Textilfabriken unter der Lupe

Die unabhängige Monitoring-Gruppe Gmies überprüft seit 18 Jahren die Arbeitsbedinungen in der Maquila-Industrie. Von ein paar positiven Ausnahmen abgesehen, hat sich in dieser Zeit nicht viel geändert.

Von Cecibel Romero

Es rattert und rattert und rattert, ohne Unterlass. Der Lärm Dutzender industrieller Nähmaschinen, an denen Frauen sitzen und auch ein paar Männer, um sie herum Berge von zugeschnittenen Stoffen. Der Raum ist eine schlichte Fabrikhalle: Betonboden, Wellblechdach, nackte Stahlgerüste. League heißt die Fabrik, eine so genannte Maquila. 250 Menschen arbeiten hier.

League ist eine der kleineren Textilfabriken in der zollfreien Produktionszone „American Park“ in Ciudad Arce, einem Städtchen gut 30 Kilometer östlich der Hauptstadt San Salvador. Zwanzig solcher Betriebe sind auf dem eingezäunten Gelände, die größten haben fünf oder sechs Mal so viele Beschäftigten. League dagegen ist so etwas wie ein Vorzeigebetrieb. Während sich andere Maquilas vor der Öffentlichkeit hermetisch verschließen, hat League-Geschäftsführer Rodrigo Bolaños keine Probleme, Journalisten durch die Produktionshalle zu führen. Er ist stolz darauf, seinen Arbeiterinnen eine Cafetería mit subventioniertem Essen anbieten zu können. Abends dient der Raum der Raum der Fortbildung. Die meisten der hier Beschäftigten haben nur wenige Jahre oder gar nicht die Schulbank gedrückt. Bolaños bietet ihnen Kurse an, die bis zum Abitur führen. Die Schüler dieser Kurse nahmen, wie die von allen Schulen El Salvadors, am Vergleichstest PAES teil. „Ein paar von unseren Schülern schnitten um eineinhalb Noten besser ab als der landesweite Durchschnitt“, erzählt der Geschäftsführer stolz. Zusätzlich zu solchen Angeboten bezahlt League der Belegschaft Löhne, die rund zehn Prozent über dem der Konkurrenz liegen - und arbeitet trotzdem mit Gewinn.

Betriebe, die mehr bezahlen als den derzeitigen Mindestlohn von 202,80 US-Dollar im Monat, „können wir an den Fingern einer einzigen Hand abzählen“, sagt Vinicio Sandoval, Geschäftsführer der Gruppe Gmies. „Sie haben immer eine sehr engagierte Belegschaft und keine einzige dieser Fabriken ist arm geworden oder bankrott gegangen.“ Üblicher aber sei es, dass man in den Führungsetagen von Maquilas „eine unglaubliche Kreativität im Umgehen von Arbeiterrechten entdecken kann“.

Gmies heißt ausgeschrieben und übersetzt „Unabhängige Monitoring-Gruppe von El Salvador“. Das Gremium wurde 1996 gegründet, nachdem eine ganze Reihe von Skandalen die zentralamerikanische Textilindustrie in Verruf gebracht hatte. Die Fabriken unterboten sich gegenseitig mit Hungerlöhnen, Sozialabgaben wurden nicht abgeführt, Überstunden nicht bezahlt, die Näherinnen in den Werkhallen eingeschlossen, ohne Erlaubnis, die Maschine zu verlassen, und sei es, um zur Toilette zu gehen. Wer eine Gewerkschaft gründen wollte, wurde entlassen. Die Idee, die zur Gründung von Gmies führte: Die internationalen Textilkonzerne als Auftraggeber der Maquilas, Vertreter der Geschäftsführung von Textilfabriken, Arbeiterinnen und ihre Gewerkschaften, Vertreter des Arbeitsministeriums und unabhängige Arbeitsrechtler und Menschenrechtsanwälte überprüfen gemeinsam die Produktionsbedingungen. Sie setzen soziale Mindeststandards durch und verbessern so auch den Ruf internationalen Textilmarken.

Der Zeitpunkt war günstig. Bekannt gewordene Skandale in Zulieferbetrieben des US-Textilmarke Gap hatten die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten wachgerufen. Es gab Boykottaufrufe, der Umsatz brach empfindlich ein. Gap war der erste Textilkonzern, der akzeptierte, dass er Verantwortung trage für Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen in seinen Subunternehmen in Guatemala, Honduras und El Salvador. Weltweit wurden Zulieferverträge mit 136 Firmen aufgelöst. Die anderen, versprach die Konzernleitung in San Francisco, würden regelmäßig überprüft. Und weil ein Monitoring durch den Auftraggeber in der Öffentlichkeit nur begrenzte Glaubwürdigkeit hat, wurde 1996 die Apparel Industrie Partnership (AIP, „Partnerschaft der Bekleidungsindustrie“) gegründet: ein Zusammenschluss aus Textilkonzernen, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich gemeinsam um eine Überwachung der Arbeitsbedingungen in den Maquilas kümmern wollten. Gmies versuchte das selbe in El Salvador, gewissermaßen als nationale Unterorganisation von AIP.

