Die krummen Geschäfte der Witwe

Wie die Lucía Hiriart ihre Stellung als Gattin des chilenischen Diktators Augusto Pinochet nutzte, um öffentliche Immobilien zu verschieben.

Von Toni Keppeler

Als Augusto Pinochet am 10. Dezember vor zehn Jahren gestorben ist, hatte er über 400 Strafverfahren am Hals. Im damals am weitesten fortgeschrittenen Prozess ging es nicht um einen der vielen Morde, die der chilenische Diktator angeordnet hatte, sondern um Korruption. Pinochet hatte in den 17 Jahren seiner Gewaltherrschaft (1973 bis 1990) etliche Millionen US-Dollar von der Staatskasse abgezweigt. Zehn Jahre nach seinem Tod gibt es nun auch Ermittlungen gegen seine Witwe Lucía Hiriart. Und wieder geht es um Korruption: Mit der illegalen Verschiebung öffentlicher Grundstücke soll auch sie Millionen zur Seite geschafft haben.

Die heute 94-jährige Hiriart war 63 Jahre mit Pinochet verheiratet und hatte nach dessen Putsch den Vorsitz der Stiftung „Centro de Madres“ (CEMA, Mütterzentrum) übernommen. Die gemeinnützige Einrichtung kümmert sich um Mütter aus Armenvierteln, Vorsitzende war traditionell die Frau des jeweiligen Präsidenten. Bevor Pinochet 1990 nach einem verlorenen Referendum die Präsidentschaft abgab, ließ Hiriart die CEMA-Satzung ändern: Fortan sollte die Gattin des Militärchefs Vorsitzende sein. Dieses Amt hatte ihr Mann noch bis 1998 inne. Kurz vor seinem Ausscheiden gab es dann eine weitere Satzungsänderung, die Hiriart den Vorsitz der Stiftung auf Lebenszeit zusicherte.

Während der Gewaltherrschaft Pinochets waren der Stiftung von Staat 236 Grundstücke geschenkt worden, von denen Hiriart 137 weiterverkaufte. Im April 1999 – Pinochet war in London in Haft – wurden noch einmal 17 Grundstücke verkauft. Es ist unklar, wo das mit all diesen Verkäufen erlöste Geld geblieben ist. Als im August dieses Jahres die krummen Geschäfte ruchbar wurden, legte Hiriart den CEMA-Vorsitz nieder. In dieser Woche nun soll sie von einem Ermittlungsrichter vernommen werden. Ob es gelingt, ist noch offen. Wie schon Pinochet floh Hiriart vor den Strafverfolgungsbehörden ins Spital. Vergangene Woche ließ sie sich wegen angeblicher Atembeschwerden in ein Milirtärkrankenhaus einliefern.

woz, 15.12.2016