Die Stadt im Schatten der Mauer

Tijuana im äußersten Nordwesten von Mexiko lebt von der Grenze zu den USA und hasst sie zugleich. Von Menschen, die auf die andere Seite wollen, und solchen, die unter Zwang zurückgeschickt wurden.

Von Toni Keppeler, Tijuana

Wasserleichen sind kein schöner Anblick, sagt Miguel Villanueva, und er muss es wissen. Sechs hat er schon gesehen, alles junge Männer. Morgens, angeschwemmt am Strand von Tijuana. Nein, fotografiert habe er keinen, sagt er; er habe Respekt vor Toten. Er habe Abstand gehalten und die Feuerwehr gerufen. Die sei hier zuständig für die Rettung von Ertrinkenden und für den Abtransport der Wasserleichen. Sie habe viele gerettet, sehr viele mehr, als ertrunken sind. Ertrunken seien nur solche, die es in der Nacht versucht haben. Da ist die Feuerwehr nicht am Strand.

Miguel Villanueva ist 71 Jahre alt und seit 45 Jahren Strandfotograf in Tijuana. Er ist klein und schmal und so schüchtern, dass man sich kaum vorstellen kann, wie er Touristen anspricht und sie zu einem Foto überredet. Das Geschäft, sagt er, laufe schlecht. „Die Leute fotografieren sich nur noch selbst, mit ihren Telefonen.“ Er hat eine Kamera um den Hals gehängt, die aussieht, als stamme sie aus der ersten Generation der Digitalfotografie und habe seither viel mitgemacht. Der Stabblitz, den er an ihre Seite geschraubt hat, wirkt so professionell wie die Weste, die er über dem karierten Hemd trägt: Eines dieser sandfarbenen ärmellosen Teile mit vielen Taschen, wie sie Fotoreporter im harten Einsatz gerne tragen. Villanueva geht damit nur an den Strand.

Das Schönste am Strand von Tijuana ist ein aus Holzbohlen gefertigter Weg, auf dem man Kilometer weit spazieren kann. Auf der einen Seite ein schmaler Streifen Sand, auf der anderen luftige Restaurants, die meisten ein bisschen schmuddelig und heruntergekommen. Am nördlichen Ende steht die Mauer: Sechs, acht Meter hohe rostige Eisenpfähle, tief in den Sand gerammt und verstärkt durch Maschendraht. Sie kommen herab von den Hügeln, durchmessen den Strand und reichen gut siebzig Meter hinaus ins Meer. Hinter dieser Mauer beginnen die Vereinigten Staaten von Amerika mit einer breiten Brache, durch die – immer entlang der Mauer – eine Straße führt. Auf ihr patrouillieren grün-weiße Geländewagen. Nachts wird die Brache von Flutlicht bestrahlt, Kameras auf hohen Pfählen tasten über das Gelände. Am Tag kommt alle paar Minuten ein tief fliegender Helikopter vorbei. Hinter der Brache steht noch einmal ein Zaun. Und ganz in der Ferne, im Dunst, kann man das Weichbild von San Diego erkennen. In Tijuana reicht die Bebauung bis unmittelbar an die Mauer.

Der damalige US-Präsident Bill Clinton hat diese Mauer in Auftrag gegeben – 1994, in jenem Jahr, in dem auch der Freihandelsvertrag zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko in Kraft getreten ist. Clinton machte so ganz sichtbar klar: Die Freizügigkeit gilt nur für Waren, nicht für Menschen. Das Teilstück von Tijuana war der Beginn der Grenzbefestigunganlagen. George W. Bush hat sie dann am östlichen Ende der Grenze um gut tausend Kilometer erweitern lassen. Zuletzt wurden auf Befehl von Barack Obama weitere Zäune errichtet. Und jetzt will Donald Trump auf den noch fehlenden rund 2.000 Kilometern seine „schöne Mauer“ bauen lassen.

