Vom Wert der Arbeit

Raúl Castros Wirtschaftsreformen, sagt er, machten Kuba nicht gleicher, aber gerechter. Die neuen privaten Unternehmer profitieren davon. Ein Besuch bei zwei Handwerkern, die sich selbständig machten.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero 

Havanna hat sich verändert, seit Raúl Castro die Geschäfte führt. Es ist bunter geworden, freundlicher. Fröhlich war es schon immer, auch in ganz tiefer Tristesse. Selbst in Centro Habana, jenem lange vernachlässigten Stadtteil, der gleich neben dem zur Toursimus-Meile aufgeputzen La Habana Vieja liegt und in dem über Jahre so gut wie jeden Tag ein Haus einstürzte, sind ganze Straßenzüge renoviert und in quietschenden Farben angestrichen. „Alles privat restauriert“, sagt ein Anwohner.

Sicher: Dazwischen gibt es auch noch Ruinen. Aber - sapperlot! - es tut sich was nach Jahrzehnten des Verfalls. An fast jeder Ecke ein Bauernmarkt, gut bestückt mit Obst und Gemüse und Kunden; sogar Fleisch ist zu haben. Rund um das Hotel Habana Libre im weiter östlich gelegenen Stadtteil Vedado gibt es eine große Auswahl an Restaurants und Bars, manche davon 24 Stunden am Tag geöffnet. In einigen isst man sehr gut - viel mehr als ein fettiges Stück Schweinefleisch mit sozialistischer Sättigungsbeilage. Auf den Straßen jede Menge Taxis, die meisten schön hergerichtete Oldtimer aus den 50er-Jahren. Vereinzelt erste Werbeplakate. Demnächst soll es sogar „Gelbe Seiten“ geben, Telefonverzeichnisse, in denen privatwirtschaftlich arbeitende Kubaner ihre Dienste anpreisen können. Nur der All-Inclusive-Begleitservice von freiberuflich tätigen jungen Frauen in hochsommerlicher Kleidung - man nennt sie in Kuba „jineteras“, „Reiterinnen“ -, der ist auf den Straßen fast nicht mehr präsent.

All das sind Folgen der Wirtschaftsreformen, die Staats- und Parteichef Raúl Castro von der seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion anhaltenden Dauerkrise aufgezwungen wurden. Er hat Land in Erbpacht an selbständige Bauern verteilt, der private Verkauf von Autos und Häusern wurde erlaubt. Allein in Havanna wurden über 20.000 neue Taxilizenzen vergeben. Fast 200 Berufe können unabhängig von Staatsbetrieben ausgeübt werden, vom Clown über den Pizzabäcker bis hin zum Restaurantbesitzer mit bis zu zwanzig Angestellten (früher nannte man das Ausbeutung und es war verboten). Man hat sogar ein Wort für die neuen Unternehmer erfunden: „cuentapropistas“, was so viel heißt wie „Menschen, die auf eigene Rechnung arbeiten“. Es herrscht Reisefreiheit. Sogar Dissidenten können problemlos Kuba verlassen - und wieder zurückkommen. Viele der neuen Reisenden bringen Geld mit von Verwandten im Ausland mit - für Investitionen. Über zwei Milliarden US-Dollar haben Auslandskubaner im vergangenen Jahr in den Wirtschaftskreislauf der Insel gepumpt.

Die Reformen haben auch eine unangenehme Seite: Massenentlassungen aus dem noch immer dominierenden Staatssektor. 140.000 Stellen wurden im Jahr 2011 gestrichen, 2012 waren es 110.000. Bis 2015 soll es eine halbe Million werden - von noch rund vier Millionen staatlichen Arbeitsplätzen. Ursprünglich sollten viel mehr viel schneller auf die Straße gesetzt werden. Aber so rasch kam die Privatwirtschaft mit dem Aufsaugen der Arbeitslosen nicht nach.

400.000 Selbständige gibt es heute in Kuba. Die Mehrzahl von ihnen hat vorher nicht beim Staat gearbeitet, sondern auf dem Schwarzmarkt Geld verdient und diese Geschäfte nun auf eine legale Basis gestellt. Das Erstaunliche: 80 Prozent von ihnen sind Mitglied in der kommunistischen Einheitsgewerkschaft. Einen Unternehmerverband gibt es nicht. Zu diesen „cuentapropistas“ kommt noch gut eine Million freier Bauern, die ihre Ernte mit privaten Transportunternehmen auf private Märkte bringen können.

