Freiheit ist schwarz

Warum an die Revolution in Haiti erinnert werden muss. Ein Essay über den Koloniualimus in der Karibik.

Von Toni Keppeler

„Sklaven dürfen auf diesem Territorium nicht existieren, die Sklaverei ist auf ewig abgeschafft. Alle Menschen werden frei geboren, leben frei und sterben frei, als Franzosen“ (Bell2007,210) Dies ist der dritte Artikel einer Verfassung, die nicht in Frankreich geschrieben wurde. Sie wurde im Mai 1801 in der damaligen französischen Kolonie Saint Domingue (heute Haiti) verabschiedet und trat ohne Absprache mit der Kolonialmacht sofort in Kraft. Frankreich hat mit Krieg reagiert, einschliesslich eines geplanten Völkermords und dem Vergasen von Kriegsgefangenen. Die Nation, die bis heute stolz ist auf die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ihrer Revolution und sich als Wiege der Menschenrechte sieht, hat all diese Werte zwölf Jahre nach dem Sturm auf die Bastille in der Karibik verbrannt.

Es waren die Schwarzen in Haiti, die die Ideale der französischen Revolution ernst genommen, eingefordert und in dreizehn Jahren Befreiungskrieg auch in die Praxis umgesetzt haben. Haiti war nicht nur - nach den USA - der zweite unabhängige Staat auf dem amerikanischen Kontinent, es war auch der einzige, in dem wirkliche Befreiung stattgefunden hat. Auch wenn man Simón Bolívar noch heute den „Libertador“, den „Befreier“ nennt – in seinen und allen anderen folgenden Kriegen ging es nur um die Unabhängigkeit einer kleinen Europa-stämmigen Elite von ihrem Mutterland. Diese Elite besass auch nach der Unabhängigkeit weiterhin Leibeigene, seien es importierte SklavInnen aus Afrika (Bolívar hatte rund tausend davon) oder in Bergwerken zu Tode geschundene UreinwohnerInnen. In Haiti aber haben SklavInnen sich selbst befreit, von ihren direkten HerrInnen und von der Kolonialmacht. Und doch denkt man heute bei Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Menschenrechten nicht an Haiti, sondern an Frankreich, bei Sklavenaufständen nicht an Toussaint Louverture sondern an Spartacus, obwohl der mit seiner Erhebung letztlich gescheitert ist.

Es ist schwer zu verstehen, warum die Geschichte Haitis bis heute weitgehend ignoriert wird. Es gibt kaum deutschsprachige Literatur dazu, das Land spielt trotz seiner Revolutionsgeschichte selbst für internationalistisch gesinnte Linke keine Rolle. Drei Gründe, die kaum voneinander zu trennen sind, mögen das erklären:

Erstens wird von Haiti seitens der Weltmächte seit seiner Unabhängigkeit ein absurdes Zerrbild gezeichnet. Heute gilt das Land als gescheiterter Staat, unfähig, sich selbst zu regieren, heimgesucht von Aufständen und Naturkatastrophen, dunkel, gewalttätig und unheimlich. Nur selten wird versucht, dieses Zerrbild aufzuklären.Zweitens spielte in der haitianischen Revolution die afrokaribische Religion Vodou (nicht das Voodoo, das Hollywood daraus gemacht hat) eine zentrale Rolle. Die Kombination von Aufklärung und Revolution mit einer animistischen Religion wirkt im aufgeklärten Europa verstörend. Drittens ist das Denken über die Freiheit eurozentristisch. Auch die Linke hat Befreiungsbestrebungen ausserhalb Europas nur anerkannt, wenn sie ihre Lehren oder zumindest Teile davon übernommen haben (Kuba, Vietnam, die marxistischen Guerillas Lateinamerikas). Dieser intellektuelle Eurozentrismus kann als eine subtile Form des Neokolonialismus in Frage gestellt werden.

Saint Domingue, seit 1697 französische und davor spanische Kolonie, war die brutalste Sklavenhaltergesellschaft in der Karibik und für Frankreich das rentabelste Stückchen Erde. Das Land, das gerade einmal zwei Drittel der Fläche der Schweiz umfasst, lieferte Ende des 18. Jahrhunderts mehr Zucker als Kuba, Jamaika und Brasilien zusammen und über die Hälfte des weltweit geernteten Kaffees. Der wichtigste Ausfuhrhafen Cap Français (heute Cap Haïtien) war grösser und eleganter als Boston.