Am Strand von Tijuana brechen sich die hohen Wellen des pazifischen Ozeans an den Stahlträgern. „Das Meer ist wild und gefährlich hier“, sagt Miguel Villanueva. Draußen, am Ende der Mauer, gebe es einen Sog, der die Schwimmer ins Meer hinaus ziehe. Nur ganz wenige würden es bis ans Ufer der US-Seite schaffen. Auf die warteten dann die Beamten der Einwanderungsbehörde mit Handschellen. „Wer es hier versucht“, sagt Villanueva, „der ist ein Dummkopf.“

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Alexander Lemus ist so ein Dummkopf. Er hat es versucht, in der Nacht. „Man hat nur eine kurze Hose an und einen kleinen Rucksack mit Wäsche zum Wechseln und ein bisschen Geld.“ Es sei verdammt anstrengend und auch ein bisschen gefährlich. Man hangle sich von einem Eisenträger zum nächsten. „Wenn eine Welle hereinkommt, wirft sie dich gegen die Mauer. Wenn das Wasser zurück ins Meer fließt, zieht es dich weg. Alles ist glitschig und ganz draußen gibt es eine höllische Strömung.“ Angst hatte er nicht. „Ich komme aus einer Hafenstadt, ich kann gut schwimmen.“ Das musste er auch. Der Strand auf der anderen Seite der Mauer ist durch zusätzliche Zäune zum Meer hin gesichert. Um die musste er herumschwimmen.

Als er nach bald zwei Stunden US-amerikanischen Boden unter die Füße bekam, warteten dort zwei Männer von der „Migra“, vom Grenzschutz. „Die haben Nachtsichtgeräte und wussten, wo ich herauskommen werde.“ Er wurde festgenommen und in die „hielera“ gebracht: ein Gefängnis, das die Migranten wegen der dort herrschenden Kälte die „Kühlbox“ nennen. Eine Woche verbrachte er dort, dann wurde er ins Flugzeug gesetzt, zurück in die Heimat.

Alexander Lemus kommt aus La Libertad in El Salvador. Er ist 25 Jahre alt, groß und schlank. Seine schwarzen kurzen Haare trägt er mit viel Gel, am Kinn hat er ein kleines Ziegenbärtchen. Er hat in La Libertad in einer Autowerkstatt gearbeitet, Karosseriebau und Lackierungen. Acht US-Dollar hat er am Tag verdient, den gesetzlichen Mindestlohn. Und keine Aussicht, jemals mehr zu bekommen. „Davon kannst du deine Frau und deine zweijährige Tochter nicht ernähren“, sagt er. Das zweite Kind war schon unterwegs. Lemus gibt es offen zu: Er ist schlicht aus wirtschaftlichen Gründen gegangen, zusammen mit der schwangeren Frau und der Tochter.

Für einen  „Coyote“ – so nennt man in El Salvador die Schlepper – hatte er kein Geld. „Die verlangen pro Person zwischen 7.000 und 8.000 Dollar und du hast dafür drei Versuche frei“, sagt er. Die Familie nahm also den Bus nach Guatemala und überquerte den Fluss an der Grenze zu Mexiko auf einem Floß. Die mexikanischen Grenzer drücken beide Augen zu und die Flößer verlangen nur ein paar Dollar. Durch Mexiko kamen sie in Bussen, zu Fuß und auf Güterzügen und nach einem Monat waren sie in Tijuana.

Dort gingen sie ins Konsulat der USA und beantragten Asyl. „Natürlich haben wir denen nicht gesagt, dass wir wegen der Armut gegangen sind“, sagt Lemus. „Wir haben gesagt, wir würden von Maras erpresst.“ Im letzten Regierungsjahr von Barack Obama bekamen junge Zentralamerikaner, die von diesen gefährlichen Banden bedroht werden, Asyl in den USA. Seine Frau und seine Tochter wurden sofort akzeptiert, seine zweite Tochter kam in Los Angeles zur Welt. Sein Antrag aber wurde ohne Begründung abgelehnt und so ging er eines Nachts um zwei zur Mauer am Strand.

Nach seiner Abschiebung hat er zu Hause ein bisschen Geld verdient für die nächste Reise. Jetzt ist er wieder in Tijuana. Er wohnt in der „Casa del Migrante“, einer von Mönchen betriebenen Unterkunft für Menschen wie ihn. Lemus ist schon seit drei Wochen hier, hat einen Job gefunden in einer Gärtnerei. Ein bisschen Erspartes kann nicht schaden, vielleicht geht es ja auch beim zweiten Mal schief.