Er hat, das gibt Raúl Castro offen zu, seine Reformen mit den leichteren Übungen begonnen. So wurden über 2.000 staatliche Friseursalons privatisiert. Die Angestellten hatten die Alternative: Entweder, du gehst - oder du übernimmst den Laden auf eigene Rechnung. Yordani Rodríguez, 36, hat übernommen; zusammen mit zwei Friseusen und einer Nagelpflegerin. Man sieht seinem Geschäft an, dass es lange sozialistisch war. Da funkelt nichts, nicht einmal ein Schild an der Tür weist darauf hin, dass man sich hier die Haare schneiden und die Nägel richten lassen kann. Die Leute wissen es einfach und kommen.

Das Geschäft liegt im Stadtteil Playa, was auf Deutsch „Strand“ heißt und sich nach Ferien anhört. Tatsächlich gibt es gut zehn Häuserblocks weiter im Süden feinen Sand und das karibische Meer. Nach hier oben aber, in die von einer Stadtautobahn durchschnittene nicht sonderlich attraktive Wohngegend, verirrt sich nie ein Tourist. An dieser vierspurigen Straße liegt Rodríguez’ Salon. Er ist spärlich eingerichtet mit abgenutzten Sperrholzmöbeln und Ungetümen von Friseursesseln aus den fünfziger Jahren. Tragen die Kunden kurze Hosen, hinterlassen sie Schweißflecken auf den abgeriebenen Kunststoff-Polstern. Die Nagelpflegerin bedient an einem kleinen grob in Heimarbeit zusammengezimmerten Tischchen. An der Decke nackte Neonröhren.

Es war einer der ersten Salons, die privatisiert wurden, das war bereits vor vier Jahren. Drei Friseusen und ein Friseur haben damals dort gearbeitet, eine Nagelpflegerin, eine Rezeptionistin und ein Geschäftsführer. Sie haben den Laden übernommen und waren ein Jahr später bankrott. Dann stiegen Rodríguez und seine Partnerinnen ein. Damals hatte er noch einen Staatsjob in einem Friseurladen, der erst zur Privatisierung anstand. Er sah in der freiberuflichen Existenz seine einzige Chance. „Oder sollte ich etwa warten, bis ich entlassen werde?“

Sie begannen mit weniger Personal und also auch mit weniger Kosten. Die Rezeptionistin wurde eingespart, der Geschäftsführer auch und dazu eine Friseuse, mangels Kundschaft. Kriterien wie Auslastung, die beim Staat keine Rolle gespielt hatten, wurden plötzlich überlebenswichtige Faktoren. Und der Laden läuft ganz ordentlich. Rund tausend kubanische Pesos verdient Rodríguez im Monat, umgerechnet etwa 40 Franken. Das klingt nach sehr wenig, aber ein Chefarzt im Krankenhaus verdient weniger. Es ist das Dreifache dessen, was ein Friseur beim Staat bekommt. Seine Frau arbeitet ebenfalls selbständig, als Verkäuferin auf einem Kunsthandwerkermarkt in der Nähe des „Habana Libre“ und verdient noch ein bisschen mehr als er. Damit lässt es sich in Kuba gut leben mit zwei Kindern.

Klar, mit der Privatisierung stiegen die Preise. Ein einfacher staatlicher Herrenschnitt kostete zuletzt fünf kubanische Pesos. Rodríguez verlangt zwanzig. Die Kunden grummeln ein bisschen, aber nicht viel. „Was soll ich machen?“, fragt eine Mutter, deren halbwüchsiger Sohn auf dem Stuhl von Rodríguez Platz genommen hat. „Die Persönlichkeit meines Kinds liegt in seinen Händen und er schneidet sehr gut.“ Auch das ein Kriterium, das früher keine Rolle spielte: Qualität. Die Rezeptionistin teilte die Plätze zu und man bekam den Schnitter, der dort gerade seinen Dienst verrichtete. Will ein privater Friseur gute Preise erzielen und trotzdem seine Kunden nicht verlieren, muss er mit Qualität überzeugen.

Rodríguez, eine sportliche Erscheinung in weißem Arbeitskittel und Jeans und natürlich mit einem guten Haarschnitt, arbeitet schnell und effektiv und hat zwischen seinen Kunden kaum eine Pause zum Plaudern. In seinen drei Jahres als „cuentapropista“ hat er rechnen gelernt. Sein Pachtanteil am Salon beträgt 933 Pesos im Monat. „Da sind Stühle, Waschbecken, Trockenhauben mit drin“, sagt er. „Aber für den Unterhalt, auch für das Streichen der Wände, sind wir zuständig.“ Auch für Wasser und Strom, noch einmal rund 400 Pesos. Das sei verhältnismäßig günstig. „Würden wir nicht vom Staat, sondern privat mieten, wäre das um ein Vielfaches teurer.“

