Das Gold muss im Boden bleiben

El Salvador ist das erste Land weltweit, das den Abbau von Metallen verbietet. Das Gesetz ist das Ergebnis eines langen Kampfs von Umweltschützern und Kirchen.

Von Cecibel Romero und Toni Keppeler

Cabañas ist eine der ärmsten Provinzen des zentralamerikanischen El Salvador. Die Landschaft ist hügelig, trocken, entwaldet. Die tropische Sonne hat sie gelbbraun verbrannt. Die Gegend leidet unter Wassermangel. Rinder stehen auf mageren Weiden, es gibt nur wenige Maisfelder. Das Städtchen San Isidro, das mitten in Cabañas liegt, hat eine der höchsten Auswanderungsraten des Landes. Es gibt kaum eine Familie, die keine Verwandten in den Vereinigten Staaten hätte. Die meisten leben und arbeiten dort illegal. Von dem wenigen Geld, das sie Monat für Monat nach Hause schicken, leben die Familien in San Isidro. Es gibt kaum Arbeit und das bisschen Landwirtschaft wirft für kaum jemanden mehr als hundert US-Dollar im Monat ab.

Viele der Hügel sind erloschene Vulkane. In ihnen lagern Gold, Silber und Minerale. Quer durch den Norden El Salvadors zieht sich ein breiter Streifen Land, den man das „Goldene Band“ nennt. In der Nähe von San Isidro sollen sich bis zu dreißig Gramm Gold in einer Tonne Gestein finden. Das mag wenig erscheinen und tatsächlich sprechen Fachleute von „unsichtbarem“ oder „mikroskopischem Gold“, das man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Aber schon bei nur einem Gramm Gold pro Tonne Gestein ist der Abbau rentabel.

Cabañas könnte eine Goldgrube sein, doch das Edelmetall bleibt im Boden. Seit diesem Frühjahr ist El Salvador das erste Land weltweit, das den Abbau von Metallen verboten hat. Umweltministerin Lina Pohl ist stolz auf das entsprechende Gesetz. „Es ist ein historischer Schritt“, sagt sie. Auch wenn El Salvador seinen Weg anderen nicht aufdrängen wolle – das Verbot könne durchaus Vorbildcharakter haben. Dass es glatt durch ein von wirtschaftsfreundlichen Parteien dominiertes Parlament lief, das ansonsten am Schutz der Umwelt reichlich desinteressiert ist, war ein glückliches Zusammentreffen mehrerer Faktoren. „Der wichtigste ist sicher eine starke und kämpferische Umweltbewegung“, sagt Pohl. „Dazu kam eine klare Stellungsnahme der katholischen Kirche gegen den Abbau von Metallen.“ Und schließlich sei die wirtschaftliche Elite des Landes an Bergbau nicht interessiert und habe deshalb keinen Widerstand geleistet. Heimischen Unternehmen seien die für Minen nötigen Investitionen zu groß. „Bergbau war immer eine Sache internationaler Konzerne.“ Das Gesetz wurde Ende März mit 70 gegen 14 Stimmen verabschiedet.

Die Erd- und Gesteinschichten, die Gold enthalten, liegen in Cabañas in rund sechzig Metern Tiefe. In den 40er- und 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es dort ein paar Minen im Untertagebau. US-amerikanische Konzerne suchten Adern, in denen das Edelmetall in bis zu walnussgroßen Nuggets vorkam. Die waren bald erschöpft. Die Konzerne zogen ab und mit ihnen verschwanden die Arbeitsplätze. Damals erlebte die Gegend ihre erste Auswanderungswelle. Vom kurzen Goldrausch blieb nur ein kleines Dorf mit dem Namen San Francisco El Dorado, das „Vergoldete“, ein paar Kilometer weg von San Isidro.

Dann beantragte der kanadische Bergbaukonzern Pacific Rim 2002 eine Lizenz zur Exploration von Goldlagerstätten in Cabañas und bekam sie. Er eröffnete ein kleines Büro in San Francisco El Dorado. Die Firma kaufte ein paar Stückchen Land auf und trieb dort tiefe Löcher in den Boden. Und sie bezahlte Landbesitzer für das Recht, auch auf ihrem Boden den Untergrund erforschen zu dürfen. Die Ingenieure wurden fündig. 2004 beantragte Pacific Rim eine Lizenz für den Abbau von Gold und Silber auf dem Gebiet der Gemeinde San Isidro. Doch das Begehren wurde von den zuständigen Behörden abgewiesen. Der Bergbaukonzern hatte weder eine ausreichend dokumentierte Studie über mögliche Folgen für die Umwelt eingereicht, noch eine Darlegung der technischen Machbarkeit. Zudem fehlten Unterlagen darüber, ob das Unternehmen dort, wo es Minen im Tagebau öffnen wollte, überhaupt den Grund und Boden besitze oder andernfalls das Einverständnis der entsprechenden Landbesitzer.

