Das wilde Leben eines CIA-Agenten

Der Exilkubaner Luis Posada Carriles war ein manischer Terrorist und wollte Fidel Castro töten. Mit seinem Tod in diesem Jahr ging eine Geschichte des fanatischen Antikommunismus zu Ende.

Von Toni Keppeler

Jetzt sind sie beide tot. Beide sind im Alter von 90 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Und das, obwohl beide über Jahrzehnte versuchten, den jeweils anderen zu töten. Der eine ist weltbekannt. Er hieß Fidel Alejandro Castro Ruz und starb am 25. November 2016 in seinem Haus in Havanna. Er war zumindest einmal ganz nahe dran, den anderen tödlich zu erwischen. Drei von ihm entsandte salvadorianische Guerilleros hatten ihr Zielobjekt 1990 in Guatemala ausgemacht und zwölf Schüsse auf es abgefeuert. Eine Kugel steckte direkt neben dem Herzen. Doch der Mann überlebte nach vielen Operationen. Er hieß Luis Clemente Faustino Posada Carriles und in Kuba kennt ihn jeder. Peter Kornbluh vom Nationalen Sicherheitsarchiv der George Washington-Universität nannte ihn einen „internationalen Terroristen ersten Ranges“. Bei seiner Hatz auf den langjährigen kubanischen Staats- und Parteichef wurden mindestens 74 Menschen getötet, nur an Fidel Castro kam er nie heran. Posada Carriles ist am 23. Mai 2018 in einem Altersheim der US-Armee in Miami/Florida gestorben. Seine Geschichte ist eine dieser absurden Geschichten des Kalten Kriegs, der in den Tropen der Karibik und Zentralamerikas ganz heiß ausgefochten worden ist. Es ist die Geschichte eines fanatischen Antikommunismus’, wie er hoffentlich nie wieder auferstehen wird.

Posada Carriles kam in Cienfuegos im Süden von Kuba zur Welt. Die schmucke Kolonialstadt war damals ein Zentrum der Zuckerindustrie. Der kleine Luis wuchs in der besseren Gesellschaft auf, sein Vater besaß eine Druckerei. Der Sohn wurde zum Chemiker ausgebildet, arbeitete ein paar Jahre in Zuckerfabriken und wollte dann Arzt werden. Sein Medizinstudium in Havanna jedoch hat er nie beendet. Er kehrte zurück nach Cienfuegos und machte sich als Besitzer einer Firma zur Schädlingsbekämpfung selbständig. 1958 wurde er Abteilungsleiter bei der US-amerikanischen Firestone-Reifenfabrik in Havanna. Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn als Beau, hoch aufgeschossen und hellhäutig, mit energischem Kinn. Fast immer war er in feines Tuch gekleidet. Er soll das Leben in den besten Kreisen der Insel genossen haben. Doch dann kann die Revolution des Fidel Castro.

Posada Carriles schloss sich schon früh den Konterrevolutionären an, sprach später vage von etlichen Sabotageakten, an denen er beteiligt gewesen sein will. Die seien vom US-Geheimdienst CIA bestellt und finanziert worden und er selbst habe bisweilen die dafür nötigen Utensilien in Miami abgeholt. Im Januar 1961 wurde er in Havanna geschnappt, konnte aber gerade noch der Polizei entkommen und in die Botschaft von Argentinien fliehen, die ihm Asyl gewährte. Von dort bekam er freies Geleit zum Flughafen, bestieg eine Maschine nach Mexiko und reiste gleich weiter in die USA. Seine Familie aber blieb in Kuba und unterstützte Castros Revolution.

