Erinnerung an einen Revolutionär

Vor vierzig Jahren ist der Arzt Ernst Fuchs, den sie in Nicaragua Carlos Vanzetti nannten,  mit der sandinistischen Guerilla in Managua eingezogen. Er war bald enttäuscht von der Revolution. Aber er ist dort geblieben und er ist dort gestorben.

Von Toni Keppeler

„Er war gefürchtet, arrogant, musste Recht haben, teilte aus“, schrieb sein Schüler, Kollege und Freund Dagle Avilés in einem Nachruf. „Er war anspruchsvoll und konnte um der Sache Willen auch repressiv sein.“ Carlos Vanzetti war, gelinde gesagt, kein einfacher Mensch. Mindestens ein Dickkopf, schon allein aus Gründen der Physiognomie: beeindruckende 62 Zentimeter Schädelumfang, umflort von dünn gewordenen graublonden Locken. Es passte zu einem Mann mit so einem Schädel, dass er Neurochirurg geworden ist und anderer Leute Köpfe aufsägte, um ihre Gehirne zu operieren. Ein Halbgott in Weiß, der sich oft auch genauso benommen hat.

Er mag vielen wie ein ruppiger Misanthrop erschienen sein. Im Grund aber war Carlos Vanzetti ein Menschenfreund durch und durch. Auch deshalb hatte er Ende 1978 seinen gut bezahlten Job in Berlin gekündigt und im Frühjahr 1979 ein paar Monate lang mit der Waffe in der Hand in Nicaragua mit der sandinistischen Guerilla gegen die Nationalgarde des Diktators Anastasio Somoza gekämpft. Weil sein militärischer Vorgesetzter dort das Pseudonym Sacco angenommen hatte, nannte man ihn – nach den beiden berühmten italienischen Anarchisten - Vanzetti. Der Carlos kam vom deutschen Karl, der natürlich an Marx erinnerte und gleichzeitig einer seiner vielen Vornamen war. Den ersten und Rufnamen hatte er von seinem Vater, dazu die Vornamen seiner beiden Großväter, den eines Onkels und den eines Weingärtners aus Winzerhausen in Nordwürttemberg, wo er am 17. Mai 1935 als – kurz gesagt – Ernst Fuchs geboren wurde. Er blieb nach dem Sturz Somozas in Nicaragua und bei seinem Kampfnamen, selbst als die Sandinisten 1990 abgewählt wurden und er längst enttäuscht war von den einstigen linken Hoffnungsträgern.

Carlos Vanzetti war ein Freund. Immer, wenn ich in Nicaragua zu tun hatte, habe ich bei ihm gewohnt; in seinem stickigen Häuschen in einer der heißesten Gegenden von Managua, gerade einmal zweihundert Meter vom Krankenhaus Lenin Fonseca entfernt, wo er lange gearbeitet hat. Abends habe ich oft mit ihm Gin mit Pampelmusensaft getrunken. Nur wenn er am nächsten Morgen operierte, war Alkohol tabu. Dann saß er morgens am Frühstückstisch, mit aufgeschlagenen Fachbüchern voller blutiger Fotografien rund um die Kaffeetasse, und ging die anstehende Operation Schritt für Schritt und mit allen Eventualitäten noch einmal durch.

Wenn wir beide einen Nachmittag frei hatten, sind wir meistens hinausgefahren in die Vorstadtsiedlung Satelite Asososca, wo seine Familie wohnte. Er hatte dort mit dem Geld von einer Privatoperation ein kleines Schwimmbecken in den Garten bauen lassen, ein Kindheitstraum. Wir drehten unsere Runden oder hingen einfach nur am Beckenrand und er erzählte. Es ging dabei selten um die Sandinisten und ihre Revolution. Er beschäftigte sich in seinen letzten Jahren vor allem mit seiner Kindheit und Jugend. Er hat Fragmente einer Autobiografie geschrieben und mir Kapitel für Kapitel zugeschickt. Seine E-Mails unterschrieb er nie mit „Carlos“, sondern mit „Vanzetti“ oder abgekürzt mit „Vanz“, und so nannte man ihn auch. Als er mit seinen Aufzeichnungen in seiner Studienzeit angekommen war, brach er den Versuch ab. Auch das Tagebuch, das er in seiner Guerillazeit schrieb, blieb ein Fragment und umfasst gerade einmal drei Wochen. Ein paar Monate bevor er starb, hat er mir eine Abschrift gegeben und gemeint, ich wisse besser als er, ob man mit seinen Schreibversuchen irgendwann etwas anfangen könne. Diese beiden Fragmente und unzählige Besuche, Gespräche und Erinnerungen sind die Grundlage dieses Textes.

