Und es geht doch

Was die Linke Lateinamerikas aus dem Wahlsieg von Andrés Manuel López Obrador in Mexiko lernen kann. Ein Kommentar.

Von Toni Keppeler

Der Wahlsieg zweier schwer rechtslastiger Unternehmer in Argentinien und Chile und ein kalter Staatsstreich in Brasilien genügten, und schon wurde die Zeit der Linken in Lateinamerika für beendet erklärt. Quatsch. Dass dies so nicht ist, deutete sich bereits bei der Stichwahl um die Präsidentschaft Anfang Juni in Kolumbien an, wo der ehemalige Guerillero Gustavo Petro zwar nicht gewonnen hat, aber mit 42 Prozent der Stimmen das weitaus beste Ergebnis eines bekennenden Linken in der Geschichte dieses Landes erreicht hat. Diese 42 Prozent hätten am vergangenen Sonntag Andrés Manuel López Obrador genügt, um Präsident von Mexiko zu werden. Es wurden 53 Prozent. Im nach Brasilien bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas wird seit Lázaro Cárdenas (1934 bis 1940) zum ersten Mal wieder ein Linker die Staatsgeschäfte führen.

López Obrador hat gezeigt, wie es gehen kann. Der Mann ist seit vierzig Jahren in der Politik und wohnt noch immer in einer bescheidenen Wohnung in einem Mittelklasseviertel von Mexiko-Stadt. In seinem Kleiderschrank hängen nur wenige, meist schon etwas abgetragene Anzüge. Er hat sich von zwei früher einmal linken Parteien getrennt, nachdem in diesen – wie in allen anderen Parteien – das Handaufhalten wesentliches Instrument von Politik geworden war. Der Mann ist glaubwürdig nicht korrupt. Genau das trennt ihn vom Sündenfall anderer mächtiger lateinamerikanischer Linker: Sie wurden nicht abgewählt wegen den Inhalten ihrer Politik, sondern weil auch sie im Korruptionssumpf steckten. Von Rechten erwartet man nichts anderes, Linken aber verzeiht man das nicht.

Was also kann die Linke Lateinamerikas von Mexiko lernen? Sie muss sich öffentlich und glaubwürdig zu ihrem Sündenfall bekennen. Und sie muss erklären, wie sie einen zweiten in Zukunft verhindern will. Als erste trifft das die Arbeiterpartei in Brasilien, wenn sie denn die Präsidentschaft bei der Wahl im Oktober zurückerobern will. Linke Politik ist für die Mehrheit des Stimmvolks überall in Lateinamerika weiterhin interessant. Was abstößt, ist der Schmutz, mit dem sie gemacht werden soll. Sei das nun Korruption wie in Argentinien und Brasilien oder immer brutalerer Autoritarismus wie in Nicaragua und Venezuela. Leider aber deutet sich noch nirgendwo die Bereitschaft zu einem Schuldbekenntnis an.

woz, 5.7.2018