Ein Gift geht an die Nieren

In Mittelamerika sterben zehntausende Menschen an Nierenversagen. Viele von ihnen arbeiteten vorher auf Zuckerrohr-Plantagen. Jetzt liefern wissenschaftliche Untersuchungen in El Salvador offenbar erstmals den Beweis: Todesursache ist eines der weltweit gängigsten Herbizide.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero


Julio Reyes ist ein ungewöhnlich reinlicher Mensch. Viermal am Tag wäscht er sich, zieht frische Kleider an und einen Mundschutz über. Danach desinfiziert er Hände, Unterarme, den Bauch und sogar den Tisch, an den er sich setzt. Das Zimmer ist mit einer desinfizierenden Lösung frisch ausgewischt, das Fenster hermetisch abgedichtet. Kein Staub von draußen darf eindringen. Für einen Bauern in einem armen Land sind solche Hygieneregeln nicht leicht einzuhalten. Für Julio Reyes sind sie lebenswichtig.

Der 54-Jährige ist Dialysepatient. Seine Nieren arbeiten nicht mehr. Reyes lebt in Ciudad Romero, einer Stadt in der heißen pazifischen Küstenebene des mittelamerikanischen Landes El Salvador. Er behandelt sich selbst, zu Hause. Vier Mal am Tag klickt er den Verschluss des Katheters in seiner Bauchdecke an einen Schlauch an, der mit zwei Plastikbeuteln verbunden ist. Der volle hängt über ihm an einem Galgen und versorgt ihn mit Dialyselösung. In den auf dem Boden liegenden leeren fließt das verbrauchte Blutserum aus dem Patienten heraus. 25 Minuten dauert die Prozedur. Reyes wird es dabei im Inneren ganz heiß. Er schwitzt.

„Seit 18 Jahren habe ich das Nierenleiden“, sagt er und fächelt sich mit einer Pappe Luft zu. Am Anfang hatte er Kopfweh und Schmerzen in der Hüfte „als würde man mich in zwei Teile schneiden“. Vor 15 Jahren attestierte ihm dann ein Arzt chronische Niereninsuffizienz. Seither ging es Reyes immer schlechter, zuletzt lag er reglos und abwesend im Bett. „Ich konnte nicht einmal mehr die Augenlider bewegen. Ich habe den Tod gesehen“, sagt er. Das war vor drei Monaten. Schließlich entschloss er sich zur Dialyse. Er hatte so lange gezögert, weil er Angst hatte. „Ich wollte nicht, dass sie mir ein Loch in den Bauch machen. Die Leute sagen: Wer ein Loch im Bauch hat, der stirbt.“

Außerhalb seines Dialysezimmers merkt man Julio Reyes kaum an, dass er ein schwer kranker Mann ist. Sicher, er ist schmal und mager. Aber das sind so gut wie alle Kleinbauern hier. Er geht ein bisschen langsam und ermüdet schnell, aber er wirkt geistig rege und interessiert. Das Loch und das Serum verlängern sein Leben um ein paar Jahre. Viele seiner Freunde sind schon an Nierenversagen gestorben.

Die chronische Nierenkrankheit ist eine Epidemie in ganz Mittelamerika. Mindestens 24.000 Menschen sind in den betroffenen Regionen im vergangenen Jahrzehnt an Nierenversagen gestorben. Überall, wo sich die Krankheitsherde zwischen Mexiko und Panama ballen, wird Zuckerrohr angebaut, früher in manchen Gegenden auch Baumwolle.

Am schlimmsten ist es in Chichigalpa nahe der pazifischen Küste Nicaraguas. Rund um das 40.000-Einwohner-Städtchen befinden sich die riesigen Zuckerrohr-Plantagen der Nicaragua Sugar Estate Limited, die dort die Zuckerfabrik San Antonio und die Brennerei Flor de Caña betreibt, aus der eine der besten Rumsorten der Welt kommt. Neuerdings produziert sie auch Agrosprit für den Export. 3000 Arbeiter beschäftigt das Unternehmen derzeit, knapp 7000 sind nach der Zählung der Vereinigung der chronisch Nierenkranken ANAIRC seit 1996 am Versagen dieser reinigenden Organe gestorben.