Wer in Vanzettis Kindheits- und Jugenderinnerungen blättert, stellt schnell fest, dass sein Weg zum Revolutionär nicht vorgezeichnet war. Sein Vater war evangelischer Theologe und überzeugter Sozialdemokrat, weshalb ihn seine Landeskirche in der Zeit des Faschismus in der Provinz versteckte, zuerst in Winzerhausen, dann im hohenlohischen Oberaspach. Ernst Fuchs war der dritte Sohn seiner Eltern, ihm folgten noch zwei Töchter. Er hatte eine unbeschwerte Kindheit, strich durch den Wald und über die Felder und ärgerte sich nur, wenn er zum Sammeln von Bucheckern geschickt wurde oder zum Lesen der auf den Stoppelfeldern liegen gebliebenen Ähren. Manchmal hütete er auch Kühe. Den Krieg kannte er nur aus Erzählungen und von den Bombergeschwadern, die über Oberaspach hinweg in Richtung Stuttgart oder Nürnberg flogen. Erst ganz am Ende, beim Volkssturm, sah er Panzer und wollte die Heimat verteidigen: „So zogen wir – ein hinkender einbeiniger Mann und vier bis fünf Schlingel – auf die Anhöhe nach Ilshofen, um dort auf der topfebenen Straße eine Panzersperre zu bauen, indem wir einen schönen Birnbaum fällten (...). Während der schwierigen Prozedur – wir hackten am Stamm herum ohne klares Konzept –, dröhnte die Karawane von amerikanischen Panzern auf der Straße von Ilshofen heraus und machte ungefähr zwei Kilometer vor uns halt. Langsam drehten sich die Kanonen in unsere Richtung und dann feuerten sie einen Schuss über unsere Köpfe hinweg . Wir rasten in den Ort zurück. Wir hatten unser Bestmögliches getan, um die Heimat zu retten.“

Als Ernst die zehnte Klasse abgeschlossen hatte, zog die Familie nach Tübingen. Sein Vater trat an der theologischen Fakultät der dortigen Universität eine neutestamentliche Professur an. Ernst Fuchs Senior war ein radikaler Ausleger der Bibel und gehörte zusammen mit Ernst Käsemann zu den prominentesten Schülern des Entmythologisierers Rudolf Bultmann. Ob das Grab Jesu drei Tage nach dessen Foltertod leer gewesen sei oder nicht, hielt er für etwas völlig Nebensächliches. Die historische Faktenlage des Neuen Testaments sei ohnehin viel zu dünn, um darauf einen Glauben zu gründen. Ernst Fuchs Junior interessierte sich in seinen ersten Jahren in Tübingen viel mehr für die Hirsche im nahen Waldgebiet Schönbuch und später dann für Mädchen. Erst in seiner Abiturklasse hörte er nebenbei eine Vorlesung seines Vaters über die Auslegung des Römerbriefs.

Der alte Fuchs muss ein Professor vom alten Schlag gewesen sein, selbstsicher, eitel, autoritär. Der Sohn hat einiges davon geerbt. Er verehrte seinen Vater. Trotzdem machte er nach dem Abitur erst einmal eine Apothekerlehre in Heidenheim am Rand der Schwäbischen Alb. „Meine Tante hatte mir goldene Berge versprochen. Sie besaß eine Apotheke.“ Er hat dort die Tanzstunde absolviert „und Gerda geküsst“. Sein Lehrmeister machte ihm klar, „dass Apotheker sein bedeutet, dass man den Ärzten in den Arsch kriechen muss, um mit ihren Rezepten Geld zu scheffeln“. Den Rest gab ihm eine Bemerkung des Theologen Friedrich Gogarten am Mittagstisch zu Hause in Tübingen. Der Gast fragte die anwesenden Kinder, was sie denn so studierten. Bruder Martin konnte mit einem Mathematikstudium beeindrucken, die beiden Schwestern mit Altphilologie. Als Ernst antwortete, er lerne Apotheker, sagte Gogarten trocken: „Ach so, Seife verkaufen.“ Da musste der noch schüchterne junge Mann „an die Tampons denken, die die Frauen immer in der Apotheke einkauften, und an mein Gestottere, wenn sie mich nach dem Unterschied der verschiedenen Sorten fragten. Da war sowas wie der Schlussstrich unter meine Apothekerkarriere gezogen.“ Nach einem Jahr brach er die Lehre ab und studierte in Tübingen und Berlin Medizin.

