Der Krieg hat gerade erst begonnen

Die Massaker in Brasiliens Haftanstalten erinnern an Mexiko. Die Geschichte der brasilianischen Verbrechersyndikate aber ist eine andere: Sie entstanden als Selbstverteidigungsgruppen gegen unmenschliche Zustände in den Knästen.

Von Toni Keppeler

Das Jahr begann mit einem Aufstand. Im Gefängnis Compaj in Manaus, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Amazonas, erhoben sich die Häftlinge des Verbrechersyndikats Família do Norte gegen ihre Mitgefangenen vom Primeiro Comando da Capital (PCC), einem in São Paulo beheimateten und landesweit operierenden kriminellen Kartell. Nach siebzehn Stunden Meuterei waren 56 Mitglieder dieses „Ersten Hauptstadtkommandos“ getötet, viele von ihnen geköpft und zerstückelt. Schon wenige Stunden später feierte ein anonymer Rapper im Internet den Sieg mit einem Song: „Mit den Häftlingen ohne Kopf ist das Gefängnis unser.“

Das Massaker von Manaus war der Beginn einer Serie grausamer Häftlingsrevolten: Am 6. Januar schlug das PCC im Gefängnis von Roraima, ebenfalls im Amazonasbecken, zurück. Nachdem 31 Häftlinge ermordet worden waren, schrieben die Täter mit deren Blut auf eine Wand: „Blut wird mit Blut vergolten.“ Es folgten ein paar kleinere Meutereien mit Toten im einstelligen Bereich, bis dann am 14. Januar im Gefängnis Alcaçuz im Bundesstaat Rio Grande do Norte ein Krieg ausbrach, der noch einmal über dreißig Tote zur Folge hatte. Zusammen sind es bislang mindestens 130.

Die Grausamkeit der Kämpfe und die begleitende gewaltverherrlichende Folklore erinnern an den Drogenkrieg in Mexiko. Tatsächlich aber haben die brasilianischen Verbrechersyndikate eine ganz andere Geschichte. Sie waren als Selbstverteidigungsgruppen in den chronisch überbelegten Gefängnissen entstanden, in denen Häftlinge sich bis aufs Messer um einen Teller Suppe oder einen Platz unter der Dusche stritten und von Aufsehern gequält wurden.

Angefangen hat diese Geschichte im Gefängnis Ilha Grande auf der gleichnamigen Insel vor der Küste von Rio de Janeiro. Es war eine der furchtbarsten Haftanstalten Brasiliens, regelmäßig grassierten Cholera und Typhus. Die Justiz ließ dort in den Jahren 1886 bis 1993 Schwerverbrecher verschmachten. In den Jahren der Militärdiktatur (1964 bis 1986) kamen politische Gefangene dazu. Aus diesem Zusammenleben von Kriminellen und Linken ist Ende der Siebzigerjahre das Comando Vermelho, das „Rote Kommando“ (CV) entstanden. Die politischen Gefangenen hatten ihre Mithäftlinge davon überzeugt, dass es keinen Sinn mache, sich in Kleingruppen gegenseitig zu bekämpfen; dass es vielmehr darum gehe, einen solidarischen Block gegen die Unterdrücker zu formen. Das CV gab sich ein Statut (wichtigste Norm: „Respekt vor den Genossen“) und einen eigenen Wahlspruch: „Friede, Gerechtigkeit und Freiheit“.

Etlichen Köpfen des Kommandos ist die Flucht von Ilha Grande gelungen. Und weil die politischen Gefangenen ihnen nicht nur Idologie, sondern auch Wissen um klandestine Aktionen vermittelt hatten, prägte das die ersten Jahre: Es gab Banküberfälle und Entführungen steinreicher Unternehmer – Methoden, mit denen auch die lateinamerikanischen Guerillas jener Jahre ihren bewaffneten Kampf gegen die Militärdiktaturen finanzierten. Drogenhandel spielt zunächst keine Rolle.

