Die Schmuggler von Maicao

Die kolumbianische Stadt lebt von der Grenze mit Venezuela. Heute wird dort hauptsächlich Ware verkauft, die im Nachbarland unterschlagen wurde. Die Käufer: Venezuelaner.

Von Toni Keppeler (Text) und Luis Angel (Fotos)

La Guajira ist der wilde Nordwesten Kolumbiens. Die Provinz, die als Halbinsel in die Karibik ragt, ist von der Natur nicht gesegnet. Es ist schwülheiß, kaum ein Hügel steht dem ständigen wehenden salzhaltigen Wind vom Meer im Weg. Die Landschaft: irgendwo zwischen trockener Steppe und Halbwüste. Das wenige Grün reicht gerade für ein paar magere Rinder. La Guarija lebt von der Grenze mit Venezuela. Zu Geld kommt man hier nur durch Handel; genauer: durch illegalen Handel. Die Städte nahe der Grenze sind Hochburgen des Schmuggels. Maicao etwa liegt mit dem Auto nur eine gute Stunde von Maracaibo entfernt, der venzuelanischen Millionenstadt, Zentrum der dortigen Erdölindustrie.

Wer in Maicao eine ordentliche Tankstelle betreibt, ist selbst schuld. Benzin kauft man hier auf der Straße. Es sind keine 15 Kilometer zur Grenze, der Treibstoff kommt von der anderen Seite. Dort ist Benzin trotz der schweren Wirtschaftskrise noch immer hoch subventioniert. Eine Gallone – knapp vier Liter – kostet nur ein paar wenige Cent. In Maicao wird ein Kanister mit fünf Gallonen Normalbenzin – man nennt diese Behälter hier Pimpina, ihre Verkäufer Pimpineros – zu 12.000 Pesos (rund 3,40 Euro) gehandelt. Eine Pimpina Super kostet 14.000 Pesos (knapp 4 Euro). Das sind etwa 30 Prozent dessen, was an einer offiziellen Tankstelle verlangt wird.

„Wenn es gut läuft, mache ich an einem Tag 30.000 Pesos“, 8,40 Euro, sagt Ana, die ihren Nachnamen verschweigt. Die 32-Jährige ist klein und kompakt und trägt eine bunte Schürze über T-Shirt und fleckigen Jeans. Mit ihrer Arbeit ernährt sie sich und ihre vier Kinder. Sie steht von sechs Uhr in der Frühe bis sieben Uhr am Abend an der Straße, neben ihr ein paar Kanister, in der Hand einen Schlauch. Den Schlauch nimmt sie in den Mund, saugt das Benzin an und lässt es dann durch einen Filter in den Tank der Autos ihrer Kunden laufen. „Der Filter ist wichtig“, sagt sie. „Die Kunden werden sauer, wenn Dreck in den Tank kommt.“

Ihre Ware kauft Ana bei einem Zwischenhändler. „Ich weiß, dass es aus Venezuela kommt und dass es illegal ist“, sagt sie. „Aber ich weiß nicht, wie es herkommt.“ Kein Zwischenhändler ist zu einem Gespräch bereit. Wer zuviel fragt, dem schlägt schnell Aggression entgegen. Nach einer Schätzung des kolumbianischen Wirtschaftsministeriums werden im ganzen Land jedes Jahr mehrere Millionen Gallonen geschmuggeltes Benzin verkauft. Das meiste davon wurde vorher in Venezuela gestohlen.

Maicao ist mit diesem Geschäft groß geworden. Die Stadt wurde erst 1927 gegründet, heute hat sie rund 100.000 Einwohner. Die Straßen sind breit, der nackte Beton der klobigen mehrstockigen Gebäude im Zentrum hat vom tropisch feuchten Klima große schwarze Flecken bekommen. Die Bürgersteige reichen nicht mehr aus für die informellen Marktstände, die hier aufgebaut sind. Auf den Straßen staut sich hupend der Verkehr. In Maicao wird längst nicht mehr nur mit Benzin gehandelt.

Seit die Wirtschafts- und Versorgungskrise in Venezuela tiefer und tiefer geworden ist, kommen täglich Tausende über die Grenze. Manche, um sich selbst und die Familie mit dem Nötigsten einzudecken. Viele aber kaufen, so viel sie bekommen können, um es auf der anderen Seite mit ordentlichem Preisaufschlag auf den Schwarzmarkt zu werfen. Es gibt so gut wie alles in Maicao: Maismehl für Arepas, das Grundnahrungsmittel Venezuelas schlechthin; Milchpulver, Lebensmittel in Dosen, Ketchup und andere Soßen, Klamotten, Wasch- und Hygieneartikel. Fast alles trägt als Herkunftsbezeichnung „Hecho en Venezuela“ – „Hergestellt in Venezuela“; und das, obwohl dort angeblich so gut wie nichts mehr produziert wird.

