Eigener Mais und eigene Bohnen

In El Salvador fördert die Regierung den Anbau eigenen Saatguts. Sie hat damit die Lebensmittelproduktion so gesteigert, dass das Land so gut wie unabhängig von Importen geworden ist.

Von Cecibel Romero

Die junge Frau hat sich eingepackt, als sei es bitter kalt. Aber wir sind in den Tropen, es ist neun Uhr und die Sonne ist schnell gestiegen. Die Temperatur nähert sich dreißig Grad. Trotzdem hat Vivian Santos die Kaputze ihres Pullovers über den Kopf gezogen. Sie trägt Handschuhe und ein Tuch vor dem Mund. Sie schützt sich damit nicht nur vor der stechenden Sonne, sondern vor allem gegen die trockenen Maisblätter. Deren Ränder sind manchmal so scharf, dass man sich daran die Hände aufschneiden kann. Vivian arbeitet auf einem Feld der Kooperative La Maroma in Jiquilisco, nahe der pazifischen Küste des zentralamerikanischen El Salvador.

Es ist Erntezeit. Die 25-Jährige ist eine geschickte Arbeiterin. Behände reißt sie die Kolben vom trockenen Kraut und packt die weiße Frucht aus den Blättern. Es ist kein Mais für den Konsum. Die Körner sind zertifizierte Samen, die die Kooperative an das Landwirtschaftsministerium von El Salvador verkauft. Die Regierung reicht dieses Saatgut dann an Kleinbauern weiter. Es ist Teil eines Hilfsprogramms, das kleinen Produzenten helfen soll, über die bloße Subsistenzwirtschaft hinauszukommen. Vor wenigen Jahren noch kaufte der Staat bei wenigen Großimporteuren, die ihr Saatgut von internationalen Konzernen bezogen. Die Mitglieder der Kooperative La Maroma wussten damals noch nicht einmal, dass sie selbst in dieses Geschäft einsteigen könnten.

Weißer Mais, rote Bohnen und Reis sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel in El Salvador. Lange Jahre war das kleine Land nicht in der Lage, genügend davon zu produzieren. Noch 2010 wurden 26 Prozent der Bohnen, 87 Prozent des Reises und 43 Prozent des Maises importiert. Alle drei gehören nach der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zu der Gruppe von Grundnahrungsmitteln, deren Preis auf dem Weltmarkt den größten Schwankungen ausgesetzt ist. In den vergangenen Jahren hieß dies vor allem: Sie wurden teurer und teurer. In Zentralamerika stellt dies die Ernährungssicherheit in Frage und wirkt sich direkt auf die Unterernährung und Sterblichkeit von Kindern aus.

38,8 Prozent der salvadorianischen Haushalte auf dem Land leben in Armut. Die Familien haben meist nur ein kleines Stückchen Land, oft kaum ein Hektar. Zur schmalen Ernte kommt in der Regel ein bisschen Geld, das Familienangehörige überweisen, die sich illegal in die USA durchgeschlagen haben. Seit Ende der 1990er-Jahre bekommen solche armen Familien vom Landwirtschaftsministerium einmal im Jahr ein Paket mit Saatgut und Dünger.

„Dieses Programm hatte zunächst nicht das Ziel, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern und den Familien aus der Armut zu helfen“, kritisiert Wilfredo Rubio, ein Berater des Landwirtschaftsministeriums. „Es verfolgte eindeutig wahlpolitische Ziele.“ Die damalige rechtsnationale Regierungspartei Arena habe diese Saatgut- und Düngerpakete benutzt, um damit um Stimmen für die nächste Bürgermeister-, Parlaments- oder Präsidentschaftswahl zu werben. Tatsächlich ist die landwirtschaftliche Produktion in den Jahren der Arena-Regierungen (1989 bis 2009) stetig gesunken, sogar im Vergleich zu den Zeiten des Bürgerkriegs (1980 bis 1992), der hauptsächlich in ländlichen Gegenden gewütet hatte.

Seit 2009 regiert die Partei gewordene ehemalige linke Guerilla der FMLN. Teil ihres Programms ist die Förderung der Landwirtschaft; seit 2011 gibt es einen „Plan für die familiäre Landwirtschaft“, der Kleinbauern mit Saatgut und Ausbildung den Sprung aus der Subsistenzwirtschaft ermöglichen und die Lebensmittelproduktion des Landes steigern soll. In diesem Zusammenhang wurde die Verteilung von Saatgut und Düngern ausgeweitet. Nach einer Studie von Oxfam und der regierungsunabhängigen Salvadorianischen Stiftung für Wiederaufbau und Entwicklung (Redes) bekamen 2008, im letzten Regierungsjahr von Arena, 325.920 Familien das Hilfspaket. 2013 waren es 541.927. Über achtzig Prozent dieser Kleinbauern verfügt über weniger als zwei Hektar Land.

