Angeschrien, geschlagen, sexuell bedrängt

Hausangestellte sind die Sklavinnen von heute und nirgends gibt es so viele wie in Lateinamerika. Ein kleine Gewerkschaft in El Salvador kämpft nun für bessere Arbeitsbedingungen.

Von Cecibel Romero und Toni Keppeler, San Salvador

María Ruth Flores, 39, Mutter von drei Kindern, muss um Erlaubnis fragen, wenn sie Besuch empfangen will. Bei ihr ist das in der Regel eine Formalie und nicht, wie bei anderen, ein Problem. Ihre Dienstherrin kommt aus dem aufgeklärten Bürgertum, ist politisch eher links und wohnt zusammen mit ihrer Tochter in einem Einfamilienhaus im Süden von San Salvador. Es wirkt fast so, als sei es ihr ein bisschen peinlich, dass María Ruth immer von Montag bis Samstag bei ihr wohnt, hinten im Garten, in einem Kämmerchen gleich neben dem Waschstein. Sie spricht nicht von ihrer „Muchacha“, dem „Mädchen“, wie das Dienstherrinnen tun, für die es ein natürlicher Zustand ist, eine Hausangestellte zu haben. Sie spricht von „der Frau, die uns im Haushalt hilft“. Das wirkt freundlicher. Gerade so, als wäre diese Frau freiwillig hier.

Seit sie zwölf Jahre alt ist, arbeitet María Ruth als Hausangestellte: Betten machen, putzen, kochen, Geschirr abwaschen, Wäsche waschen, zum Trocknen aufhängen, abhängen, bügeln, den Garten gießen und in Ordnung halten, die Schildkröten füttern. In den 27 Jahren, die seit ihrem ersten Arbeitstag vergangen sind, ist ihr vieles widerfahren. Sie erinnert sich nicht, in wievielen Häusern sie schon gearbeitet hat. Sie wurde angeschrien von ihren Chefs, geschlagen, sexuell belästigt, und einmal wollte sie der Hausherr vergewaltigen. „Damals war ich noch jung“, erzählt sie. „Der Patrón wollte immer mit mir schlafen, wenn wir alleine zu Hause waren.“ In solchen Fällen habe sie sich in ihrer Kammer eingeschlossen und gewartet, bis die Hausherrin zurückkam. „Einmal aber wollte er mich zwingen.“ Sie sei aus den Haus gerannt und habe es nie wieder betreten. Anzeige habe sie nicht erstattet.

Hausangestellte gibt es überall und fast überall werden sie schlecht behandelt. Nach einer Schätzung der internationalen Arbeitsorganisation ILO sind es weltweit 52,6 Millionen. Nirgendwo gibt es so viele wie in Lateinamerika: Vierzehn Millionen oder 7,1 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, etwa zwei Millionen davon sind noch minderjährig. Nicht einmal die Scheichtümer des Nahen Ostens erreichen diese Quote. Dort sind es 5,6 Prozent der Beschäfftigten, der weltweite Durchschnitt liegt bei 1,2 Prozent. Gut neunzig Prozent dieser Hausangestellten sind Frauen. Die wenigen Männer arbeiten meist als Gärtner oder Fahrer. „Wer bezahlte Arbeit im Haushalt verrichtet“, sagt Elizabeth Tinoco, Regionaldirektorin der ILO für Lateinamerika und die Karibik, „hat in der Regel lange Arbeitstage, einen niedrigen Lohn, kaum oder gar keine soziale Absicherung, wenig Freizeit, einen äußerst niedrigen Lebensstandard und leidet unter einer völligen Missachtung des Arbeitsrechts.“ Karen Rivas, Anwältin bei der salvadorianischen Frauenorganisation Las Mélidas, fasst das in einem Satz zusammen: „Das ist moderne Sklaverei.“

Zum Teil ist diese Sklaverei sogar legal. Hausangestellte sind von der im salvadorianischen Arbeitsrecht festgelegten maximalen Arbeitszeit von 44 Stunden in der Woche ausdrücklich ausgenommen. Auch der gesetzliche Mindestlohn von gut 200 Franken im Monat gilt für sie nicht. Die Regel ist eher weniger als die Hälfte. Es gibt keine Bestimmungen für Arbeit in der Nacht, an Wochenende und Feiertagen, auch keine für bezahlten Urlaub. Kranken- und Rentenversicherung sind nicht vorgeschrieben. Auch Arbeitsverträge sind nicht Pflicht. Eine Hausangestellte darf, wenn der Dienstherr zum Beispiel einen Laden umtreibt, auch dort ohne zusätzliches Entgeld eingesetzt werden. Widerspricht sie, kann sie entlassen werden. Einfach so, ohne Abfindung.

Immerhin hat die derzeitige Linksregierung 2009 die Möglichkeit geschaffen, dass Dienstherren ihre Hausangestellte auf freiwilliger Basis sozialversichern können. Die darin enthaltene Krankenversicherung deckt jedoch nur die Behandlung bei Allgemeinärtzen ab und schließt Geburten, Fachärzte und Operationen aus. So eine Versicherung kostet umgerechnet ein bisschen mehr als fünfzehn Franken im Monat und trotzem sind weniger als ein Prozent der Hausangestellten registriert. „Das Problem ist meist nicht die monatliche Quote“, sagt die Anwältin Rivas. „Aber die Sozialversicherung schließt das Recht auf Arztbesuche während der Arbeitszeit und bezahlte Krankentage mit ein.“ Und weil das Arbeitsministerium keinerlei Werbung für diese Neuerung macht, wüssten die allermeisten Hausangestellten nicht einmal, dass es diese Möglichkeit gibt. Dienstherren bevorzugten junge Mädchen mit wenig Schulbildung vom Land. „Die sind billig und unterwürfig und sie können sie formen, wie es ihnen passt“, weiß Rivas.

