Der Schutzheilige der Drogenhändler

In Culiacán steht die Kapelle von Jesús Malverde. Er soll vor über hundert Jahren so etwas wie ein mexikanischer Robin Hood gewesen sein. Heute wird er von allen verehrt, die ihre Geschäfte im Dunkeln verrichten.

Von Toni Keppeler

Jesús Malverde wird von der römisch-katholischen Kirche als Heiliger nicht anerkannt und sollte es ihn je gegeben haben, dann wäre ihm das völlig schnurz gewesen. Er wird von all jenen verehrt, die so sind, wie er gewesen sein soll: von den Ganoven, von den Gesetzlosen, von denen aus der Unterwelt. Er ist der Heilige der Drogenhändler von Mexiko.

Jesús Malverde, so erzählt die Legende, sei am Heiligen Abend des Jahres 1870 als Sohn armer Leute geboren worden. Ob das stimmt, ja, ob der Mann überhaupt existiert hat, lässt sich in Dokumenten aus jener Zeit nicht nachweisen. Die Legende aber weiß, dass er in dem Gehöft Mocorito in der Nähe von Culiacán, der heute 600.000 Einwohner zählenden Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Sinaloa im Nordwesten des Landes, seinen ersten Schrei getan haben soll. Dort wird seit etwa eben jener Zeit Schlafmohn angebaut und zu Opium verarbeitet. Später kam Marihuana dazu und schließlich der Handel mit Kokain. Das Sinaloa-Kartell gilt als das weitaus stärkste in Mexiko.

Früh schon sei Malverde Waise geworden und habe sich mit Sklavenarbeit auf einem Landgut durchschlagen müssen. Aber er habe aufbegehrt gegen den Patrón, sei in den Wald gegangen mit einer Pistole, habe reichen Leuten aufgelauert und sie überfallen und die Beute dann an die Armen verteilt. Er sei immer dreister geworden, habe die Häuser der Großgrundbesitzer in Culiacán ausgeraubt. Im Palast des Gouverneurs General Francisco Cañedo habe er den Waffentresor erbrochen und das Schwert entwendet. Der General schickte seine Häscher nach ihm und die stellten ihn, am 3. Mai 1909, im Wald auf dem Weg nach Navolato. Sie erhängten ihn daselbst.

Heute ist Jesús Malverde der Schutzheilige der Drogenhändler und von denen gibt es sehr viele in Culiacán. Er ist aber auch zuständig für Nachtwächter und Prostituierte, selbst Polizisten lassen von ihm ihre Waffen segnen. Malverde schützt alle, die ihre Geschäfte im Dunkeln verrichten. Sie kommen in seine Kapelle und beten ihn an, Dutzende an jedem Tag.

Der Wallfahrtsort ist eher unscheinbar und liegt an der vierspurigen vielbefahrenen Avenida Insurgentes, der „Straße der Aufständischen“. Von außen sieht der Schrein ein bisschen aus wie ein Blumengeschäft. Grün gestrichene Betonbänke stehen auf dem Bürgersteig; das Vordach wirft einen breiten Schatten, der bei 40 Grad Hitze willkommen ist. Auf Tischen sind Devotionalien ausgelegt: Schlüsselanhänger in der Form eines Kreuzes, mit dem Portrait von Malverde in der Mitte; eine Broschüre mit der Heiligenlegende; Volksmusik-Platten mit Corridos auf den Helden, die Umschläge zeigen sein Portrait vor einem großen Marihuana-Blatt; Schnittblumen und Kerzen, viele Kerzen.

Der Eingang in ein verwinkeltes Reich aus einem halben Dutzend Sälen führt durch eine schmiedeiserne grüne Tür, auch die Fenster sind grün vergittert. Ein Saal gleicht dem anderen: Ein großes Podest, überladen mit den immer selben Büsten des Vergötterten. Weißes Hemd, schwarzes Halstuch, die schwarzen Haare nach hinten gekämmt. Stechend blaue Augen und ein schmaler schwarzer Schnauz. Die Figur ist ein Phantasieprodukt im Disney-Realismus; ein bisschen Pocahonta, ein bisschen Lucky Luke. Dazwischen brennende Kerzen und weiße Lilien; Zigarren, Rum und Tequila als Gaben. Die Wände sind mit Dankesplaketten gepflastert. Standard-Formulierungen, wie man sie von Wallfahrtsorten kennt. „Dank an Gott und Malverde für die Wunder, die wir erfahren durften“, schreiben Omar Burgos und Verónica Salas aus Guadalajara in benachbarten Bundesstaat Jalisco. Die Toiletten sind links.