Er kam gerade noch rechtzeitig nach Florida, um sich als Freiwilliger zur Brigade 2506 zu melden. Diese von der CIA aus Exilkubanern zusammengestellte Truppe sollte die Insel überfallen und Castro stürzen. Nach einem kurzen militärischen Training in Guatemala ging es im April in die Schweinebucht, die gut fünfzig Kilometer westlich seiner Heimatstadt Cienfuegos liegt. Doch Posada Carriles kam dort nicht zum Einsatz. Er wartete noch draußen auf dem Meer in der Etappe, da war das Unternehmen auch schon gescheitert. Nach knapp drei Tagen war die Invasionstruppe von Fidel Castro und seinen Männern und Frauen aufgerieben worden. Das Schiff, auf dem Posada Carriles festsaß, steuert schließlich Puerto Rico an.

Zurück in den USA arbeitete Posada Carriles zunächst wieder bei Firestone, absolvierte dann aber ab März 1963 eine Offiziersausbildung bei der US-Armee in Fort Benning. Dort schloss er Freundschaft mit zwei weiteren Exilkubanern, die ihm noch sehr dienlich sein sollten. Einer war Félix Rodríguez. Der erlangte später als CIA-Agent Bekanntheit, weil er 1967 am Verhör und der Hinrichtung des kubanisch-argentinischen Revolutionärs Ernesto „Che“ Guevara in Bolivien beteiligt war. Der andere war Jorge Mas Canosa, der nach seinem Militärdienst als Telekommunikationsunternehmer sehr viel Geld machte und 1981 die lange von ihm geführte militant anticastristische „Cuban American National Foundation“ (CANF) gründete. Mas Canosa griff Posada Carriles immer wieder unter die Arme, wenn dieser abgebrannt war und Geld brauchte für neue Attentate.

Zunächst freilich brauchte er das nicht. Von 1965 an und mindestens bis 1974 wurde Posada Carriles vom Geheimdienst CIA bezahlt. Zunächst war er Ausbilder für Spione, die nach Kuba entsandt werden sollten. 1969 wurde er von der CIA an den venezuelanischen Geheimdienst DISIP weitergereicht. Man verlieh ihm dazu die Staatsbürgerschaft von Venezuela und er stellte sich wohl ganz geschickt an: Schon 1971 wurde er Leiter der Spionageabwehr. Doch drei Jahre später wurde er entlassen. Die CIA hatte Wind davon bekommen, dass er nicht nur Spione abwehrte, sondern auch mit Drogenmafias und anderen kriminellen Organisationen zusammenarbeitete. Die Zahlungen aus den USA wurden – zumindest offiziell – eingestellt. Posada Carriles, fürchtete man, könnte zur Last werden.

Er wurde es erst zwei Jahre später. Zunächst tat er – ganz legal – das, was er in der dunklen Welt der Geheimagenten gelernt hatte: Er eröffnete in Caracas die Privatdetektei ICICA und war damit sehr erfolgreich. Der US-amerikanische Automobilkonzern Chrysler und mehrere internationale Großbanken kauften seine Agentendienste. Er unterzog deren Mitarbeiter Sicherheitschecks, untersuchte Diebstähle und installierte Überwachungsanlagen. Im Juni 1976 reiste er in die Dominikanische Republik.

Dort wurde bei einer geheimen Tagung auf Initiative vom Orlando Bosch – auch er ein Exilkubaner und CIA-Agent – die „Coordination of United Revolutionary Organizationes“ (CORU) gegründet. Außer Posada Carriles waren rund zwanzig weitere militante Exilkubaner zugegen und auch ein paar Informanten der US-Bundespolizei FBI. Aus deren inzwischen öffentlich gemachten Berichten geht hervor, dass Bosch und Posada Carriles ein großes Attentat ausheckten, mit dem weltweit für ihren – wie sie es nannten – „bewaffneten Kampf“ Werbung gemacht werden sollte: Eine Maschine der staatlichen kubanischen Fluggesellschaft Cubana sollte in die Luft gesprengt werden. Aber auch etliche kleinere Anschläge werden mit CORU in Zusammenhang gebracht. Etwa eine Bombe vor dem costaricanisch-kubanischen Kulturzentrum in San José/Costa Rica am 1. Juli 1976, eine weitere in Gepäckstücken für einen Flug der Cubana, die am 9. Juli in Kingston/Jamaica explodierte, oder eine im Büro der Cubana auf Barbados am 10. Juli. Es waren wohl nur kleine Übungen.

