Die Nullnummer des Nicolás Maduro

Die indirekt ans Erdöl gekoppelte neue Währung wird Venezuela keine Erleichterung bringen. Längst sind internationale Konzerne – mit Erfolg – hinter dem Reichtum des Landes her.

Von Toni Keppeler

Die Proteste gegen die Währungsreform in Venezuela blieben im kaum messbaren Bereich. Die Menschen sind mit dem Überleben beschäftigt und neuerdings auch mit Mathematik. Vor zehn Tagen hat Präsident Nicolás Maduro den bislang geltenden „starken“ Bolívar durch den „souveränen“ Bolívar ersetzt. Fünf Nullen wurden gestrichen: 100.000 alte sind ein neuer Bolívar. Mit einer Million wäre die Umrechnung leichter gewesen: Eine Tasse Kaffee, die vor zehn Tagen noch zwei Millionen alte Bolivares gekostet hat, würde dann zwei und nicht zwanzig neue kosten. So aber murmeln Venezuelaner erst lange Zahlenketten vor sich hin und streichen im Kopf eine Null nach der anderen, bevor sie einen Preis akzeptieren.

Die neue Währung ist ein Akt der Verzweiflung. Die Inflation liegt bei über 30.000 Prozent und soll, so der Internationale Währungsfonds, bis Jahresende eine Million erreichen. Für ein Pfund Butter musste man mehr als ein Pfund Geldscheine hinlegen. Dieses Problem soll der souveräne Bolívar lösen. Denn der sei, so Maduro, an den Petro gebunden, eine Kryptowährung, die im Februar lanciert worden ist. Der Petro wiederum sei durch die Ölreserven des Landes abgesichert. Doch außer der Regierung weiß niemand, wie groß die Nachfrage nach diesem virtuellen Geld ist.

Maduro dekretierte gleichzeitig mit der neuen Währung eine Erhöhung des Mindestlohns auf das Dreißigfache – was der Inflation neuen Schub geben dürfte. Da nützen auch festgesetzte Preise für 25 Grundnahrungsmittel nichts. Trotz angedrohter Strafen wurden diese Waren schon am Tag der Verkündung auf den Märkten der Hauptstadt Caracas um vielfach höhere Summen angeboten.

So oder so ist der souveräne Bolívar auf Sand gebaut. Seine Bindung über den Petro an die Ölreserven ist reine Fiktion. Der staatliche Ölkonzern PdVSA ist so gut wie bankrott, die Anlagen verfallen, es wird immer weniger gefördert. Einst holte die Firma über drei Millionen Fass pro Tag aus dem Boden, im Juli waren es noch 1,2 Millionen. Verdient wird damit so gut wie nichts: Der größte Teil der Fördermenge ist für Russland und China vorgemerkt, um damit Schulden zurückzubezahlen.

Als wäre das nicht genug, hat in der vergangenen Woche ein Gericht in den USA den kanadischen Minenkonzern Crystallex ermächtigt, von der PdVSA-Tochter Citgo Güter im Wert von einer Milliarde US-Dollar zu beschlagnahmen. Es geht dabei um eine Entschädigung, mit der Crystallex für die Verstaatlichung ihrer Anlagen in Venezuela 2008 abgefunden werden will. Citgo betreibt in den USA mehrere Raffinerien und ein großes Tankstellennetz. Ebenfalls in der vergangenen Woche hat PdVSA einem Schiedsspruch des Internationalen Zentrums für Investitionsstreitigkeiten zugestimmt, nach dem der Erdölkonzern der US-amerikanischen Ölgesellschaft ConocoPhillips zwei Milliarden Dollar Entschädigung für die Verstaatlichung seiner Anlagen 2007 bezahlen muss. ConocoPhillips hatte zuvor Einrichtungen von PdVSA in der Karibik beschlagnahmen lassen, über die Erdöl in die USA und nach Asien exportiert werden. Die US-Firma hat ein weiteres Verfahren gegen PdVSA angestrengt, bei dem es um bis zu sechs Milliarden Dollar geht. Letztlich ist das unbezahlbar. ConocoPhillips aber wird es ohnehin mehr darum gehen, im Fall des Sturzes der Regierung Maduro als erster die Hand auf den Erdölreserven Venezuelas zu haben.

So gesehen hat Maduro recht, wenn er von einem Wirtschaftskrieg gegen Venezuela spricht. Freilich nutzt er dies auch, um von eigenen Problemen abzulenken. Von Korruption zum Beispiel. In der vergangenen Woche wurde der Fall zweier schweizer Finanzjongleure bekannt, die über ihre Vermögensverwaltung in Malta geholfen haben sollen, bis zu 1,2 Milliarden aus der PdVSA-Kasse abgezweigten Dollar zu waschen. Unter den Korrupten sollen auch Leute aus dem Umfeld Maduros sein.

woz, 30.8.2018