Tropenholz, Gold und Kokain

Das Städtchen Piamonte liegt verloren im Süden Kolumbiens am Rand des Amazonas-Dschungels. Seine Einwohner sind – nach dem Gesetz – fast allesamt kriminell.

Von Toni Keppeler (Text) und Andrés Vanegas (Fotos)

Piamonte ist die Stadt des Verbotenen. Hinter allem, was die 11.000-Einwohner-Gemeinde im Süden Kolumbiens umtreibt, müsste eigentlich die Polizei her sein. Aber es gibt keinen Polizisten weit und breit. Da ist das Holz, das illegal im nahen Dschungel von Amazonien geschlagen wird; das Gold, das illegal in den Hügeln des Umlands geschürft wird. Und da ist vor allem das Koka. Es gibt keinen Bauern in Piamonte und Umgebung, der nicht mindestens ein Hektar mit den verbotenen Sträuchern bestellt hätte. Wer zwei Hektar oder mehr davon hat, der besitzt mit Sicherheit auch ein Labor, in dem die Koka-Blätter zu Kokain verarbeitet werden.

Natürlich gibt es auch ein paar legale Läden in der Stadt – Eisenwaren, Landwirtschaftsbedarf, Klamotten. Sie sind in großen Häusern aus Holz in garagenartigen Räumen untergebracht, direkt an den breiten Schlaglochpisten, die Piamonte von Nord nach Süd und von Ost nach West durchkreuzen. Die Läden strahlen den morbiden Charme längst vergangener Zeiten aus. Die glatzköpfigen Schaufensterpuppen, die davor am Straßenrand verstauben, tragen Mode, die schon vor fünfzig Jahren aktuell war und es hier immer noch ist: rosarote und weiße Petticoat-Kleidchen aus Plastikstoffen für die Mädchen, aber auch die üblichen Jeans und T-Shirts. Es gibt ein paar düstere Kneipen und Billard-Salons, davor grobe Holzbalken, an denen die Männer, die von den Bauernhäusern draußen zum Spielen und Trinken in die Stadt gekommen sind, ihr Pferd festmachen können. Die Läden, Kneipen und Billard-Salons mögen legale Geschäfte sein. Das Geld aber, das in ihnen ausgegeben wird, ist illegal verdient worden.

Es ist nicht leicht, nach Piamonte zu kommen. Der Ort liegt ganz im Westen der Provinz Caquetá; keine geteerte Straße führt dorthin. Von Mocoa, der Hauptstadt der Nachbarprovinz Putumayo, kommt man mit dem Auto nur bis Puerto Limón. Von dort bringen schmale Boote mit Außenbordmotoren Passagiere auf die andere Seite des Río Caquetá, wo meist ein allradgetriebener Pritschenwagen wartet. Brücken gibt es nicht. Vom Ufer aus führt eine Holperstrecke über Hügel und durch Wälder, bisweilen muss das Bett eines Flüsschens gequert werden. Nur hin und wieder sieht man eine einsame Hütte. Ein ideales Gelände für eine Guerilla und tatsächlich war die Gegend bis zum Friedensvertrag Ende 2016 fest in der Hand der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc). Nach eineinhalb Stunden erreicht man Piamonte und man fragt sich, warum sich hier Menschen niedergelassen haben.

„Vor zwanzig Jahren war Piamonte noch ein kleiner Weiler mit fünf oder sechs armseligen Hütten“, weiß Julio Santamaría. „Die Farc hat diesen Ort groß gemacht.“ Santamaría war zwei Jahrzehnte lang bei der Guerilla und kennt die Gegend wie kaum ein anderer. Seit er nicht mehr mit schwerem Gepäck und geschultertem Sturmgewehr durch den Dschungel marschiert, hat er heftig zugenommen. „Man sieht mir den Frieden an“, sagt er und lacht. Seine Augen werden zu Schlitzen, er streicht sich über das langsam lichter werdende schwarze Stoppelhaar. „Wir haben hier immer Proviant für die Truppe besorgt, und weil die Farc gut und in bar bezahlt hat, sind immer mehr Händler nach Piamonte gekommen.“ Aber eben nicht nur Händler. Weil rund um Piamonte die Gesetze des Staats nicht galten, konnte hier alles gemacht werden, was andernorts verboten ist: wertvolle Bäume aus dem Dschungel schlagen, auf der Suche nach Gold ohne Genehmigung und Umweltauflagen Stollen in die Berge treiben, und – vor allem – Felder mit Koka-Sträuchern bestellen und aus den Blättern Kokain gewinnen. In wenigen Jahren wuchs Piamonte von einem guten Dutzend auf 11.000 Einwohner.