Pacific Rim reichte die geforderten Unterlagen nicht nach, sondern argumentierte, die Lizenz zur Exploration von Bodenschätzen garantiere, so welche gefunden würden, automatisch das Recht auf deren Ausbeutung. Auch dies wurde zurückgewiesen. Die Firma beauftragte daraufhin seine Anwälte mit der Ausarbeitung eines neuen Gesetzes zur Reglementierung von Minen in El Salvador. Der Vorschlag, der über Abgeordnete ins Parlament eingebracht werden sollte, sah für Konzerne das Recht vor, im ganzen Land ohne jegliche Restriktionen Minen öffnen zu können. Doch auch dieser Vorstoß scheiterte.

Von 2006 an versuchte es das kanadische Unternehmen mit einer anderen Strategie: Die Bevölkerung von Cabañas sollte davon überzeugt werden, dass Minen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft für sie nur Vorteile brächten. Mit einer Millionen schweren Werbekampagne in nationalen Radiostationen, im Fernsehen und in Zeitungen rühmte die Firma den von ihr angeblich praktizierten „grünen Bergbau“, der keinerlei nachteilige Folgen für die Umwelt habe. Ihr Büro verteilte Geld an die Bürgermeister der Gegend, bezahlte hier ein neues Dach für eine Schule und dort einen Sportplatz. Bei den Festen zu Ehren der Ortsheiligen gab es Freibier auf Kosten von Pacific Rim.

Auch das lautstarke Werbetrommeln hatte nicht den gewünschten Effekt. „Ganz im Gegenteil“, sagt Andrés McKinley, ein Spezialist für Wasserschutz und Minen an der von Jesuiten geführten Zentralamerikanischen Universität von San Salvador. Er verweist auf eine Umfrage, die seine Hochschule 2007 auf nationaler Ebene durchgeführt hat. Danach waren 62,5 Prozent der Bevölkerung davon überzeugt, dass El Salvador nicht für den Bergbau geeignet sei. „Das einzige, was Pacific Rim erreicht hat, waren zerstrittene Familien und Dorfgemeinschaften in Cabañas“, sagt McKinley. „Ein paar befürworteten das Öffnen von Minen, weil sie der Firma glaubten, das würde wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze bringen.“ Andere hätten sich um die Umwelt und das ohnehin knappe Wasser Sorgen gemacht und seien deshalb von Anfang an dagegen gewesen.

Die Gegner der Mine wurden von Umweltverbänden unterstützt, die sich zu einem nationalen „Runden Tisch gegen Bergbau“ zusammengeschlossen hatten. Sandra Ascencio vertritt an diesem Tisch seit 2008 die Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung des Franziskanerordens in El Salvador. „Natürlich hilft es, wenn man in die Dörfer geht und sagen kann: die Kirche ist auf unserer Seite“, sagt sie. „Wir haben immer gesagt, dass wir Franziskaner sind und dass wir gegen Minen kämpfen, weil wir an die menschliche Würde und an das Gemeinwohl glauben.“ Zunächst sei es nur um Information und Aufklärung gegangen. Mehrfach besuchten Vertreter von Umweltverbänden und Abgeordnete der betroffenen Gemeinden das benachbarte Honduras, um in dem Dorf San Martín im Valle de Siria im Zentrum des Landes eine damals gerade erschöpfte Goldmine eines anderen Bergbaukonzerns zu besichtigen. Sie lernten dabei, dass in dieser Gegend innerhalb eines Jahrzehnts 19 der ursprünglich 23 Flüsschen ausgetrocknet sind, dass die Kindersterblichkeit zwölf Mal höher lag als im honduranischen Durchschnitt und dass viele Menschen unter Haut-, Augen- und Nierenkrankheiten litten. In Cabañas kam es daraufhin zu ersten Demonstrationen gegen Pacific Rim.

Im salvadorianischen Bürgerkrieg (1980 bis 1992) hatten in der Provinz ultrarechte Todesschwadrone arg gewütet und es war auch noch fünfzehn Jahre später leicht, dort Pistoleros zu finden, die jeden Protest für kommunistisch gesteuert hielten und bereit waren, dagegen mit Waffengewalt vorzugehen. Allein im Jahr 2009 wurden in der Gegend von San Isidro vier Umweltschützer ermordet, darunter eine hochschwangere junge Frau. Keiner dieser Morde wurde je aufgeklärt. Journalisten einer lokalen Radiostation, die den Protesten viel Raum einräumte, bekamen Todesdrohungen; eine junge Reporterin musste für ein Jahr nach Deutschland ins Exil.