„Früher erkrankten meist nur die Älteren, 50 Jahre und mehr“, sagt die ANAIRC-Vorsitzende Carmen Ríos. „Heute rafft es auch die Jungen dahin.“ Männer wie den 30-jährigen Dennis Osorio, der gerade einmal bei vier Zuckerrohrernten dabei war: ein hartes, schweißtreibendes Geschäft in glühender Hitze, bei dem die Männer nach vorn gebeugt fünf oder sieben Halme von den anderen trennen und sie dann mit einem langen Messer abschlagen. Vor zwei Jahren wurde bei Osorio Niereninsuffizienz diagnostizert. Jetzt liegt er in seiner Wellblechhütte auf einem Bett, umsorgt von einer Schwester und einer Nachbarin. Er röchelt, stöhnt und erzählt wirre Geschichten von Gott, dem er begegnet sei. Die beiden Frauen massieren seine schmerzende Brust und flößen ihm Fruchtsaft ein, den er gleich wieder erbricht. In der Nacht nach dem Besuch stirbt Osorio, er wird auf dem neuen Stadtfriedhof begraben. Dieser war vor fünf Jahren nötig geworden, auf dem alten gab es keinen Platz mehr. „80 Prozent der Toten hier sind an Nierenversagen gestorben“, sagt der Friedhofswärter Roberto José Tellez. Auch er hat ein paar Jahre in der Zuckerfabrik gearbeitet. Auch er ist nierenkrank.

Der Epidemiologe Francisco Espinoza im örtlichen Gesundheitsposten hegt keine Zweifel über die Ursachen: „Alle haben für die Zuckerrohrfabrik gearbeitet, alle waren dort Pestiziden ausgesetzt“, sagt er. Statistisch sei der Zusammenhang erwiesen, ein medizinischer Beweis stehe aber noch aus. Aus diesem Grund stiehlt sich die Firma bis heute aus der Verantwortung. Einmal hat sie rund 130 entlassene kranke Arbeiter mit fast zwei Millionen Euro entschädigt und glaubt, die Sache sei damit erledigt. „Wir sind davon überzeugt, dass wir mit der Krankheit nichts zu tun haben“, sagt Ariel Granera, Firmensprecher von Sugar Estate Limited. Die ANAIRC-Vorsitzende Ríos dagegen nennt die Gifte, die ihren Vater, ihren Mann, ihren Bruder getötet und ihren Sohn krank gemacht haben, beim Namen: Paraquat und 2,4-D. Paraquat wurde nach Angaben der Zuckerfabrik zwischen 1984 und 1994 auf den Plantagen von Chichigalpa eingesetzt; Arbeiter versichern, man verwende es noch heute. 2,4-D - das gibt auch die Firma zu - wird weiterhin gespritzt.

Wenn Carlos Orantes diese Produktbezeichnungen hört, zuckt er zusammen. Der auf Kuba ausgebildete Facharzt für Nierenheilkunde leitet ein Forschungsteam, das im Auftrag des Gesundheitsministeriums der Krankheit in El Salvador erstmals mit einer groß angelegten Studie auf den Grund gehen soll. Bislang hat er in Ciudad Romero und zwei Nachbargemeinden am Pazifik fast die gesamte erwachsene Bevölkerung untersucht, insgesamt 775 Männer und Frauen. Ihre Lebensgewohnheiten, Arbeit, Rauchen, Trinken, Ernährung wurden erfasst, ihre Krankheitsgeschichte dokumentiert, Blut und Urin untersucht. Das Ergebnis: Bei 25,7 Prozent der Männer und 11,8 Prozent der Frauen waren die Nieren geschädigt.