Aber warum will er es wieder hier versuchen, an der Mauer am Strand von Tijuana? Der sicherste Übergang sei derzeit ganz im Osten, in Tamaulipas, glaubt Lemus zu wissen. Aber dort werde die Grenze vom Verbrechersyndikat der Zetas kontrolliert und die würden schneller schießen als fragen. Da habe er Angst. In Tijuana seien die Preise für Schlepper explodiert, seit in Washington Donald Trump regiert. „Nur für den Sprung hinüber verlangen sie bis zu 7.000 Dollar.“

Pat Murphy kann das bestätigen. Der Mönch vom italienischen Scalabrini-Orden leitet die Migranten-Unterkunft von Tijuana. Er spricht Spanisch mit starkem US-amerikanischem Akzent, hat dünnes aschblondes Haar und einen ebensolchen Vollbart. Sein Gesicht ist von der Sonne rot gebrannt, er hat einen stattlichen Bauch. Derzeit gebe es in Tijuana drei Möglichkeiten, illegal auf die andere Seite zu kommen, sagt er. „Am sichersten ist es, einen Grenzbeamten zu bestechen; das kostet 15.000 Dollar.“ Der Weg durch die Wüste sei gefährlich, es gebe dort viele Klapperschlangen. Wer es alleine versuche, weil er die 7.000 Dollar für den Schlepper nicht hat, der könne sich leicht verlaufen und verdursten. Und dann gebe es noch den Strand, an der Mauer entlang durchs Wasser. „Das ist aussichtslos. Das machen nur die Verzweifelten und die Dummen.“

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Die „Casa del Migrante“, ein an ein Gefängnis erinnernder viergeschossiger Klotz mit großem Innenhof am Rand von Tijuana, hat Platz für 140 Menschen und ist voll belegt. Früher war es die letzte Station der Migranten auf dem Weg in die USA, heute ist es fast ausschließlich die erste Unterkunft der Deportierten. „Neunzig Prozent meiner Gäste kommen aus dem Norden“, sagt Murphy. Bis zum vergangenen Jahr seien etwa die Häfte der Ankömmlinge Männer gewesen, die in den USA straffällig geworden waren und aus dem Gefängnis heraus abgeschoben wurden. Die andere Hälfte war beim illegalen Grenzübertritt geschnappt worden. Seit Trump an der Macht ist, kämen mehr und mehr Leute, die der Mönch die „unschuldigen Deportierten“ nennt. Männer und Frauen, die schon zehn Jahre oder länger ohne Papiere in den USA gelebt und gearbeitet haben und durch einen dummen Zufall in eine Kontrolle geraten sind.

Viele von ihnen bleiben in Tijuana und Murphy sucht Arbeit für sie. „Die Firmen kommen zu mir“, sagt er. „An manchen Tagen habe ich mehr Angebote als zu vermittelnde Leute.“ Vor allem Callcenter seien an diesen „unschuldigen Deportierten“ interessiert, weil die in der Regel fließend Englisch sprechen. Das Land, das sie eben hinausgeworfen hat, braucht sie als Verkäufer am Telefon – zu mexikanischen Löhnen. Allein in Tijuana gibt es gut 10.000 Arbeitsplätze in Callcenters. Alle arbeiten für den Markt in den USA.

Ganz Tijuana gibt es nur, weil hinter der Mauer die Vereinigten Staaten sind. Die Grenze verläuft hier seit 1848, nachdem die USA in einem imperialistischen Krieg fast die Hälfte des mexikanischen Staatsgebiets erobert und annektiert hatten. Vierzig Jahre später wurde Tijuana gegründet. Im Museum für Stadtgeschichte wird ein Foto ausgestellt, das um die Jahrhundertwende aufgenommen wurde. Es zeigt ein Dorf wie aus einem Wildwestfilm: Links und rechts ein paar Schuppen, dazwischen eine staubige Fläche. Tijuana hatte damals keine hundert Häuser.

