Der Herrscher der Trolle

Nayib Bukele hat sich mit Hilfe der sozialen Medien zu einem der wichtigsten Politiker El Salvadors und zum Bürgermeister der Hauptstadt und gemacht. Jetzt will er Präsident werden.

Von Cecibel Romero

Sein erstes Foto im Internet hat Nayib Bukele am 13. Oktober 2012 auf der Plattform Instagram veröffentlicht. Es zeigte ihn und seine Mitarbeiter bei einer Pressekonferenz – und war ziemlich langweilig. Damals war Bukele Bürgermeister des kaum 8000 Einwohner zählenden Städtchens Nuevo Cuscatlán, ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt San Salvador. Mit seinem ersten Post sammelte er 270 Likes und sechs Kommentare. Aus heutiger Sicht ein Witz.

Inzwischen hat Bukele auf Facebook mehr als eine Million sogenannte Follower, auf Twitter über 300.000 und auf Instagram über 200.000. Und er ist eine politische Figur, an der in El Salvador niemand mehr vorbeikommt:  Er ist Bürgermeister der Hauptstadt, seine Amtsführung wird in Umfragen durchweg mit über 70 Prozent als gut bewertet und er hat Ambitionen aufs Präsidentenamt. Nayib Bukele ist der erste Politiker des zentralamerikanischen Landes, der sein Bild in der Öffentlichkeit selbst geschaffen hat – in den sozialen Netzwerken.

Bukele wurde 1981 in eine reiche Familie palästinensischer Abstammung hineingeboren, hatte eine Werbeagentur und war Alleinimporteur einer Motorradmarke. Um 2012 Bürgermeister seiner Gemeinde zu werden, schloss er sich der Partei der ehemaligen Guerilla der Nationalen Befreiungsfront Farabundo Martí (FMLN) an und gewann. Auf der politischen Landkarte El Salvadors spielte Nuevo Cuscatlán damals keine Rolle. Es gab ein paar eingezäunte Wohnviertel für Bessergestellte, die auf dem Land und doch nahe der Hauptstadt leben wollten, und viele arme Leute.

Das änderte sich schnell: Bukele postete im Internet alles, was er und seine Verwaltung taten. Er lobte Universitätsstipendien für arme junge Leute mit guten Noten aus, ließ ein neues Gesundheitszentrum bauen, verteilte Lebensmittelpakete an Ältere, richtete eine moderne Bibliothek ein, die bis 21 Uhr geöffnet hat. Das hatte keine andere Gemeinde im ganzen Land. Bukele dokumentierte auf den sozialen Netzwerken neue Straßenlaternen, ausgebesserte Straßen, die überdurchschnittlich gute Ausstattung seiner Gemeindepolizei. In der Weihnachtszeit erschienen gar Fotos von einem Kiosk, an dem die Bevölkerung gratis ihre Geschenke verpacken lassen konnte.

Facebook und Twitter haben die größte Reichweite, Bukele ist aber auch auf Snapchat, Instagram und Youtube zu finden. Er lässt keine Gelegenheit aus, sich darzustellen. Besonders gerne zeigt er sein Markenzeichen: Socken in schreienden Farben, bevorzugt in einem stechenden Hellblau. Er hat einen sauber konturierten kurz geschnittenen Vollbart und Gel im Haar. Oft trägt er modisch geschnittene dunkle Anzüge, aber nie eine Krawatte. Rot – die Farbe seiner Partei FMLN – kommt in seiner politischen Propaganda nicht vor. Zur FLMN kam er als Werbefachmann im Wahlkampf. Dieser Job weckte seine eigenen politischen Ambitionen und seine Phantasie beim Einsatz digitaler Medien für das Politmarketing.

Bukele war damals das glatte Gegenteil von Mauricio Funes, des ersten für die FMLN gewählten Präsidenten El Salvadors (2009 bis 2014). Der Jounalist Funes ignorierte digitale Medien und setzte in seiner Kommunikation vor allem auf Radio und Fernsehen. Die überwiegend rechten Printmedien dagegen griff er gerne frontal an. Bukele sammelte im Windschatten dieses digital ignoranten Präsidenten junge Follower. Denen gefiel ein Politiker der Internetgeneration, der in sozialen Medien über sich selbst lachen konnte, auch persönliche Dinge postete, über die Opposition herzog und manchmal auch über die eigene Partei. Bei der Wahl im Frühjahr 2015 war klar: Wenn die FMLN das Bürgermeisteramt der Hauptstadt von der rechten Arena-Partei zurückgewinnen wollte, ging das nur mit Bukele.

