Putin im Hinterhof

Wie die USA Einfluss in Lateinamerika verlieren und Russland in diese Lücke drängt. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Es ist 193 Jahre her, dass der US-amerikanische Präsident James Monroe die nach ihm benannte Monroe-Doktrin verkündete, die auf die griffige Formel „Amerika den Amerikanern“ gebracht wurde. Gemeint war: In Lateinamerika und der Karibik bestimmen die USA. Das hatte fatale Folgen: Unzählige militärische Interventionen in Nicaragua, Kuba oder Haiti; Staatsstreiche in Guatemala oder Chile; militärische, finanzielle und politische Hilfe für die Gewaltregime von El Salvador bis Argentinien. Alles, was südlich des Río Grande liegt, begriffen die USA als ihren ureigensten Hinterhof.

Nun herrscht in Washington Donald Trump, und der bringt seine Politik auf eine andere Formel: „America first“, wobei „America“ ausschließlich die USA meint. Der Rest des Kontinents interessiert den Präsidenten allenfalls indirekt, weil von dort illegale Einwanderer und Waren über die Grenze kommen. Daneben betreibt er noch zwei Steckenpferde: Die schrittweise Zurücknahme der Öffnungspolitik gegenüber Kuba – mehr, um seinen Vorgänger Barack Obama zu ärgern als um Raúl Castro zu schaden. Und er würde am liebsten Venezuela mit Wirtschaftssanktionen in den Staatsbankrott treiben.

Trump war schon fast am Ziel. Ende vergangener Woche wurde die Zahlung von 1,2 Milliarden US-Dollar Schulden des staatlichen Ölkonzerns PdVSA fällig und Präsident Nicolás Maduro wusste nicht, wo er die Devisen hernehmen sollte. Da sprang in höchster Not ein Helfer ein. Russlands Präsident Wladimir Putin versprach, drei der insgesamt 120 Milliarden Dollar Auslandsschulden von Venezuela umzuschichten und den Zahlungstermin bis mindestens 2020 zu verschieben. Schon im April hatte der halbstaatliche russische Ölkonzern Rosneft der PdVSA mit der Vorauszahlung von einer Milliarde Dollar für noch zu leistende Öllieferungen unter die Arme gegriffen. Kuba aber bekommt immer weniger Öl aus Venezuela, weshalb die dortige Regierung in Moskau über Lieferungen verhandelt.

Rosneft beutet bereits jetzt in Joint Ventures mit PdVSA venezuelanische Ölfelder aus. Langfristig will der russische Konzern die riesigen Ölreserven des südamerikanischen Landes unter Kontrolle bringen. Über Venezuela ist ihm auch ein Schritt ins Land des Donald Trump gelungen: Rosneft besitzt seit vergangenem Jahr 49,9 Prozent der PdVSA-Tochter Citgo, die in den USA Raffinerieren und ein großes Tankstellen-Netz betreibt.

Sicher ist: Die USA verlieren mit Trump an Einfluss in Lateinamerika, und das ist gut so. Dafür drängt Russland in die entstehende Lücke, und das ist nicht gut für Lateinamerika.

woz, 16.11.2017