Der erste Boom kam mit der Prohibition, dem zwischen 1920 und 1933 geltenden Alkoholverbot in den USA. Drei Mal am Tag brachte ein Zug Vergnügungssüchtige aus dem Norden. In Etablissements wie dem „Blue Fox“, dem „Molino Rojo“ oder dem „La Ballena“ flossen Whiskey und Tequila in Strömen, die Prostitution blühte. Die spätere Hollywood-Diva Rita Hayworth wurde in Tijuana entdeckt: Sie durfte in den dortigen Kabaretts schon als Minderjährige tanzen, was in den USA verboten war. Tijuana wurde zu einer Stadt der Sünde, zählte 1940 gerade einmal 20.000 Einwohner und war ganz nach Norden orientiert. Ins mexikanische Kernland führte nur ein holpriger Feldweg.

Schon 1937 wurde die erste zollfreie Produktionszone eröffnet. Es dauerte ein paar Jahre, bis die US-amerikanischen Unternehmen begriffen, dass die billige mexikanische Arbeitskraft ihre Gewinne ins Endlose steigern konnte. Mitte des 20. Jahrhunderts begann der Boom. Als 1994 die nordamerikanische Freihandelszone installiert wurde, hatte Tijuana schon 700.000 Einwohner. Wieviele es heute sind, weiß man im Rathaus nicht so genau. Man schätzt, es seien knapp zwei Millionen.

Man sieht der Stadt ihre Geschichte an. Es gibt kein einziges koloniales Gebäude, dafür viel gesichtslosen Beton. Die Avenida Revolución und die Avenida Constitución, in der einst die Bars und Kabaretts standen, sind noch immer eine Touristenmeile. In den Straßen darum herum reiht sich eine Arztpraxis an die nächste Apotheke. Viele werben englischsprachig. Behandlungen und Medikamente sind hier sehr viel billiger als auf der anderen Seite der Grenze: „Viagra, 8 for 16 Dlls. Keep it up.“ Tijuana gilt noch immer als Mexikos Hauptstadt der Prostitution. Vor allem an den Wochenenden kommen die Soldaten der großen Marinebasis von San Diego herüber.

Der Grenzübergang zwischen Tijuana und San Diego gilt mit 300.000 Übertritten am Tag als der umtriebigste der Welt. Unzählige Lastzüge fahren in den Osten der Stadt, wo über 700 sogenannte Maquilas stehen: Billiglohn-Fabriken der Textil-, Elektro- und Elektronikindustrie, die hauptsächlich für den US-amerikanischen Markt produzieren. 14 Millionen Fernsehapparate werden hier pro Jahr zusammengeschraubt.

Maquilas, sagt der Mönch Pat Murphy, seien eine Chance für die vielen Haitianer in Tijuana. „Sprachkenntnisse spielen da keine Rolle.“ Bis zum August vergangenen Jahres haben Haitianer in den USA problemlos Aufenthaltsrecht und Arbeitserlaubnis für drei Jahre erhalten – eine humanitäre Maßnahme nach dem verheerenden Erdbeben von 2010. Dann hat Präsident Obama dieses Privileg gestrichen. Viele Haitianer waren da schon unterwegs. Man schätzt, dass allein in Tijuana 4.500 gestrandet sind. „Viele glaubten, Obama würde seine Entscheidung vielleicht noch revidieren“, sagt Murphy. „Seit Trump regiert, haben sie alle Hoffnung verloren.“ Nun nimmt Mexiko die Gestrandeten auf. Vierzig sind Dauergäste in der „Casa del Migrante“ und Murphy sucht fieberhaft Wohnungen für sie. „Sie müssen raus, ich werde den Platz brauchen“, sagt er. Trump stelle noch mehr Grenzschützer ein. Ab Juli oder August rechnet der Mönch mit steigenden Zahlen von Deportierten.