All dieser Reichtum wurde mit dem Blut hunderttausender SklavInnen bezahlt. Bis zum Beginn ihres Aufstands 1791 waren über eine Million Menschen aus Afrika importiert worden, die meisten aus dem Kongobecken und aus der Gegend zwischen dem heutigen Liberia und Nigeria. Sie wurden mit den Brandzeichen ihrer Besitzer markiert und überlebten meist nicht lange. Jedes Jahr starben zwischen fünf und zehn Prozent der SklavInnen an Hunger, Überarbeitung, Krankheiten und Folter.

Nachwuchs von Sklaven gab es kaum. Die schwarzen Frauen kannten die Kräuter und Techniken, mit denen sie ungewollte Schwangerschaften abbrechen konnten. Auch Morde an Neugeborenen waren häufig. Zum einen wollte man ihnen das Los ihrer Eltern ersparen, zum anderen war die Verweigerung der eigenen Reproduktion auch eine Art Wirtschaftssabotage: SklavInnen waren für die KolonialistInnen ein Produktionsmittel, das ohne Nachwuchs in der Kolonie ständig zugekauft werden musste.

Als in Frankreich 1789 die Revolution begann, gab es in der Kolonie Saint Domingue nach offizieller Schätzung 55 000 freie BewohnerInnen, also weisse SiedlerInnen und von ihnen gezeugte freie Farbige, dazu gut 450 000 schwarze SklavInnen. Da Sklavenbesitz besteuert wurde, dürfte ihre tatsächliche Zahl höher gewesen sein. Rund 330 000 dieser SklavInnen waren noch in Afrika geboren worden, über 40 000 waren vor weniger als einem Jahr in die Kolonie gekommen. Die UreinwohnerInnen der Taíno – Ende des 15. Jahrhunderts rund eine Million – waren als Volk schon von den Spaniern mit Kriegen, Zwangsarbeit und eingeschleppten Krankheiten ausgerottet worden.

Der Sklavenaufstand und der Verlauf des Befreiungskriegs standen immer im direkten Zusammenhang mit den Ereignissen in Frankreich. Als erste hatten die „Farbigen“ – im Kolonialjargon gens de coleur – die Postulate der französischen Revolution auch für sich eingefordert. Sie waren zwar frei und hatten selbst oft SklavInnen, wurden aber in der kolonialen Gesellschaft diskriminiert. Auch unter den Weissen gab es Konflikte. Die sogenannten petits blancs– HandwerkerInnen, WirtInnen, aber auch GanovInnen – forderten für sich Gleichheit ein und gründeten nach Pariser Vorbild republikanische Clubs. Die als grands blancsbezeichneten PlantagenbesitzerInnen waren royalistisch gesinnt, pochten auf ihrem Privileg, die Geschicke der Kolonie alleine in Absprache mit dem Mutterland zu bestimmen und luden, als in Paris RevolutionärInnen an der Regierung waren, die Briten zu einer Invasion ein. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen Fraktionen wurden zum Teil gewalttätig ausgefochten. Die jeweiligen Herren zogen dabei mit ihren Sklaven als Fussvolk in die Scharmützel – mit der Folge, dass auch die Schwarzen Zugang zu Waffen bekamen.

Der grosse Aufstand der SklavInnen wurde bei einer geheimen Vodou-Zeremonie der Vorarbeiter verschiedener Plantagen in der Nacht des 14. August 1971 im Wald von Bois Caïman in der Nähe von Cap Français verabredet. Es gibt in Haiti Legenden, nach denen Toussaint Louverture dieses Treffen einberufen habe. Das ist durchaus möglich. Louverture war Vorarbeiter und Kutscher seines Herrn und kam als solcher viel auf anderen Plantagen herum. Es gibt aber keinen sicheren Beleg für seine Anwesenheit in Bois Caïman. Öffentlich in Erscheinung getreten ist er erst zwei Jahre später. Das als Vodou-Zeremonie abgehaltene Treffen wurde von dem hungan Boukman Dutty, einem über Jamaika nach Saint Domingue gekommenen Sklaven, und der mambo Cécile Fatiman geleitet.[1]Erster Führer des Aufstands war Boukman. In der Nacht des 22. August wurden in einer koordinierten Aktion in der nördlichen Küstenebene Zuckerrohrplantagen angezündet und Zuckermühlen zerstört. Weisse, die nicht in die gesicherten Städte an der Küste entkommen konnten, wurden erschlagen, in Stücke gerissen oder lebendig in ihren Häusern verbrannt.