Vom Koka sieht man nichts in der Stadt. Die Pflanzungen liegen weit draußen, versteckt im Dschungel. Dem Vernehmen nach gibt es zwei Händler, die die fertige Ware aufkaufen und mit ordentlichem Gewinn an Drogenkartelle weiterverschieben. Ihre Namen erfährt man nicht. Wer sie braucht, weiß, wer sie sind und darüber hinaus muss es niemand wissen. Diskretion ist eine Grundlage des Geschäfts. Früher, als die Farc hier noch Ordnungsmacht war, mussten diese Händler einen heftigen Teil ihres Gewinns als sogenannte Kriegssteuer abführen. Aber jetzt gibt es keine Ordnungsmacht mehr in Piamonte.

Das sichtbarste illegale Geschäft ist das mit dem Tropenholz. Nach Südosten hin führt eine Schotterstraße zum nahen Dschungel. Bevor man die Stadt verlässt, steht rechter Hand eine Sägerei neben der nächsten. Offene, schnell hingestellte Hallen: Ein paar solide Pfosten, ein Wellblechdach, darunter das Sägewerk und ein kleiner Lastenaufzug. Schwitzende Männer hantieren mit nacktem Oberkörper mit den von der Rinde befreiten Stämmen. Die übermannshohen Hügel aus Sägemehl zeigen, dass hier schon viele tropische Riesen zu Brettern verarbeitet wurden. Ein Teil dieser Hölzer wird wenige Schritte stadteinwärts auf der anderen Straßenseite zu Möbeln verarbeitet, meist unter den Vordächern der dunklen Werkstätte. Drinnen ist es bei fast vierzig Grad Hitze und über neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit zu stickig. Die Betten, Tische und Bänke, die hier zusammengeschreinert werden, sind für den lokalen Bedarf und der ist nicht groß. Der größte Teil der wertvollen Hölzer werde abgeholt, kann man erfahren. Meistens irgendwann in der Nacht. Am Morgen ist dann wieder Platz für neue Stämme.

Dass es Gold gibt in den Hügeln hinter Piamonte, das kann man zumindest erahnen. Gold ist, neben dem kolumnianischen Peso, zweite Währung in der Stadt. Man kann das kleinkörnige Edelmetall in den Billadsalons verspielen, auch manche Spelunken akzeptieren es als Zahlungsmittel. Die Minen liegen weit draußen im Dschungel. Manchmal kann man sie hören. Die Stollen werden unter Einsatz von viel Dynamit in die Berge getrieben.

„Wenn es gut läuft, kommt man zwanzig Meter voran in einem Monat“, sagt Don Luis. Sein Nachname soll nicht genannt werden, es soll keine Fotos von ihm geben. Der kleine drahtige Mann mit feinem Schnauz und grüner Baseball-Kappe mit dem Logo des Kulturministeriums ist der Besitzer der größten illegalen Mine in der Umgebung. Wie seine fünf Arbeiter trägt er Gummistiefel. Es gibt hier viel Schlamm, aus dem Stollen läuft ein kleiner Bach. „Morgens um 10 Uhr wird blindes Gestein weggesprengt“, erklärt Don Luis und will damit sagen: Gestein, das keinerlei Gold enthält. Er hat einen guten Blick dafür. „Wenn sich nach zwei Stunden der Staub im Stollen gelegt hat, lockert man mit einer kleineren Ladung das freigelegte goldhaltige Gestein.“ Dann habe man für einen Tag Arbeit.

Der Stollen ist vielleicht 1,70 Meter hoch und 1,50 Meter breit. Immer wieder öffnen sich kleine Hallen, in denen schwitzende Männer in drückender Hitze im Schein der Karbidlampe auf ihrem Bauhelm das gelockerte Gestein mit Pickeln zu schottergroßen Stücken zerkleinern. Als Lore dient ein sargartiger Kasten auf Schienen. Gleise gibt es nicht. Fast 150 Meter weit geht der Stollen in den Berg, nur an den nötigsten Stellen wird die Decke von einem Pfosten gestützt. Luft wird mit einem dicken Plastikschlauch von einem Dieselgenerator hereingeblasen.