Still steht ein großer, kräftiger Mann vor den Büsten, das Gesicht von der Sonne verbrannt und verknittert. Er ist, wie man so sagt, im besten Alter. Schlohweißes volles Haar, ein kräftiger Schnauzbart. Das Hemd rot kariert, der Gürtel der Jeans wird von einem breiten silbernen Koppelschloss gehalten. Cowboystiefel. Den cremefarbenen breitkrempigen Hut setzt er erst draußen wieder auf.

Zwei junge Männer, kaum über zwanzig, mit rappelkurzen Haaren und Sonnenbrillen, kommen plaudernd und lachend dahergeschlendert. Sie tragen lässige Rapper-Mode aus teuren Boutiquen. Im Schlepptau haben sie eine etwas überschminkte junge Frau in körperbetontem Outfit. Lange schwarze Haare, gefährlich hohe Absätze. An einem der Tische suchen sie drei Kerzen aus, bezahlen und gehen andächtig in die Kapelle.

Ein wuchtiger weißer Hummer-Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben rollt auf der Straße heran. Er hält an, exakt so, dass man von der Rückbank aus direkt durch die Tür des Kirchleins auf den Hauptaltar blicken kann. Niemand steigt aus. Es mögen drei oder vier Minuten sein, die der Wagen dort steht und es ist, als hielten die Devotionalienhändler so lange den Atem an. Dann rollt der Hummer sacht wieder weg. Wer in einem Hummer mit abgedunkelten Scheiben durch Culiacán fährt, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Drogenhändler.

Wer als Fremder länger bei Malverde verweilt, als es für einen touristischen Kurzbesuch angemessen wäre, wird misstrauisch beäugt und angeschwiegen. Aber man muss dort gewesen sein, sagt Élmer Mendoza. Hier könne man wie unter einem Brennglas erleben, was man in Mexiko „narcocultura“ nennt: Die Kultur der Drogenmafias. Alte Männer mit Würde und junge, die ein bisschen zu großspurig sind; Frauen, die schön sind auf eine trashige Art; gepanzerte Limousinen und mexikanische Volksmusik, die Gewalt verherrlicht; und Kitsch, sehr viel Kitsch. All das seien Ingredienzien einer Alltagskultur, die im Drogenmilieu entstanden sei, sich aber weit darüber hinaus verbreitet habe.

Mendoza muss es wissen. Er ist Schriftsteller, der erste von heute vielen Vertretern der sogenannten „narcoliteratura“. Seine Romane spielen im Milieu der Kartelle und er beschreibt es so kenntnisreich und genau, dass man ihm nachsagt, er pflege sehr enge Kontakte.

Fast alle großen mexikanischen Drogenbosse der letzten fünfzig Jahre, nicht nur die des Sinaloa-Kartells, kommen aus dem Hinterland von Culiacán. Fast alle liegen sie heute auf dem Friedhof Humaya, einem privat betriebenen sündhaft teuren Totenacker in der trockenen Ebene im Südwesten der Stadt. Dort zeigen sie zum letzten Mal ihren Wohlstand. „Fahr’ nicht am Sonntag hinaus“, hatte Mendoza gewarnt. „Sonntags feiern sie dort ihre Feste und sie werden dabei nicht gerne von Fremden beobachtet.“ Die Mexikaner haben einen fröhlichen Totenkult und tatsächlich kann man auf diesem Friedhof Feste feiern. Die Mausoleen haben zum Teil die Größe einer veritablen Dorfkirche, besonders beliebt sind Kuppeldächer, Immitationen des vatikanischen Petersdoms. Und weil es so viele sind und sie so eng aufeinanderstehen, macht die Frontansicht des Narco-Gevierts fast einen russisch-orthodoxen Eindruck.

Erst wenn man näher kommt, erkennt man die architektonische Mischung. Da gibt es nicht nur Neobarock, sondern auch modernistische Tempel aus abgedunkeltem Glas, glänzendem Stahl und Sichtbeton, drei oder vier Stockwerke hoch, mit Tanzsalons, Rampe und Aufzug für Rollstuhlfahrer und Klimaanlage wegen der Hitze. Manche dieser Mausoleen sind ein wildes Gemisch aus Barock, Modernismus und ein bisschen Taj Mahal. Hier dürfen sich Architekten noch austoben.

Es ist schwer, das Grabmahl eines Mannes zu finden, der älter wurde als 45 Jahre. Frauen stellen keine fünf Prozent der Toten und starben meist sehr, sehr jung. Auf den von ihnen ausgestellten Fotos treten sie als Schönheitsköniginnen auf und viele waren das auch. Denn Schönheitsköniginnen, weiß Mendoza,  „sind unter Narcos begehrte Trophäen“. María Susana Flores, genannt Susy, die Freundin eines der effektivsten Killer des Sinaloa-Kartells, war so eine. Im Jahr 2012 war sie „Señorita Sinaloa“ und sollte Mexiko bei einem Schönheitswettbewerb in Thailand vertreten. Sie starb vor dem großen Auftritt. Bei einer wilden Verfolgungsjagd der Armee auf sie und ihre Freunde wurde ihr Wagen gestoppt. Sie stieg aus. Die Soldaten eröffneten das Feuer. Angeblich hielt sie eine Kalaschnikow AK-47 in Händen, die Lieblingswaffe der Narcos. Wegen seines gebogenen Magazins wird das Sturmgewehr im Volksmund „cuerno de chivo“, „Ziegenhorn“ genannt.