In Berlin genoss er die Großstadt, zog nachts durch Kneipen und Tanzcafes. Von politischem Engagement steht nichts in seinen Aufzeichnungen. Sie brechen ab, nachdem er zum ersten Mal nach langem und holprigem Anlauf mit einer Frau geschlafen hat. Vorher aber finden sich zwei verstörende Kapitel. In einem erzählt er von einem studentischen Fest in einer Mensa, bei dem er auf einer Treppe ausgerutscht und rücklings auf den Kopf gefallen sei. Dann schreibt er nicht mehr mit seiner Stimme weiter, sondern mit der seines damals besten Freundes: Fuchs sei bewusstlos gewesen, ins Krankenhaus gebracht worden, die Familie sei händeringend auf dem Gang gesessen. Drei Tage sei er im Koma gelegen, dann sei er gestorben. Im nächsten Kapitel lebt er wieder und geht mit demselben Freund ins Tanzlokal „Eierschale“, wo sich damals die Halbwelt traf. Es sei dort zu einer Schießerei gekommen, ein Querschläger habe ihn getroffen, er habe noch den Schmerz gespürt, dann sei er gestorben. Den Sturz in der Mensa und die Schießerei in der „Eierschale“ gab es wohl wirklich. Aber warum hat der alternde Fuchs diese Geschichten bis in den eigenen Tod hinein weitergesponnen?

Nach dem Studium machte Ernst Fuchs Karriere in Berlin. Er war einer der ersten Neurochirurgen, die unterm Mikroskop operierten. Er hielt Vorlesungen. Er heiratete und zeugte drei Söhne. Er hatte eine Neun-Zimmer-Wohnung in Berlin, eine Ferienblockhütte in Schweden, verdiente 100.000 Mark im Jahr, was damals sehr viel Geld war. Er war ein gemachter Mann. Und doch war er immer ein Außenseiter. „Neurochirurgen“, sagte er oft, „sind ein reaktionäres Pack.“ Er engagierte sich politisch links. Er war in der Gewerkschaft und setzte sich öffentlich für eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung der Gefangenen aus der Rote Armee Fraktion ein. Damit machte man sich in der Hysterie dieser bleiernen Jahre zum „Sympathisanten“.

Dann kam 1977 die Repressionswelle des „Deutschen Herbsts“ und Fuchs fühlte sich einsam in Berlin, als „heimatloser Linker“. Im Jahr darauf – er war gerade mit einer Freundin in Süditalien im Urlaub – erhielt die einen Brief von dem Maler Dieter Masuhr, der im nicaraguanischen Estelí die Einnahme der Stadt durch die Sandinistische Befreiungsfront und danach die Bombardierung durch die Nationalgarde des Diktators Anastasio Somoza miterlebt hatte. „Was macht ihr da eigentlich in Deutschland? Ihr seid doch völlig überflüssig in Berlin“, schrieb Masuhr. „In Estelí sterben die Leute wegen einer banalen Knochenverletzung. Hier braucht man euch.“ Und ein Satz fuhr Fuchs besonders ins Mark: „Ihr seid doch alle ersetzbar.“

Fuchs hielt sich für unersetzlich. „Wir Neurochirurgen sind besonders eitel“, sagte er und nahm sich selbst nie davon aus. Man müsse sich geradezu als Halbgott fühlen, sonst traue man sich nicht, ins Gehirn anderer Leute zu schneiden. Trotzdem hat er über Masuhrs Satz nachgedacht „und kam zu dem Schluss: In Berlin gibt es sechs oder sieben Neurochirurgen, die sind so gut wie ich. Das also kann es nicht sein, was mich hier hält.“

Als dann am 22. August 1978 Eden Pastora als „Comandante Zero“ zusammen mit zwei Dutzend Guerilleros den Nationalpalast in Managua besetzte, tausend Menschen als Geiseln nahm und damit die Freilassung des inhaftierten Sandinistenführers Daniel Ortega und weiterer 58 politischer Gefangener erpresste, da hatte der heimatlose Linke in Berlin einen neuen Helden gefunden. Nicht nur bei Ernst Fuchs, sondern in weiten Teilen der deutschen Linken und bis hinein in kritische kirchliche Kreise scheinen die Sandinisten und ihre schnellen Erfolge im Befreiungskrieg gegen das Somoza-Regime der revolutionäre Funke gewesen zu sein, auf den man gewartet hatte, um die nach dem „Deutschen Herbst“ eingetretene Lähmung überwinden zu können.