Die ersten Schlachten der Schwarzen glichen eher einem plündernden Aufstand als einem organisierten militärischen Vorgehen. Sie waren zunächst erfolgreich, allein wegen des Überraschungseffekts und der schieren zahlenmässigen Überlegenheit. Die Verluste aber waren verheerend. Schnell wurde klar, dass es eine andere Taktik brauchte als das blosse Anrennen gegen die Gewehre und Kanonen der Franzosen. Es war vor allem das strategische Geschick von Louverture, das dem Krieg eine entscheidende Wende gab. Die Schwarzen zogen sich ins bewaldete Bergland zurück und führten ihren Krieg, wie sie es aus Afrika kannten: mit Hinterhalten, überraschenden Angriffen und schnellen taktischen Rückzügen. Das Gelände war bestens geeignet dafür und den Franzosen war diese Art der Kriegsführung völlig unbekannt.

Louverture war aber nicht nur ein genialer Militär, er war auch ein gewiefter Verhandler, der die damals im Krieg liegenden europäischen Mächte Frankreich, Spanien und Britannien in der Karibik gegeneinander ausspielte. Er wurde General der spanischen Armee im noch immer spanischen Ostteil der Insel und griff von dort die Franzosen an. Er liess sich von Britannien Waffen liefern. Nachdem die französische Nationalversammlung Anfang 1794 die Aufhebung der Sklaverei proklamiert hatte, wechselte er als General in die französische Armee und vertrieb erst die Spanier, dann die Briten aus der Kolonie und wurde schliesslich deren Gouverneur. Es ging ihm allein um die Freiheit der Schwarzen. Ob er an Unabhängigkeit dachte, ist umstritten; er hat nie darüber gesprochen oder geschrieben. Seine Verfassung, inspiriert von den Werten der französischen Revolution, deutet eher darauf hin, dass ihm eine Art autonomes Gebiet vorschwebte, regiert von den ehemaligen SklavInnen, aber unter dem aussenpolitischen Schutz Frankreichs.

Napoleon Bonaparte, seit 1799 Erster Konsul der französischen Republik, wollte das nicht akzeptieren. Er wollte den Reichtum der Kolonie wiederhaben, um damit seine Kriege in Europa zu finanzieren. Ende 1801 schickte er seinen Schwager Charles Victoire Emmanuel Leclerc mit 20 000 Soldaten nach Saint Domingue.[2]Sein Auftrag: Die Sklaverei wieder einzuführen und die schwarzen Führer gefangen zu nehmen und nach Frankreich zu deportieren. Der Krieg gegen die schwarzen Truppen war kurz und heftig. Nachdem einige seiner Generäle zu den Franzosen übergelaufen waren, sah sich Louverture zu einem Friedensvertrag gezwungen, den er freilich selbst diktierte: Die ehemaligen SklavInnen bleiben frei, ihre Armee wird in die französischen Truppen integriert und er selbst zieht sich aufs Altenteil zurück. Leclerc liess ihn kurz darauf in einen Hinterhalt locken, festnehmen und nach Frankreich bringen, wo man ihn in einem Verliess in Fort Joux, nahe der Schweizer Grenze, verhungern und erfrieren liess. Seine Gebeine wurden anonym verscharrt. Niemand sollte sich an ihn erinnern.

In Saint Domingue aber ging der Widerstand im Hinterland weiter. Die schwarzen – nun französischen – Generäle wechselten wieder die Seite und schlossen sich diesem Widerstand an. Leclerc ordnete daraufhin einen Völkermord an: „Wir müssen alle Schwarzen in den Bergen töten, Männer und Frauen, und nur Kinder unter zwölf Jahren verschonen“ (Bell 2007, 265). Er wurde dann vom Gelbfieber dahingerafft. Unter seinem Nachfolger Donatien Rochambeau aber ging der Völkermord weiter. Dieser liess Kriegsgefangene sogar mit brennendem Schwefel vergasen. Es nutzte nichts. Im November 1803 wurden die Franzosen vernichtend geschlagen, am 1. Januar 1804 rief General Jean-Jacques Dessalines in Gonaïves die nun Haiti genannte Republik aus. 