220 Pesos bezahlt er Steuern im Monat, 87 Pesos für seine Rentenversicherung. Dazu kommen noch die Ausgaben für die Verbrauchsmaterialien und das ist ein Problem: Es gibt keinen Großhandel in Kuba. Rodríguez kauft wie jeder andere im Supermarkt ein und dort gibt es alles, was mit Körperpflege zu tun hat, lange nicht immer. „Wenn ich Shampoo finde, nehm ich gleich alles mit, was da ist“, erzählt er. „Damit macht man sich keine Freunde.“ Schwarzes Haarfärbemittel suchen er und seine Frau schon seit Wochen vergeblich. Seine Kolleginnen haben deshalb Kundinnen schon rote Haare aufgeschwatzt.

Immerhin: Alles, was Rodríguez braucht, ist im Prinzip ganz legal zu haben. „Ich muss auf den Schwarzmarkt, wenn ich Ersatzteile brauche“, sagt Mario Castel, 33, selbständiger Uhrmacher in Playa. „Es gibt keinen Laden, in dem ich einkaufen kann, was ich brauche.“ Einen Tag im Monat müsse er dafür einplanen. „Und man braucht seine Kontakte.“ Die hat er und sie sind viel älter als das eine Jahr seiner Selbständigkeit. Auch als sein Laden noch Staatsbetrieb war, deckte er sich auf dem Schwarzmarkt ein. Einmal in zwölf Berufsjahren seien ihm angeblich neue Batterien für Quartzuhren zugeteilt worden. „Sie waren leer.“

Der Schönheitssalon von Rodríguez mag realsozialistischen Charme haben. Castels Laden ist pure Tristesse. Er war einmal ein kleines staatliches Service-Zentrum, mit Uhrmacher, Schuhmacher und Goldschmied, einem Flaschner, einem Reparateur für elektrische Haushaltsgeräte und einem Waschsalon. „Als die letzte Waschmaschine zusammenbrach, ist der Laden privatisiert worden“, sagt Castel.

Die Reihe der funktionsuntüchtigen Maschinen steht noch immer in dem nach hinten immer dunkler werdenden garagenartigen Raum. Sie glänzen nicht mehr silbern, sie stauben ein und dienen als Ablagefläche für Schrott. Vor ihnen sitzt der Elektromechaniker an einem groben Tisch und schraubt mit viel Krafteinsatz schweigend an einem Gerät, dessen Zweck auch auf den zweiten Blick nicht zu erkennen ist. Hammer, Lötkolben und Zangen liegen bereit. Der Schumacher ist heute nicht da. Unterwegs, auf der Suche nach Leim und Faden. Der Flaschner und der Goldschmied waren schon nach wenigen Wochen bankrott. Ihre Dienste wurden zu wenig nachgefragt. „Uhrmacher aber braucht man immer“, sagt Castel.

Er sitzt gleich im Eingang, geduckt hinter einem Tischchen, die Sonnebrille ins kurze schwarze Haar hochgeschoben. Die Arbeitsfläche wird von zerkratzten Plexiglasflächen vor dem Wind geschützt, eine Neonröhre darüber sorgt für grelles Licht. Ein Ventilator bläst ihm sanft Luft ins Gesicht, im Aschenbecher links brennt immer eine Zigarette. Rechts ist ein kleiner Schraubstock für die Uhren. Castel wirkt fast ein bisschen bullig, nicht eben gemacht für feinste Mechanik. Aber seine Hände sind sicher und flink.

Hauptsächlich wird Batteriewechsel nachgefragt. „Das kann jeder“, sagt er. „Dazu braucht man keine dreijährige Ausbildung.“ Er aber reinigt gleichzeitig die Uhr, biegt die Kontakte zurecht und gibt sie mit einem Ratschlag zurück: „Nicht beim Duschen am Arm lassen, das tut ihr nicht gut.“ Das ist ein Extraservice, den es im Staatsladen nicht gibt. Er soll zeigen: Hier ist ein Profi am Werk. Sicher, auch Castel hat mit der Privatisierung die Preise erhöht, aber sehr moderat: von 20 auf 25 Pesos für einen Batteriewechsel.