Aber es war nicht nur ein neues revolutionäres Heldentum, von dem sich Fuchs so angezogen fühlte, dass er im Oktober 1978 kündigte. Er durchlitt in diesen Monaten auch eine schwere persönliche Krise. Seine Ehe zerbrach. Er hat nie viel darüber erzählt, aber er muss völlig am Boden gewesen sein. In verstreuten Aufzeichnungen finden sich Hinweise auf eine „lange Krankheit“, in sein nur wenige Monate später entstandenes Kriegstagebuch notierte er einmal ohne weitere Erklärung: „Ein Selbstmord im Leben ist genug.“ Auch in den drei Wochen im Dschungel, in denen er schrieb, hat er sich oft seinen eigenen Tod ausgemalt, ganz plastisch und bis hin zu dem Detail, dass man seiner Leiche den Gürtel abnehmen würde, in dem er eine eiserne Reserve an Dollars versteckt hatte. Sein Tod war ihm mindestens genauso nah wie der Wunsch, den Krieg zu überleben.

Anfang 1979 reiste Fuchs nach Costa Rica und verbrachte dort erst ein paar Wochen im Haus von Sergio Ramírez. Der Schriftsteller, der später unter Daniel Ortega Vizepräsident von Nicaragua werden sollte, war damals der Initiator der „Gruppe der Zwölf“, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, die den Sandinisten nahe standen und so etwas wie das diplomatische Gesicht der FSLN, der  Sandinistischen Befreiungsfront, waren. Ramírez hielt unter anderem die Kontakte zur Sozialistischen Internationalen und zur sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung. Von dessen Haus ging es am 21. März weiter ins Ausbildungslager der Guerilla hinter der Südfront.

„Abends mit einem der Chefs einer Guerillabasis im Restaurant Steak gegessen“, notierte Fuchs, der von jetzt an Carlos Vanzetti hieß, zwei Tage später in den ersten Eintrag seines Kriegstagebuchs. Gegen 21 Uhr ging es weiter im Geländewagen in Richtung nicaraguanische Grenze. „Dreißig Kilometer durch Wasserläufe, mit und ohne Wasser, durch zahllose Gatter, vorbei an Pferden und Kühen, durch den Urwald, vorbei an einem einsamen Gehöft und durch Schlamm. Bis dann bei einem Gatter Schluss war.“ Zu Fuß und mit der Taschenlampe marschierte die Gruppe zum Lager. „Am Boden, in eine Decke gehüllt, zwischen Stiefeln mehr recht als schlecht geschlafen. Hätte, glaube ich, stehend schlafen können. Fünf Uhr Wecken!“

Siebzig Männer und Frauen waren im Ausbildungslager, darunter auch eine Deutsche, Ulla aus Stuttgart. „Zäh, idealistisch, eine Frau, die was tun will. Ist toll.“ Vanzetti bewunderte sie. Er fühlte sich nicht so fit, hatte Schmerzen im rechten Bein, vor allem bei seinen ersten Schießübungen im Knien. Als Arzt wusste er: Es ist der Meniskus. Auf 250 Meter galt es, mit dem schweren belgischen Sturmgewehr FAL eine menschliche Silhouette zu treffen, „mit einer Zielscheibe da, wo das Herz ist“. Vanzettis Bilanz von je acht Schuss: „Im Stehen: negativo. Im Liegen dann drei Mal die Silhouette, einmal die Scheibe.“

Natürlich war er auffällig: Ein Typ wie ein Schrank zwischen schmalen und knochigen Bauernsöhnen und -töchtern, die alle mindestens einen Kopf kleiner waren als er. Privilegien aber hatte er keine. Er wurde genauso wie alle anderen wegen kleiner Disziplinlosigkeiten zu Liegestützen und Kniebeugen mit dem Sturmgewehr verdonnert. Er beschwerte sich nicht. Er ärgerte sich nur darüber, dass selbst die kleinsten fitter waren als er und lange vor ihm an die Front beordert wurden: „Der Knabe zwölf, das Mädchen – sie schrieb seitenweise Liebesgedichte – dreizehn. Kinder.“ Die Verpflegung fand er bisweilen zum Kotzen: „Heute essen wir Affen. Mir ist schon jetzt ganz schlecht.“ Die abgezogenen Tiere erinnerten ihn an Kinderleichen in der Pathologie.