Die Freude über die Unabhängigkeit währte nicht lange. Die USA und Britannien – beides Sklavenhalternationen – wollten kein Beispiel für eine erfolgreiche Befreiung dulden und verhängten eine Wirtschaftsblockade gegen Haiti. Frankreich erpresste mit einer weiteren Kriegsdrohung 1825 eine Entschädigung von 90 Millionen Gold-Francs, damals eine schier unglaubliche Summe. Haiti nahm Kredite auf und bezahlte daran bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Schuldendienst frass bis zu achtzig Prozent des Staatsetats. Haiti wurde so zum Modell eines postkolonialen Schuldnerstaats gemacht. Die angeblich drohende Gefahr, das Land würde seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können, diente dann 1915 als Vorwand für eine US-Militärintervention. Tatsächlich aber ging es um einen strategischen Hafen für die US-Marine, den Haiti nicht abgeben wollte. Zwanzig Jahre lang war das Land im Griff der US-Armee. Der Widerstand dagegen aber hörte nie auf. Die Invasoren zogen 1935 nach Jahren zunehmender Demonstrationen, Streiks und militanten Aktionen zermürbt ab. Die Landserromane weisser US-Soldaten, in denen von Schwarzen berichtet wurde, die nächtens in die Lager der Marines schlichen und lautlos mit Messern meuchelten, waren der Anfang eines Zerrbilds, das bis heute besteht. 1934 wurde in Hollywood auf der Basis solcher Romane mit White Zombie der erste Voodoo-Horrorfilm über Haiti gedreht.[3]

Europäisches Nichtwissen über Vodou – so die geläufige haitianische Orthografie – ist gemeinhin geprägt durch Bilder von mit Nadeln traktierten Stoffpuppen und Zombies, die um Mitternacht aus ihren Gräbern steigen und Unheil über die Lebenden bringen. Das ist alles Mumpitz. Vodou ist eine afro-karibische Religion, ähnlich der Santería in Kuba oder Obeah in Jamaika. Sie speist sich aus der Erinnerung an Afrika und aus der gemeinsamen Erfahrung der Entwurzelung, Verschiffung und Sklaverei. Anders als die eher rein spirtuellen Kulte in Kuba und Jamaika, hat Vodou jedoch eine politische und kämpferische Komponente. Jean Price-Mars, der haitianische Historiker und Volkskundler, sieht den eigentlichen Ursprung der Religion im Treffen der VerschwörerInnen 1791 in Bois Caïman. In seinem 1928 erschienenen Essayband  Ainsi parla l’Oncle (2009)schreibt er über dieses Treffen: „In der schwarzen Nacht, zwischen den verschlungenen belaubten Ästen des Mapou-Baums, trafen sich die Verschwörer. (...) Da, in der Stille im Schatten, gab die Priesterin unverständliche Zeichen von sich und versenkte das Opfermesser in der Kehle des Wildschweins. Dann stellte sie die Eingeweide auf dem blutüberströmten Boden zur Schau und Boukman verkündete die heiligen Worte: ‚Der gute Gott, der die Sonne macht, (...) ist versteckt hinter den Wolken. Von dort aus betrachtet er uns und sieht alles, was die Weissen tun. Der Gott der Weissen befiehlt das Verbrechen, unser Gott dagegen will Wohltaten. Aber dieser gute Gott befiehlt uns nun Vergeltung. Er wird uns führen und uns beistehen. Zerschmettert das Bild des Gottes der Weissen, der Durst hat nach unseren Tränen. Hört den Ruf der Freiheit.’“  (Jean Price-Mars 2009, 54f)

Die Darstellung ist sicher nicht historisch, sondern in aus Haiti umlaufenden Legenden konstruiert und dramatisiert. Price-Mars aber ist sicher, dass aus diesem seit dem Beginn der Kolonialzeit belegten nächtlichen Kult der SklavInnen in Bois Caïman etwas Neues entstanden ist: „Ohne Zweifel nahmen diese Treffen in der Folge einen eindeutig politischen Charakter an.“ Und diese politische Religiosität sei „in vielerlei Hinsicht neu, eine Tochter der Umstände und der Notwendigkeit des Moments. Und das ist, wie uns scheint, der Ursprung unseres Vodou.“ (Price-Mars 2009, S. 56)

