Leben in einer straffreien Parallelwelt

Fälle von sexuellem Missbrauch, Kinderprostitution und organisiertem Kinderraub im Umfeld der Erdbebenhilfe sind in Haiti längst bekannt. Der Fall Oxfam erscheint dagegen fast harmlos.

Von Toni Keppeler

„Der Fall Oxfam ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs“, sagte Haitis Präsident Jovenel Moïse und kündigte Ermittlungen gegen aller Nichtregierungsorganisationen an. Was genau 2011 in der Residenz der britischen Entwicklungsagentur Oxfam geschehen ist, weiß man zwar nicht. Weil der Fall aber medial zu Sexorgien mit Prostituierten auf den Trümmern des Erdbebens vom 12. Januar 2010 aufgeblasen worden war, musste sich auch der Präsident empören. Den Eisberg freilich kennt er schon lange. Er hat sich nie dafür interessiert. Der steinreiche Geschäftsmann profitiert von der Hilfsindustrie: Sie stellt ein Minimum an Gesundheitsversorgung und Infrastruktur bereit. Er selbst bezahlt für seine Bananenplantagen in einer eigens dafür eingerichteten Freihandelszone keinen Rappen Steuern in die Staatskasse.

Jeder in Haiti weiß, dass, wer als Helfer kommt, nicht immer nur ein Helfer ist. Man kennt den Fall einer Gruppe von Uno-Blauhelmen aus Uruguay, die einen Jungen vergewaltigt hat. Man weiß von einem Mädchen, das laut einem Uno-Bericht im Alter von 12 bis 15 Jahren Sex mit über fünfzig ausländischen Männern hatte, für umgerechnet 75 Rappen. Kinderprostitution ist so gang und gäbe, dass sie schon literarisch verarbeitet wurde. In dem Roman „Vor dem Verdursten“ der haitianischen Schriftstellerin Kettly Mars geht der Protagonist, ein für Wiederaufbauprojekte arbeitender Architekt, in ein Lager von Erdbebenopfern, wo ihm kaum zehnjährige Mädchen für sexuelle Dienstleistungen angeboten werden. Ein bedrückendes Buch. „Ich bin dort gewesen und habe gesehen, was passiert“, sagt Mars.

Selbst Fälle von Kinderraub wurden nach dem Erdbeben bekannt. So kam die von US-Baptisten gegründete Organisation „New Life Children’s Refuge“ über die Dominikanische Republik ins Land. Auf dem Reiseplan für den 23. Januar 2010 stand: „Fahrt mit dem Bus nach Port-au-Prince, Haiti. Hundert Waisen in den Straßen und den eingestürzten Waisenhäusern einsammeln. Dann Rückkehr in die Dominikanische Republik.“ Die Kinder sollten in den USA zur Adoption angeboten werden. Die Delegation sammelte nur 33 Kinder ein. Keines davon war Waise. An der Grenze zur Dominikanischen Republik flogen sie auf – wohl eher ein Zufall. Die zehn Delegationsmitglieder wurden zwar verhaftet, kamen aber auf Druck der US-Botschaft nach wenigen Tagen frei. Nur die Delegationsleiterin Laura Silsby wurde zu dreieinhalb Monaten Haft verurteilt – wegen eines „unerlaubten Ausflugs“ mit den Kindern.

Die kurze Haftstrafe für Silsby war eine Ausnahme. Üblicherweise bleiben Vergehen von Helfern straffrei. Die Uno-Blauhelme, die von 2004 bis 2017 – erfolglos – für stabile Verhältnisse sorgen sollten, genießen ohnehin strafrechtliche Immunität. Vertreter von Hilfswerken leben in aller Regel in guten Wohngegenden, fahren in neuen Geländewagen und besuchen bessere Restaurants. Kaum einer spricht Kreyòl ayisyen, die Sprache von über 90 Prozent der Bevölkerung. In dieser Parallelwelt schiebt man sich auch das Geld gegenseitig zu.

Die internationale Hilfe nach dem Beben wurde von der „Interim Haiti Recovery Commission“ unter dem Vorsitz des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton verteilt. „Wir haben uns für Programme eingesetzt, die den Haitianern gehören und von ihnen geleitet werden, mit mehr Geld, das über haitianische Institutionen fließt“, schrieb der in einem Bericht. Der Wiederaufbau solle auch die schwache öffentliche Verwaltung und lokale Dienstleister stärken. Im selben Bericht aber steht, dass weniger als 10 Prozent der Gelder über die haitianische Regierung kanalisiert wurden, haitianische Organisationen und Unternehmen bekamen gar nur knapp 0,6 Prozent. Der allergrößte Teil blieb in der internationalen Hilfsindustrie.

woz, 22.2.2018