Mit dem Töten von Feinden hatte er keine Probleme. Die erste Exekution eines gefangenen Nationalgardisten erlebte er noch aus der Ferne. „Morgens hörte ich eine Salve und dann einen einzelnen Schuss. Ich hasse den Krieg! Aber hätte ich auch geschossen? Bin ich schon so weit militant geworden? Gern hätte ich’s nicht getan.“ Aber schon drei Tage später, als der Lagerkommandant nach Freiwilligen für die Erschießung eines Verräters fragte, „habe ich mich zu meiner Überraschung mit hoch gehobenem Arm gesehen“. Aber es war nur eine Scheinfrage, um die Rekruten zu prüfen.

Am übernächsten Tag wurde es ernst. Ein Verräter war gefasst worden. „Dort unter den Bäumen lag er. Auf dem Bauch. Die Hände auf den Rücken gefesselt. An den Beinen auch. (...) Alejandro sagte: Ein Deserteur, der den Sohn eines unserer Helfer mit dem Messer erstochen hat. Handgranaten in der Tasche! Er stand auf, wir traten an. Er ging mit dem Hut auf dem Kopf. Breitrandig. Sein Gesicht braun und ausdruckslos. Die Augen waren schon tot. Er wurde vor einen Baum gestellt. Der Wind wischte ihm den Hut, den dreckigen weißen breitrandigen mexikanischen Hut vom Kopf. Eine Salve! Er sank zur Seite. Tot! Frederico gab ihm noch einen Schuss in den Kopf. Mein Gewehr hatte acht Kugeln weniger. Der Typ, der vorher damit geschossen hatte, hatte auf Dauerfeuer gestellt. (...) Sie haben seine Schuhe ausgezogen, das wenige Geld an sich genommen. Den Hut. Die Schuhe haben nicht viel getaugt. Die Uhr ist eine solide Marke. Ob mir mal jemand den Gürtel auszieht?“

Je näher sein erster Fronteinsatz rückte, desto mehr dachte er übers Sterben nach und rechtfertigte im Vorweggriff sein mögliches Opfer. „Wie ist Sterben? Wenigstens inmitten dieser Jugend. Jugend, die sterben wird. Ich hasse die Bourgeoisie! Ich hasse die Bourgeoisie der BRD, wie ich noch niemals etwas gehasst habe!“ Und an die bundesdeutsche Linke gerichtet: „Ihr redet und redet, um nichts tun zu müssen. Ihr redet, um nichts riskieren zu müssen! Ihr lest, ihr wisst, ihr wisst auch um euch, aber ihr kämpft an eurer eigenen Front, der Front eurer Ausreden.“ Er aber, er tat etwas, er riskierte sein Leben. Auch wenn sein Einsatz wieder und wieder verschoben wurde.

Am 1. April erwähnte er zum ersten Mal, dass es in den nächsten Tagen einen Großangriff geben solle. „Ich gehe an die Front. Vielleicht auch erst morgen. Bin gespannt! Hab’ Angst und Lust!“ Es dauerte noch eine Woche. Dann wurde er nachts um elf geweckt. „Alejandro: Doctor, sie brauchen dich an der Grenze.“ Er sollte möglichst nah an den Kämpfen die Notfallversorgung der Verletzten gewährleisten. Aber es dauerte noch einmal vier Tage, bis in der Nacht ein Posten der Guardia Nacional überfallen wurde. Vanzetti schrieb fast enttäuscht darüber: „Aus dreißig Metern Entfernung Überfall mit Schnellfeuergewehren, nur: Die G.N. trauten sich nicht raus in die Nacht.“ Erst am Tag darauf kam so etwas wie Euphorie auf. „Es soll zwölf Tote gegeben haben. Mit Hubschraubern haben sie zwölf zugedeckte Tragen abgeholt. Hat man durchs Fernrohr ausmachen können. Jetzt sind wir Sieger!!“

Beim Rückzug stürzte Vanzetti auf dem glitschigen Boden des Regenwalds. Sein rechter Meniskus riss. Er konnte nicht mehr alleine gehen, musste gestützt werden. Man brachte ihn nach Costa Rica, von dort flog er am 15. April 1979 nach Mexiko, wo er sich operieren lassen sollte. Die Sandinisten hatten dort Kontakte zu solidarischen Ärzten. Doch Vanzetti flog weiter nach Berlin. Er glaubte, dass ihn deutsche Ärzte schneller fit machen könnten. Sein Kriegstagebuch bricht an dieser Stelle ab. Was danach kam, fasste er in Erzählungen immer nur summarisch zusammen. „Nach vierzehn Tagen war ich zurück an der Südfront. Noch drei oder vier Angriffe, dann waren wir in Managua.“