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Estime Mitho war nie in der „Casa del Migrante“. Seine Unterkunft ist sehr viel bescheidener. Um ihn zu finden, muss man vom Zentrum aus durchs Rotlichtviertel, wo schon morgens um neun knapp bekleidete grell geschminkte junge Frauen vor den Eingängen wenig Vertrauen erweckender Bars auf Kundschaft warten. Die Straße wird immer schlaglöchriger, die Häuser werden immer kleiner und ärmer. Nach ein paar Häuserblocks gibt es gar keinen Asphalt mehr, die Löcher in den Wänden der Lehmziegelhütten sind mit rostendem Wellblech geflickt. Auf der Straße sind nur noch Müllsammler und Bettler. Ganz am Ende, in einem Eckhaus, hat das „Movimiento Juventud 2000“, eine evangelikale Kleinkirche, eine Unterkunft für Haitianer eingerichtet. Hier lebt Estime Mitho, groß, schwarz, mit Wollmütze, T-Shirt und kurzer Hose. Die Füße in Flip-Flops aus Plastik. Er geht an Krücken, seine linke Wade ist verbunden.

Mithos Geschichte ist wie die der meisten Haitianer in Tijuana: Er war zunächst in Brasilien und spricht deshalb eine seltsame Mischung aus Portugiesisch, Spanisch und haitianischem Kreyòl. Er erinnert sich noch an den Tag: es war der 14. Oktober 2013. Da kam er mit dem Flugzeug von Port-au-Prince nach Rio de Janeiro. Eine Geste der damaligen Regierung für die Überlebenden des Erdbebens. Man brauchte Arbeiter auf den Baustellen für die Fußballweltmeisterschaft und die Olympiade. Mitho war zunächst in Rio, dann in Cuiabá, der Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso. Er hat als Anstreicher gearbeitet, als Gabelstapelfahrer und schließlich in einer Rindfleischfabrik. „Der Lohn war immer sehr niedrig“, sagt er. Er habe kaum gereicht für Zimmermiete, Essen, Wasser und Strom. „Nur alle zwei oder drei Monate konnte ich ein bisschen an meine Familie in Haiti schicken.“ Dort leben drei Brüder, eine Schwester und seine Mutter und niemand hat eine geregelte Arbeit.

„Dann kam die Wirtschaftskrise und wir wurden alle entlassen“, sagt er. Zusammen mit einem Freund machte er sich auf den Weg nach Norden. Er wusste: auch in den USA wird er leben und arbeiten dürfen, wenigstens für drei Jahre. Neun Monate lang war er unterwegs, zu Fuß oder mit dem Bus. „Neun Monate, neun Länder“, sagt er und lacht. In Panamá habe ihn eine giftige Spinne gestochen. Sein Bein sei angeschwollen, habe geeitert, eine hässliche Wunde habe sich aufgetan. Er zeigt Fotos auf dem Bildschirm seines Mobiltelefons. Seine linke offene Wade ist darauf drei Mal so dick wie die rechte. Danach sei der Weg sehr beschwerlich gewesen.

Als Mitho vor sechs Monaten in Tijuana ankam, war die Grenze schon dicht. Seither wohnt er in dem Verschlag am Ende der staubigen Straße. Immerhin bekommt er hier etwas zu Essen und ein Mitglied der evangelikalen Gemeinde hat ihm den Arzt und die Medikamente fürs böse Bein bezahlt. Es sieht schon sehr viel besser aus. Bald, sagt er, werde er arbeiten können. Aber in die USA wolle er nicht mehr. „Der Präsident dort ist verrückt.“

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María Concepción Robles würde alles tun, um in die USA zu kommen, sie würde sogar durch die Wüste gehen. Drei Mal schon hat sie es versucht, drei Mal wurde sie geschnappt. „Ich war nur mit meinem Neffen unterwegs“, erzählt sie. „Ich komme aus Tijuana, ich kenne die Wüste.“ Früher, als junge Frau, sei sie oft zum Einkaufen auf die andere Seite gegangen. Wenn man von einem Grenzer aufgehalten wurde, habe man nur gesagt, man gehe zum Einkaufen. Dann durfte man weiter. Aber dann ist sie auf der anderen Seite geblieben, 22 Jahre lang. „Ich habe Orangen geerntet, Trauben und Zitronen, überall zwischen Bakersfield und Delano.“ Ihre Tochter Reisy ist dort geboren. Sie ist behindert. Sie zeigt ein verblassendes Foto mit dem erschrockenen Gesicht einer jungen Frau mit wilden schwarzen Locken. „Sie läuft nicht, sie spricht nicht, sie hat epileptische Anfälle. Sie sitzt im Rollstuhl und sie braucht Windeln.“ Der Vater von Reisy habe das nicht ertragen und sei gegangen.