Nach dieser Studie kaufte der Staat 2008 das Saatgut für dieses Programm bei gerade einmal elf Firmen ein, darunter keine einzige Kooperative. Den Hauptteil von fast vierzig Prozent (das entspricht einem Einkaufspreis von rund zwölf Millionen US-Dollar) lieferte die Firma Cristiani Burkhard, ein Importeur, der den Saatgutmarkt in ganz Zentralamerika dominiert. Sie gehörte damals Alfredo Cristiani Burkhard, dem ehemaligen Präsidenten El Salvadors (1989 bis 1994, Arena); 2008 hat er die Firma an den US-Konzern Monsanto verkauft.

Das „Programm für die familiäre Landwirtschaft“ versucht nicht nur, die Lebensmittelproduktion zu steigern, um weniger von Importen abhängig zu sein. Es unterstützt auch Kooperativen, die selbst Saatgut produzieren wollen, mit Krediten und Beratung. Außer der Kooperative La Marmona sind das bislang sechs weitere, unter anderem die Kooperative Nancuchiname, die ihr Land ebenfalls in der Gegend von Jiquilisco hat.

Rigoberto Díaz ist der stellvertretender Vorsitzende dieser Kooperative. „Wir leben hier, seit das Land den Reichen genommen und den Landarbeitern gegeben wurde“, erzählt er. Das war 1980, als eine Regierungsjunta, die aus einem Staatsstreich im Oktober 1979 hervorgegangen war, eine Landreform durchführte, um den Einfluss der linken Guerilla zu schmälern. Großgrundbesitzer wurden gegen Entschädigung enteignet, Kooperativen bekamen Land.

Die damit beabsichtigte Steigerung Lebensmittelproduktion jedoch blieb aus, weil ebenfalls 1980 der offene Bürgerkrieg begann und zwölf Jahre anhielt. Danach setzte Präsident Cristiani und alle weiteren Arena-Präsidenten ganz auf ein neoliberales Wirtschaftsprogramm: Der Markt sollte alles regeln.

„Ich kann gerade mit Mühe unterschreiben“, sagt Rigoberto Díaz und lacht. Der 61-Jährige ist nie zur Schule gegangen und heute trotzdem zuständig für 200 Frauen und Männer, die täglich knapp sechzig Hektar mit Pflanzungen für Saatgut bearbeiten. Sie verdienen zehn US-Dollar am Tag, deutlich über dem üblichen gesetzlichen Mindestlohn von 6,67 Dollar für ein Tagewerk in der Landwirtschaft. Wer Mitglied der Kooperative ist, bekommt am Ende des Jahres noch einmal sechs Dollar pro Tag für bis zu 180 Arbeitstage. Ihre Familien erhalten zudem drei Mal im Jahr ein Lebenmittelpaket mit Mais, Bohnen, Zucker und Speißeöl. Früher baute die Kooperative lediglich Zuckerrohr an, mit einem Erntezyklus im Jahr. Inzwischen hat sie diversifiziert. Außer der Produktion von Saatgut für Mais betreibt sie auch noch Viehzucht. Möglich wurde das durch eine Schenkung der Regierung: Der Betrieb bekam 220.000 US-Dollar für den Kauf von Vieh und Landwirtschaftsgeräten.

Die Ernte der Maiskolben für Saatgut, die bei den Nachbarn der Kooperative La Mormona schon in Gang ist, lässt hier noch drei Monate auf sich warten. Die Pflanzen wachsen erst heran. Ein anderes Feld steht kurz vor der Blüte. Es ist kein Saatgut, sondern die private Pflanzung eines Mitglieds der Kooperative. „Wir werden die Blüten abreißen müssen, auch wenn das dem Besitzer nicht gefällt“, erklärt Díaz. Das Feld liegt näher als 300 Meter an den Pflanzungen für die Saatgutproduktion. Samenflug könnte die Qualität des Saatguts beeinträchtigen. Es sei nicht leicht gewesen, die Landarbeiter zu der Sorgfalt zu erziehen, die bei der Befruchtung der weiblichen Saatgutpflanzen nötig ist, sagt Díaz. Jede Woche kommen Ingenieure des Nationalen Zentrums für angewandte Technologie (Centa) vorbei und helfen, die Qualität der Saatkörner zu garantieren.

