Alle hängen am Kokain

Wie die Droge in Kolumbien das Leben von Kleinbauern, linken und rechten Rebellen, Industriellen und Politikern bestimmt.

Von Toni Keppeler

Luz María Ceromeca weiß, dass andere viel, viel mehr als sie selbst mit dem verdienen, was sie anbaut. Die 65-jährige Frau vom Indígena-Volk der Inga lebt auf einer Insel im Río Caquetá in der Provinz Putumayo im Süden von Kolumbien. Sie ist klein und rund und trägt die Tracht ihres Volks: Ein schlichtes schwarzes Kleid, einen breiten bunt gewobenen Gürtel und viele bunte Halsketten. Das Wetter und die Sorgen habe tiefe Falten in ihr Gesicht gegraben, das grauschwarze Haar trägt sie zu einem Knoten gebunden. Vom Ufer aus kann man nicht sehen, dass die Insel bewohnt ist. Ihr aus Holz gebautes Haus, das wegen regelmäßiger Überschwemmungen auf hohen Pfosten steht, ist genauso hinter Bäumen und Gestrüpp versteckt wie ihre Pflanzungen. Sie baut Kochbananen an, Maniok und Kakao. „Alles nicht rentabel“, sagt sie. Das einzige, was ein bisschen Geld bringt, ist Koka: Fast mannshoche Büsche, deren kleine hellgrüne Blätter in der Sonne glitzern. Ein Hektar der in Kolumbien und fast überall auf der Welt verbotenen Pflanzen besitzt sie. Die Blätter enthalten rund ein Prozent des Alkaloids Kokain.

„Für eine durchschnittliche Ernte bezahlt mir der Händler 3,3 Millionen Pesos“, rechnet sie vor. 2,3 Millionen müsse sie investieren, in Dünger, Pflanzenschutzmittel und die Erntearbeiter. Bleibt eine Million Gewinn. Vier Mal im Jahr wird geerntet. Macht vier Millionen kolumbianische Pesos. Umgerechnet sind das 1160 Euro, nicht einmal hundert Euro im Monat. „Wenn die Bananen reif sind, muss ich ein Boot mieten, um sie zum nächsten Markt zu bringen,“ erzählt sie. „Dort gibt es dann viele Bananen und die Preise sind so schlecht, dass ich oft nicht einmal das bekomme, was ich für den Transport bezahlt habe.“ Der Kokahändler kommt – nach Einbruch der Dunkelheit – auf ihre Insel, holt die Ware ab und bezahlt bar.

Der Händler verkauft die Ernte weiter an ein Drogenlabor. Wenn dort das Alkaloid in einem chemischen Prozess aus den Blättern gelöst und zu einem schneeweißen Pulver geworden ist, hat das Kilogramm einen Marktwert von rund 2.000 US-Dollar. Nach dem Transport an die kolumbianische Grenze werden schon bis zu 7.000 Dollar dafür bezahlt, in Mexiko über 10.000. Großhändler in den USA investieren für ein Kilo reine Ware rund 30.000 Dollar. Das Pulver wird dann gestreckt – aus einem Kilo werden drei – und grammweise in kleine Papiertütchen verpackt. Straßenhändler können mit 3.000 solcher Päckchen locker 100.000 Dollar erlösen. Die Jahresernte von Luz María Ceromeca reicht für rund sechs Kilo reines Kokain.

Kolumbien ist der weltweit größte Kokaproduzent. Die Pflanze ist hier nicht heimisch. Sie kommt aus Bolivien und Peru, wo sie seit Jahrtausenden am Fuß der Anden in rund 1500 Metern höhe kultiviert wird. Auf staatlich registrierten Flächen ist das legal. Die dort lebenden Quechua und Aymara wissen schon lange um die stimulierende Wirkung des Kokain. Nur lösen sie das Alkaloid nicht heraus, sondern kauen die ganzen Blätter. Anders gesagt: Natürliches Kokain im Milligramm-Bereich. Das macht wach, konzentriert und leistungsbereit. Das Blut nimmt in der dünnen Luft der Hochlagen der Anden leichter Sauerstoff auf. Und das Koka-Kauen lässt Hunger und Kälte vergessen. In Kolumbien ist dieser uralte Brauch nicht üblich. Die Kokasträucher kamen erst ins Land, seit reines Kokain daraus gewonnen wird. Sie wachsen versteckt im Dschungel. Allein im vergangenen Jahr, heißt es im jüngsten Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, sei die Anbaufläche um 52 Prozent auf fast 150.000 Hektar gewachsen. Mit der Ernte lassen sich fast 900 Tonnen Kokain produzieren.

Kokain ist das bei weitem wichtigste Exportprodukt des Landes. Es taucht zwar, weil es illegal ist, in keiner Wirtschaftsstatistik auf. Und doch hängt die Wirtschaft an diesem Pulver. In den 1980er- und in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre, schätzten damals Experten der Weltbank und der Uno-Drogenbehörde, kamen über die Hälfte der kolumbianischen Exporterlöse vom Kokain. Heute rechnet man nur noch mit 20 bis 30 Prozent. Das liegt nicht daran, dass die Ausfuhrmenge gesunken wäre – im Gegenteil. Und auch nicht daran, dass die Erlöse der sonstigen Exporte exorbitant gestiegen wären.