Reisy hat, weil sie dort zur Welt gekommen ist, die Staatsbürgerschaft der USA. Ihre Mutter hat sie nicht und sie hatte auch keine Papiere. Bei einer Routinekontrolle bei der Arbeit ist sie aufgeflogen. Sie wurde verhaftet und abgeschoben. Das war vor fünf Jahren, Reisy war 16 Jahre alt. „Ich bin die Mutter einer behinderten Tochter“, sagt Robles. „Ich habe das Recht, bei ihr zu sein.“ Keine Chance. Als abgeschobene Illegale bekommt sie kein Visum. „Ich war auf dem Konsulat. Ich habe geweint, ich habe geschrien. Es hat alles nichts genutzt.“

Ihre Tochter ist nun in einem staatlichen Behindertenheim in Kalifornien und María Concepción Robles, rund und kompakt und 56 Jahre alt, sitzt am Strand von Tijuana hinter einem Tischchen, auf dem sie Nippes zum Kauf anbietet: Billiger Silberschmuck, Kappen, Sandalen. Daneben liegt ihr Gehstock. „Ich darf hier verkaufen, weil ich behindert bin“, sagt sie. Sie hat Schmerzen im Rücken, „beim Gehen sind sie unerträglich“. Der Arzt sagte ihr, sie müsse ein paar Kilo abnehmen, dann werde es besser gehen.

Gleich hinter ihr ist die Mauer. Sie hat ihren Tisch dort aufgebaut, wo auf der anderen Seite der „Park der Freundschaft“ ist: Eine kleine schmucklose Freifläche, von hohen Zäunen umgeben. Hier sind die Eisenpfähle auf der mexikanischen Seite bunt angestrichen. Viele tragen Namen mit Kreuzen, dahinter die Buchstaben R.I.P.. An die hintere Seite der Pfähle ist ein Eisengitter geschweißt, so stark und dicht, dass man nicht einmal mit dem Finger auf die andere Seite kommt. Immer samstags und sonntags zwischen 10 und 14 Uhr wird der Platz auf der Seite der USA geöffnet. Wer will, kann sich mit Freunden oder Verwandten verabreden. Reden durch Pfähle und ein engmaschiges Gitter – da ist die Trennscheibe in einem Gefängnis persönlicher.

Schon um zehn Uhr steht an diesem Samstag ein Mann, vielleicht 40 Jahre alt, an der Mauer am „Park der Freundschaft“. Er lehnt sich mit dem Gesicht gegen die Pfähle, hält sich mit den über dem Kopf verschränkten Armen daran fest. Auf der anderen Seite, in den USA, erkennt man im Gegenlicht die Umrisse einer kleinen Frau. Hinter ihr stehen drei Geländewagen des Grenzschutzes, dazu fünf Männer und eine Frau in Uniform, Pistolen an den Hüften. Der Mann und die Frau stehen und reden, ohne sich zu bewegen. Vier Stunden lang, bis nachmittags um zwei.

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Wenn María Concepción Robles ein paar Kilo abgenommen hat und ihr das Gehen leichter fällt, will sie es wieder versuchen, durch die Wüste. Estime Mitho hofft, dass er bald ohne Krücken gehen kann. Dann will er sich eine Arbeit suchen und sparen, für ein Flugticket nach Port-au-Prince. Er will nach Hause, er hat genug. Alexander Lemus wartet auf Nebel. Wenn er sich dann bei Nacht im Nebel wieder von Pfahl zu Pfahl hinaus ins Meer hangle und auf der anderen Seite zurück, dann werde er nicht entdeckt. Glaubt er. Miguel Villanueva geht weiterhin Tag für Tag in der Hoffnung an den Strand, ein paar Ausflügler ließen sich von ihm fotografieren. Er wünscht sich, nie wieder eine Wasserleiche zu sehen.

woz, 1.6.2017