Der sterbenskranke Muntermacher

Wegen des Klimawandels breitet sich eine Kaffeeseuche in Mittelamerika aus und bedroht die Existenz von Millionen von Kleinbauern.

Von Cecibel Romero


Am Morgen, wenn sich der Nebel aufgelöst hat und die noch tief stehende Sonne die Hänge streichelt, zeigt sich die Landschaft in ihren sattesten Farben. Ein stahlblauer Himmel mit blütenweißen Wolken, darunter Hügel in schillerndem Grün. Ein exaktes Gitter von langen Baumreihen liegt über dem Land. Sie schützen Millionen von darunter stehenden Kaffeesträuchern vor dem Wind und geben Schatten, damit die Kaffeekirschen langsamer heranreifen und die Bohnen ein Maximum an Aromen entwickeln. Im Dezember gibt es jeden Morgen dieses Licht. Es ist Kaffeernte im bergigen Nordosten von El Salvador.

Die Idylle gibt es nur aus der Ferne. Aus der Nähe aber, in der Plantage, sieht es in dieser Erntezeit ganz anders aus. „Es ist eine Tragödie“, sagt Isaías Marroquín, der verantwortliche Vorarbeiter einer kleinen Finca am Rande des Dorfs San José La Majada. Schon als Kind hat der 47-jährige Campesino auf den Kaffeeplantagen der Gegend gearbeitet. Er hat die Grundschule nicht abgeschlossen, aber mit Kaffee kennt er sich aus. Er weiß, was Kaffeerost ist und wie er aussieht. „Es hat diese Plage hier schon lange nicht mehr gegeben“, sagt er. „Wir hatten sie fast schon vergessen und niemand hat sich darauf vorbereitet.“ In diesem Jahr schlug sie gnadenlos zu und sorgt für Ernteeinbrüche von bis zu dreißig Prozent – nicht nur in El Salvador, genauso in Guatemala, Honduras und Nicaragua. In Kolumbien wütet sie schon länger.

Erste Anzeichen des Kaffeerosts sind kleine gelbe Flecken auf der Unterseite der dunkelgrünen Blätter der Büsche. Die werden immer größer, das Blatt färbt sich wie im europäischen Herbst und wird schließlich von einem feinen weißen Pulver überzogen. Dann fallen die Blätter ab und die Kaffeefrucht ist schutzlos der Sonne ausgeliefert.

Zum ersten Mal wurde die Pilzkrankheit im 19. Jahrhundert in der Region Nyanza in Kenia festgestellt. 1970 war sie – wahrscheinlich über importierten Kaffee – in den brasilianischen Bundesstaat Bahía gelangt und breitete sich von dort innerhalb eines Jahrzehnts über ganz Lateinamerika aus. Doch die Bauern haben gelernt, mit ihr zu leben und Mittel gefunden, mit denen sie den Pilz in Schach halten können. Bis jetzt.

Die rassante Ausbreitung der Seuche im Lauf des vergangenen Jahrs hat mit dem Wetter zu tun. „Die Sporen des Pilzes brauchen Regen, um sich entwickeln zu können“, sagt Adán Hernández von der Salvadorinaischen Stiftung für Kaffeeforschung (Procafé). „Am wohlsten fühlen sie sich bei Temperaturen zwischen 18 und 27 Grad.“ So warm war es früher nicht in den besten Lagen über 1200 Metern Höhe.

Klimawandel verbindet man in der Regel mit Bildern von Wirbelstürmen, Überschwemmungen oder Dürren. In Zentralamerika, Mexiko und Kolumbien hat er ein anderes Gesicht: Kaffeeplantagen mit gelben oder gar keinen Blättern. Die Folgen für die Menschen aber sind gleich: Hunger und noch mehr Armut.

„Wir haben ernsthafte Probleme mit den Produktionsmengen“, sagt Ernesto Velásquez, der Direktor der staatlichen Kaffeeschule in El Salvador. Auf stark befallenen Plantagen reifen die Kaffeekirschen viel zu schnell und vertrocknen. Und selbst an weniger befallenen Sträuchern reifen die Früchte schneller als sonst und entwickeln dabei weniger Aroma. „Wir müssen ihn als Kaffee niedriger Qualität exportieren“, sagt Velásquez. Das schlägt sich im Preis nieder.