Üblicherweise ist chronische Niereninsuffizienz eine Folge von Zuckerkrankheit und Bluthochdruck und wird vom 60. Lebensjahr an manifest. „Hier fanden wir ein völlig ungewöhnliches Bild“, sagt Orantes. „Die allermeisten Kranken in El Salvador haben weder Bluthochdruck noch Zucker und sind in der Regel viel jünger als 60.“ Aber alle kommen oder kamen mit Herbiziden in Kontakt – sei es auf den umliegenden Zuckerrohrfeldern oder auf ihrem eigenen Stückchen Land. Auch Kleinbauern setzen gedankenlos Argochemie auf ihren Feldern ein, vor allem Paraquat, das weltweit unter dem Markennamen Gramoxone vertrieben und in Mittelamerika in jedem Geschäft für Landwirtschaftsbedarf frei verkauft wird. „Das geht über den Ladentisch wie ein Pfund Tomaten“, sagt der Dialysepatient Julio Reyes. Im Kleingedruckten steht zwar auf dem Beipackzettel, dass man bei der Anwendung Schutzkleidung braucht, Gummihandschuhe und Stiefel. Aber viele der Bauern sind Analphabeten, lassen sich das Gift aus einem großen Kanister in mitgebrachte Flaschen abfüllen und haben ohnehin keine Schutzkleidung zu Hause.

Bislang wurden nur wenige Fall-Studien zu dieser mittelamerikanischen Krankheit veröffentlicht. Sie gehen – mehr auf der Basis von Vermutungen als von Beweisen – von einem ganzen Bündel von Ursachen aus: die harte körperliche Arbeit in glühender Hitze, die dem Körper das Wasser entzieht und die Nieren belastet, gesundheitsschädliche Lebensgewohnheiten wie Rauchen, Alkohol, Fastfood und Softdrinks sowie andere Krankheiten wie die in den Küstengegenden verbreitete Malaria, die ebenfalls die Nieren schädigen kann. Agrochemikalien sind in diesen Studien nur eine mögliche Ursache von vielen.

Carlos Orantes geht schon jetzt, nach den ersten Erhebungen, davon aus, „dass Vergiftungen bei der Arbeit und durch die Umwelt fundamental sind“. Alle anderen Faktoren kämen erschwerend hinzu und könnten den Verlauf der von den Giften verursachten Krankheit beschleunigen. Nur so könne man erklären, warum es das Problem IRC auf den Zuckerrohrplantagen Kubas nicht gebe. Dort sei es genauso heiß, die Arbeit genauso hart und die Männer würden tendenziell sogar mehr trinken und rauchen als in Mittelamerika. Der entscheidende Unterschied: Auf Kuba wird weder Paraquat noch 2,4-D eingesetzt. Auf der Insel werden die Plantagen ohne importierte Chemie bewirtschaftet. Erste Ergebnisse einer noch laufenden Vergleichsstudie in einer höher gelegenen kühlen Region El Salvadors weisen in die selbe Richtung. Dort gibt es kein Zuckerrohr, doch die Kleinbauern verwenden auf ihren Feldern Paraquat. Der Anteil der Nierenkranken ist vergleichbar hoch wie in der heißen Küstenebene.

Entwickelt wurde Paraquat 1955 von der britischen Firma Imperial Chemical Industries, deren Agrarsparte heute zum schweizerischen Agrochemie-Konzern Syngenta gehört. Anfang der 1960er-Jahre wurde es unter dem Markennamen Gramoxone zum ersten Mal auf Palmölplantagen in Malaysia eingesetzt. Alles, was grün ist, tötet das Mittel schnell und effektiv ab. Stämme und Wurzeln aber werden verschont. Es wird deshalb besonders gern zur Vorbereitung der Böden vor der Aussaat verwendet.

Paraquat ist das weltweit am zweithäufigsten verwendete Herbizid und laut Weltgesundheitsorganisation WHO „das giftigste der Nachkriegszeit“. Es ist 28-mal toxischer als das am meisten verwendete Glyphosat. 2,4-D, ein Bestandteil des von den USA im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange, ist 12-mal so giftig wie Glyphosat. Über die Haut dringen diese Herbizide in den Körper. Die Folgen einer akuten Paraquat-Vergiftung sind durch eine ganze Reihe von Studien belegt: schwere Schädigung der Lungen, Nierenversagen, Störungen des Gehirns und des Nervensystems, Reizungen der Haut und der Augen, Beeinträchtigung der Zeugungsfähigkeit, erhöhtes Parkinson-Risiko. Gegen das Gift hilft kein Medikament, wer einen Schluck trinkt, stirbt qualvoll.