Dieses staatliche Beratungs- und Ausbildungszentrum sei unter den rechten Vorgängerregierungen fast bis zum Verschwinden vernachlässigt worden, sagt Wilfredo Rubio, der Berater des Landwirtschaftsministeriums. Inzwischen wurde das Personal aufgestockt, es gibt Forschungsabteilungen und Büros im Landesinneren, die für die Betreuung von Landwirten zuständig sind.

Das Programm hatte Erfolg: 2012 gab es bei Mais eine Rekordernte von über einer Million Tonnen. Danach aber kamen Jahre der Dürre, die Produktion ging leicht zurück. Trotzdem wurde das Ziel der Lebensmittelsicherheit so gut wie erreicht. „Bei Mais decken wir derzeit mit der nationalen Produktion rund neunzig Prozent der Nachfrage, bei Bohnen sind wir sogar bei über hundert Prozent“, sagt Rubio. Der nationale Bedarf liegt hier bei knapp 120.000 Tonnen, 2016 wurden gut 140.000 Tonnen geerntet.

Cesta hat alte Sorten wieder verbreitet, die ursprünglich in El Salvador angebaut worden und wegen importiereten Saatguts so gut wie verschwunden waren. Der Forschungsabteilung des Instituts ist bei Bohnen ist eine Neuzüchtung gelungen, die auch auf Meereshöhe angebaut werden kann. Die vorher gängigen Sorten brauchten eine minimale Höhe von 400 Metern. Die neuen Sorten wurden unter den Namen Centa Pipil und Centa San Andrés geschützt und haben den doppelten Ertrag im Vergleich zu den vorher angebauten Pflanzen.

Der Staat garantiert der Kooperative Nancuchiname eine jährliche Abnahme von 350.000 Kilo Saatgut. Um diese Menge zu produzieren, bekommt der Betrieb von der Staatsbank für Entwicklung einen Kredit über 350.000 Dollar. Zudem hat die Regierung zwei Dekrete verabschiedet, nach denen Kleinproduzenten und Kooperativen bei der Ausschreibung für den öffentlichen Einkauf von Saatgut bevorzugt werden sollen. 2013 hat der Staat nur noch eine Million Dollar für den Einkauf von importierten Saatgut ausgegen, 9,3 Millionen flossen an nationale Produzenten.

Die US-Regierung hat gegen dieses Vorgehen noch im selben Jahr protestiert. Die Bevorzugung nationaler Produzenten verstoße gegen den Freihandelsvertrag, den die USA mit Zentralamerika abgeschlossen hat, argumentierte Mari Carmen Aponte, die damalige US-Botschafterin in San Salvador. Zudem verstoße dieses Vorgehen gegen das Gesetz öffentlicher Käufe und Verträge, nach dem nationale und ausländische Firmen gleich behandelt werden müssen. Früher importierte El Salvador 75 Prozent des Saatguts für Mais aus den USA.

Der Protest hatte Erfolg. Inzwischen aber waren die nationalen Produzenten so weit, dass sie mit den internationalen Konzernen konkurrieren konnten. Trotz der zugelassenen Konkurrenz aus den USA kaufte das Landwirtschaftsministerium 2014 hundert Prozent des Saatguts bei nationalen Produzenten, ein Fünftel kam aus Kooperativen.

Die nationalen Saatguthersteller seien viel produktiver geworden und könnten sich deshalb der internationalen Konkurrenz stellen, weiß Evelyn Martínez von der Stiftung Redes, die an der Erstellung der gemeinsamen Studie mit Oxfam beteiligt war. Die Tatsache, dass diese Produzenten nun über ein regelmäßiges Einkommen verfügen, habe die lokale Wirtschaft im ländlichen Bereich gestärkt und soziale Probleme wie das der massiven Auswanderung gelindert. „Zudem hat der Anbau von Saatgut für Mais viele Arbeitsplätze für Frauen geschaffen“, sagt Martínez.

Vivian Santos hat sich einen Sack um die Hüfte gebunden, in den sie die von den Blättern befreiten Maiskolben wirft. Schnell kommt sie voran. Es wirkt fast so, als wäre sie im Wettstreit mit anderen. Zwischen 6 Uhr am Morgen und halb 11 will sie vier solcher Säcke füllen, dann wird die Hitze unerträglich. Und weil Samstag ist, wird dann auch Feierabend sein. Im Hof der Kooperative klauben andere Frauen beschädigte Maiskolben aus der Ernte, die nicht der gewünschten Qualität entsprechen. In einem nächsten Schritt soll in Silos investiert werden, um die Produktion noch einmal steigern zu können. Dann wäre man bereit, Saatgut auch in andere Länder Zentralamerikas zu exportieren.

weltsichten 03/2017