Draußen, unter einem Wellblechdach, wird der Schotter in eine Gesteinmühle geschaufelt: Ein vielleicht zwei Meter langer Zylinder mit einem Durchmesser von einem Meter. Der Motor wird angeworfen, der Zylinder rotiert langsam und knirschend und zermalt das Gestein zu Staub. Dann wird es spannend: Der Staub wird aus der Mühle auf eine lange aus Holz gebaute Rutsche gekippt, Wasser lässt ihn sacht nach unten gleiten. Die Männer stehen am Ende, fangen das rotbraun gefärbte Wasser in großen Tellern aus Aluminium auf und lassen das Wasser und den Schlamm mit kreisenden Bewegungen über den Tellerrand schwappen. Wenn sie Glück haben, bleiben am Ende ein paar winzige Goldkörnchen zurück. „Das sichtbare Gold hat die beste Qualität“, sagt Don Luis. Aus dem Schlamm, der nach dem Waschen übrig bleibt, löst er mit Zyanid und Quecksilber das zunächst unsichtbare Restgold. Die giftige Brühe, die übrig bleibt, wird einfach in den Dschungel abgeleitet. Sie enthalte Silber, Titanium und noch ein paar weitere Metalle, aber es lohne sich nicht, das herauszulösen. „Die Chemie, die man dazu braucht, ist zu teuer.“

Seit dem Jahr 2000 betreibt Don Luis die Mine. Vier Stollen hat er schon schon ausgebeutet. Die wertlos gewordenen Löcher wurden einfach im Dschungel zurückgelassen. Zwei Jahre lang jedoch stand die Arbeit still.  Die Armee fing damals alle Dynamitlieferungen ab, die in die von der Guerilla kontrollierten Zonen gingen. „Die dachten, das sei für die Farc.“ Aber das ist bald fünfzehn Jahre her. Danach habe es nur hin und wieder einmal Probleme mit dem Nachschub an Sprengstoff gegeben. Er habe im Krieg weder mit der einen, noch mit der anderen Seite zusammengearbeitet. Nur seine Kriegssteuer habe er an die Guerilla entrichtet. Jetzt, mit dem Friedensvertrag, sei das vorbei. Die Farc ist entwaffnet und wurde zur Partei und Vertreter des Staats haben sich noch nicht blicken lassen.

„Aus einer Tonne Gestein hole ich im Durchschnitt zehn Gramm Gold“, sagt Don Luis. Ein Drittel davon wird als Lohn unter den Arbeitern verteilt, der Rest ist für ihn und seine Investitionen. „An Tagen, an denen nicht gesprengt wird, können wir sechs Tonnen Gestein verarbeiten“, rechnet er vor. Macht sechzig Gramm Rohgold, zwanzig davon für die fünf Arbeiter. Ein Gramm wird derzeit zu umgerechnet rund fünf Euro gehandelt. Ein Arbeiter bekommt also alle zwei Tage rund zwanzig Euro, dazu wird das Mittagessen gestellt. Kein guter, aber auch kein ganz schlechter Lohn im Hinterland von Kolumbien. Wieviel Don Luis als Gewinn bleibt, verrät er nicht. Man sagt, er sei reich – für hiesige Verhältnisse. Demnächst wolle er einen weiteren Stollen öffnen, obwohl der, in dem gerade gearbeitet wird, noch lange nicht erschöpft sei.

Es sind nur wenige, die reich werden mit illegalen Geschäften. Auch Koka-Bauern leben eher bescheiden und fernab der wenigen Wege der Region, versteckt am Rand des Dschungels. Man wandert über Viehweiden, watet durch Bäche, schlittert auf glitschiger roter Erde. Man folgt einem schmalen Pfad durchs Gestrüpp. Mehr als eine anstrengende Stunde von Piamonte entfernt tut sich eine Lichtung auf. Auf ihr stehen Koka-Sträucher, rund eineinhalb Meter hoch. Ihre frischen hellgrünen Blätter glitzern in der Sonne. Dahinter beginnt der dichte Dschungel.

Neben der Pflanzung steht ein Haus aus Holz, türkis angestrichen und wegen der häufigen tropischen Wolkenbrüche auf Pfählen gebaut. Eine Küche, ein Zimmer, eine große Veranda. Auf dem Wellblechdach eine Satellitenschüssel für den Fernsehapparat und Solarzellen, die eine Batterie für ein paar Glühbirnen speißen. Keine Strom- und keine Wasserleitung führen in diese Wildnis. Das Wasser holt man in Eimern aus einer nahen Quelle.

Der Mann, der hier wohnt, trägt den wohl häufigsten Namen Kolumbiens: José. Auch sein Nachname soll verschwiegen, sein Gesicht auf Fotos nicht gezeigt werden. José, seine Frau und seine drei kleinen Kinder leben außerhalb des Gesetzes. Der knapp 30-jährige Mann, der wegen seiner mächtigen Statur und seiner Gesichtszüge eher an einen russischen Boxer als an einen kolumbianischen Bauern denken lässt, baut nicht nur Kokasträucher an. Er kommt schwitzend vom Feld, wo gerade geerntet wird, hat das grün karierte Hemd weit offen. Die derbe Arbeitshose ist schlammverschmiert, die Füße stecken, wie überall hier auf dem Land, in Gummistiefeln. José baut nicht nur Koka an, er verarbeitet die Blätter im eigenen Labor zu Kokain. Eineinhalb Hektar hat er mit den verbotenen Büschen bestellt, verteilt auf mehrere Felder. Sein Ertrag: alle zwei Monate „dos kilitos“, „zwei Kilöchen“. Das ist viel für eineinhalb Hektar. „Ich habe eben gute Pflanzen“, sagt er. „Ich kreuze die besten miteinander, die mit dem höchsten Kokaingehalt in den Blättern.“ So hole er aus seinen Feldern mehr Kokain heraus als andere aus der doppelten Fläche.

