Warum ziehen wir so schnell den Colt?

In San Salvador sind Gewalt und Kriminalität allgegenwärtig. Wie es dazu kam, ist eine lange Geschichte. Und wie es sich damit lebt? Schlecht.

Von Cecibel Romero

Wir sind ständig in Alarmbereitschaft, werden beobachtet, 24 Stunden am Tag. Wenn ich am Morgen das Haus verlasse, öffne ich zuerst das Tor meiner Garage. Fünfzig Meter weiter öffnet mir der Wächter das Tor meiner Straße. Es ist eigentlich ein öffentlicher Weg mit kleinen Reihenhäuschen. Die Nachbarn haben irgendwann beschlossen, die Straße mit einem großen Tor abzusperren. Mehrheitlich, gegen meinen Willen. Alle Nachbarschaften in San Salvador machen das. Aus durchschnittlichen Wohngebieten der Mittelschicht werden gated communities.

Allein auf den ersten hundert Metern komme ich an vier oder fünf Wächtern vorbei, bewaffnet mit Macheten, Revolvern, Flinten. An roten Ampeln drehe ich die Scheiben hoch und drücke die Sicherungsknöpfe nach unten. Jeder in El Salvador kennt jemand, dem an einer roten Ampel mit Waffengewalt der Wagen gestohlen wurde. Busfahren kommt für alle, die sich ein Auto leisten können, nicht in Frage. Man steht zu Stoßzeiten auf Körperkontakt und selbst dermaßen überfüllte Busse werden bisweilen am hellen Tag überfallen. Vorne und hinten steigen Pistoleros ein und sammeln Geldbörsen, Uhren und Mobiltelefone ein. Zieht einer der Überfallenen selbst eine Waffe, kommt es zu einer Schießerei mit mehreren Toten.

Keinen einzigen Polizisten sehe ich auf dem halbstündigen Weg zur Zentralamerikanischen Universität. Auch der Eingang zum Campus ist streng bewacht: Zwei Uniformierte eines privaten Sicherheitsdienstes, am Gürtel einen Schlagstock und einen Revolver. Unwirsch verlangen sie einen Studenten- oder Dozentenausweis. Wer an ihnen vorbei will, ist von vorne herein verdächtig. Ich habe an dieser Universität studiert, die ersten Semester noch zu Zeiten des Bürgerkriegs. Auch damals standen am Eingang Wächter. Sie waren nicht bewaffnet, sie wollten keinen Ausweis sehen, sie waren freundlich.

Seit 1992 wird in El Salvador immer am 16. Januar das Ende des zwölfjährigen Bürgerkriegs und der Beginn des Friedens gefeiert. Regierung und Guerilla unterzeichneten damals an diesem Tag einen Friedensvertrag. Die repressiven paramilitärischen Polzeikräfte wurden aufgelöst, die Armee drastisch verkleinert. Die Guerilla übergab ihre Waffen an die Vereinten Nationen, wurde zur Partei und regiert seit vier Jahren das Land. Schusswaffen aber sind heute mehr im Umlauf als zu Zeiten des Kriegs. Nach Regierungsangaben besitzen sieben Prozent aller Salvadorianer eine. Rund die Hälfte davon nicht registriert, also illegal. Neunzig Prozent der knapp 2.000 Morde im Jahr werden mit diesen Waffen verübt. Warum glauben wir nur, ständig den Colt ziehen zu müssen?

El Salvador ist ein kleines Land, halb so groß wie die Schweiz. Und es ist überbevölkert: 278 Einwohner pro Qudratkilometer. In der Hauptstadt San Salvador steigt diese Zahl auf 1768, in manchen Armenvierteln auf bis zu 20.000. Gegen das, was die Menschen in solchen Slums an Gewalt erleben, sind meine Erfahrungen harmlos.

Wir leben beengt und kämpfen um jeden Quadratmeter Raum. Das macht aggressiv. Und Aggressionen löst man am leichtesten mit Gewalt. Das haben wir in einer langen Geschichte von Militärdiktaturen, Repression und unendlich vielen Massakern gelernt. Wer im Bürgerkrieg aufgewachsen ist, hat die ersten Leichen ohne Köpfe nicht als Jugendlicher in einem Horrorfilm gesehen, sondern morgens auf dem Weg zum Kindergarten oder zur Grundschule. Wir sind an Gewalt gewöhnt. Selbst die Natur ist gewalttätig in El Salvador. Sie entlädt ihre Spannungen regelmäßig in verheerenden Erdbeben.

Die Natur ist auch schön: Kein anderes Land auf der Welt hat eine solche Dichte von aktiven Vulkanen. Wir haben Bergland mit endlosen Kaffee-Plantagen und einen langen pazifische Küste mit von der Asche schwarzem Strand. Es gibt sogar noch ein Stück Nebelwald. Und alles liegt so nahe beieinander, dass man es an einem Tag besuchen kann: Den Strand, die Kaffeeplantagen, die Vulkane. Wer den Santa-Ana-Vulkan, den höchsten von ihnen, besteigen will, dem rät man, sich von zwei oder drei bewaffneten Beamten der Tourismus-Polizei begleiten zu lassen.