Der Umgang mit den „Muchachas“ entspricht einem tief verwurzelten kulturellen Muster, erklärt Vilma Vaquerano von der Frauenorganisation Ormusa, die Hausangestellte bei Arbeitskonflikten berät. In dem von den Spaniern geschaffenen System der landwirtschaftlichen Haciendas hat der Besitzer - der Patrón - dikatorische Vollmachten. Seine Arbeiter - die Colones - wohnen mit ihren Familien auf seinem Land, in seinen Baracken, schuften auf seinem Land und geben das wenige Geld, das sie verdienen, in seinen Lebensmittelmagazinen aus. „Die Frauen kümmerten sich um Haushalt und Kinder des Patrón, ihre Töchter gingen nicht zur Schule, sondern halfen den Müttern so früh wie irgend möglich“, erzählt Vaquerano. „Bezahlt wurde diese Arbeit nicht.“ Im Prinzip sei das bis heute so: „80 bis 85 Prozent der Hausangestellten kommen vom Land und beginnen meist schon als Minderjährige mit der Arbeit.“

Margarita Guevara hat schon mit neun Jahren ihre erste Haushaltsstelle angetreten. „Meine Mutter war Straßenverkäuferin und zog alleine sieben Kinder auf“, erzählt sie. „Sie war froh, wenn sie ein Kind weniger versorgen musste.“ Margarita erinnert sich daran, dass sie nicht vom Porzellan der Hausherren essen durfte, sondern eigenes billiges Plastikgeschirr bekam. Geschlafen hat sie auf einem Feldbett in einer Nische. „Von Anfang an musste ich schweres Bettzeug von Hand waschen. Ich habe dabei viel geweint.“ Heute ist sie 46 und gehört zu einer Gruppe von Frauen, die kämpfen wollen für mehr Rechte: der ersten noch kleinen Gewerkschaft von Hausangestellten in El Salvador.

Es ist nicht einfach, diese Frauen zu organisieren. „Wir gehen von Haus zu Haus und fragen nach, wo überall Hausangestellte arbeiten“, erzählt sie. Viele können nicht einmal ans Gartentor kommen, weil sie tagsüber in der Wohnung eingeschlossen sind. In einem Land, das regelmäßig von schweren Erdbeben heimgesucht wird, kann das lebensgefährlich sein. „Solchen Frauen lassen wir unsere Flugblätter durch den Gärtner bringen.“

Viele Frauen wie Margarita gibt es noch nicht. Ende 2012 lud die Frauenorganisation Las Mélidas zur ersten Informationsveranstaltung ein. Eineinhalb Jahre später sind 38 der rund 100.000 Hausangestellten El Salvadors organisiert - gerade genug, um das Minimum von 35 Mitgliedern zu erfüllen, die für eine Gewerkschaftsgründung nötig sind. An den Versammlungen nehmen immerhin rund 150 Frauen teil. „Viele haben Angst, dass man sie entlässt, wenn sie Gewerkschaftsmitglied werden“, weiß Margarita. Versammlungen finden nur sonntags statt, weil Hausangestellte in der Regel jedes zweite Wochenende frei haben. „Viele wollen da aber ihre Familie besuchen.“

So ist es kein Wunder, dass der harte Kern der jungen Gewerkschaft aus Frauen besteht, die nicht im Haus ihrer Dienstherren wohnen, sondern tageweise in verschiedenen Häusern waschen und putzen. Die meisten von ihnen haben für ein paar Jahre in Textilfabriken gearbeitet und dort erste Erfahrungen mit der Gewerkschaftsbewegung gemacht.

Sie haben inzwischen einen Forderungskatalog aufgestellt, der im Grund nicht mehr verlangt als die Anwendung des allgemeinen Arbeitsrechts auf Hausangestellte: Ein Acht-Stunden-Tag bei fünfeinhalb Arbeitstagen in der Woche; einen monatlichen Mindestlohn, der sich an dem für den Handel geltenden von knapp 250 Franken orientiert; einen schriftlichen Arbeitsvertrag, in dem die zu verrichtenden Arbeiten aufgeführt sind; das Recht, zum Arzt zu gehen; Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; bezahlter Urlaub und Mutterschutz. Die Regel ist heute, dass schwangere Hausangestellte entlassen werden. Selbst dann, wenn der Hausherr oder einer seiner Söhne der Vater ist.

Die der regierenden Linkspartei FMLN nahe stehenden Mélidas haben den Forderungskatalog ans Parlament weitergeleitet. Karen Rivas aber macht sich keine große Hoffnung, dass schnell etwas geschieht: „Das Thema hat für die Fraktionen keine Priorität, nicht einmal für die Linke.“ Der größte Erfolg sei einstweilen, das Thema überhaupt ins Gespräch gebracht zu haben. „Wir müssen erst einmal Bewusstsein schaffen“, sagt die Anwältin. Und das nicht nur bei Politikern, „sondern zunächst bei den Frauen selbst“.

María Ruth Flores hat nie etwas von der Gewerkschaft gehört. Sie hat wenige Tage nach unserem Besuch ihre Stelle gekündigt und ist zurück nach Quetzaltepeque gegangen. In dem Städtchen im Norden von San Salvador waren ihre Kinder unter der Woche alleine. Ihr halbwüchsiger Sohn, betreut von der älteren Schwester, hatte mit den Maras angebandelt, jenen kriminellen Jugendgangs, die El Salvador mit Mord und Erpressung in Angst und Schrecken halten. Die Mutter will den Sohn für die Familie zurückerobern. Sie will nicht, dass er ein Kollateralschaden ihrer Arbeitsbedingungen wird.

woz, 22.5.2014