Tatsächlich ging es ziemlich schnell. Kein Befreiungskrieg in Zentralamerika war so kurz wie der in Nicaragua. In El Salvador dauerte der offene Schlagabtausch zwischen der Armee und der Guerilla zwölf, in Guatemala sogar 36 Jahre. Die FSLN war zwar schon 1961 gegründet worden, lange aber gab es nicht viel mehr als hin und wieder einen Überfall auf eine Militärpatrouille irgendwo im dünn besiedelten Hinterland im Norden und Nordosten Nicaraguas. Entscheidend für den Rückhalt der Guerilla in der Bevölkerung war das schwere Erdbeben, das am 24. Dezember 1972 Managua zerstört hat. Rund 10.000 Menschen kamen ums Leben, Hundertausende wurden obdachlos. Diktator Somoza und sein Clan nutzten die Katastrophe zur persönlichen Bereicherung. Große Teile der internationalen Hilfe wurden auf ihre Privatkonten umgeleitet, als Spenden ins Land gebrachte Hilfsgüter von ihren Firmen verkauft.

Danach hatte der Diktator jegliche Unterstützung verloren. Die Überfälle der FSLN nahmen zu und mit ihnen die Repression gegen die politische Opposition, Gewerkschaften und Intellektuelle. Somoza galt als einer der perversesten Diktatoren seiner Zeit. Seine politischen Gefangenen ließ er sich gerne in Käfigen vorführen. 1977 kam es zu ersten größeren Kampfhandlungen in der dicht besiedelten pazifischen Seite des Landes, es folgten Volksaufstände in den Provinzstädten Leon, Matagalpa und Masaya. Als dann auch noch die US-Regierung unter dem Demokraten Jimmy Carter die Waffenhilfe einstellte, brach die Nationalgarde schnell zusammen. Vorher freilich waren über 30.000 Menschen getötet worden. Am 17. Juli 1979 floh Somoza mit seiner Familie, seinen Mätressen, der Staatskasse und den Gebeinen seiner Vorfahren nach Miami. Der von ihm eingesetzte Statthalter Francisco Urcuyo konnte sich gerade einen Tag halten, dann zogen die Sandinisten am 19. Juli mit einem Volksfest in Managua ein.

Die Monate danach hat Vanzetti oft „die glücklichste Zeit meines Lebens“ genannt. Es war die Zeit, in der junge Leute in abgelegene Dörfer zogen, um Kindern und Alten das Alphabet beizubringen; die Analphabetenquote sank von über fünfzig auf um die zehn Prozent. Schulen und Gesundheitsposten wurden gebaut, es gab eine Landreform, aus den riesigen Gütern Somozas wurden landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. Frauen bekamen zum ersten Mal nennenswerte Rechte, im katholisch geprägten Nicaragua waren Schwangerschaftsabbrüche legal. Tausende Brigadisten aus Europa und den USA strömten ins Land, um sich bei der Kaffeeernte oder auf dem Bau nützlich zu machen.

Vanzetti fuhr mit einem zur mobilen Praxis umfunktionierten Geländewagen in den Norden, die traditionelle Hungerzone des Landes. Er behandelte Durchfälle und Atemwegeerkrankungen, untersuchte Menschen, die nie zuvor bei einem Arzt gewesen waren. Er lernte Vilma Martínez kennen, eine junge neugierige und impulsive Sandinistin und er wollte, dass sie etwas lernt. Sie heirateten, bekamen eine Tochter und einen Sohn, sie holte ihr Abitur nach, studierte Geografie und arbeitete danach als Kartografin an der Universität, bis ihre Stelle in den neoliberalen Neunzigerjahren gestrichen wurde. Vanzetti wäre gerne viel länger im Norden geblieben. Hier fühlte er sich tatsächlich so unersetzlich, wie es der Maler Masuhr aus dem umkämpften Estelí geschrieben hatte. „Aber dann fiel ich in die Hände der Comandantes“, sagte er im Rückblick mit einer Mischung aus Bedauern und Ironie.

Er wurde zurück nach Managua beordert, wo man händeringend nach Neurochirurgen suchte. „Die waren alle abgehauen und hatten ihre Patienten zurückgelassen. Das war denen völlig egal.“ Zu Vanzetti gesellten sich ein paar Neurochirurgen aus Kuba und zwei aus der damaligen Sowjetunion. „Zusammen mit denen haben wir die medizinische Versorgung in den achtziger Jahren mehr oder weniger über Wasser gehalten.“

Die neurochirurgische Abteilung wurde im Krankenhaus Lenin Fonseca im glühend heißen Kessel von Managua aufgebaut. Dagle Aviles, einer seiner ersten Schüler, erinnert sich: „Er schaffte Bilder, Vorhänge, Bettlaken, Klimaanlagen, Operationsinstrumente, Mikroskope und mikrochirurgische Instrumente an. Als er sah, dass die Ärzte zum Essen aus dem Krankenhausbereich hinaus auf die Straße gingen, ließ er einen Kiosk bauen.“ Er wurde dabei von einem kleinen Hilfswerk in Berlin, der „Luftbrücke Nicaragua“, unterstützt.

