und Nordosten Nicaraguas. Entscheidend für den Rückhalt der Guerilla in der Bevölkerung war das schwere Erdbeben, das am 24. Dezember 1972 Managua zerstört hat. Rund 10.000 Menschen kamen ums Leben, Hundertausende wurden obdachlos. Diktator Somoza und sein Clan nutzten die Katastrophe, um sich persönlich zu bereichern: Große Teile der internationalen Hilfe wurden auf ihre Privatkonten umgeleitet, als Spenden ins Land gebrachte Hilfsgüter von ihren Firmen verkauft.

Danach hatte der Diktator jegliche Unterstützung in der Bevölkerung verloren. Die Überfälle der FSLN nahmen zu und mit ihnen die Repression gegen die politische Opposition, gegen Gewerkschaften und Intellektuelle. Somoza galt als einer der perversesten Diktatoren seiner Zeit, der sich seine politischen Gefangenen gerne in Käfigen vorführen ließ. 1977 kam es zu ersten größeren Kampfhandlungen in der dicht besiedelten pazifischen Seite des Landes, es folgten Volksaufstände in Leon, Matagalpa und Masaya. Als dann auch noch die US-Regierung unter dem Demokraten Jimmy Carter die Waffenhilfe für das Somoza-Regime kurzfristig einstellte, brach die Kampfkraft der Nationalgarde rasch zusammen. Am 17. Juli 1979 floh Somoza mit seiner Familie, seinen Mätressen, der Staatskasse und den Gebeinen seiner Vorfahren nach Miami. Der von ihm eingesetzte Statthalter Francisco Urcuyo konnte sich gerade einen Tag halten, dann zogen die Sandinisten am 19. Juli mit einem Volksfest in Managua ein. Mehr als 30.000 Menschen waren getötet worden.

Die Monate danach hat Vanzetti oft „die glücklichste Zeit meines Lebens“ genannt. Es war die Zeit, in der junge Leute in abgelegene Dörfer zogen, um Kindern und Alten das Alphabet beizubringen; die Analphabetenquote sank von über fünfzig auf um die zehn Prozent. Schulen und Gesundheitsposten wurden gebaut, es gab eine Landreform, aus den riesigen Gütern Somozas wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Frauen bekamen zum ersten Mal nennenswerte Rechte, im katholisch geprägten Nicaragua wurden Schwangerschaftsabbrüche legal. Tausende Brigadisten aus Europa und den USA strömten ins Land, um sich bei der Kaffeeernte oder auf dem Bau nützlich zu machen.

Vanzetti fuhr mit einem zur mobilen Praxis umfunktionierten Geländewagen in den Norden, die ärmste Gegend des Landes. Er behandelte Durchfälle und Atemwegserkrankungen, untersuchte Menschen, die nie zuvor bei einem Arzt gewesen waren. Er lernte Vilma Martínez kennen, eine junge, neugierige und impulsive Sandinistin. Er wollte, dass sie etwas lernt.  Sie heirateten, bekamen eine Tochter und einen Sohn, sie holte ihr Abitur nach, studierte Geografie und arbeitete danach als Kartografin, bis ihre Stelle in den neoliberalen 1990er Jahren gestrichen wurde. Vanzetti wäre gerne im Norden geblieben. Hier fühlte er sich tatsächlich so unersetzlich, wie es der Maler Dieter Masuhr damals aus dem umkämpften Estelí geschrieben hatte. „Aber dann fiel ich in die Hände der Comandantes“, sagte er im Rückblick mit einer Mischung aus Bedauern und Ironie.

Er wurde zurück nach Managua beordert, wo man händeringend nach Neurochirurgen suchte. „Die waren alle abgehauen und ließen ihre Patienten zurück. Das war denen völlig egal.“ Zu Vanzetti gesellten sich ein paar Neurochirurgen aus Kuba und zwei aus der Sowjetunion. „Zusammen mit denen haben wir die medizinische Versorgung in den achtziger Jahren mehr oder weniger über Wasser gehalten.“

Die neurochirurgische Abteilung wurde im Krankenhaus Lenin Fonseca im glühend heißen Kessel von Managua aufgebaut. Dagle Aviles, einer seiner ersten Schüler, erinnert sich: „Er schaffte Bilder, Vorhänge, Bettlaken, Klimaanlagen, Operationsinstrumente, Mikroskope und mikrochirurgische Instrumente an. Als er sah, dass die Ärzte zum Essen aus dem Krankenhausbereich hinaus auf die Straße gingen, ließ er einen Kiosk bauen.“ Unterstützt wurde er dabei von einem kleinen Hilfswerk in Berlin, der „Luftbrücke Nicaragua“.