Es traf schließlich den Flug 455, der am 6. Oktober 1976 von Guayana über Trinidad nach Barbados gekommen war, um von dort über Kingston nach Havanna zu fliegen. An Bord der Douglas DC-8 waren 73 Personen. 25 gehörten zum Flugpersonal, 48 waren Passagiere, darunter die gesamte kubanische Jugendnationalmannschaft im Fechten. Außer Kubanern saßen elf Passagiere aus Guyana und fünf aus Nordkorea in der Maschine. In der hinteren Toilette war eine Colgate-Zahnpastatube versteckt, gefüllt mit C-4-Plastiksprengstoff. Beim zweiten Sprengstoffpaket an Bord handelte es sich wahrscheinlich um Dynamit.

Die DC-8 war vom Flughafen Seawell hinauf bis auf über 5.000 Meter Höhe gestiegen, als Kapitän Wilfredo Pérez Pérez einen Notruf an den Tower absetzte: „Wir haben eine Explosion an Bord und werden sofort herunterkommen!“ Und dann: „Wir haben Feuer an Bord! Wir bitten um unverzügliche Landeerlaubnis! Wir haben einen totalen Notfall!“ Pérez Pérez drehte ab und drückte das Flugzeug nach unten. Da explodierte die zweite Bombe. Der Kapitän sah keine Chance mehr, den Flughafen zu erreichen und steuerte hinaus aufs Wasser, wohl um Touristen an den Stränden von Barbados nicht zu gefährden. Die DC-8 zerschellte im karibischen Meer, acht Kilometer vom Flughafen Seawell entfernt. Niemand an Bord überlebte.

Nach allem, was man aus bislang veröffentlichten Akten weiß, war der Sprengstoff von zwei bezahlten Handlangern im Flugzeug versteckt worden. Posada Carriles aber wurde in Caracas als Kopf hinter dem Attentat verhaftet. Er kam zunächst vor ein Militärgericht, das ihn freigesprochen hat. Dann wurde der Fall vor einem normalen Gericht aufgerollt – und wieder endete der Prozess mit einem Freispruch. Die daraufhin angestrengte Revisionsverhandlung kam nie zu einem Ende. Posada Carriles konnte nach neun Jahren Untersuchungshaft 1985 fliehen. Ein katholischer Priester hatte ihn in seiner Zelle besucht. Die beiden tauschten die Kleider. Posada Carriles spazierte in der Soutane aus dem Gefängnis, der Priester blieb zurück. Es gibt Gerüchte, nach denen die CANF die Wächter mit 50.000 US-Dollar bestochen haben soll. Andere behaupten, die CIA habe bezahlt.

Jedenfalls traf es sich gut, dass der Flüchtige einen Freund bei der CIA hatte. Félix Rodríguez, sein Bekannter aus den Tagen in Fort Bennet, verschaffte ihm einen Job in El Salvador. Dort herrschte damals ein blutiger Bürgerkrieg zwischen der linken Guerilla FMLN und einer brutalen Militärregierung im Dienst der kleinen Oligarchie. Posada Carriles wurde noch 1985 Verbindungsmann zwischen der CIA und salvadorianischen Offizieren und regelte über den Militärflughafen Ilopango den Geldfluss und den illegalen Waffennachschub für die rechtsgerichtete Truppe der Contra, die im nahen Nicaragua im Auftrag des US-Präsidenten Ronald Reagan die linke sandinistische Regierung stürzen sollte.

