Showdown an der Grenze

Der Machtkampf zwischen Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und dem selbsternannten Gegenpräsidenten spitzt sich zu. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Selten wurde der Versuch eines Staatsstreichs so offen angekündigt und so fadenscheinig getarnt, wie derjenige, der am Samstag in Venezuela stattfinden soll. Erst hat US-Präsident Donald Trump dem Land Milliarden-Einnahmen aus dem Erdölgeschäft entzogen und so den dringend benötigten Import von Lebensmitteln und Medikamenten noch mehr erschwert. Dann hat er Hilfsgüter für ein paar Millionen US-Dollar an die Grenze fliegen lassen. Kolumbiens rechter Präsident Iván Duque stellt sein Land gern als Brückenkopf zur Verfügung.

Zuletzt ist der Milliardär Richard Branson aufgesprungen und will am Vorabend des Putschversuchs in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta in Sicht- und Hörweite Venezuelas ein Megakonzert mit lateinamerikanischen Popgrößen für die Hungerleidenden in Venezuela veranstalten. Mit dieser widerlichen Politshow sollen Menschenmassen nach Cúcuta gelotst werden, um am nächsten Tag Venezuelas amtierenden Präsidenten Nicolás Maduro alt aussehen zu lassen. Denn der hat dann nur zwei Möglichkeiten: Er lässt Lebensmittelkonvois von der Armee blockieren – oder er lässt sie durch und gibt zu, dass er die Kontrolle über das Land verloren hat.

Natürlich ist Maduro ein Autokrat, der sich einen Kehricht um die Verfassung schert. Er trägt einen guten Teil der Schuld an der verheerenden Wirtschaftskrise in seinem Land, hat keinen Plan, wie sie zu überwinden sei, und reagiert auf berechtigten Volkszorn mit Repression. Rechtfertigt das eine Intervention?

Guaidó mag Hundertausende gegen Maduro auf die Straße bringen. Das gelänge angesichts der sozialen Krise derzeit jeder einigermaßen charismatischen Oppositionsfigur. Er mag die Aura eines Volkshelden haben, ohne Trump aber ist er nichts. Was er ist, wurde er in Absprache mit dem US-Präsidenten. Jetzt verlässt er sich auf dessen Drohgebährden. Sollte das nicht reichen und Maduro und die Armee am Samstag hart bleiben, hätte er sich verzockt. Es sei denn, Trump schickt seinerseits Soldaten. Dann stünde Guaidó als Marionette des US-Präsidenten da.

woz, 21.2.2019