In den 80er- und zu Beginn der 90er-Jahre beherrschten die beiden Kartelle aus den kolumbianischen Großstädten Medellin und Cali den Weltmarkt für Kokain. Sie kontrollierten die gesamte Verwertungskette, von den Laboren im Dschungel bis hin zum Straßenverkauf in den USA und Europa. Dann ist es der kolumbianischen Armee gelungen, die beiden Kartelle zu zerschlagen. Die daraus hervorgegangenen Dutzende von Kleinkartellen verfügen nicht über die notwendige Logistik für den weltweiten illegalen Handel. Die mexikanischen Großkartelle übernahmen das Geschäft. Sie machen heute – obwohl Mexiko für den Koka-Anbau aus klimatischen Gründen nicht geeignet ist – den größten Teil des Reibachs.

Natürlich verstecken Drogenbarone ihre exorbitanten Gewinne gerne in undurchsichtigen Finanzparadiesen, aber eben nicht nur. Ein guter Teil davon wird auch zu Hause investiert, in der legalen Wirtschaft. Das hat den Vorteil, dass vorher illegales Geld ganz legale Gewinne abwirft. Kolumbien hat seit den 1980er-Jahren eine der höchsten und stabilsten Wirtschaftswachstumsraten Lateinamerikas – trotz eines blutigen Bürgerkriegs. Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1980 verachtfacht. Vor allem der Bausektor erlebt einen lange anhaltenden Boom.

Es ist bekannt, dass Drogenbarone ihr Geld gerne in soliden Immobilienwerten investieren. Pablo Escobar, der 1993 erschossene legendäre Chef des Medellin-Kartells, hat sich nicht nur selbst eine Reihe von repräsentativen Anwesen bauen lassen und selbst das Luxusgefängnis finanziert, in dem er eine Zeitlang in Haft saß. In Medellin hat er sich sogar im sozialen Wohnungsbau engagiert und wird dafür bis heute von Teilen der Bevölkerung als Volksheld verehrt. Spätestens seit er sich 1982 als Abgeordneter ins kolumbianische Parlament wählen ließ, sind die Verbindungen zwischen Drogenkartellen und Politik bekannt – auch wenn er sein Amt bereits nach wenigen Wochen niederlegte und Politiker lieber bestochen hat, als selbst Politik zu machen.

Seit der Zerschlagung der beiden Großkartelle ist die Lage etwas unübersichtlicher geworden. Viele Pistoleros der Drogenbarone schlossen sich den ultrarechten Paramilitärs an, und die widmen sich neben dem Kampf gegen vermeintliche oder tatsächliche linke Guerilleros, der Vertreibung von Bauern im Auftrag von Großgrundbesitzern oder dem Mord an Gewerkschaftern im Auftrag von Konzernen auch dem Drogenhandel im großen Stil. Sie werden von der Politik gedeckt. Carlos Castaño, der 2004 ermordete Gründer des Dachverbands der inzwischen unter anderen Namen operierenden „Vereinigten Selstverteidungungstruppen Kolumbiens“, hat einmal gesagt, jeder dritte Abgeordnete des Parlaments stehe in seinen Diensten. Wahrscheinlich hat er damit – wenn überhaupt – nur wenig übertrieben. In den vergangenen Jahren wurden über hundert Parlamentsabgeordnete, Gouverneure und Bürgermeister verurteilt, weil sie mit diesen Paramilitärs zusammengearbeitet haben und von ihnen bezahlt wurden. Die allermeisten kamen aus dem direkten Umfeld von Álvaro Uribe, der von 2002 bis 2010 Präsident Kolumbiens war und heute Führer der rechten Opposition ist. Auch die linke Guerilla der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) hat sich vor dem Friedensvertrag mit der Regierung Ende vergangenen Jahres wesentlich über die Besteuerung von Koka-Bauern und Drogenlaboren in dem von ihr kontrollierten Gebiet finanziert.

Genauso sind Verbindungen zwischen diesen mit Drogen handelnden Paramilitärs und der Industrie belegt. Salvatore Mancuso, erst Stellvertreter und dann Nachfolger von Castaño, nannte 2007 vor einem kolumbianischen Sondergericht eine ganze Reihe von Namen. Unter anderen sei seine Truppe vom us-amerikanischen Früchtekonzern Chiquita Brands und von Cicolac finanziert worden, damals eine hundertprozentige Tochter des schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé. Chiquita Brands hat die Zahlungen eingestanden. Ein Verfahren in den USA – dort gelten die Paramilitärs als Terrororganisation – wurde gegen eine Geldbuße von 25 Millionen Dollar eingestellt. Nestlé streitet Verbindungen zu den Paramilitärs ab. Gerichtsverfahren lieferten zwar Beweise, verliefen aber im Sand. Mancuso wurde, bevor er mehr plaudern konnte, 2008 in die USA abgeschoben und sitzt dort eine langjährige Haftstrafe wegen Drogenhandels ab. Er soll Dutzende von Tonnen Kokain in die Vereinigten Staaten geschickt haben. Zuletzt hat Mancuso 2012 in einem Radiointerview mit einem kolumbianischen Sender über seine guten Beziehungen zu Ex-Präsident Uribe gesprochen.

Luz María Ceromeca auf ihrer Insel im Río Caquetá hat nur einmal versucht, vom Koka-Anbau wegzukommen. Das war vor fünfzehn Jahren. Sie meldete sich bei einem Programm der Regierung an, das ihr Arbeit versprach, wenn sie im Gegenzug ihre Pflanzung vernichtete. Sie riss die Kokasträucher samt den Wurzeln aus und wurde vom Staat als Wildhüterin angestellt. Nach zwei Jahren gab es kein Geld mehr für dieses Programm. „Was blieb mir da anderes übrig, als wieder diese verbotenen Sträucher zu pflanzen?“

FR, 16.8.2017