Es soll hier nicht das Pantheon des Vodou erklärt werden und auch nicht seine Gemeindestruktur und seine Riten. Wer sich an der Vielzahl der Geister dieser Religion stört, sei daran erinnert, dass auch KatholikInnen ein Heer von Heiligen verehren. Wen Trance und Besessenheit während der Zeremonien stören, soll daran denken, dass eingeatmeter Weihrauch eine ähnliche Wirkung entfaltet wie Haschisch. Und wer Tieropfer abstossend findet, sei darauf hingewiesen, dass die Eucharistie nichts anderes ist als eine sublimierte Form der Anthropophagie[4]. Price-Mars hat Vodou als den sogenannten Hochreligionen gleichwertig beschrieben, mit eigenen Traditionen und eigener Theologie, mit PriesterInnen und eigener Moral.

Beim SklavInnenaufstand von 1791 war Vodou der Kitt, der aus den vielen aus Afrika deportierten Ethnien eine soziale Einheit schuf. Vodou gab ihnen ein einheitliches Selbstbewusstsein und die Kraft zum Widerstand. Bei den Angriffen auf die Franzosen fühlten sich die schwarzen Krieger von ihren Geistern besessen und dadurch gestärkt. Wenn Louverture in eine Schlacht ritt, trug er unter seinem französischen Dreispitz ein rotes Kopftuch – die Farbe des Kriegsgotts Ogu. In der gesamten Geschichte Haitis wurde Widerstand über Vodou-Gemeinden organisiert. Die politische Sprengkraft ihrer nächtlichen Treffen mit Trommeln und Tanz haben die Franzosen genauso wenig begriffen wie später die US-Marines. Auch beim Sturz der Duvalier-Diktatur 1986 spielten Vodou-Priester eine entscheidende Rolle. Die in Vodou-Gemeinden bestehende Pflicht zur gegenseitigen Hilfe hat nach dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 sehr viel mehr überlebende Opfer aufgefangen als alle internationale Hilfe (vgl. Katz 2013 und Keppeler 2015).

Im schwarzen Widerstand in der Karibik ist eine intellektuelle Bewegung entstanden, die später unter dem Namen Négritude grossen Einfluss auf die Befreiungskriege des französisch kolonisierten Afrikas hatte. Urvater dieser Bewegung war der Haitianer Jean Price-Mars, der den Begriff Négritude zwar noch nicht verwendet, aber die Grundlagen dieser Bewegung erarbeitet hat. Sein 1928 erstmals veröffentlichtes  StandardwerkAinsi parla l’Oncle (2009), eine Sammlung von Essays über vorher nur mündlich tradierte haitianische Volkslieder, Legenden und Erzählungen und Studien zum Volksglauben Vodou und seiner kulturellen Bezüge zu verschiedenen Regionen Afrikas, wurde nie ins Deutsche übersetzt.

Price-Mars hat die haitianische Sprache, Religion und Kultur als gänzlich neues Produkt einer Kolonialgesellschaft verstanden, entstanden aus unterschiedlichen afrikanischen Wurzeln, aber mit der gemeinsamen Erfahrung der Deportation, der gemeinsamen Unterdrückung und Ausbeutung in einer Sklavenhaltergesellschaft und des gemeinsamen Widerstands dagegen. Und er hat erkannt, dass die in den Jahren 1791 bis 1804 erkämpfte Freiheit und Unabhängigkeit unvollendet blieben: „Obwohl die Freiheitskämpfe und die Revolution formal zu Recht und Gesetz führten, hörte die Gewalt im Land nicht auf. Der Umsturz hatte eher oberflächliche als tiefgreifende Auswirkungen, die Macht blieb trotzdem in den Händen weniger und de facto blieb die soziale Hierarchie unverändert“ (Price-Mars 2009, 115). Das Haiti, das aus dem Befreiungskrieg der Schwarzen hervorgegangen ist, war für ihn letztlich der Versuch einer Kopie Frankreichs, das seine Revolutionsziele weit verfehlt und statt des Citoyen den Bourgeois hervorgebracht hatte. In Haiti war eine neue Bourgeoisie – vorwiegend aus Farbigen – entstanden, die grosse Bevölkerungsmehrheit der Schwarzen wurde zum neuen Proletariat aus verarmten Subsistenzbauern und Gelegenheitsarbeiterinnen. Es war das Anliegen von Price-Mars, dieser Klasse durch die Besinnung auf die eigene Tradition, Religion und Kultur ein Selbstbewusstsein zu geben, das für ihn Voraussetzung für die Vollendung von Freiheit und Unabhängigkeit war.

