Im gefährlichsten Land der Welt

Gewalt hat in El Salvador eine lange Geschichte. Dass so viel gemordet wird wie sonst nirgendwo, ist auch das Ergebnis von politischem Versagen und Repression. Ein Besuch vor Ort.

Von Toni Keppeler

Es führt nur eine Strasse nach Buenos Aires, vorbei an der Polizeistation gleich am Eingang des Stadtviertels: Ein Häuschen, in den Nationalfarben Blau und Weiß gestrichen, verschanzt hinter einer Mauer aus Sandsäcken. Drei hohe Schwellen quer über die Straße und mit Beton gefüllte Fässer zwingen zum Zick-Zack-Fahren im Schritttempo. Von den Polizisten ist nichts zu sehen. Spätestens hier müssen die Scheiben des Autos heruntergekurbelt sein, das sagt ein ungeschriebenes Gesetz. Die Mitglieder der Mara Salvatrucha wollen sehen, wer in ihr Territorium kommt. Man kann sie als Ortsfremder nicht erkennen; jeder junge Mann, jeder Bub auf der Straße könnte ein Mitglied dieser Bande sein. Wer in Buenos Aires wohnt, weiß genau, wer dazu gehört. Das ist überlebenswichtig. Man darf so einem nicht krumm kommen.

Buenos Aires ist das letzte Stadtviertel, bevor der Großraum von San Salvador ins Ländliche ausfranst. Hütten aus Holz, Wellblech oder Lehmziegeln sind locker über die Hügel verstreut, dahinter beginnen die Maisfelder an steilen Hängen. Gut zweitausend Menschen wohnen hier, etwa fünfzig davon gehören zu Mara Salvatrucha, die man hier nur kurz MS nennt. Der Ort gilt als besonders problematisches Viertel in Mejicanos, Mejicanos als besonders gewalttätiger Vorort der Hauptstadt San Salvador. Das ganze Land ist derzeit das weltweit gefährlichste außerhalb von Kriegsgebieten. 6.656 Morde gab es im vergangenen Jahr, bei einer Bevölkerung von nur knapp über sechs Millionen. Das macht 103,1 Morde pro 100.000 Menschen im Jahr. In Deutschland liegt die entsprechende Kennzahl bei 0,4 (in 2014) und selbst das vom Drogenkrieg geschüttelte Mexiko war im vergangenen Jahr mit einer Quote von 15,2 ein vergleichsweise sicheres Land.

Die Regierung macht für die große Mehrheit der Morde die Banden der Maras verantwortlich, aufgeschlüsselte Täterstatistiken gibt es nicht. Nur soviel ist klar: Die Zahl der Tötungsdelikte hat in den ersten drei Monaten von 2016 noch einmal dramatisch zugenommen. Wenn es so weitergeht, werden am Ende des Jahres rund 10.000 Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sein.

Elmer Melara wohnt in Buenos Aires und ist das, was man in El Salvador einen „hacelo todo“ nennt: Einer, der alles mögliche macht, um sich durchs Leben zu schlagen. Er hat schon in einer Textilfabrik gearbeitet, ein Stück Land für den Anbau von Mais und Bohnen gepachtet, in seinem Garten ein Becken gebaut, um darin Barsche zu züchten... Seit einem Monat ist er Bäcker, spezialisiert auf Semita, ein süßes Brot mit einer Füllung aus Zuckerrohr-Melasse. Seine Frau Evelyn verkauft es auf der Straße. Melara ist dreißig, klein und kompakt und hat schwarzblau glänzende kurze Haare. Das Paar wohnt zusammen mit der achtjährigen Tochter Eileen und dem vierjährigen Sohn Jesús Isaías in einem typischen Landhaus am Hang. Zwei Zimmer, eine Latrine im Garten, der Backofen steht auf der Terasse.

Elmer Melara gehört nicht zur MS und solche jungen Männer haben es in Buenos Aires besonders schwer. Er lebt zwischen den Fronten: Er ist der Bande suspekt und erst recht der Polizei. Die glaubt, dass junge Männer Buenos Aires Mitglied der Mara sein müssen. Bei einer Firma braucht er sich erst gar nicht zu bewerben; seine Adresse ist ein sicherer Ablehnungsgrund.

