Der beste Tänzer der Wüste

Geisterstädte prägen die Atacama-Wüste im Norden des südamerikanischen Landes. Die meisten Salpeter-Minen sind inzwischen aufgegeben worden. Der 102-jährige Haroldo Quinteros erinnert sich noch ganz genau, wie der Boom begann – und wie er endete.

Von Toni Keppeler

Haroldo Quinteros kann erzählen, wie es gewesen ist. Damals, als Salpeter noch der Reichtum Chiles war. Das Nitrat war gefragt, als Düngemittel und für die Herstellung von Schwarzpulver. Die Atacama-Wüste im Norden Chiles ist die weltweit größte Lagerstätte. Zwischen 1870 und 1930 wurden hier mehr als hundert Minenstädte gebaut. Die meisten sind heute Geisterstädte. Die deutschen Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch erfanden Anfang des 20. Jahrhunderts ein viel billigeres chemisches Verfahren zur Herstellung von Nitrat – seitdem wird Chiles Salpeter kaum noch nachgefragt.

Quinteros hat viele Jahre in einer Mine gearbeitet. 1936 ist er aus dem Süden des Landes in die Wüste gezogen.  Er stammt  aus einer Landarbeiter-Familie, sieben Jungs und fünf Mädchen. Das Leben war hart, im Winter gab es oft nicht genug zu Essen. Ein Freund von ihm arbeitete in einer Salpeter-Mine. „Der schrieb mir, ich solle doch kommen. Die Arbeit sei hart, aber gut, und die Verpflegung hervorragend.“ Das klang unwiderstehlich, und so wurde die OficinaIris im Osten der Atacama-Wüste seine neue Heimat.

„Oficina“ bedeutet eigentlich „Büro“, tatsächlich aber handelte es sich bei den Minen-Siedlungen um Kleinstädte. „Iris hatte etwa fünftausend Einwohner“, erzählt Quinteros. „Ein Drittel davon waren Arbeiter, der Rest Familienangehörige. Dazu Bäcker, Metzger und was man sonst noch so alles brauchte.“ Die Mine gehörte einem britischen Konzern. „Die meisten Oficinas gehörten Engländern oder Deutschen, ein paar auch Spaniern oder Franzosen. Den Chilenen waren die Investitionen zu hoch.“

Im August wird Quinteros 103 Jahre alt. Heute sitzt er am liebsten in der Laube hinter seinem Häuschen am Rand von Iquique, einer Stadt, eingeklemmt zwischen Wüste und Pazifik. Hier lässt sich die Hitze des Sommers ertragen, hier kann er sich in seine geliebten Gedichtsammlungen vertiefen. Er hat für sein Alter ein erstaunliches Gedächtnis, kann lange Balladen rezitieren, die von der Ausbeutung in der Wüste erzählen, von heroischen Arbeitern, vom Streik und vom Sieg. Seit seiner Zeit in der  Oficina Iris ist er Gewerkschafter, er stand politisch immer links.

Sein Wohnzimmer schmückt ein großes Poster von Salvador Allende, gedruckt zu dessen hundertstem Geburtstag. Er war sechs Jahre älter als Quinteros und wenn er noch am Leben wäre, dann müsst er ihm ähnlich sehen. Auch Quinteros trägt eine dicke, etwas zu große schwarze Brille, hat einen elegant gestutzten weißen Schnurrbart und dieses energische Kinn. Man hat ihm eine Gehhilfe aufgedrängt, eine Art Rollator ohne Räder. Er verabscheut das Teil, nutzt es nur zum Aufstehen, weil das anders nicht mehr geht. Aber dann nimmt er lieber den Stock. Er ist stolz darauf, dass er gemeinsam mit seiner acht Jahre jüngeren Frau Rosa den Alltag noch immer ohne Hilfe meistert.

Quinteros kennt den Prozess der Salpeter-Gewinnung vom Anfang bis zum Ende. Er hat jede Arbeit getan, die dabei anfällt. „Angefangen habe ich in der Werkstatt, in der wir Schaufeln hergestellt haben, Pickel und andere Werkzeuge für die Männer, die draußen in der Wüste Salpeter brachen.“ Das Nitrat liegt an der Oberfläche oder knapp darunter und ist leicht zu erkennen. „Man nimmt einen dünnen Baumwollfaden, legt ihn auf das Gestein und schlägt mit einem Hammer darauf“, erklärt Quinteros. „Wenn der Faden Funken schlägt, ist Salpeter im Stein.“

Hatten die Arbeiter ein Lager identifiziert, wurden Löcher ins Gestein getrieben und mit Dynamit gefüllt. Bei der Sprengung flogen großen Brocken in die Luft. Diese Klumpen mussten die Männer mit großen Hämmern zerschlagen, bei vierzig Grad Hitze eine harte schweißtreibende Arbeit. „Bevor wir am Morgen auf den Laster gestiegen sind, der uns hinaus in die Wüste brachte, bekam jeder von uns einen Kanister mit vier Litern Tee“, erzählt Quinteros. „Ohne Tee hätten wir nicht arbeiten können.“