Wie hoch die Verluste am Ende ausfallen werden, lässt sich derzeit noch nicht berechnen. Sie hängen nicht nur von der Menge, sondern auch vom stark schwankenden Weltmarktpreis ab. Klar aber ist: In Guatemala, Honduras, El Salvador und Nicaragua sind je nach Gegend zwischen fünfzehn und dreißig Prozent der Sträucher von der Krankheit befallen – so viel wie nie zuvor. Und in der nächsten Erntesaison wird es noch viel schlimmer. „Wenn in diesem Jahr in einer Finca 16 Prozent der Blätter befallen sind, verursacht das in der Ernte des folgenden Jahres Verluste von 28 Prozent“, zitiert Hernández aus einer Studie seines Forschungsinstituts. Der Grund ist ganz einfach: Statt für die Produktion von Kaffeekirschen verwenden die Sträucher ihre Kraft dafür, die abgefallenen Blätter zu ersetzen.

Im Nachhinein haben die Kaffeeforscher festgestellt, dass der jetzige Ausbruch der Seuche im Prinzip schon vor einem Jahrzehnt begann. Seit 2001 haben sich die Niederschlagsmengen in El Salvador um 625 Millimeter im Jahr erhöht, gleichzeitig stieg die Durchschnittstemperatur. Entscheidend war dann das tropische Unwetter E12, das sich im Oktober 2011 zwölf Tage lang über Zentralamerika ausregnete – und ideale Voraussetzungen für die Sporenbildung des Pilzes schuf. Spätestens danach hätten traditionelle Kaffeebauern mit Chemie gegen die Ausbreitung der Krankheit vorgehen müssen. Organische Produzenten hätten die Abwehrkraft ihre Pflanzungen mit mehr natürlichen Düngemitteln stärken müssen. Aber niemand tat etwas, weil niemand gewarnt war.

Die Situation 2012 ist schlimmer als während der letzten großen Kaffeerost-Seuche im Jahr 1982, heißt es in einem Bericht von Procafé: „Wegen des Klimawandels befällt der Kaffeerost nicht nur die niedrig gelegenen Pflanzungen, sondern breitet sich auch dramatisch in mittleren und hohen Lagen aus.“ Dort wächst der beste und teuerste Kaffee. Wegen der früher kühlen Temperaturen gab es die Krankheit in Hochlagen nicht. Die Bauern wurden kalt erwischt und stehen ratlos vor ihren Sträuchern. „Unsere Berater mussten ihnen erst einmal erklären, wie und warum sich die Krankheit nun auch dort oben entwickelt“, sagt Hernández. Und es wird noch schlimmer kommen: Klimaforscher sagen für Zentralamerika einen Anstieg der Durchschnittstemperatur von bis zu 6,5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts voraus.

In Kolumbien, lange Zeit weltweit drittgrößter Kaffeeproduzent nach Brasilien und Vietnam, wütet die Seuche schon seit dem dort besonders regenreichen Jahr 2010. Die Ernten gingen zurück, das Land wurde in der Saison 2011/2012 vom viel kleineren Honduras auf den vierten Platz der großen Produzenten verdrängt. Es war die letzte Ernte vor dem Ausbruch der Krankheit in Honduras.

Die kolumbianischen Bauern haben inzwischen reagiert und stellen ihre Plantagen auf neu entwickelte Sorten um, die genetisch nicht anfällig sind für den Kaffeerost. Die Krankheit befällt nur Pflanzen der Sorte Arabica – immerhin siebzig Prozent des weltweit getrunkenen Kaffees. Sie wird in Lateinamerika angebaut, in wenigen Hochlagen Afrikas, in Indien und Indonesien. Arábica-Bohnen werden von Kaffeetrinkern wegen des vollmundigen Aromas bevorzugt. Rund ein Fünftel der weltweiten Arábica-Produktion – meist wegen ihrer Qualität besonders geschätzte Untersorten wie Bourbon, Pacas oder Pacamara – kommen aus den jetzt von der Krankheit befallenen Ländern Zentralamerikas und aus Mexiko.

Die restlichen dreißig Prozent der Weltproduktion stellt die Sorte Canephora, die vor allem in Afrika angebaut wird. Weil die Pflanzen sehr viel resistenter sind gegen Hitze und Krankheitsbefall, nennt man diese Sorte auch Robusta. Ihr Nachteil: Sie ist weitaus weniger aromatisch und wird deshalb vor allem für löslichen Kaffee verwendet.

