Die Geister, die sie gerufen

In Venezuela hat sich die aufgestaute Spannung in einer Nacht des Plünderns entladen. Regierung und Opposition scheinen darüber erschrocken zu sein.

Von Toni Keppeler

In der Nacht zum Freitag erlebte Venezuela einen Vorschein dessen, was in den nächsten Monaten kommen kann. In den frühen Morgenstunden zog der Mob durch El Valle, ein eher armes Quartier der Hauptstadt Caracas. Altreifen wurden angezündet, es gab Scharmützel mit Sicherheitskräften. Dann wurde geplündert. Eine Anwohnerin erzählt am Telefon, was sie gesehen hat: „Es waren ein paar hundert Leute, die das Lebensmittelgeschäft gegenüber gestürmt haben. Die ersten, die wieder herauskamen, hatten Schnapsflaschen dabei. Dann wurden die letzten Lebensmittel herausgebracht. Und schließlich haben sie alles mitgenommen, was noch da war. Sie haben sogar Stromleitungen und Wasserhähne von den Wänden gerissen.“

Es war lange nicht der einzige solche Überfall. Mindestens elf Menschen kamen dabei ums Leben, fast alle durch Stromschläge, als sie elektrische Installationen zerstörten. Mit Politik hatte das nur noch mittelbar zu tun. Seit zwei Demonstrationen mit jeweils weit über 100.000 Teilnehmern am Mittwoch zuvor – eine von der Regierung, die andere von der Opposition – war die Spannung gestiegen. Bis sie sich dann in dieser Mischung aus Verzweiflung und Wut, Hemmungslosigkeit und krimineller Energie entladen hat.

Auslöser der jüngsten Unruhen war ein Urteil des obersten Gerichts, das Ende März das von der rechten Opposition beherrschte Parlament seiner verfassungsmäßigen Funktionen beraubte. Der Beschluss wurde nach Interventionen der Generalstaatsanwältin und des Präsidenten wieder zurückgenommen; die Opposition aber witterte Brüche im Regierungslager und mobilisierte. Die folgenden Demonstrationen waren – erwartbar – von gewalttätigen Auseinandersetzungen begleitet, zehn Menschen wurden getötet.

Angesichts der Verhältnisse ist es für die Opposition nicht schwer, willfährige Schlägertrupps zu finden. Die Inflation im vergangenen Jahr lag bei mindestens 700 Prozent, Lebensmittel können – wenn überhaupt – nur nach Stunden langem Schlangestehen ergattert werden. Medikamente gibt es fast nur auf dem Schwarzmarkt, das öffentliche Gesundheitswesen ist nahezu kollabiert. Es gibt zu viele Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und bereitwillig Steine und Brandsätze auf Sicherheitskräfte werfen und manchmal auch schießen. In Polizisten und Nationalgardisten sehen sie repressive Vertreter einer Regierung, der sie die Schuld am Elend Venezuelas geben.

Präsident Nicolás Maduro nennt die Opposition „Terroristen“ und spricht von einem Staatsstreich, der da inszeniert werde. Er braucht seine Stoßtrupps erst gar nicht mobilisieren, sie stehen auch ohne Kommando von oben auf der Straße. Am besten organisiert sind die sogenannten „Colectivos“, die einst als Selbstverwaltungsorgane in den Armenvierteln gegründet wurden. Sie kontrollieren ihr Territorium meist auf Motorrädern und sind oft bewaffnet. Sie wissen: Sollte die Opposition an die Macht kommen, werden sie zu den ersten Verlierern gehören. Auch ihnen werden im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen der letzten Tage Tote zur Last gelegt.

Beide Seiten, Regierung und Opposition, haben die von ihnen gerufenen Geister kaum mehr unter Kontrolle. Die rechten Oppositionsparteien vertreten nur die Interessen einer schmalen Oberschicht. Massenhafter Protest gegen die Regierung bedeutet noch lange nicht massenhafte Zustimmung zur Opposition. Auch unter dem Fußvolk der Regierung stehen immer weniger zu Maduro. Viel mehr als den Präsidenten verteidigen die „Colectivos“ das Erbe ihres 2013 verstorbenen Helden Hugo Chávez und wollen zurück zu den für sie goldenen Zeiten seiner Herrschaft. Angesichts der hoffnungslosen wirtschaftlichen und sozialen Situation werden die Grenzen zwischen wie auch immer begründeter politischer Militanz, blindwütigem Zuschlagen und gewalttätiger Armutskriminalität fließend.

Immerhin scheint es, als hätten Regierung und Opposition das am Freitag früh erschrocken begriffen. Die Opposition rief am Wochenende zu Schweigemärschen auf – mit sehr viel weniger Beteiligung. Die Regierung hielt die Sicherheitskräfte auf Abstand. Es blieb friedlich. Noch ist nicht klar, ob das der Beginn eines Nachdenkens über Entspannung war oder nur ein letztes Durchatmen vor dem großen Knall.

woz, 27.4.2017