Die noch lebenden Drogenhändler von Culiacán wohnen im Stadtviertel San Miguel auf einem Hügel im Süden des Zentrums. Von hier aus kann man die gesamte Stadt überblicken, ganz oben wacht eine riesige Christus-Figur. „Geh’ früh am Morgen hin“, hat Mendoza empfohlen. „Narcos sind nachtaktive Wesen und stehen erst um die Mittagszeit auf.“ Und noch ein Sicherheitshinweis: „Bleib’ niemals stehen und lass’ um Gottes Willen die Kamera in der Tasche. Man könnte dich für einen Agenten der DEA halten“, einen Mann von der US-amerikanischen Drogenbehörde.

Es ist still am Morgen in San Miguel. Unten, am Fuß des Hügels, passiert man Gated Communities, die Wohnanlagen der normalen Reichen. Mauern verdecken die Sicht, wer hinein will, muss sich beim Pförtner melden, den Pass vorlegen und sagen, wen man zu besuchen wünscht. Der Pförtner ruft dann dort an.

Diejenigen, die ganz schnell ganz reich geworden sind, wohnen weiter oben, jeder für sich in seinem Anwesen. Von den hohen Mauern lugen Videokameras neugierig auf die Straße, die Garagentore lassen sich per Fernbedienung öffnen. Auf den Dächern Parabolantennen, dazu der eine oder andere Funkmast.

Die Größe der Anwesen lässt erahnen, dass sie alle über eine Wohnfläche im vierstelligen Quadratmeterbereich verfügen. Hin und wieder erkennt man eine Kuppel mit Kreuz, was auf eine Hauskapelle hindeutet. In diesen Kreisen empfängt man die Eucharistie nur unter seinesgleichen, von einem eigens geladenen Priester. Bei Hausdurchsuchungen hat man gesehen, dass in solchen Kapellen neben dem Kruzifix in der Regel eine Büste Malverdes steht. Architektonisch sind die Gebäude weltweiten Einflüssen ausgesetzt: Ein bisschen englische Ritterburg an einer Ecke, an der anderen nüchtern elegantes Bauhaus, an der dritten orientalisch anmutende hohe und schmale Spitzbögen. Verbunden wird alles durch den der spanischen Kolonialarchitektur nachempfundenen kalifornischen Landhausstil. Die Fenster in den über die Umfriedungsmauern hinausschauenden Stockwerken erinnern oft an Schießscharten. Mexikanische Baumeister nennen diesen Stil-Synkretismus „narcoarquitectura“.

Die Straßen sind breit und menschenleer. Nur hier und da wartet ein großer Geländewagen am Straßenrand. Die Sonne steht noch tief, ihr Licht fällt fast waagerecht auf den Hügel von San Miguel. So kann man trotz der abgedunkelten Scheiben schemenhaft erkennen, dass in jedem dieser Autos zwei Männer sitzen. Ob auf ihren Knien ein „cuerno de chivo“ liegt, das sieht man nicht, aber man denkt es sich. Und dort, wo in anderen Autos eine Plakette des Heiligen Christophorus angebracht ist, stellt man sich in diesen Wagen ein Schutzbildchen von Jesús Malverde vor.

Unten in der Ebene liegt das Regierungsgebäude des Gouverneurs von Sinaloa kaum 200 Meter vom Schrein des Jesús Malverde entfernt. Die schmucklose Burg aus Beton und Glas wurde in den achtziger Jahren dort errichtet, wo das kleine Heiligtum des Schutzpatrons aller Drogenhändler ursprünglich stand. Es war nicht mehr als ein Kapellchen und ein großes Kreuz. Ansonsten war dort der letzte große freie Platz in Culiacán. Der damalige Gourverneur ließ das Sanktuarium abreißen. Ältere Verehrer von Malverde schwören noch heute, dass die Baumaschinen, als sie das Kreuz fällen wollten, allesamt den Geist aufgegeben hätten. Unter dem Kreuz habe man später eine Truhe voller Goldstücke gefunden, von der niemand weiß, wo sie geblieben ist. Als eines Morgens dann alle eben eingesetzten Fensterscheiben zersprungen gewesen seien, habe der Gouverneur ein Einsehen gehabt. Er spendierte die neue Kapelle und ließ das, was man für die Gebeine Malverdes hält, in einer feierlichen Zeremonie umbetten.

FR, 24.12.2016