Das internationale Bündnis hielt nicht lange. Gewerkschaften und etliche an der AIP beteiligte NGOs wollten mehr als nur die Anwendung des jeweiligen Nationalen Arbeitsrechts überprüfen. Sie forderten Löhne, von denen eine Familie leben kann. Die in Zentralamerika geltenden Mindestlöhne aber reichen meist nur für ein rundes Drittel des minimalen Warenkorbs einer Durchschnittsfamilie. Die Forderung hätte eine erhebliche Steigerung der Lohnkosten bedeutet und da machten die Textilkonzerne nicht mit. In der Folge stiegen die meisten Gewerkschaften und viele NGOs aus der AIP aus, die sich dann 1999 als Fair Labor Association („Vereinigung für faire Arbeit“) neu konstituierte: Ein Zusammenschluss aus nun nicht mehr ausschließlich Textilunternehmen, Universitäten und NGOs; die Gewerkschaften blieben außen vor. Firmen wie Adidas, Puma, H&M, Nestlé oder Apple gehörten mit zu den Gründungsmitgliedern.

Gmies blieb der ursprünglichen Konzeption treu. Zu ihrer Gruppe gehören neben Arbeits- und Menschenrechtlern weiterhin auch Gewerkschaftsmitglieder. Auch die Arbeitgeberseite ist - wenn auch nur schwach - vertreten. Und Gmies tut weiterhin das, was eigentlich Aufgabe des Arbeitsministeriums ist: Sie überwacht die Produktionsbedingungen in Maquilas. Die staatlichen Kontrollinstanzen seien chronisch unterbesetzt und würden deshalb von der Industrie nicht ernst genommen, weiß Claudia Monterrosa, die sich bei Gmies um Textilfabriken kümmert. „Wir versuchen deshalb, Konflikte immer über die Auftraggeber, also die internationalen Bekleidungskonzerne zu lösen.“ Die hätten viel mehr Einfluss auf die örtlichen Unternehmen als der Staat: „Ihr Wort ist Gesetz, wie eine Enzyklika des Papstes.“

Natürlich könne man auch den Weg über die Arbeitsgerichte gehen, sagt Gmies-Geschäftsführer Sandoval. „Aber die Praxis hat gezeigt, dass der Weg über die Konzerne sehr viel schneller ist; vor Gericht kann es Jahre dauern, bis ein Fall von Arbeitsrechtsverletzungen gelöst ist.“ Wenn ein internationaler Konzern aber um das Ansehen seiner Marke fürchten müsse, gehe alles sehr schnell. „Ihre Vorgaben sind mehr wert als das beste Arbeitsrecht.“ Selbst die Regierung kusche vor der Macht der Konzerne und mache ihnen den Hof. Sechzehn zollfreie Produktionszonen wurden in El Salvador für Maquilas eingerichtet, rund 200 Fabriken haben sich dort niedergelassen. Sie müssen weder Einfuhr- noch Ausfuhrzölle bezahlen, sind von der Umsatzsteuer befreit und müssen in den ersten zwölf bis fünfzehn Jahren auch keine Gewinnsteuer abführen. Die Nähereien haben mit gut 80.000 Arbeitsplätzen in El Salvador - ganz Zentralamerika sind es etwas über 400.000 - die weitaus meisten Beschäftigten der Maquila-Industrie. Daneben gibt es noch ein paar wenige Montagebetriebe der Elektro- und Elektronikindustrie.

Die Nachfrage nach Monitoring in diesen Maquilas sei zunächst ganz ordenlich gewesen, da saß den Textilkonzernen eine aufgeschreckte Öffentlichkeit im Nacken. In den vergangenen Jahren aber habe sie deutlich nachgelassen. „Gerade noch ein oder zwei Mal im Jahr wendet sich ein Konzern mit der Bitte um eine Untersuchung an uns“, sagt Sandoval. Die Konkurrenz unter den Überwachern ist groß, Monitoring sei zu einem rentablen Geschäft geworden. „Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Firmen, die diese Dienstleistung anbieten.“ Die seien dann einen halben Tag in einer Fabrik, ließen sich von der Geschäftsführung alles zeigen und schrieben danach in ihrem Bericht das, was der Auftraggeber lesen will. Gmies ist seriöser, aber auch teurer. „Wir sind mindestens fünf Tage in einer Fabrik und reden auch mit Arbeiterinnen, die nicht von der Geschäftsführung ausgesucht wurden.“ Entsprechend stehe im Abschlussbericht „nicht immer das, was die Textilkonzerne erwarten“.