Vor fünfzehn Jahren ist er aus Zacamil - einem anderen Quartier von Mejicanos - hierher gezogen. „Ich hatte Glück“, sagt er. „Auch Zacamil ist ein Gebiet der MS.“ Rund 40.000 Mitglieder hat der Banden-Verband in ganz El Salvador. Ihre Gegner vom Barrio 18 - meist nur „18“ oder „die Nummer“ genannt - sind etwa halb so zahlreich. Beide sind keine straff organisierten Verbrechersyndikate, sondern eher lockere Netzwerke aus örtlichen Gruppen, die sich harmlos „clica“ - Clique - nennen. Wäre Melara aus einem Gebiet der 18 nach Buenos Aires gezogen, hätte er kaum mehr lang zu leben gehabt. So aber wurde er gleich angequatscht. „Sie haben mir schicke Klamotten versprochen, Geld, jedes Mädchen, das ich haben wolle. Aber ich wollte nicht.“ Nach dem ersten erfolglosen Anwerbeversuch sei er nur ein bisschen herumgeschubst, nach dem zweiten dann böse verprügelt worden. „Ich habe mich drei Monate lang nicht aus dem Haus getraut und war nicht einmal in der Schule.“ Man musste ihn erst kennenlernen, sagt er, als wären Prügel eine normale Art, jemanden kennenzulernen. „Ich habe die Jungs von der MS nie abgelehnt, ich habe nur Distanz gehalten.“

An die häufigen Schüsse im Quartier hat er sich so sehr gewöhnt, dass er sagen kann, welcher Schuss aus welcher Waffen kommt: eine Makarov, eine Sig Sauer, eine AK-47,... „Man bleibt dann eine Weile im Haus“, kein Problem. Nur Zucker für die Semita einzukaufen, das macht ihm Angst. Der Laden liegt jenseits des MS-Territoriums, auf dem direkt angrenzenden Gebiet der 18. „Da kann ich vor Beklemmung kaum atmen.“

Probleme gibt es auch mit der Polizei. Die ist nicht dauerhaft präsent in Buenos Aires. Aber wenn sie kommt, dann fällt sie mit einer Hundertschaft ein, verstärkt von tief fliegenden Helikoptern mit Bordschützen in den offenen Türen. Bei einer der letzten Razzien hatte er noch sein Maisfeld, war gerade auf dem Heimweg, die Machete in der Hand. Da kam ihm ein Trupp Polizisten entgegen, mit schusssicherer Weste, Stahlhelm, Gesichtsmaske und Sturmgewehr. „Einer hat mich mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen. Ich lag auf dem Boden und sie wollten wissen, warum ich mit der Machete unterwegs war. Ich sagte, ich komme von der Arbeit auf dem Feld, aber sie glaubten mir nicht. Sie haben mich schließlich nach Hause geführt und dort alles durchsucht. Dann sind sie wieder gegangen.“

Erst am Abend hat Melara erfahren, dass bei dieser Razzia „El Diablito“  (das Teufelchen) erschossen worden ist. El Diablito war der „Palabrero“ der örtlichen Clique. Das Wort aus dem Mara-Slang lässt sich mit „der das Wort führt“ übersetzen und genau das hatte El Diablito getan: Er war der uneingeschränkte Befehlshaber seiner Clique und entschied über Leben und Tod im Quartier. Als die Polizei in Buenos Aires einfiel, war er zu Hause bei seiner Frau und seiner wenige Monate alten Tochter. Er versuchte noch, über den Hinterhof zu fliehen und wurde erschossen, als er dort über die Mauer stieg. So jedenfalls stellt das seine Frau dar. Die Polizei spricht nach solchen Toten von „Schusswechseln“.

Melara kann sich an viele Palabreros in Buenos Aires erinnern. Da war „El Morro“ (der Hügel): „Den hat die 18 zerstückelt und verbrannt.“ Danach habe El Morros Bruder übernommen, „aber auch der ist längst tot“. El Diablito war der sechste tote Palabrero in den fünfzehn Jahren, die Melara im Quartier wohnt. Heute herrscht „The Little One“.

Englische Spitznamen sind bei Maras beliebt. Sie erinnern an die Wurzeln dieser Banden in den USA. Barrio 18 ist in den achtziger Jahren in den Latinovierteln von Los Angeles entstanden und beherrschte die Gegend um die 18th Street. Auch die Mara Salvatrucha kommt aus dem Los Angeles jener Jahre. Damals wütete in El Salvador ein blutiger Bürgerkrieg, Hunderttausende flohen in den Norden. Allein in Los Angeles leben rund 400.000 Salvadorianer, die meisten in den Armenvierteln. Die waren damals unter der Kontrolle von schwarzen Streetgangs. Barrio 18 und die Mara Salvatrucha waren zunächst so etwas wie Selbstverteidigungsgruppen der Latinos, stiegen dann aber schnell selbst ins Drogengeschäft ein.