1986 flog dieser sogenannte Iran-Contra-Skandal auf. Die CIA hatte mit Geld aus geheimen Waffenverkäufen an den Iran gegen einen ausdrücklichen Beschluss des US-Kongresses die Contra in Nicaragua finanziert. Zudem hatten die Konterrevolutionäre über Jahre tonnenweise Kokain in die USA geschmuggelt, um die Erlöse in ihren Krieg zu stecken. Die CIA wusste das, drückte aber alle Augen zu. Als der Skandal in den USA aufgearbeitet wurde, musste nicht nur Oliver North gehen, der militärische Berater des Nationalen Sicherheitsrats. Der hatte den Dreicksplan ausgeheckt. Auch Posada Carriles als Scharnier auf dem Flughafen Ilopango war für die US-Regierung zumindest öffentlich untragbar geworden. Für ihn begannen ein paar harte Jahre.

Immerhin konnte er in El Salvador bleiben. Ein Priester stellte ihm eine Geburtsurkunde auf den Namen Franco Rodríguez Mena aus, ein rechter Dorfbürgermeister legte den entsprechenden Personalausweis dazu und das Innenministerium den Reisepass. Sogar ins Wahlregister war Posada Carriles unter seinem neuen Namen eingetragen. Und er war bestens mit der ultrarechten Oligarchie des Landes vernetzt. Gelegentlich lud ihn Guillermo Sol Bang, ein schwer korrupter Supermarktmagnat vom äußersten rechten Rand der ultrarechten Regierungspartei Arena, zur einer gemeinsamen Jagd ein. Nur Geld scheint er nicht locker gemacht zu haben. Posada Carriles musste immer wieder Gelegenheitsjobs annehmen – mal als Sicherheitsberater des damaligen salvadorianischen Präsidenten José Napoleón Duarte, mal in selber Funktion bei der staatlichen Telefongesellschaft in Guatemala. Bisweilen kam ein Scheck vom CANF-Vorsitzenden Mas Canosa, und wenn es finanziell ganz eng wurde, malte er schwülstige Ölschinken von kubanischen Phantasielandschaften und verkaufte sie an heimwehkranke Exilkubaner. Das Malen hatte er in Venezuela im Gefängnis gelernt.

In Guatemala erwischten ihn die drei von Castro gesandten salvadorianischen Guerilleros. Er lag nach dem Attentat monatelang im Krankenhaus, konnte am Ende die Rechnung nicht bezahlen. Mas Canosa übernahm 22.000 US-Dollar. Weil eine der zwölf Kugeln seinen Unterkiefer zerschmettert hatte, blieb sein Gesicht entstellt und Posada Carriles konnte nur noch schwer verständlich nuscheln. Trotzdem hat ihn dieses Attentat aufgewertet. Fidel Castro hatte ihn als Gegner so ernst genommen, dass er ihn tot sehen wollte. So etwas zählte in der antikommunistischen Szene. Der schon als abgehalftert geltende Geheimagent war wieder wer. Für ihn selbst begann mit dem Attentat ein ganz persönlicher Rachefeldzug. Er wollte nicht mehr nur der kubanischen Revolution schaden, er wollte den Revolutionsführer selbst höchst persönlich töten.

Als erste Übung vor einem Attentat auf den streng geschützten Castro wollte Posada Carriles den honduranischen Präsidenten Carlos Roberto Reina ermorden. Der linksliberale Staatschef bahnte damals diplomatische Beziehungen zu Kuba an und wollte die schier grenzenlose Macht seiner Armee beschränken. Das brachte den Exilkubaner mit Guillermo Pinell Calix zusammen, der Chef des militärischen Geheimdiensts war. Posada Carriles versprach, den Präsidenten wegzubomben. Pinell Calix wollte im Gegenzug helfen, ein kubanisches Frachtschiff vor der honduranischen Küste zu sprengen. Tatsächlich explodierten in diesen Tagen ein paar Bomben in Honduras. Aber Präsident Reina war immer weit davon entfernt. Pinell Calix zweifelte schließlich an der Ernsthaftigkeit seines Partners und blies den Anschlag auf den Frachter ab.