Die Ware, die in Maicao angeboten wird, wurde vorher in Venezuela in staatlichen Lagern unterschlagen und dann über einen der rund dreißig illegalen Grenzübergänge der Provinz nach Kolumbien gebracht. Dort wird sie verkauft und wieder zurückgebracht. Die Schleife über Kolumbien mag sinnlos erscheinen. Aber die Waren werden auf dem Hin- und Rückweg um fünfzig oder gar hundert Mal teurer – ein rundes Geschäft für Mafias, ein bisschen fällt auch für die Verkäufer ab.

Für Schmuggelware werden in Kolumbien keine venezuelanischen Bolivares akzeptiert, nur kolumbianische Pesos. Die Einkäufer von jenseits der Grenze müssen zuerst zu einem der illegalen Geldwechsler. Viele von ihnen sitzen versteckt in Nischen zwischen den Häusern, vor sich einen Tisch mit hohen Stapeln aus Geldscheinen, daneben ein Taschenrechner. Allein im Zentrum von Maicao gibt es ein paar Dutzend Wechsler. In der gut 200 Kilometer weiter im Süden gelegenen zehn Mal so großen Grenzstadt Cucuta sollen es sogar über 3.000 sein. An ihren Tischen verfällt der Preis des Bolívar beinahe jede Stunde. Der Kurs, der hier geboten wird, bestimmt den Schwarzmarktpreis in Venezuela und hat die dortige Inflation bis an die Tausend-Prozent-Marke getrieben.

Für Venezuelas Präsident Nicolás Maduro ist dies Teil eines Wirtschaftskriegs gegen seine Regierung. Ob tatsächlich politisch motivierte Sabotage hinter dem illegalen Handel steckt, lässt sich in Maicao nicht belegen. Ganz sicher aber ist skrupellose Raffgier im Spiel.

Die ersten Venezuelaner kommen lange vor dem Morgengrauen am Simón-Bolívar-Platz an, meist auf Lastwagen mit Gattern auf der Ladefläche, die für den Viehtransport gedacht sind. Die illegalen Grenzübergange werden von bewaffneten Banden kontrolliert, die Wegegeld verlangen. Auch die Grenzer am offiziellen Übergang wollen bezahlt werden, wenn sie die mitgeführten Waren übersehen sollen.

Knapp hundert der Venezuelaner, die täglich in Maicao ankommen, wollen bleiben und in Kolumbien Arbeit suchen. Nach Schätzungen der Einwanderungsbehörde in Bogotá haben sich in den vergangenen beiden Jahren 470.000 Menschen aus dem Nachbarland in Kolumbien niedergelassen. Nur 67.000 von ihnen haben ein Arbeitsvisum. Alle anderen suchen nach einer informellen Arbeit. „Sie drücken die Löhne“, beschwert sich Alvira, die ihren Job in einer Bäckerei verloren hat und nun ihre drei Kinder als Pimpinera über die Runden bringt. „Der staatlich festgesetze Mindestlohn liegt bei etwas über 800.000 Pesos im Monat“, sagt sie. „Die Leute aus Venezuela arbeiten auch für 300.000.“

Trotzdem sind die meisten von ihnen arbeitslos und hängen im Stadtpark herum, manche schon seit Monaten. Sie betteln, abends bringen bisweilen mitleidige Anwohner ein bisschen Essen vorbei. Als eine Nachbarschaftsinitiative eine Suppenküche für die gestrandeten Venezuelaner einrichten wollte, wurde sie von der Polizei vertrieben. Zwar werden die illegalen Einwanderer nicht abgeschoben. Die Behörden wollen aber auch nicht, dass sie durchgefüttert werden und bleiben. Sie sollen irgendwann so hoffnungslos sein, dass sie von alleine verschwinden.

Alejandra wird vorerst bleiben, sie hat es geschafft. Die hochgeschossene und von der Sonne dunkel gebrannte 23-Jährige aus Maracaibo steht zusammen mit anderen Pimpineros an der Straße und verkauft geschmuggeltes Benzin. Von ihrem Gewinn leben ihre Mutter und ihre beiden jüngeren Geschwister, drüber, auf der anderen Seite der Grenze. „Das ist alles andere als ein Paradies hier“, sagt sie. „Das Essen ist teuer und die Miete; in Venezuela bezahlen wir nichts fürs Wohnen.“ Aber drüben sei es eben seit zwei Jahren noch härter. „Meine Landsleute sind blöd“, lästert sie. „Sie kaufen hier teuer Waren aus Venezuela ein, verkaufen sie dort noch viel teurer und beschweren sich dann über die Preise.“ Sie wenigstens verkaufe das geschmuggelte Benzin an Kolumbianer.

Ihr einziges Problem ist die Polizei. „Natürlich muss die ab und zu etwas tun“, sagt Alejandra. „Was ich hier mache, ist verboten.“ Gelegentlich gebe es eine Razzia. Sie klemme dann zwei Kanister unter die Arme und renne. Wenn sie ein paar Pimpinas zurücklassen muss, ist der Tagesgewinn verloren. „Abends aber, wenn es dunkel ist, kommen die selben Polizisten und kaufen ihr Benzin bei mir.“

woz, 5.1.2018