Nach dem Ende des Bürgerkriegs 1992 wurden sie zu Tausenden in die alte Heimat deportiert. Ganz egal, was sie sich in den USA zu Schulden hatten kommen lassen - ob Drogenhandel, Raub oder Mord - auf dem internationalen Flughafen von El Salvador waren sie freie Menschen. Und sie waren allein, ohne Familie. Aber sie fanden schnell neue Freunde. In den zu Slums gewordenen ehemaligen Flüchtlingslagern des Bürgerkriegs hatten sich Jugendliche, die kaum mehr als zwei chaotische Jahre Schule hinter sich gebracht und keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hatten, zu kleinkriminellen Gangs zusammengeschlossen. Auch sie nannten sich „Maras“ - das Wort hatte früher die Bedeutung von „Freundeskreis“. Sie waren viel harmloser als die Deportierten, aber sie lernten schnell.

Es dauerte eine Weile, bis sich die beiden Mara-Verbände aus den USA als Quasi-Monopolisten durchsetzten. Nach Buenos Aires kam die MS in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Dort gab es vorher eine kleine lokale Mara und dazu eine Bande von Drogenhändlern, die den Markt von Mejicanos kontrollierte. Die lokale Mara wurde von der MS langsam aufgerieben, mit den Drogenhändlern gab es einen offenen Showdown. Bei der Stunden dauernden Schießerei starben alle Drogenhändler und auch ein paar Mitglieder der MS. Seither haben die Salvatruchas das Quartier nicht mehr aus der Hand gegeben.

Für den Anthropologen Juan José Martínez, der aus Studienzwecken ein Jahr lang mit einer MS-Clique zusammengelebt hat, sind die Banden viel mehr als kriminelle Vereinigungen. Er spricht von einem Familienersatz der Ausgestoßenen mit eigener soziokultureller Identität. Maras haben ihre Mode: schlapprige Jeans, weite T-Shirts, Baseballkappen mit geradem Schild, dazu weiße Turnschuhe eines bestimmten Modells - die MS trägt eines von Adidas, die 18 eines von Nike. Frühere Generationen trugen die Insignien ihrer Mara groß ins Gesicht tätowiert, die heutigen verstecken Tatoos unter den Kleidern. Sie wären sonst ein zu leichtes Opfer für die Polizei. Untereinander sprechen sie eine Geheimsprache, in der die Silben der Worte wild durcheinandergewürfelt werden. Eine Clique, sagt Martínez, sei eine „von einem starken Mann geführte Solidargemeinschaft“. Neunzig Prozent ihrer Einnahmen komme von Schutzgelderpressungen. Je nach Gebiet gebe es wenige reiche und viele arme Cliquen. Die MS-Bande, die den Korridor der Drogentransporte im Norden des Landes beherrscht, habe Geld ohne Ende. Die Clique von Buenos Aires dagegen ist bitterarm: Sie hat gerade eine Buslinie, die sie erpresst, dazu ein paar wenige kleine Geschäfte.

Jeder, der sich einer Mara anschließt, weiß, dass er töten muss und dass er wahrscheinlich getötet werden wird. Trotzdem gibt es keinen Mangel an Nachwuchs. Martínez erklärt dies mit einem Muster, das er „die Dialektik von Aufopferung und Terror“ nennt und das seit vorkolonialer Zeit tief im Volk verankert sei: Schon die den Maya verwandten Völker, die das Gebiet von El Salvador vor der Eroberung durch die Spanier besiedelt hatten, kannten Menschenopfer, und nach allem, was man weiß, leisteten diese keinen Widerstand. Der grausame Tod für ein höheres Gut war konstituierend für die Gemeinschaft. Dieses Motiv sei bis heute präsent. Auch die Guerilla sei im Bürgerkrieg auf Grund dieses fast religiösen Musters so stark gewesen glaubt Martínez: Zwar lag die Überlebenschance eines Guerilleros bei unter fünfzig Prozent, doch der heldenhafte Tod für etwas Größeres zählte mehr als das Leben.