Der Mordanschlag auf Castro sollte 1994 beim Iberoamerika-Gipfel in Cartagena in Kolumbien stattfinden. Posada Carriles reiste mit einem sechsköpfigen Kommando an, um den Staats- und Parteichef während einer Kutschenfahrt durch die pitoreske Altstadt zu erschießen. Die Waffen waren im Land, die Männer postiert. Aber da war auch ein Kordon von Sicherheitskräften. Castro fuhr in großer Entfernung an seinen Verfolgern vorbei. Wenn einer von ihnen trotzdem schießen wollte, stand immer irgend jemand im Weg.

Doch Posada Carriles gab nicht auf. Der nächste Versuch sollte 1998 beim Karibik-Gipfel in Santo Domingo unternommen werden. Er wurde schon im Vorfeld wieder abgeblasen: Einer der Mitverschwörer hatte bereits Wochen zuvor mit dem geplanten Attentat geprahlt, der kubanische Geheimdienst und die dominikanischen Sicherheitskräfte waren gewarnt.

Zwischen diesen beiden gescheiterten Attentaten lag eine Serie von Bombenanschlägen auf Hotels in Havanna. Posada Carriles wollte damit die immer zahlreicher auf die sozialistische Insel strömenden Touristen verjagen. Er bediente sich dabei dreier Kleinkrimineller, die er im Zentrum von San Salvador aufgelesen hatte. Er bot ihnen tausend Dollar pro abgestellter Rucksackbombe, dazu freien Flug und freie Kost und Logie in Havanna. Die meisten dieser Anschläge richteten nur Sachschaden an. Doch bei der Explosion am 4. September 1997 im Hotel Copacabana wurde der italienische Geschäftsmann Fabio di Celmo getötet. Ein Glassplitter traf ihn am Hals. Posada Carriles kommentierte dies später in einem Interview mit der New York Times so: „Er war zur falschen Zeit am falschen Ort.“

Bei diesem Interview brüstete er sich mit den Bombenattentaten, was ihm noch Probleme bereiten sollte. Seine Handlanger wurden in Kuba geschnappt und zum Tod verurteilt. Später wurden diese Urteile in langjährige Haftstrafen umgewandelt. Einer der Attentäter sagte im kubanischen Fernsehen: „Ich war nur eine Marionette von Posada Carriles. Er war der Boss.“ Ein anderer hatte offenbar keine Ahnung, für wen er die Bomben gelegt hatte. Im Prozess sagte er, er habe geglaubt, von irgend einer Drogenmafia angeheuert worden zu sein. Schutzgelderpressung oder sowas. Warum sich Posada Carriles von seinem großen Schlag gegen Castro mit eher kleinen Attentaten abgelenkt hat, lässt sich nur noch mit seiner Manie erklären. „Was soll ich auch anderes tun, als das, was ich schon so lange mache“, soll einem Freund anvertraut haben. „Das Flugzeug hat längst abgehoben und den Punkt überschritten, von dem aus es kein zurück mehr gibt.“

Der endgültige Schlag gegen Fidel Castro sollte 2000 erfolgen. Der kubanische Staatschef kam in jenem Jahr zum iberoamerikanischen Gipfeltreffen nach Panamá und Posada Carriles wusste, dass er vorher in der Nationaluniversität vor Studenten sprechen sollte. Zusammen mit drei Verschwörern reiste er mit seinem falschen Pass als Rodríguez Mena über Costa Rica auf dem Landweg nach Panamá. Sein Plan: Castro sollte während des Vortrags an der Universität in die Luft gesprengt werden. Doch der kubanische Geheimdienst wusste längst Bescheid, gab den Tipp an die Polizei von Panamá weiter und die verhaftete Posada Carriles und seine Kumpane, bevor sie den Hörsaal betreten hatten.