Sein Labor ist ein windschiefer Schuppen, keine zwanzig Meter hinter dem Haus. Auf dem Boden liegt die frische Kokablatternte, sein ältester Sohn, gerade fünf Jahre alt, spielt zwischen den Fässern, in denen die Chemikalien gelagert sind. Der Prozess, der zum Kokain führt, ist denkbar einfach: Die Blätter werden mit einem Rasenmäher zerkleinert und dann in ein Fass voller Benzin geworfen. Dort weichen sie ein paar Tage ein. Die Pampe wird dann ausgepresst, die flüssige Benzin-Koka-Mischung kommt in ein weiteres Fass, das mit Wasser und Säure für Autobatterien aufgefüllt wird. Auf drei Teile Wasser kommt ein Teil Säure.

Das neue Gemisch wird regelmäßig umgerührt, nach zwei Tagen lässt man es ruhen. Säure und Wasser trennen sich dann vom Benzin. Das Säure-Wasser-Gemisch bindet das Kokain, das Benzin ist leichter und schwimmt deshalb obenauf. Es wird abgeschöpft. Schon jetzt kann man schmecken, ob viel Kokain im sauren Wasser ist. Man taucht einen Finger in die Brühe und leckt ihn ab. Je bitterer die Flüssigkeit schmeckt und je schneller sie die Zunge einschläfert, desto höher ist der Anteil an Kokain. Filtert man dieses Gemisch durch ein Tuch, bleibt ein grobes weißes Pulver zurück: reines Kokain.

„Koka ist eine Pflanze wie jede andere“, sagt José. „Sie wird von der Regierung nur bekämpft, weil man damit mehr Geld verdienen kann als mit anderen Pflanzen.“ 1,7 Millionen Pesos bezahlt ihm der Händler in Piamonte für ein Kilo Kokain. José beschäftigt vier sogenannte Raspachines – Männer, die von Koka-Plantage zu Koka-Plantage ziehen und mit geübten flinken Griffen die Blätter von den Sträuchern reißen. Zieht er ihren Lohn und seine Investitionen in die Chemie von seinem Erlös ab, bleibt ihm etwa die Hälfte: 850.000 Pesos, rund 240 Euro pro Kilo. Das ist, bei zwölf Kilo Kokain im Jahr, sein Monatsverdienst. Der größte Teil der in Kolumbien produzierten gut 900 Tonnen im Jahr stammt aus solchen improvisierten Laboren. Den großen Reibach machen die Händler. Ein Kilo, wie José es in Piamonte verkauft, wird später zu feinem Pulver gemahlen und in der Regel mit Milchpulver oder Mehl auf das Dreifache gestreckt. Im Straßenverkauf in Europa kann man damit dann bis zu 300.000 Euro erlösen, in den USA etwas weniger.

Im Grunde mag José seine Arbeit nicht. „Es nicht schön, wenn man sich dauernd verstecken muss“, sagt er. Einmal nur wurde das Feld gleich neben seinem Haus von einem Aufklärungsflugzeug entdeckt, vor ein paar Jahren. Kurz darauf kamen die Sprühflugzeuge, begleitet von schwer bewaffneten Hubschraubern der kolumbianischen Antidrogenbehörde. Sein Haus, seine Familie und das Feld wurden mit Glyphosat eingeregnet. „Danach geht man hinaus und schlägt die Büsche unten ab, und in einem halben Jahr stehen sie wieder da.“ Weil seine anderen Felder unentdeckt blieben, war der wirtschaftliche Schaden zu verkraften.

Einmal habe er versucht, vom Kokain wegzukommen. „Ich habe Ananas angebaut, der Boden ist dafür ideal.“ Aber er musste die Ernte mit dem Pferd auf den Markt bringen, „und wenn dann eine Frucht beschädigt ist, bezahlen sie dir nur noch die Hälfte des üblichen Preises“, und der sei schon niedrig genug. Damit komme er nicht über die Runden. Nein, sagt er, er kenne nichts Erlaubtes, mit den man in dieser Gegend sein Auskommen finden könnte. In Piamonte überlebt man nur mit Koka, Gold und Tropenholz.

FR, 24.2.2018