Am Wochenende gehe ich gerne mit dem Mountainbike ins Gelände. Nie allein, immer in großen Gruppen und meist fahren ein paar Polizisten mit. Sicher: rein statistisch gesehen ist die Stadt gefährlicher als das Land. Aber auch dort gibt es Wegelagerer. Ich habe das selbst schon erlebt.

Natürlich gibt es Erklärungen für die allgegenwärtige Gewalt: Etwa zeitgleich mit dem Ende des Bürgerkriegs kamen die Drogenmafias nach El Salvador. Vorher flog das Kokain über uns hinweg. Doch das Netz der US-Radare und Seeüberwachung wurden engmaschiger, die Kuriere der Kartelle wurden auf den Landweg durch Zentralamerika gezwungen. Und mit dem Ende des Kriegs begannen die USA, dort straffällig gewordene salvadorianische Jugendliche, die vorher als Flüchtlinge geduldet worden waren, in ihre Heimat abzuschieben. Es waren die Mitglieder von Banden, die Drogen verkauften und sich mit den Gangs der Afroamerikaner blutige Gebietskämpfe lieferten. In El Salvador trafen sie auf ähnlich hoffnungslose junge Leute: im Krieg vom Land in die Stadt geflohen, entwurzelt, ohne Schulbildung und ohne Chance auf einen Job. Aus der Kombination der beiden Gruppen entstanden die Maras: Jugendbanden, die zunächst eher kleinkriminell waren. Weil aber der Staat nur mit Repression reagierte und ein Sondergesetz nach dem anderen schuf, wurden sie schnell professionell und überzogen das Land mit Morden und Schutzgelderpressung.

Man schätzt die Zahl der Mara-Mitglieder auf rund 60.000. Zählt man noch noch ihre Familien dazu, kommt man auf mindestens 500.000 Menschen, die von kriminellen Geschäften leben. Eine halbe Million von insgesamt nur knapp sechs Millionen Einwohnern! Zu den schlimmsten Zeiten - sie sind noch keine zwei Jahre her - lag die Mordrate bei 67 pro Jahr für jede 100.000 Einwohner. In Deutschland liegt diese Rate bei 0,9.

Im März vergangenen Jahres hat die Regierung über Mittelsmänner einen Waffenstillstand unter den Maras ausgehandelt. Im Gegenzug bekamen die inhaftierten Bandenchefs Hafterleichterungen. Seither ist die Mordrate von 67 auf 30 gefunden. Das ist zwar noch immer eine erschreckende Zahl, aber doch auch ein schöner Erfolg. Allein die Bevölkerung ist nicht sehr entzückt, denn die Schutzgelderpressungen gehen weiter. In manchen Gegenden von San Salvador gibt es keinen Tante-Emma-Laden, keinen Handwerksbetrieb, keinen Kindergarten und keine Schule, die nicht jeden Monat das bezahlen, was die Maras „Steuern“ nennen.

Präsident Mauricio Funes hat sogar Verständnis dafür: „Delikte wie Erpressung, Raub und Diebstahl gehören zur Lebensart von Zehntausenden von Jugendlichen“, sagte er kürzlich bei einer Konferenz über Sicherheit in Lateinamerika. „Sie tragen dazu bei, den Lebenunterhalt zu verdienen und die Familien zu ernähren.“ Neuerdings wurde Geld locker gemacht für Arbeitsbeschaffungsprogramme für das, was regierungsamtlich heute euphemistisch „Jugendliche in Risikosituationen“ genannt wird.

Das Risiko, das eine kriminelle Existenz gemeinhin mit sich bringt, ist in El Salvador sehr gering, die Unkultur der Straffreiheit hat eine lange Tradition. Die Kriegsverbrecher von gestern sind durch ein Amnestiegesetz geschützt. Manche - wie Roberto D’Aubuisson, der Gründer der rechten Todesschwadronen und der langjährigen Regierungspartei Arena - werden noch heute von vielen Anhängern als Helden verehrt. Die Verbrecher von heute haben es mit einer Polizei zu tun, die nicht ermittelt, und mit Richtern, die sich Freisprüche gerne abkaufen lassen. Nur zwei Prozent aller Gewalttaten führen zu einer Verurteilung.

Im Schatten dieser allgemeinen Straffreiheit floriert die private Sicherheitsindustrie - auch wenn die von ihr versprochene Sicherheit angesichts der Statistiken nur vorgetäuscht ist. Auch in mein Haus wurde trotz Tor und Wachmann schon eingebrochen. 4,7 Prozent des Bruttinlandprodukts werden für private Sicherheit ausgegeben - mehr als doppelt soviel wie für das öffentliche Gesundheitswesen. Je größer die Hysterie im Land, desto besser läuft dieses Geschäft. Es gibt 274 registrierte Schutz- und Sicherheitsfirmen, viele gehören ehemaligen Militärs. Sie verkaufen angeblich Sicherheit und haben rein wirtschaftlich das Interesse, dass es unsicher bleibt in El Salvador. 28.000 Männer haben sie unter Waffen, die Polizei zählt nur knapp 23.000 - inklusive des reinen Verwaltungspersonals. Und ganz nebenbei: Der Besitzer der größten dieser Firmen war einer der wesentlichen Wahlkampfsponsoren des heutigen Präsidenten.

le monde diplomatique, 11.7.2013