„In der ersten Hälfte des Monats geht es mir immer besser als in der zweiten“, sagt er. Anfang des Monats wird beim Staat bezahlt und die Leute haben Geld in der Tasche. In der zweiten Hälfte aber wird die Pacht fällig (720 Pesos), die Gebühren für seine Lizenz als Freiberufler (50 Pesos) und alle drei Monate kommt der Steuereintreiber und will 10 Prozent vom Gewinn. „Ich muss die Buchführung jeden Abend auf den neuesten Stand bringen und sie sollte einigermaßen glaubwürdig sein.“ Überprüfbar ist sie nicht. Er schreibt keine Rechnungen, steckt das Geld einfach in die Schublade seines Tischchens. Für seine Ausgaben gibt es auf dem Schwarzmarkt keine Belege und die Preise schwanken. „Wenn es gerade viele Batterien gibt, sind sie billig“, sagt er. „Aber wenn du ein spezielles Zahnrädchen für eine mechanische Uhr suchst, dann kann das lange dauern und sehr teuer werden.“

Am Ende des Monats bleibt immer deutlich mehr übrig als vorher beim Staat. „Vielleicht das Doppelte; manchmal ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger“, schätzt er. Er ist Junggeselle und braucht nicht viel und für ein paar Biere mit Freunden reicht es immer.

Einen Teil seines Grundbedarfs an Lebensmitteln deckt Castel mit der „libreta“ ab, jenem Rationierungsheftchen, mit dem man für Rappenpreise Reis, Bohnenkerne, Zucker und andere Lebensmittel in Staatsläden einkaufen kann. Manchmal gibt es sogar Fleisch und Fisch. Fünfzig Jahre alt wurde die „libreta“ in diesem Jahr, bestimmt ein Dutzend mal wurde schon angekündigt, sie werde endlich abgeschafft. Aber vor allem Rentner, die sechs oder sieben Franken im Monat beziehen, sind auf die subventionierten Lebensmittel angewiesen, und deshalb gibt es sie immer noch.

Eine Krankenversicherung braucht Castel nicht. Die Gesundheitsversorgung - trotz mancher Engpässe bei Medikamenten immer noch die mit Abstand beste in Lateinamerika - ist für alle Kubaner gratis; auch für die neuen Kleinkapitalisten. Genauso die Bildung, vom Kindergarten bis zur Universität und Erwachsenenschule. In allen anderen Ländern des Kontinents müssen Eltern tausende von Dollars investieren, wenn sie ihren Kindern eine Ausbildung auf ähnlichem Niveau angedeihen lassen wollen - weshalb der Nachwuchs armer Leute anderswo meist keine Chance hat, an die Universität zu gehen.

Wer in Kuba heute studiert, dem bleibt eine Zukunft als „cuentapropista“ zumindest im erlernten Beruf verschlossen. Nur für einfache Dienstleistungen und Handwerksberufe wurde der private Arbeitsmarkt geöffnet. Ingenieuren, Anwälten oder Ärzten bleibt nur der Staat als Arbeitgeber - mit den entsprechenden Löhnen. Und wie die Löhne sind, ist dort auch die Arbeitsmoral. „Wir tun so, als würden wir arbeiten, und der Staat tut so, als würde er uns dafür bezahlen“, sagt man in Kuba. Trotzdem: Im staatlichen Sektor wird das erwirtschaftet, was dann in subventionierte Lebensmittel, in Krankenhäuser, Schulen und Universitäten fließt. Die Freiberufler tragen dazu nur wenig bei: Sie bezahlen für ihre einst staatlichen Etablissements Pachtpreise, die nur einen Bruchteil dessen betragen, was auf dem freien Markt verlangt wird. Ihre Steuersätze sind so niedrig, dass allenfalls ein paar schweizer Kantone damit konkurrieren könnten. Wer verhältnismäßig viel verdient, aber nur wenig an die Gemeinschaft abgibt und trotzdem sie selben sozialen Dienstleistungen gratis bekommt, der wird letztlich vom Staat subventioniert.

In Zukunft sollen Kubas Vorzeige-Akademiker noch mehr zur Aufrechterhaltung des sozialistischen Systems beitragen: die Ärzte. Schon heute sorgen rund 30.000 Mediziner und andere Fachkräfte aus dem Gesundheutswesen in Venezuela dafür, dass im Gegenzug immer genügend Erdöl nach Kuba kommt. Dieses Geschäftsmodell soll erweitert werden. Zulassungsbeschränkungen fürs Medizinstudium wurden aufgehoben, die Zahl der Studienplätze soll in den kommenden Jahren verdreifacht werden. Alles für den Export, auf dass Geld in die Kassen des Staats fließe. Brasilien hat schon einmal 4.000 Ärzte bestellt.

Raúl Castro hat es mehrfach gesagt: Durch seine Wirtschaftsreformen „wird die Gesellschaft nicht gleicher“. Aber, darauf legt er im selben Atemzug wert, sie werde gleichzeitig „gerechter“, weil man „der Arbeit wieder ihren Wert gibt“. Warum eigentlich nur in der privaten Wirtschaft?

woz, 12.9.2013