Vielleicht hat Vanzetti seine Zeit im Norden immer etwas romantisch verklärt. Tatsächlich brauchte man ihn in Managua sehr und er war dort ganz in seinem Element. Zuvor hatten nicaraguanische Ärzte ins Ausland gehen müssen, um sich zu Neurochirurgen weiterbilden zu lassen. Vanzetti hat an der Nationaluniversität einen Facharzt-Studiengang aufgebaut und ein rundes Dutzend Ärzte selbst ausgebildet. Er hat sich mit Haut und Haaren in seine Arbeit gestürzt, worunter seine Familie oft zu leiden hatte. Es kam häufig zum Streit mit seiner Frau; auch, weil er mancher Krankenschwester schöne Augen machte. Er zeigte mir das Einschussloch über dem Frühstückstisch und meinte, er sei sich nicht sicher, ob Vilma ihn tatsächlich hatte treffen oder nur warnen wollen. Die Familie zog schließlich auseinander. Sie und die Kinder blieben ein paar Kilometer außerhalb Managuas in Satelite Asososca, er zog in ein stickiges Haus gleich beim Krankenhaus. Dort fand immer das Abendessen der Familie statt. Trotz allem hingen Martínez und Vanzetti sehr aneinander. Das getrennte Dach war für zwei Dickköpfe wie sie wohl die einzige Möglichkeit, zusammen zu bleiben.

Von den Sandinisten war Vanzetti bald enttäuscht. Er redete sich selbst ein, dass er eigentlich gar nicht mehr erwartet habe. „Es kann nicht sein, dass ein Volk am 18. Juli 1979 korrupt ins Bett steigt und am Tag darauf als neue Menschen aufsteht“, sagte er zur Erklärung. Die Wirtschaftblockade der USA und der lange Zermürbungskrieg gegen die von Washington hochgerüsteten Contraverbände, der noch einmal rund 50.000 Tote forderte, taten das Übrige. Es entstand eben doch nicht der demokratische Sozialismus, von dem Vanzetti im Guerilla-Lager geträumt und gleichzeitig daran gezweifelt hatte. „Sie verstehen langsam, wofür sie kämpfen. Früher nur gegen Somoza. Jetzt vielleicht für eine sozialistische Gesellschaft?“ Das hatte er damals bei einer Schulung im Ausbildungscamp notiert. Später erklärte er den Unterschied zwischen Somoza und den Sandinisten so: „Wenn unter Somoza 100.000 Dollar für ein Krankenhaus gespendet wurden, kam die Hälfte davon an; von der anderen Hälfte kaufte sich der Direktor einen Mercedes. Heute kommt immer noch die eine Hälfte an. Aber von der anderen bekommen zehn Chefärzte einen Lada. Das ist immerhin ein bisschen demokratischer.“ Es sei die pure Geldgier gewesen, mit der „die Sandinisten eine Jahrhundertchance unwiederbringlich verloren gegeben haben“.

Trotzdem hat ihn die Wahlniederlage der FSLN am 25. Februar 1990 hart getroffen. Denn danach kam auch das „reaktionäre Pack“ der Neurochirurgen zurück, das sich nach 1979 in die USA abgesetzt hatte. Die linke Konkurrenz war ihnen ein Dorn im Auge und sie fanden schnell einen Weg, um Vanzetti kalt zu stellen. Sie behaupteten einfach, er sei ein Scharlatan. Es gebe kein amtliches Dokument, das einen Carlos Vanzetti als Facharzt für Neurochirurgie ausweise. Damit hatten sie sogar recht. Vanzettis Approbation und Titel lauteten auf den Namen Ernst Fuchs. Er wurde entlassen und erst nach langen juristischen Querelen, in deren Verlauf er Privathonorare zurückbezahlen musste, wieder eingestellt.