Im Wahlkampf um die Hauptstadt drehte der bisherige Kleinstadtbürgermeister richtig auf. In seiner fast ausschließlich digitalen Strategie setzte er nun auch sogenannte Bots und Trolle ein. Mit Bots, Internetrobotern, konnte er seine Botschaften millionenfach vermehren, damit seine Reichweite erhöhen und so viel mehr Likes und Kommentare sammeln. Seine Trolle erstellten vordergründig humoristische Internetseiten, die Kritiker Bukeles mit sogenannten Memes angingen: Fotowitzen mit einer kurzen Botschaft, die sich schnell in den sozialen Netzwerken verbreiteten. „Er setzte zum Beispiel Memes ein, die sich auf den ersten Blick über Politik als solche lustig machten, eigentlich aber den politischen Gegner diskreditieren sollten“, sagt Ivón Rivera, die an der Zentralamerikanischen Universität von San Salvador (UCA) über politische Kommunikation forscht.

Bukeles digitale Wahlhelfer gingen sogar so weit, dass sie die Internetseiten der beiden großen Tageszeitungen des Landes unter zum Verwechseln ähnlichen Adressen kopierten und darauf eigene Nachrichten veröffentlichten, die Bukele im Wahlkampf helfen sollten und sich über die rechtsgerichteten Besitzer der Zeitungen lustig machten. Beide Blätter klagten dagegen. Im Lauf der späteren Ermittlungen wurden einige von Bukeles Mitarbeitern verhaftet, darunter Sofía Medina, die er nach seinem Wahlsieg zur Sprecherin des Bürgermeisters von San Salvador gemacht hatte. Bukele verteidigte sein digitales Team. Ein rechtskräftiges Urteil in diesem Verfahren gibt es noch nicht.

Bukele hat inzwischen rund ein Dutzend neuer Internetseiten geschaffen, die wie Nachrichtenplattformen aussehen und deren Inhalte dann über die sozialen Netzwerke weiter verbreitet werden. „Über diese Kanäle hat er das offenste Mikrofon und die größten Lautsprecher von allen Politikern El Salvadors“, sagt Erick Rivera, Kommunikationschef der Stadtverwaltung von San Salvador. Der Bürgermeister müsse gar keine Pressekonferenzen mehr geben. Seine Posts auf Twitter oder Facebook würden von den Medien als offizielle Erklärungen übernommen. „Wenn er auf Twitter etwas über ein Thema sagt, müssen ihn die Journalisten nicht mehr fragen“, sagt Erick Rivera.

„Seine gesamte Strategie ist auf seine eigenen Konten in den sozialen Netzwerken und auf seine eigenen Informationsplattformen ausgerichtet“, erklärt Ivón Rivera von der UCA. „Das sind seine offiziellen Medien und er nutzt sie, um ein positives Bild von sich selbst zu schaffen.“ Besonders gern äußert sich Bukele über Korruption und dass sie bekämpft werden muss, oder er regt sich über die grassierende Armut im Land auf. Er streicht seine angeblich effektive Amtsführung heraus – und die Tatsache, dass er von Parteien und vom Politikbetrieb unabhängig sei. Fünf Jahre nach seinem ersten Foto auf „Instagram“ drängt er sich geradezu als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat für die Wahl im Frühjahr 2019 auf. Doch die FMLN zeigte ihm die kalte Schulter.

Als Retourkutsche verstärkte Bukele seine Kritik an der Partei, die ihn in beide Bürgermeisterämter gebracht hat: „Unser Land hat keine Regierung, die Lösungen anbieten könnte“, schrieb er am 24. September auf seiner Facebook-Seite. Anfang Oktober wurde er aus der Partei geworfen. Sein Stil als Mann außerhalb des Systems mag ihm viele Likes und Applaus in der digitalen Sphäre einbringen. In einem Land mit einem faktischen Zweiparteiensystem  aber ist in den vergangenen dreißig Jahren niemandem ein Wahlsieg gelungen, der nicht zur FMLN oder zu Arena gehörte.

Weltsichten 12/2017