Aimé Césaire, der wichtigste Politiker von Martinique im 20. Jahrhundert, nannte diese Denkbewegung dann Négritude. Sie sei, sagte er in einem Vortrag 1987, „die Geschichte einer Gemeinschaft, deren Erfahrungen mit ihren Deportierungen ganzer Bevölkerungen, ihren Menschentransfers von einem Kontinent auf den anderen, den Erinnerungen an ferne Glaubensvorstellungen, ihren Überresten ausgelöschter Kulturen eigentlich als einzigartig erscheint“ (Césaire 2017, 106). Die Gemeinschaft der Schwarzen konstituiere sich „zunächst in einer Gemeinschaft erlittener Unterdrückung, einer Gemeinschaft aufgezwungener Aussonderung, einer Gemeinschaft krasser Diskriminierung. Und natürlich – und das gereicht ihr zur Ehre – zu einer Gemeinschaft fortgesetzten Widerstands, erbitterten Ringens um die Freiheit und unbezähmbarer Hoffnung“ (Césaire 2017, 105).

Aus diesem aus der Geschichte abgeleiteten neuen Selbstbewusstsein heraus wurde Césaire zum galligsten Kritiker des Kolonialismus, kompakt nachzulesen in seiner Kampfschrift Über den Kolonialismus (2017, 28f): „Es wäre schon der Mühe wert, (...) dem ach so distinguierten, ach so humanistischen, ach so christlichen Bourgeois des 20. Jahrhunderts begreiflich zu machen, dass er selbst einen Hitler in sich trägt (...) und dass im Grunde das, was er Hitler nicht verzeiht, nicht das Verbrechen an sich, das Verbrechen gegen den Menschen ist, nicht die Erniedrigung des Menschen an sich, sondern das Verbrechen gegen den weissen Menschen, die Erniedrigung des weissen Menschen und dass er, Hitler, kolonialistische Methoden auf Europa angewendet hat, denen bislang nur die Araber Algeriens, die Kulis Indiens und die Neger Afrikas ausgesetzt waren.“  Nicht die Schwarzen sind die BarbarInnen, sondern die angeblich zivilisierten Weissen, die hehre Werte vor sich hertragen und hinterrücks foltern und meucheln. „Eben das ist der grosse Vorwurf, den ich dem Pseudohumanismus mache: dass er die Menschenrechte allzu lange beschränkt hat, dass er eine enge und fragmentarische, eine partielle und parteiische und eine alles in allem ekelhaft rassistische Auffassung von ihnen gehabt hat und immer noch hat.“ (Césaire 2017, 29).

Die Schrift wurde im französischen Original 1950 zum ersten Mal veröffentlicht. In einem Europa, das gerade den Faschismus überwunden hatte, musste derart harsche Kritik verstörend wirken. Aber natürlich hat Aimé Césaire recht. Wer sich auf die französische Revolution bezieht, ohne zu erwähnen, wie sie in Haiti verraten wurde und welchen Widerstand es dagegen gab, der ist entweder ein Ignorant – oder Rassist.

 

Literatur:

Bell, Madison Smartt, 2007: Toussaint Louverture. A Biography, New York

Césaire, Aimé, 2017: Über den Kolonialismus. Kommentierte Neuausgabe, Berlin

Dubois, Laurent, 2012 : Haiti. The Aftershocks of History, New York

Kappeler, Florian: Herr Strömli in Santo Domingo – die Schweiz und die haitianische Revolution. In: Du 838/2013, S. 80 - 87.