Es begann die Epoche des Wirtschaftsliberalismus im Nicaragua unter Präsidentin Violeta Chamorro. Im Bildungsbereich wurde gespart, die Analphabetenrate schoss wieder nach oben, und auch die öffentlichen Krankenhäuser bekamen kein Geld mehr, oft nicht einmal für Verbandsmaterial. Vanzetti griff für seine armen Patienten immer häufiger in die eigene Tasche und finanzierte sich über Privatoperationen von Reichen. Während der Regierungszeit des korrupten rechten Präsidenten Arnoldo Alemán (1997 bis 2002) wurde es besonders schlimm. 1998 streikten die Ärzte des staatlichen Gesundheitswesens für bessere Gehälter. Sie verdienten damals umgerechnet rund 100 Dollar im Monat. Vanzetti unterstützte die Kollegen, blockierte oft zusammen mit ihnen wichtige Straßenkreuzungen in Managua. „Ich habe ihnen mein Auto angeboten, damit sie es abfackeln“, erzählte er. „Ohne brennende Autos ist das doch keine richtige Blockade, und es wäre ein würdiges Ende für meinen 25 Jahre alten BMW gewesen.“ Die Streikenden aber lehnten ab. 2.000 von ihnen wurden entlassen, unter ihnen Vanzetti.

Während seiner letzten Jahre arbeitete er in einer privaten Klinik der baptistischen Kirche. Er war frustriert. Einmal überlegte er, sich auf eine Stelle in Deutschland zu bewerben, ließ es nach einem Besuch aber bleiben. „Ich fühle mich nicht mehr heimisch in Deutschland“, sagte er. „Und in Nicaragua fühle ich mich nach über zwanzig Jahren immer noch fremd.“ Er vergrub sich in seiner Wohnung und ging fast nur noch zum Arbeiten aus dem Haus. Er führte lange Telefongespräche mit seinen Geschwistern, fing an, an seiner Autobiografie zu schreiben. „Ist es die Einsamkeit, in der ich lebe, und die ich zu überwinden versuche, indem ich in meiner Kindheit herumwühle?“ fragte er sich im ersten Kapitel.

Er hat wohl gewusst, dass er bald sterben würde, und er wollte sterben, bevor er nicht mehr operieren konnte. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er eine Thrombose in einem Bein,  ein deutliches Alarmasignal für einen Neurochirurgen. Er hat sie nie richtig auskuriert. Im Mai 2003 erlitt er eine Gehirnblutung. Er lag zwei Wochen im Koma. Die behandelnden Ärzte sagten, dass er, sollte er je wieder zu sich kommen, sich an nichts erinnern, sich kaum bewegen und nie wieder reden werde. Vilma Martínez erlebte furchtbare Tage. Schon lange vorher hatte sie ihm versprechen müssen, sie werde ihn, sollte er zum Pflegefall werden, erschießen. Sie hätte es für ihn getan. Doch Vanzetti starb mit gerade 68 Jahren eines natürlichen Todes. Fünf Jahre später sollte seine Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommen.

Er hatte sich gewünscht, dass er eingeäschert würde. Seine Asche sollte in den Schlund des Masaya-Vulkans gestreut werden, so sei er nach dem nächsten Ausbruch überall im Land präsent. Daniel Ortega, damals noch Oppositionsführer, war der erste, der bei der Beerdigung eine Hand voll Asche in den brodelnden Krater warf. Dreieinhalb  Jahre später wurde er wieder zum Präsidenten gewählt und ist es seither geblieben.

Das blieb Vanzetti erspart. Er hätte sich noch viel einsamer gefühlt und wohl auch verraten in einem Nicaragua, das ein Mann, den er einmal bewundert hatte, zum autokratisch geführten Familienbetrieb gemacht hat. Carlos Vanzetti starb mit dem Wissen, dass seine Tochter Carmen Vanzetti Ärztin werden würde, und er wusste, sie würde es mit Leib und Seele sein.

In den Tagen Ende Februar 2016, als diese Geschichte in Managua aufgeschrieben wurde, füllte sich der Krater des Masaya-Vulkans bis zum Rand mit Lava. Jede Nacht stand über dem Berg ein glutroter Schein.

le monde diplomatique 3/2016