Vielleicht hat Vanzetti seine Zeit im Norden immer etwas romantisch verklärt. Tatsächlich brauchte man ihn mehr in Managua und er war dort in seinem Element. Nicaraguanische Ärzte mussten vorher ins Ausland, um sich zu Neurochirurgen weiterbilden zu lassen. Er hat zusammen mit der Nationaluniversität einen Facharzt-Studiengang aufgebaut und ein rundes Dutzend Ärzte selbst ausgebildet. Er hat sich mit Haut und Haaren in seinen Beruf gestürzt. Seine Familie hat oft darunter gelitten. Es kam häufig zum Streit mit seiner Frau; auch, weil er mancher Krankenschwester schöne Augen machte. Er zeigte mir das Einschussloch über dem Frühstückstisch und meinte, er sei sich nicht sicher, ob Vilma ihn tatsächlich treffen wollte oder nur warnen. Die Familie zog schließlich auseinander. Sie und die Kinder blieben ein paar Kilometer außerhalb Managuas in Satelite Asososca, er zog in ein stickiges Haus gleich beim Krankenhaus. Dort fand immer das Abendessen der Familie statt. Trotz allem hingen Martínez und Vanzetti sehr aneinander. Das getrennte Dach war für zwei Dickköpfe wie sie wohl die einzige Möglichkeit, zusammen zu bleiben.

Von den Sandinisten war Vanzetti bald enttäuscht. Er redete sich selbst ein, dass er mehr gar nicht erwartet habe. „Es kann nicht sein, dass ein Volk am 18. Juli 1979 korrupt ins Bett steigt und am Tag darauf als neue Menschen aufsteht“, sagte er zur Erklärung. Die Wirtschaftsblockade der USA und der lange Zermürbungskrieg gegen die von Washington hochgerüsteten Contraverbände, der noch einmal rund 50.000 Tote forderte, taten das Übrige. Es entstand eben doch nicht der demokratische Sozialismus, von dem Vanzetti im Guerilla-Lager geträumt und gleichzeitig daran gezweifelt hatte. „Sie verstehen langsam, wofür sie kämpfen. Früher nur gegen Somoza. Jetzt vielleicht für eine sozialistische Gesellschaft?“ Das hatte er damals anlässlich einer Schulung im Ausbildungscamp notiert. Später erklärte er den Unterschied zwischen Somoza und den Sandinisten so: „Wenn unter Somoza 100.000 Dollar für ein Krankenhaus gespendet wurden, kam die Hälfte davon an; von der anderen Hälfte kaufte sich der Direktor des Krankenhauses einen Mercedes. Heute kommt immer noch die eine Hälfte an. Aber von der anderen bekommen zehn Chefärzte einen Lada. Das ist immerhin ein bisschen demokratischer.“ Es sei die pure Geldgier gewesen, mit der „die Sandinisten eine Jahrhundertchance unwiederbringlich verloren gegeben haben“.

Trotzdem hat Vanzetti die Wahlniederlage der FSLN am 25. Februar 1990, bei dem überraschend ein konservatives antisandinistisches Wahlbündnis gewann, hart getroffen. Denn danach kam das „reaktionäre Pack“ der Neurochirurgen zurück, das sich nach 1979 in die USA abgesetzt hatte. Die linke Konkurrenz war ihnen ein Dorn im Auge und sie fanden schnell einen Weg, um Vanzetti kalt zu stellen. Sie behaupteten einfach, er sei ein Scharlatan. Es gebe kein amtliches Dokument, das einen Carlos Vanzetti als Facharzt für Neurochirurgie ausweise. Damit hatten sie sogar recht. Vanzettis Titel lautet auf den Namen Ernst Fuchs. Er wurde entlassen und erst nach langen juristischen Querelen, in deren Verlauf er Privathonorare zurückbezahlen musste, wieder eingestellt.