Der Historiker Roberto Turcios nennt ein zweites Grundmotiv, das seit der Unabhängigkeit 1821 die Geschichte des Landes bestimmt: Die Eliten hätten die nationale Identität nie mit Werten, sondern immer über einen angeblich gemeinsamen Feind konstruiert. Das waren zunächst die Indígenas, die mit ihrem Gemeineigentum an Land den Kaffeebaronen im Weg waren. Ihr Gemeineigentum wurde gesetzlich abgeschafft, die landlos gewordenen Indígenas zwang man zur Arbeit auf den Plantagen. Als sie sich 1932 in einem Aufstand erhoben, wurden sie in einem großen Massaker abgeschlachtet. Innerhalb einer Woche haben Soldaten rund 50.000 Indígenas ermordet. Nach Jahrzehnten der Friedhofsruhe wurden dann „die Kommunisten“ der neue Feind: Gewerkschaften und Volksorganisationen, die ein anderes Entwicklungsmodell verfolgten als die Großgrundbesitzer. Der Konflikt eskalierte 1980 in einen zwölfjährigen Bürgerkrieg mit rund 80.000 Toten. „Heute sind die Maras der neue Feind“, sagt Turcios.

Der Anthropologe Martínez sieht die Banden „als Täter und Opfer zugleich“.Die rechten Regierungen hatten auf Maras immer nur mit Repression reagiert und machten die jungen Männer zu Teufeln, als das Problem noch mit Sozialpolitik zu lösen gewesen wäre. Die Banden wurden in den Untergrund gedrängt und dort immer krimineller. In ihren Quartieren werden sie deshalb gefürchtet - und gleichzeitig vor der Polizei geschützt. Es sind eben auch Söhne, Enkel oder Neffen. Die seit 2009 regierende Linke versuchte es zunächst mit geheimen Verhandlungen und erreichte  mit Hafterleichterungen für gefangene Palabreros eine Waffenruhe. Doch als die Vereinbarung öffentlich wurde, ruderte die Regierung zurück; die Waffenruhe hielt nur ein gutes Jahr. Immerhin ist in diesen Monaten die Mordrate drastisch gesunken.

Seither steigt sie um so dramatischer - und die Gewalttaten werden brutaler. Der Auftakt einer endlosen Serie von Massakern war der Überfall einer Clique der 18 auf einen Stadtbus. Am Abend des 20. Juni 2010 wurde der Fahrer an einer Haltestelle in Mejicanos erschossen, die Bandenmitglieder vergossen Benzin im Bus und zündeten es an. Passagiere, die durch eingeschlagene Fenster flüchteten, wurden auf der Straße erschossen. 14 Menschen starben. Die Buslinie kreuzt Territorien von Barrio 18 und von der Mara Salvatrucha. Die Besitzer aber bezahlten nur Schutzgeld an die MS.

Der Wechsel vom Territorium eines Bandenverbandes in das ihrer Feinde ist nicht nur für Busfahrer gefährlich. „Bei uns hat es schon Jahre kein Familienfest mehr gegeben“, sagt Elmer Melara. Sein Vater wohnt im Gebiet der 18 und traut sich nicht ins MS-beherrschte Buenos Aires, der Sohn wiederum wagt es nicht, den Vater zu besuchen. Genauso geht es Onkeln, Tanten und Geschwistern - die Maras haben mit ihrer Herrschaft die traditionelle Sozialstruktur der Großfamilie zerstört.

Bisweilen können selbst Verwechslungen lebensgefährlich sein: Melara hat seine letzte formale Arbeit in einer Textilfabrik am anderen Ende der Stadt aufgegeben, obwohl die wie Buenos Aires im gebiet einer MS-Clique liegt. „Irgend jemand muss denen erzählt haben, ich komme aus einem Gebiet der 18“, vermutet er. Es ist unmöglich, so einen Verdacht richtigzustellen. „Als ich nachts von der Spätschicht auf den Bus ging, hatte ich plötzlich eine Pistole hinten am Kopf.“ Das nächste mal werde er abdrücken, habe eine Stimme hinter der Waffe gesagt. Melara hat nicht einmal gekündigt. Er hat auf seinen letzten Lohn verzichtet und ging nie mehr in die Fabrik.

Das vorläufig letzte Massaker, begangen von einer MS-Clique, fand am 3. März dieses Jahres in San Juan Opico statt. Acht Arbeiter einer Energiefirma setzten in einer ländlichen Gegend Masten für eine Stromleitung. Sie wurden überfallen, gefesselt, gefoltert und erschossen. Auch drei Bauern, zufällige Zeugen des Gemetzels, wurden ermordet. Mutmaßlich hatte die Energiefirma Schutzgeldzahlungen verweigert.