Das Quartett wurde zu sieben und acht Jahren Haft verurteilt, doch Posada Carriles musste seine Strafe nur zur Hälfte absitzen. Im August 2004 wurde er von Präsidentin Mireya Moscoso „aus humanitären Gründen“ begnadigt. Moscoso war da nur noch wenige Tage im Amt. Als ihr Nachfolger war der linke Martín Torrijos gewählt worden und der damalige US-Präsident George W. Bush befürchtete wohl, Panamá werde dann den Terroristen an Venezuela oder Kuba ausliefern. Entsprechende Gesuche lagen längst vor. Bush soll deshalb seine Freundin Moscoso um einen letzten Gefallen gebeten haben. Posada Carriles flog nach seiner Freilassung nach Honduras und ist dort zunächst verschwunden. Ende März 2005 tauchte er dann in Miami auf.

Es gibt drei Geschichten, wie er dort hingekommen ist. Eine besagt, er sei an Bord eines als Shrimp-Kutter getarnten Schmugglerboots eingereist. Nach einer anderen haben ihn Schlepper illegal über die Grenze von Mexiko nach Texas gebracht. Er selbst behauptete, er sei über einen ganz normalen Grenzübergang gekommen und das wurde ihm zum Verhängnis. In diesem Fall nämlich wäre er von einem Grenzbeamten befragt worden, unter anderem, ob er in terroristische Aktivitäten verstrickt sei. Hätte er „ja“ gesagt, wäre ihm die Einreise verweigert worden. Hätte er aber „nein“ gesagt, war da das Interview mit der New York Times, in dem er sich zu den Bombenattentaten in Havanna bekannt hat. Wenn es also so war, dass legal eingereist war und die Terrorismus-Frage mit „nein“ beantwortet hatte, dann hatte er die Grenzbehörden belogen. Das ist in den USA eine schwere Straftat. Posada Carriles wurde verhaftet – nicht wegen des in der Luft gesprengten Passagierflugzeugs, auch nicht wegen der Bomben in Havanna und erst recht nicht wegen der Attentatsversuche auf Fidel Castro. Es war diese unterstellte Lüge, die ihn ins Gefängnis brachte.

Venezuela und Kuba verlangten sofort seine Auslieferung. Doch die USA wollten ihren Mann weder Fidel Castro noch Hugo Chávez überstellen. Um einen peinlichen Prozess zu vermeiden, versuchten sie, ihn nach Costa Rica, El Salvador, Guatemala, Honduras, Kanada, Mexiko oder Panamá abzuschieben. Aber alle lehnten ab.

Im Mai 2007 wurde Posada Carriles gegen eine Kaution von 350.000 Dollar mit einer elektronischen Fußfessel aus der Haft entlassen. Schon einen Monat später wurden diese Auflagen aufgehoben. Nach langem juristischen Vorgeplänkel begann im Januar 2011 in El Paso in Texas der Prozess wegen der Lüge. Nach dreizehn Wochen Verhandlungen wurde Posada Carriles freigesprochen. Zwar waren die Bomben von Havanna zur Sprache gekommen, doch der Angeklagte hatte einfach behauptet, er sei nicht der Auftraggeber gewesen. Und das Geständnis im Interview der New York Times? Das sei ein Missverständnis gewesen. Er sei der englischen Sprache kaum mächtig und habe die Reporterin falsch verstanden. Die Geschworenen glaubten ihm.

Gleich nach dem Freispruch gab er sich noch einmal kämpferisch. „Mein Weg ist noch nicht zu Ende“, sagte er den wartenden Journalisten. „Der Kampf geht weiter.“ Aber er war damals schon 83 Jahre alt und gebrechlich und man hat seither nichts mehr von ihm gehört. Seine letzten Jahre verbrachte er in einem Altersheim der Armee, wie es sich für einen ehemaligen CIA-Agenten gehört. Dort starb er, als ein für die US-Justiz unbescholtener Mann. Wie das passieren konnte: „Er ist ganz sicher ein Terrorist“, sagte einmal Peter Kornbluh vom Nationalen Sicherheitsarchiv. „Aber er ist unser Terrorist.“

woz, 13.9.2018