Mit der Präsidentin Violeta Barrios de Chamorro begann die neoliberale Zeit in Nicaragua. Im Bildungsbereich wurde gespart, die Analphabetenrate schoss wieder nach oben, und auch die öffentlichen Krankenhäuser bekamen kein Geld mehr, oft nicht einmal für Verbandsmaterial. Vanzetti griff für seine armen Patienten immer häufiger in die eigene Tasche und finanzierte sich über Privatoperationen an Reichen. Während der Regierungszeit des korrupten rechten Präsidenten Arnoldo Alemán (1997 bis 2002) war es besonders schlimm. 1998 streikten die Ärzte des staatlichen Gesundheitswesens für bessere Löhne. Sie verdienten damals umgerechnet knapp hundert Euro im Monat. Vanzetti unterstützte die Kollegen, blockierte zusammen mit ihnen strategische Straßenkreuzungen in Managua. „Ich habe ihnen mein Auto angeboten, damit sie es abfackeln“, erzählte er. „Ohne brennende Autos ist das doch keine richtige Blockade. Es wäre ein würdiges Ende für meinen 25 Jahre alten BMW gewesen.“ Die Streikenden aber lehnten ab. 2.000 von ihnen wurden entlassen, unter ihnen Vanzetti.

Seine letzten Jahre arbeitete er in einer privaten Klinik der baptistischen Kirche. Er war frustriert. Einmal überlegte er, sich auf eine Stelle in Deutschland zu bewerben, ließ es nach einem Besuch aber bleiben. „Ich fühle mich nicht mehr heimisch in Deutschland“, sagte er. „Und in Nicaragua fühle ich mich nach über zwanzig Jahren immer noch fremd.“ Er vergrub sich in seiner Wohnung und ging fast nur noch zum Arbeiten aus dem Haus. Er führte lange Telefongespräche mit seinen Geschwistern, fing an, an seiner Autobiografie zu schreiben. „Ist es die Einsamkeit, in der ich lebe, und die ich zu überwinden versuche, indem ich in meiner Kindheit herumwühle?“, fragte er sich im ersten Kapitel.

Er hat wohl gewusst, dass er bald sterben würde, und er wollte sterben, bevor er nicht mehr operieren konnte. Wenige Monate vor seinem Tod hatte er eine Thrombose in einem Bein, für einen Neurochirurgen ein Alarmasignal. Er hat sie nie richtig auskuriert. Im Mai 2003 erlitt er eine Gehirnblutung. Er lag zwei Wochen im Koma. Die behandelnden Ärzte sagten, dass er, sollte er je wieder zu sich kommen, sich an nichts erinnern, sich kaum bewegen und nie wieder reden werde. Seine Frau Vilma Martínez erlebte furchtbare Tage. Schon lange vorher hatte sie ihm versprechen müssen, sie werde ihn, sollte er zum Pflegefall werden, erschießen. Sie hätte es für ihn getan. Doch Vanzetti starb am 31. Mai 2003 mit gerade 68 Jahren eines natürlichen Tods. Martínez kam fünf Jahre später bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Er hatte sich gewünscht, dass er eingeäschert werde. Seine Reste sollten in den Schlund des Masaya-Vulkans gestreut werden. So sei er nach dem nächsten großen Ausbruch überall im Land präsent. Daniel Ortega, damals noch Oppositionsführer, war der erste, der bei der Beerdigung eine Handvoll Asche in den brodelnden Krater warf. Dreieinhalb  Jahre später wurde er wieder zum Präsidenten gewählt und ist es seither geblieben.

Das blieb Vanzetti erspart. Er hätte sich noch viel einsamer gefühlt und vielleicht auch verraten in einem Nicaragua, das ein Mann, den er einmal bewundert hatte, zum autokratisch geführten Familienbetrieb gemacht hat. Als sich im vergangenen Jahr die Jugend erhob und den Autokraten über Monate an Barrikaden herausgefordert hat, da hätte er noch einmal Hoffnung geschöpft. Vanzetti liebte Barrikaden. Aber auch diese Hoffnung ist längst verflogen. Ortega hat die Protestbewegung erst ausgesessen und dann niedergewalzt.

Immer wenn ich nach Nicaragua komme und der Masaya-Vulkan nur qualmt, fahre ich hinauf zum Kraterrand. Es ist der aktivste in Nicaragua und doch ist er verhältnismäßig berechenbar. Er neigt nicht zu großen Explosionen. Er füllt sich regelmäßig mit flüssiger Lava. Manchmal läuft dieser heiße See über, meist aber sinkt der Pegel wieder, bevor er den Kraterrand erreicht hat. An den Tagen, an denen er bis zum Rand mit Lava gefüllt ist, steht in der Nacht über dem Grab von Vanzetti ein weithin sichtbarer glutroter Schein.

FR, 13.7.2019