In den vom CV beherrschten Favelas, die vorher von Kriegen krimineller Banden unsicher gemacht worden waren, wurde ein strenges Regime mit eigener Gerichtsbarkeit eingeführt. Spitzel der Polizei wurden erschossen, Dieben schon auch einmal die Hand abgeschlagen. Das CV hat eine Sozialkasse zur Unterstützung der Familien von Inhaftierten, bezahlt Anwälte, richtet Feste für die Bevölkerung aus. Als in den Neunzigerjahren der Drogenhandel hauptsächliches Geschäftsfeld wurde, schuf das Arbeitsplätze für die Jugend. Gewalttätig ist das CV in erster Linie gegen die Polizei – und gegen andere Banden, die dem Syndikat das Geschäft streitig machen.

Die linken Anfänge des Roten Kommandos verblassten zwar, sind aber nie ganz verschwunden. So hat der legendäre CV-Boss Fernandinho Beira-Mar als Waffenhändler angefangen: Er besorgte sich über korrupte Kanäle Kriegsgerät der Armee und verkaufte es an Kolumbiens linke Guerilla Farc. Bezahlen ließ er sich mit Kokain. Als ihm der Boden in Rio zu heiß wurde, versteckte er sich im Farc-Gebiet und wurde dort 2001 bei einer gemeinsamen Aktion der US-amerikanischen Antidrogenbehörde DEA und der kolumbianischen Armee geschnappt und nach Brasilien ausgeliefert.

Heute gehen Ermittler davon aus, dass das Comando Vermelho über 5.000 Bewaffnete verfügt, die mit Sturmgewehren, Maschinenpistolen und Handgranaten ausgerüstet und in zwölf der 27 Bundesstaaten aktiv sind. Neben Rio konzentriert sich das Syndikat vor allem auf die Grenzen zu den Kokain produzierenden Ländern Bolivien, Peru und Kolumbien und zu Paraguay, wo auf großen Plantagen Marihuana wächst. Im Amazonasbecken ist das CV eine Allianz mit den örtlichen Verbrechern der Família do Norte eingegangen. Die begannen am 1. Januar im Gefängnis von Manaus den Krieg gegen das PCC.

Das Erste Hauptstadtkommando gilt als das größte Verbrechersyndikat Brasiliens und hat eine ähnliche Entstehungsgeschichte wie das CV. Am Anfang stand ein Massaker, das die Polizei 1992 im Gefängnis Carandiru in São Paulo angerichtet hat. 111 Gefangene wurden wahllos ermordet. Die Überlebenden bildeten Selbstverteidigungsgruppen, vernetzten sich mit ähnlichen Organisationen in anderen Haftanstalten und traten nach einer koordinierten Meuterei, an der in 19 Gefängnissen 25.000 Häftlinge beteiligt waren, am 18. Februar 2001 als Primeiro Comando da Capital an die Öffentlichkeit.

Das PCC betreibt zwar auch eine Sozialkasse für die Familien inhaftierter Mitglieder, pflegt aber sonst keine Romantik der Subversion, sondern ging kühl und geschäftsmäßig daran, den brasilianischen Drogenmarkt zu erobern. Die wichtigsten Routen von den Kokain produzierenden Ländern Peru und Kolumbien zu den Märkten in Europa führen durch das Amazonasbecken. Das PCC musste bei seiner Expansion irgendwann gewaltsam mit den CV-Verbündeten von der Família do Norte zusammenstoßen. Und weil die Bosse der Banden längst geschnappt worden sind und aus der Haft ihre Geschäfte führen, begann der Krieg im Gefängnis.

Man hätte es wissen können, aber niemand war vorbereitet. Übergangspräsident Michel Temer tat das Massaker von Manaus noch als „bedauernswerten Unfall“ ab. Inzwischen will er die Gefängnisse mit dem Militär unter Kontrolle bekommen. Tatsächlich rückten am Wochenende nach sieben Tagen Aufstand Soldaten ins Gefängnis Alcaçuz ein, mit gepanzerten Fahrzeugen, Sturmgewehren und Blendgranaten. Ihre Mission: eine Mauer zu bauen, die dann die verfeindeten Syndikate trennen soll. Das wird – wenn es denn erfolgreich sein sollte – die Schlacht auf die Straßen verlagern. Der anonyme Rapper im Internet hat es in einer Zeile seines Songs angekündigt: „Vergesst nicht: Der Krieg hat gerade erst begonnen.“

woz, 26.1.2017