„Der gute Ruf unserer Qualität hängt an der Sorte Bourbon“, sagt Velásquez. Und von der Qualität hängt der Preis ab. „Leider ist gerade Boubon besonders anfällig für Kaffeerost.“ In siebzig Jahren, hat ein Team von britischen und äthiopischen Kaffeeforschern prognostiziert, wird es wegen des Klimawandels weltweit überhaupt keine Arabica-Bohnen mehr geben. Die Umstellung auf neue krankheitsresistente Sorten scheint also unausweichlich – und ist doch kaum zu leisten. Denn das Anlegen neuer Pflanzungen erfordert Investitionen und einen langen Atem. Erst nach vier oder fünf Jahren können die Bauern eine ordentliche Ernte erwarten. Die Boomzeiten aber sind vorerst vorbei: 2011 wurden an der Kaffeebörse in London noch 300 US-Dollar für hundert amerikanische Pfund (45,4 Kilo) bezahlt. Seither ist der Preis um über 40 Prozent auf 175 Dollar abgestürzt, vor allem, weil der weltgrößte Produzent Brasilien für die Saison 2012/13 eine riesige Ernte angekündigt hat, die den Markt überschwemmen werde.

„Das kann hier alles den Bach runtergehen“, seufzt der Campesino Isaías Marroquín auf der kleinen von ihm betreuten Finca. Ein Teil der Kaffeekirschen an seinen Sträuchern ist schon vor Beginn der Ernte vertrocknet. Andere sind noch immer so grün, dass er daran zweifelt, ob sie reif werden. Und ob sie dann in der folgenden Regenzeit überhaupt blühen werden? Alleine kann er ohnehin nichts ausrichten auf dem kaum mehr als einem Hektar großen Gut. Die Krankheit hat ihn längst umzingelt. Wenn die Großproduzenten in der Nachbarschaft nichts oder zu wenig tun, wird der Pilz immer wieder zurückkommen.

Von Boom und Baisse des Kaffees

Nach dem Erdöl ist Kaffee der Rohstoff, mit dem weltweit am meisten Umsatz gemacht wird. Für die jetzige Ernte 2012/13 rechnet die Internationale Kaffeeorganisation mit 132,7 Millionen Sack von je 60 Kilo. Wichtigste Anbauregion ist Lateinamerika. Allein aus Brasilien kommen 49 Prozent der weltweiten Produktion. Zusammen mit Kolumbien hat das Land den Weltmarkt für Jahrzehnte dominiert – bis Anfang des 21. Jahrhunderts Vietnam Kolumbien vom zweiten Platz verdrängte. Dort waren innerhalb kürzester Zeit mit der Hilfe der Weltbank riesige Plantagen für Robusta-Kaffee aufgebaut worden. Die kleinen zentralamerikanischen Länder sind vor allem für die Produktion von Spitzenqualitäten bekannt.

Rund 25 Millionen Menschen leben weltweit vom Kaffeeanbau. 85 Prozent der Plantagen in Zentralamerika sind kleinbäuerliche Familienbetriebe. 90 Prozent ihrer Ernte wird exportiert.

Das Aufkommen von Vietnam auf dem Kaffeemarkt und die Verlagerung der brasilianischen Anbaugebiete in Regionen ohne Frost haben um die Jahrtausendwende zu einem Überangebot auf dem Weltmarkt geführt. Die Preise sind abgestürzt wie nie zuvor. Zum Teil wurden an der Börse in London nur noch 50 US-Dollar für 100 amerikanische Pfund bezahlt, bei Produktionskosten zwischen 60 und 85 Dollar. Plantagen wurden aufgegeben, in El Salvador etwa lagen fast 80 Prozent aller Fincas brach. In den Kaffeeregionen Zentralamerikas herrschte eine Hungersnot. Von diesem Einbruch haben sich die Länder erst vor wenigen Jahren erholt.

Wesentliche Abnehmer des Kaffees sind die USA, Deutschland, Frankreich, Japan und Italien. In diesen fünf Ländern wird zusammen rund 70 Prozent der weltweiten Ernte getrunken. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch liegt in Europa bei 4,5 Kilo im Jahr. Die Deutschen liegen mit 6,4 Kilo deutlich darüber, aber immer noch hinter den Schweizern mit 7,9 Kilo pro Person und Jahr.

woz, 6.12.2012