Präsident Salvador Sánchez Cerén, im Bürgerkrieg einer der ranghöchsten Guerilleros, hat die Sicherheitskräfte angesichts solcher Grausamkeiten vor einem guten Jahr aufgefordert, in Zweifelsfall schneller zu schießen. Niemand werde dafür zur Verantwortung gezogen. José Miguel Fortín nennt dies einen „Freibrief“ für außergerichtliche Exekutionen. Der gelernte Psychiater war bis Ende 2015 Chef der Gerichtsmedizin. Seit er zurückgekehrt ist in seine Praxis, redet er frei über seine Erfahrungen.

Das erste nachweislich von der Polizei begangene Massaker fand am 26. März vergangenen Jahres auf dem Landgut San Blas ein paar Kilometer südlich von San Salvador statt. Laut Polizeibericht wurden die Beamten bei einer Streife beschossen und hätten zurückgeschossen. Am Ende waren acht junge Männer tot. Fortín  fasst das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leichen so zusammen: „Alle wurden aus kurzer Distanz von hinten erschossen, mit einem Einschusskanal von oben nach unten im Kopf. Das weist darauf hin, dass die Opfer knieten. So etwas nenne ich eine Exekution.“ Keinem der Toten konnte eine Verbindung zu Maras nachgewiesen werden. Inzwischen untersucht das Büro des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten zwölf von Sicherheitskräften begangene Massaker.

Fortín ist davon überzeugt, dass die Eskalation der Gewalt mit einem anderen „Freibrief“ begann: Am 15. März 1993 veröffentliche eine von der UNO bestellte Wahrheitskommission ihren Bericht über die Verbrechen des Bürgerkriegs. Mehr als neunzig Prozent der darin aufgeführten Grausamkeiten wurden von staatlichen Sicherheitskräften begangen. Am Tag nach der Veröffentlichung erließ das Parlament eine Generalamnestie für alle diese Kriegsverbrechen. „Wenn der Staat ganz offiziell auf die Verfolgung schlimmster Straftaten verzichtet“, sagt Fortín, „dann ist das ein Signal an die Bevölkerung: Wenn du Gerechtigkeit willst, nimm sie selbst in die Hand.“ Und weil über neunzig Prozent der Morde nie aufgeklärt werden, greife man schnell zur Pistole. Waffen gibt es genug im Land: Jahr für Jahr werden mit dem Import von Pistolen und Gewehren zwei Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Fortín will die Gefährlichkeit der Maras nicht herunterspielen, aber er ist davon überzeugt, dass hunderte, wenn nicht tausende Morde nicht von ihnen, sondern „von ganz normalen Bürgern“ begangen werden. Weil sich niemand auf die Polizei verlasse und strafrechtliche Folgen unwahrscheinlich seien, werde jeder Konflikt mit der Waffe geregelt, vom Eifersuchtsdrama über unbezahlte Schulden bis hin zum Nachbarschaftsstreit.

Howard Cotto ist oberster Polizist von El Salvador. In seinen jungen Jahren war er bei der Guerilla. Als nach dem Krieg die paramilitärische Nationalpolizei aufgelöst und eine „Zivile Nationalpolizei“ geschaffen wurde, war er ein neuer Polizist der ersten Stunde. Inzwischen residiert er im Hauptquartier am Rand des Zentrums von San Salvador. Das Gebäude heißt im Volksmund „El Castillo“ und wirkt tatsächlich wie eine Trutzburg, gesichert von Männern und Frauen in schwarzer Uniform, ausgestattet mit schusssicherer Weste und Sturmgewehr. Im Bürgerkrieg war El Castillo ein berüchtigtes Folterzentrum. Heute weist nicht einmal eine kleine Plakette auf diese Geschichte des Gebäudes hin.

„Ich bin nicht Polizist geworden, damit noch einmal das geschieht, gegen das ich in der Guerilla gekämpft habe“, sagt Cotto. Aber man müsse verstehen: „Ich muss meine Institution verteidigen und bis heute ist kein Polizist wegen einer außergerichtlichen Exekution verurteilt worden.“ Natürlich, es gebe interne Untersuchungen. Aber für Straftaten sei die Staatsanwaltschaft zuständig. Der Polizeichef redet sanft und wirbt um Verständnis. „Man hat das Problem der Sicherheit immer bei der Polizei abgeladen“, sagt er. Die Regierung hätten immer nur Repression verlangt und da sei die Polizei sehr effektiv. „Wir haben die Gefängnisse überfüllt und trotzdem hat die Gewalt nur zugenommen.“ Was man brauche, sei Prävention, aber die sei nicht Aufgabe seiner Beamten. „Wir brauchen dazu die Bürgermeister, die Kirchen, die Vereine. Überall, wo es ein funktionierendes Gemeinwesen gibt, gibt es kaum Probleme mit den Maras.“ Ein schlüssiges Konzept aber hat die Regierung nicht. Im Gegenteil. Erst Ende März hat Vizepräsident Oscar Ortiz „noch härtere Monate“ angekündigt. Dass ganze Hundertschaften in Problemquartiere wie Buenos Aires einfallen, „das wird es weiterhin geben“, sagt Cotto. „Und dabei wird es auch Tote geben.“

