Mit der Bibel und dem Gewehr

Der Tod rettete den ehemaligen Militärdiktator Guatemalas Efraín Ríos Montt vor einer Strafe für einen Völkermord an den Maya.

Von Toni Keppeler

Er war der grausamste aller lateinamerikanischen Militärdiktatoren. In seiner gut 16 Monate dauernden Gewaltherrschaft wurden weit über 100.000 Menschen getötet, mehr als 300 Massaker an der Zivilbevölkerung verübt, 448 Maya-Dörfer dem Erdboden gleich gemacht und ein Völkermord begangen. Das hatte schon eine von der Uno eingesetzte Wahrheitskommission 1999 festgestellt, ein guatemaltekisches Gericht hat ihn deshalb 2013 zu 80 Jahren Haft verurteilt. Er musste seine Strafe nie antreten. Am Ostersonntag ist Efraín Ríos Montt im Alter von 91 Jahren an Herzversagen gestorben.

Ríos Montt war der bizarrste Gewaltherrscher der 1980er-Jahre. Als junger Offizier war er an dem 1954 vom US-Geheimdienst CIA organisierten Putsch gegen die sozialdemokratische Reformregierung unter Jacobo Arbenz beteiligt. Später wurde er in den US-Ausbildungslagern der Kanalzone Panamas zum antikommunistischen Heißsporn geformt. Trotzdem trat er bei der Präsidentschaftswahl 1974 als Kandidat einer oppositionellen Mitte-Links-Koalition an und verlor, mutmaßlich durch einen Wahlbetrug. Er wurde danach als Militärattaché nach Spanien abgeschoben, wo er dem Alkohol verfiel und sich, um davon loszukommen, an evangelikale Heilslehren klammerte. Später wurde er zum Prediger einer US-Pfingstkirche ausgebildet.

Als er am 23. März 1982 gegen die damaligen Militärherrscher putschte, war er davon überzeugt, dass „ein wahrer Christ in der einen Hand die Bibel, in der anderen ein Gewehr“ zu halten habe. Sonntäglich hielt er dem Volk im Fernsehen Moralpredigten, während seine Armee im Hinterland mordete. Von Mao Zedong hatte er gelernt, dass sich „ein Revolutionär im Volk bewegt wie ein Fisch im Wasser“. Ríos Montt schloss daraus: „Wenn wir den Fisch nicht fangen können, müssen wir das Meer trockenlegen.“ Die Armee ging bei der Aufstandsbekämpfung gegen eine kleine Guerilla nicht nur mit Flächenbombardements, Vertreibung und Massakern gegen zivile Maya-Ethnien vor. Frauen wurden systematisch vergewaltigt, Schwangeren die Föten aus dem Leib geschnitten und zerstückelt. Die Wahrheitskommission und später das Gericht schlossen daraus, dass es Ríos Montt um die Vernichtung der Maya ging. Die USA unterstützten dieses Vorgehen mit Beratern und Militärhilfe, der damalige US-Präsident Ronald Reagan hielt Ríos Montt für einen „Mann von großer persönlicher Integrität“. Am 8. August 1983 wurde er bei einem weiteren Putsch von rivalisierenden Generälen abgesetzt.

Nach der formalen Rückkehr zur Demokratie startete Ríos Montt eine zweite Karriere. Er gründte die rechtspopulistische „Republikanische Front Guatemalas“, war zwei Mal deren Präsidentschaftskandidat, zwei Jahre Parlamentspräsident und bis Januar 2012 Parlamentsabgeordneter mit strafrechtlicher Immunität. Kaum hatte er dieses Amt aufgegeben, wurde ein Verfahren wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen ihn eröffnet. Am 10. Mai 2013 wurde er verurteilt. Das Urteil schrieb Rechtsgeschichte: Zum ersten Mal wurde ein Diktator in seinem eigenen Land von einem heimischen Gericht wegen Völkermords verurteilt. Es hielt gerade zehn Tage. Dann wurde es von den überwiegend rechten Richtern des Verfassungsgerichts wegen eines unbedeutenden Formfehlers in einer knappen Entscheidung aufgehoben und ein neues Verfahren angeordnet.

Die Strategie seiner Verteidigung folgte der des ehemaligen chilenischen Diktators Augusto Pinochet: Verzögern bis zum erlösenden Tod. Zunächst stritt Ríos Montt – wie Pinochet – alles ab und behauptete, er habe von nichts gewusst. Dann ließ er sich – wie der Chilene – 2015 von seinen Ärzten für dement erklären, unfähig, einem Prozess zu folgen. Trotzdem wurde im Oktober 2017 das Verfahren gegen ihn wieder aufgenommen, in seiner Abwesenheit und hinter verschlossenen Türen. Es wird nun eingestellt werden. Seinen Opfern bleibt nur eine Genugtuung: Er wurde verurteilt, wegen Völkermords, im eigenen Land. Diese rechtliche Bewertung der Tatsachen wurde bei der Aufhebung des Urteils nicht angezweifelt.

woz, 5.4.2018