Das zerkleinerte Gestein wurde auf Laster geschaufelt und in die Oficina gekarrt. Dort wurde es in eine trichterförmige Wanne gekippt und rutschte in die Mahlkammern der Gesteinsmühle. Deren riesige Schwungräder durften niemals stillstehen. „Manchmal kam es zu schrecklichen Unfällen“, erinnert sich  Quinteros. „Wenn ein Arbeiter nicht aufpasste und mit dem Arm zwischen die Räder geriet.“ Zwischen schweren Walzen aus Metall wurde das Gestein zu Staub gemahlen und in große Becken geleitet. Dort wurde Wasserdampf in das Gesteinsmehl geblasen, bis eine heiße dickflüssige Masse entstand.

Nach ein paar Tagen im Dampfbad „schwamm der Salpeter oben auf dem Wasser, wie Fett auf einer Suppe“, erzählt Quinteros. „Ganz gelb.“ Er wurde abgeschöpft und in Loren zu Sammelbecken geschoben, die auf langen Reihen von Holzgestellen in der Sonne standen. In der Wüstenhitze verdunstete die Flüssigkeit, der Salpeter kristallisierte aus. „Trocken ist Salpeter weiß wie Salz“, erklärt Quinteros. „Aber er schmeckt anders, bitter.“ Ein Zug brachte die Produktion nach Iquique zum Hafen.

Als Quinteros mit  22 Jahren in die Atacama-Wüste kam, muss ihm das Leben in der Produktionsstadt Iris wie ein kleines Paradies vorgekommen sein. „Vier Mal am Tag gab es eine Mahlzeit“, erzählt er. „Es war immer reichlich und immer mit Fleisch, schon zum Frühstück gab es ein Steak.“ Die Engländer wussten, dass die Arbeit hart ist und dass die Leute eine gute Ernährung brauchten.

Als Junggeselle bekam er ein Zimmer zusammen mit zwei weiteren Arbeitern zugewiesen, für seine Verpflegung war eine Pensionsmutter zuständig. „Sie hatte eine Tochter, vierzehn Jahre alt, Rosa hieß sie“, erzählt er verschmitzt. „Als sie sechzehn war, haben wir geheiratet.“ Die beiden sind sich in der Laienspieltruppe des örtlichen Theaters näher gekommen. „Es gab ja noch kein richtiges Kino damals, nur ein paar Stummfilme.“ Gespielt wurden Liebesschnulzen, aber auch revolutionäre Agit-Prop-Stücke von bösen Kapitalisten und mutigen Arbeitern. Auch sonst gab es alles, was ein junger Mann sich wünschte: neben dem Theater eine Bibliothek und Tanzveranstaltungen. „Ich war der beste Cueca-Tänzer der Wüste.“ Cueca mit seinen stampfenden Bewegungen ist der Nationaltanz Chiles.

Die Quinteros haben drei Kinder, die beiden älteren kamen in der Oficina zur Welt. Als die Älteste mit der Grundschule fertig war,  kündigte er. Er wollte eine gute Schulbildung für seine Kinder – und tatsächlich haben alle drei später studiert. Er zog mit der Familie nach Iquique und verdingte sich als Hafenarbeiter. „In den ersten Jahren haben wir den Salpeter noch in Säcken auf dem Rücken auf die Schiffe geschleppt. Später gab es dann Förderbänder.“ Als er mit 59 Jahren in Rente ging, hat er sich eine Werkstatt für Schmiedearbeiten eingerichtet, das hatte er in der Oficina gelernt. In seiner Laube steht noch immer ein Ambos, gearbeitet aber wird dort seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

Auch die meisten Salpeterstädte sind längst aufgegeben worden. Chacabuco, die größte von ihnen, wurde in den ersten Jahren der Pinochet-Diktatur als Lager für politische Gefangene genutzt und ist seither auch verfallen. Heute wird nur noch in einer Handvoll Oficinas produziert. Iris gehört dazu. Doch wo einst fünftausend Menschen lebten, arbeiten gerade noch hundert. Sie fördern keinen Salpeter mehr, sondern Jod. Das war früher ein unbedeutendes Nebenprodukt. Heute kommen rund 50 Prozent des weltweit gewonnenen Jods aus den wenigen noch betriebenen Minen der Atacama-Wüste. Salpeter wird auch noch gewonnen. Aber so wenig, dass er in der Export-Statistik der Nationalen Chilenischen Handelskammer gar nicht mehr gesondert aufgeführt wird. Er firmiert – zusammen mit anderen wenig bedeutenden Ausfuhrprodukten – unter der Sammelrubrik „Sonstiges“.

weltsichten 7/2017