Je gewalttätiger der Konflikt wurde, desto mehr versuchte die damalige rechte Regierung unter Präsident Antonio Saca, weitere Proteste von der Polizei unterdrücken zu lassen. „Wir machten deshalb keine Demonstrationen mehr, sondern nannten sie einfach Prozessionen und gingen mit einem großen Kreuz voraus“, erinnert sich Vidalina Morales aus dem in der gegend liegenden Städtchen Sensuntepeque, die damals bei fast allen Protesten dabei war. Die Unterstützung der Kirchenleitung hatten die Minengegner. Damals war Fernando Sáenz Lacalle, ein an sich stockkonservativer und wirtschaftsfreundlicher Mann vom Opus Dei, Erzbischof in der Hauptstadt San Salvador. Doch Sáenz Lacalle war auch gelernter Chemie-Ingenieur und wusste, was eine Goldmine für das ohnehin knappe Wasser in Cabañas bedeutet: Sie würde pro Tag mindestens eine Million Liter verschlucken und die mit größter Wahrscheinlichkeit schwer mit Giften belastet wieder ausspucken. Dabei sind auch ohne Bergbau 90 Prozent des Oberflächenwassers in El Salvador verseucht – in dem Land gibt es bis heute keine einzige öffentlich betriebene Kläranlage und nur ganz wenige Firmen bereiten ihre eigenen Abwässer auf.

2009 veröffentlichte das Erzbistum von San Salvador eine Stellungnahme zum Konflikt in Cabañas, in der es sich entschieden gegen eine Mine aussprach. Das war der Wendepunkt. Wenn ein konservativer Erzbischof so klare Worte sprach, konnte sich auch der rechte Präsident nicht mehr verstecken. Saca verhängte ein Moratorium. Bis auf weiteres dürfe in El Salvador keine neue Mine geöffnet werden.

Trotzdem dauerte es noch einmal acht Jahre, bis dieses vorläufige Verbot dauerhaft gesetzlich verankert wurde. Denn zunächst verklagte Pacific Rim den Staat vor dem Internationalen Zentrum zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten in Washington auf 100 Millionen Dollar Schadensersatz für entgangene Gewinne. Das Verfahren zog sich hin. Pacific Rim wurde darüber an den australischen Konzern Oceana Gold verkauft, doch auch der neue Eigentümer hielt an der Klage fest. El Salvador kostete der Prozess 13 Millionen Dollar für Gutachten, Anwälte und Verfahrenskosten.

Ende 2016 gab es endlich ein Urteil: Die Ansprüche von Oceana Gold sind haltlos, der Konzern wurde verurteilt, dem Staat El Salvador 8 Millionen Dollar seiner Kosten zu erstatten. Der Rest war Formsache. „Wir wollten warten, bis das Verfahren abgeschlossen ist“, sagt Umweltministerin Pohl. „Wir wollten einem Urteil nicht mit Gesetzen vorgreifen, das hätte uns in kein gutes Licht gerückt.“ Danach aber wurde das Verbot des Abbaus von Metallen – außer Gold und Silber gibt es in El Salvador auch Uran – ins Parlament eingebracht und ohne Probleme verabschiedet. Nach neueren Umfragen wird es von 80 Prozent der Bevölkerung befürwortet. Oceana Gold weigerte sich zunächst, El Salvador einen Teil der Verfahrenskosten zu erstatten. Erst nachdem die salvadorianische Staatsanwaltschaft die örtlichen Konten des Konzerns eingefroren und seine Büros und Fahrzeuge gepfändet hatte, wurden die 8 Millionen Dollar im Juli überwiesen.

In Cabañas wird trotzdem weiterhin nach Gold geschürft. „Es gibt dort immer noch Minenarbeiter und sie sind so aktiv wie eh und je“, weiß Ascencio vom Orden der Franziskaner. In den ungesicherten Minen der 1940er-Jahre suchen arme Leute nach den letzten Resten Gold. Sie arbeiten ohne jegliche Kontrolle, graben neue Stollen und setzen dabei viel Dynamit und Quecksilber ein. In besonders niedrigen Gängen arbeiten vor allem Kinder. Reich wird davon niemand.

„Ich weiß, dass es das gibt“, sagt die Umweltministerin. Und es gebe dazu auch noch gut zwei Dutzend erschöpfte Minen im Land, die bis heute nicht sachgerecht geschlossen und versiegelt sind. „Das neue Gesetz gibt uns zwei Jahre“, sagt sie. In dieser Zeit müssen alle bestehenden Minen versiegelt werden. „Und wir müssen andere Möglichkeiten finden, wie die armen Goldschürfer in Cabañas in Zukunft ihr Brot verdienen können.“

Weltsichten 10/2017