Mehr als Auftragnehmer von internationalen Konzernen ist Gmies heute Anlaufstelle für Arbeiterinnen, deren Rechte missachtet werden. Der Schwerpunkt verschob sich vom Monitoring auf Mediation in Konflikten. Die klassischen Probleme sind geblieben: Dass Abgaben für Kranken- und Rentenversicherung den Arbeiterinnen zwar vom Lohn abgezogen, aber nie an die entsprechenden Kassen weitergeleitet werden. Viele Beschäftigten seien von ihren Arbeitgebern dort erst gar nicht registriert worden. Noch immer kommt es vor, dass Arbeiterinnen, die eine Gewerkschaft gründen wollen, entlassen werden.

Nery Ramírez, Vorsitzende der Näherinnengewerkschaft in der Textilfabrik Florencia in der zollfreien Produktionszone Soyapango am Rand der Hauptstadt San Salvador, hat sich mit einem besonderen Problem an Gmies gewandt: Seit drei Jahren kämpft sie um Wasser. Seit über 20 Jahren arbeitet sie in Textil-Maquilas. So etwas ist ihr dabei noch nicht untergekommen. Ihre Firma hat beim Wasserwerk 24.000 Dollar Schulden, weshalb 2011 das Wasser abgestellt wurde. Seither gibt es kein Trinkwasser mehr für die Frauen, die in tropischen Temperaturen unter dem heißen Blechdach der Fabrik an den Nähmaschinen schwitzen. Ein Tanklaster bringe zwar regelmäßig Trinkwasser vorbei, aber das müssen die Frauen kaufen. „Einen Tag im Monat arbeiten wir nur für das Wasser.

Es ist üblich, dass die Betriebe für ihre Näherinnen Stückzahlen festlegen, die an einem Arbeitstag produziert werden müssen. „Wenn du sehr schnell bist und nie aufstehst, um aufs Klo zu gehen, dann kannst du vielleicht diese Stückzahl schaffen“, sagt Rodríguez. Im anderen Fall - und der ist die Regel - machen die Frauen unbezahlte Überstunden, bis sie die Quote erreicht haben; oder sie müssen mit Lohnabzügen rechnen. „Dieses System ist nach unserem Recht illegal“, sagt Gmies-Geschäftsführer Sandoval. Aber die allermeisten Frauen trauten sich nicht, ihren Arbeitgeber zu verklagen. „Sie brauchen den Lohn dringend, um sich und ihre Kinder zu ernähren.“ Und selbst wenn sie sich trauen würden, wüssten sie nicht, wer da eigentlich zu verklagen sei. Neuerdings spielten die Maquilas Verstecken mit ihren Beschäftigten und bauten in einer Fabrik ein unübersichtliches System von Tochter- und Geschwisterfirmen auf. „Oft wissen die Frauen nicht einmal, bei welcher dieser viele Firmen sie angestellt sind.“

Bei der Vorzeige-Maquila League gibt es kein verschachteltes Firmensystem und auch keine vorgeschriebenen Stückzahlen. Die Beschäftigten sind nicht nur jung und leistungsfähig. Es gibt auch Großmütter unter ihnen, genauso Behinderte und sogar ein paar ehemalige Mitglieder der „Maras“ genannten gewalttätigen Jugendbanden. Die sind leicht zu erkennen an ihren großen Tatoos, die sie manchmal sogar im Gesicht tragen. Andersowo bekommen solche ehemaligen Verbrecher nie einen Job. „Wir sind die Fabrik der zweiten Chance“, sagt Geschäftsführer Bolaños. Er ist tief gläubiger Baptist und hat seine ersten Arbeiterinnen in den Kirchengemeinden der Umgebung gefunden. „Ich bin einfach in die Gemeindeversammlungen gegangen und habe gefragt, wer schon lange arbeitslos sei und dringend einen Job brauche.“ So bekam er eine hoch motivierte Belegschaft, mit der er sich morgens vor Arbeitsbeginn zu einer kurzen Besprechung mit abschließendem gemeinsamem Gebet trifft.

Seine Lohnstückkosten mögen etwas höher liegen als die von der Konkurrenz. Seinen Auftraggebern ist das egal. League arbeitet vor allem für Universitäten in den USA, die in El Salvador Hemden und Pullover mit ihren Logos herstellen lassen. So eine Klientel legt Wert auf korrekte Arbeitsbedingungen.

weltsichten 2/2014