Für Elmer Melara heißt das: Es wird sich nichts ändern. Er wird sich weiterhin an die ungeschriebenen Gesetze der Mara halten. Er wird nie weiße Turnschuhe tragen und nie eine Baseballkappe mit geradem Schild. Seine Frau wird sich die Haare nie rot färben und die Fingernägel nie schwarz lackieren. „Das ist den Bandenmitgliedern und ihren Frauen vorbehalten“, sagt er. „Verstöße können mit dem Tod bestraft werden.“ Erst recht wird niemand in der Familie die Zahl 18 aussprechen, das ist selbst für Mitglieder der MS ein Todesurteil. Er wird seine Kinder in keine Schule schicken, die im Gebiet der 18 liegen. Nach neun Uhr am Abend wird niemand sein Haus verlassen, wegen der von der MS verhängten Ausgangssperre. Und wenn ein Kind zu später Stunde einen Arzt brauchen sollte, wird Melara keinen zu sich rufen. Er wird mit dem Palabrero telefonieren; der schickt dann seine Jungs und die bringen das Kind aus dem Quartier. Melara wird auch Schutzgeld bezahlen. Sie haben ihn schon besucht und gefragt, wie die Bäckerei so laufe. Sie sagten, sie werden wiederkommen und ihm mitteilen, was er monatlich zu bezahlen habe.

Ein Tag wie viele andere

Am 15. Februar 2016, zu Beginn der Recherchen für diese Geschichte, quoll „La Prensa Gráfica“, die auflagenstärkste Zeitung des Landes, wie so oft über von Berichten über die Morde des Vortags. Eine Zusammenfassung:

Am frühen Morgen greift die Polizei in dem Städtchen Santiago Nonualco in der Provinz La Paz drei junge Männer auf. Die fliehen in die Kirche und werden dort von ihren Verfolgern erschossen. Sie waren zwischen 16 und 20 Jahre alt.

Otilia Shul (40) und ihre Tochter Elizabeth Branco Shul (22) werden am Morgen in Lourdes in der Provinz Sonosonate beim Klauen in einem Gemüsegarten erwischt. Die beiden Frauen werden erschossen.

In San Emigdio (La Paz) werden José Rodolfo Asunción (24) und Edenilson Argueta (26) von maskierten Männern aus ihrem Haus geholt und später mit Schuss- und Stichverletzungen tot aufgefunden. Sie sollen Mitglieder einer Mara gewesen sein. Ein ähnlicher Vorfall spielt sich am Abend in Santa Cruz Michapa (Cuscatlán) ab: Daniel Diaz (24) und Griselda Ortega (28) werden von Maskierten aus ihrem Haus auf die Straße gezerrt und dort erschossen.

In einer Kaffeepflanzung in Jucupa (Usulután) werden die Leichen von zwei 17- und einem 20-Jährigen entdeckt. Ihre Hände sind auf den Rücken gefesselt, sie haben Schussverletzungen von einer Schrotflinte und Stichwunden. Sie waren am Abend zuvor entführt worden. Die Polizei geht von einem Streit zwischen zwei Mara-Cliquen aus.

In San Nicolas Lempa (San Vicente) werden zwei Leichen in einem Brunnen gefunden. Weitere Doppelmorde ohne Beschreibung der genaueren Umstände werden aus Armenia (Sonsonate) und Apopa (San Salvador) gemeldet.

In Alta Vista im Großraum von San Salvador wird eine Frau mit ihrem neun Monate alten Sohn auf dem Arm angeschossen. Die Frau stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus, das Baby überlebt mit Verletzungen.

In den Provinzen Usulután und Sonsonate werden je ein Polizist, in der Provinz San Vicente ein Soldat erschossen. 24 weitere Morde werden summarisch in Ein-Satz-Meldungen erwähnt.

Macht zusammen 46 Morde.

woz, 2.6.2016