Katz, Jonathan M., 2013 : The Big Truck That Went By. How the World Came to Save Haiti and Left Behind a Disaster, New York

Keppeler, Toni, 2015 : Herr Clinton baut Haiti auf. In : Woz - Die Wochenzeitung 1+2/2015, S. 15-17, Zürich

Louverture, Toussaint, 2014 : The Memoir of General Toussaint Louverture. Translated and edited by Philippe R. Girard, New York

Métraux, Alfred, 2017: Voo-Doo in Haiti, 4. Auflage, Gifkendorf

Price-Mars, Jean, 2009: Ainsi parla l’Oncle – Essais d’ethnographie (1928), Québec

Reuter, Astrid, 2003 : Voodoo und andere afroamerikanische Religionen, München

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Auswahl und Übersetzung der Zitate von Price-Mars: Laura Nadolski.



[1]Hangun sind Vodou-Priester, mambo ihr weibliches Gegenstück. Mambohaben in der Geschichte des schwarzen Widerstands immer wieder zentrale Rollen gespielt. Kämpfende Frauen dagegen werden nur selten erwähnt, aber es gab sie. Die bekannteste war Suzanne Belair, die Truppen der Rebellen im Artibonitetal führte und nach einer verlorenen Schlacht am 5. Oktober 1802 von den Franzosen geköpft wurde.

[2]Auch Schweizer Soldaten kämpften auf der Seite Frankreichs, mindestens 635. Die meisten von ihnen kamen als letzte Reserve im April 1803 nach Saint Domingue, als der Krieg für die Kolonialmacht schon so gut wie verloren war. Nur sieben von ihnen kehrten zurück. Die Schweizer waren nicht als Söldner in den Kolonialkrieg gezogen. Die helvetische Regierung stellte sie Frankreich im Rahmen einer Defensiv- und Offensivallianz zur Verfügung, die 1798 nach dem Einmarsch Frankreichs in die Schweiz vereinbart worden war (vgl. Kappeler 2013, 83).

[3]Haiti leidet bis heute unter der Erbschaft der Besatzung. Die USA haben das Land in zwanzig Jahren von einer dezentral organisierten kleinbäuerlichen Gesellschaft zu einem zentralistischen Staat mit einer neuen, in Port-au-Prince konzentrierten, Elite und einem repressivem Sicherheitsapparat umgebaut. Aus dieser Elite sind immer wieder diktatorische Regimes hervorgegangen, deren bekannteste die Kleptokratie der Duvalier-Dynastie (1957 bis 1986) war. Unter Jean-Claude Duvalier (1971 bis 1986) begann der zunehmende Einfluss internationaler Entwicklungsagenturen und Hilfswerke auf die Politik Haitis. Jean-Claude Duvalier hat die Staatskasse so ausgeraubt, dass kein Geld mehr für Schulen oder Krankenhäuser blieb. Um Aufstände zu vermeiden, lud er Hilfswerke ein, die seither für ein Minimum an sozialer Infrastruktur sorgen. Aufstand war immer das einzige demokratische Instrument der Bevölkerung und ein solcher beendete schließlich auch die Duvalier-Dynastie und brachte 1990 den Armenpriester Jean-Bertrand Aristide ins Präsidentenamt. Er wurde nur eineinhalb Jahre später durch einen Militärputsch gestürzt. 1994 kehrte er nach einer US-Militärintervention zurück ins Präsidentenamt – unter der Bedingung, dass er das Land den neoliberalen Vorgaben von Internationalem Währungsfonds und Weltbank unterwarf. Die US-Truppen blieben bis 2004 und wurden dann von Blauhelmen der Uno-Mission zur Stabilisierung Haitis (MINUSTAH) abgelöst. Haiti wurde zur NGO-Republik unter UN-Verwaltung. Die letzten MINUSTAH-Truppen zogen Ende 2017 – ohne Erfolge vorweisen zu können – ab. Die Entwicklungsagenturen und Hilfswerke blieben.

[4]Antropophagie meint hier das Verspeisen von Menschenteilen oder das Trinken von Blut, in denen heilige Energie konzentriert sein soll. Dies entspricht im Christentums dem Glauben, dass die Oblate der Eucharistie realer Leib Christi sei. Bei den Opfern des Vodou ist es im Prinzip dasselbe, nur wird die heilige Energie in einem Tier konzentriert.

Widerspruch 72/2018