Anders als die akuten Folgen einer Vergiftung sind die Langzeitschäden durch niedere Dosen noch weitgehend unerforscht. Lediglich eine im April dieses Jahres in Kanada veröffentlichte Forschungsarbeit über den Zusammenhang von Paraquat und Parkinson’scher Krankheit erwähnt, dass sich das Herbizid „in der Niere anreichert und dort seine größte toxische Wirkung entfaltet“. Das Gesundheitsministerium von El Salvador lässt nun in schwedischen Labors Nierenproben von Patienten untersuchen, um mehr über die dort gespeicherten Gifte und deren Wirkung zu erfahren.

In der Europäischen Union und der Schweiz, dem Konzernsitz des weltweit größten Herstellers, ist Paraquat verboten - in der EU seit 2007, in der Schweiz schon seit 1989. Ein Rechtsgutachten, erstellt für die Berliner Anwaltsgruppe „European Center for Constitutional and Human Rights“ und für die schweizerische Dritte-Welt-Lobbygruppe „Erklärung von Bern“, kommt zu dem Schluss, dass Syngenta mit der Herstellung und dem Vertrieb von Paraquat Menschenrechte verletzt. In Ländern, in denen Schutzkleidung nur schwer zu beschaffen und zu bezahlen ist und wegen der tropischen Hitze ohnehin nicht getragen wird, in denen Arbeitsschutzrichtlinien nicht existieren oder nicht durchgesetzt werden und wo es viele Analphabeten in extremer Armut gibt, dürfe Syngenta Paraquat nicht vertreiben und müsse den Vertrieb durch Dritte verhindern. Rechtsgrundlage dieses Gutachtens sind die im Juni 2011 verabschiedeten UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die jedoch vor keinem Gericht einklagbar sind.

Syngenta sieht denn auch keinerlei Grund, Herstellung und Vertrieb von Paraquat einzustellen. Im Gegenteil: Im Geschäftsbericht von 2011 – Umsatz: 10,5 Milliarden Euro, Gewinn: 1,7 Milliarden Euro – wird für das weiterhin unter der Marke Gramoxone vertriebene Herbizid „ein Absatzplus“ vermerkt. Eine Internetseite des Konzerns preist das Gift als „effektiv und umweltfreundlich in Bezug auf Wasser, Boden und CO2-Emissionen“ und „perfekt für nachhaltige Landwirtschaft“. Was die Wirkung auf den Menschen angeht, formuliert Firmensprecher Daniel Braxton etwas vorsichtiger: „Es gibt überzeugende Hinweise aus einer Reihe publizierter Studien, nach denen Paraquat bei fachgerechter Anwendung keine wesentlichen klinischen oder Langzeitauswirkungen hat.“ Zudem bemühe sich Syngenta, vor allem in Entwicklungsländern Bauern und ihre Familien im „sicheren Umgang mit Gramoxone“ auszubilden.

Julio Reyes hat so eine Ausbildung nie bekommen. Aber er hat Gramoxone in seinem Leben hektoliterweise verspritzt. Zuerst an der Küste von Panama, wo er die 80er-Jahre in einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen verbrachte, während in seiner Heimat der Bürgerkrieg tobte. Dort hat er zusammen mit den anderen Männern des Lagers eine Plantage mit 90.000 Kakaobäumen und 30.000 Kokospalmen angelegt. Der Boden wurde mit Gramoxone behandelt, gespritzt aus alten und oft undichten Kanistern, die auf dem Rücken getragen wurden. „Ich habe ein paar Mal unfreiwillig in Gramoxone gebadet“, erzählt er.

1992, nach dem Krieg, kamen die Flüchtlinge aus Panama zurück nach El Salvador, haben Land von der Regierung bekommen und Ciudad Romero sowie die Weiler in der Nachbarschaft gegründet. Auf seinem Feld hat Reyes weiterhin Gramoxone gespritzt. Bis er nicht mehr arbeiten konnte. „Viele meiner Freunde aus Panama sind schon gestorben“, sagt er. „Sehr viele. Die allermeisten an Nierenversagen.“ Ihm selbst dürfte die Dialyse zu Hause noch ein paar Jahre schenken.

greenpeace magazin 2/13