In der Stadt der Gestrandeten

Zehntausende illegale Migranten kommen jedes Jahr nach Tecún Umán. Hier ist es einfach, von Guatemala hinüber nach Mexiko zu kommen. Die Gefahr beginnt erst danach. Die Geschichte der Jazmín González, die in Mexiko zur Prostitution gezwungen wurde und schließlich zurückkam nach Tecún Umán. Wie so viele ist sie dort hängen geblieben.

Von Cecibel Romero und Toni Keppeler

Tecún Umán ist die Stadt der Illegalen, der Schmuggler und der Prostitution. 20.000 Einwohner, 14 legale Bordelle und mindestens noch einmal soviele illegale. Jede Straße gleicht einem informellen Markt für Schmuggelware. Alles, was drüben in Mexiko, auf der anderen Seite des Grenzflusses Suchiate, billiger ist als hier in Guatemala, wird feilgeboten. Cornflakes und Tequila, Klamotten und Haushaltswaren, Benzin in Plastik-Kanistern zu einer Gallone. Sogar Statuen der Heiligen Jungfrau Maria. Die Waren kommen herüber, die Illegalen wollen hinüber. Rund 400 Salvadorianer verlassen täglich ihre Heimat, um ohne Visum in die USA zu reisen und dort Arbeit zu suchen. Dazu kommen rund 300 Honduraner und noch einmal soviele Guatemalteken. Die meisten reisen über Tecún Umán.

Bis hierher ist es einfach. Die Grenzen Zentralamerikas sind kein Hindernis, ein Personalausweis genügt. Erst die mexikanischen Grenzer wollen einen Pass mit Visum sehen und deshalb benutzt kaum jemand über die Brücke über den Suchiate, die Tecún Umán mit Ciudad Hidalgo auf der anderen Seite verbindet. Man geht durch den Fluss. Illegale nennt man in Mittelamerika „Mojados“, die Nassen. In Tecún Umán machen sie sich das erste Mal nass.

Jazmín González war eine von diesen Mojados und sie war Prostituierte. Ob sie auch geschmuggelt hat, wer weiß. Zumindest erzählt sie nicht davon. Heute ist sie 34 und aus dem Geschäft. Sie sieht ein paar Jahre älter aus, verlebt. Ihre Haare sind sichtbar blondiert, sie ist ein bisschen zu grell geschminkt. Ihr Leib ist drall; Bluse und Rock sitzen sehr eng. „Wenn Frauen Kinder bekommen, verändert sich ihr Körper“, sagt sie und zupft den Rock ein bisschen tiefer. „Wir sind dann nicht mehr so attraktiv für die Männer.“

Jazmín ist in El Salvador geboren und aufgewachsen, im Barrio Lourdes, einem heruntergekommenen Viertel im Zentrum der Hauptstadt San Salvador, wo sich ganze Familienverbände in einem einzigen Zimmer zusammendrängen; in Häusern, deren Mauern von den vielen Erdbeben rissig geworden sind. Jazmín hat dort die ersten 14 Jahre ihres Lebens bei ihrer Tante verbracht. Zur Schule gegangen ist sie nie.

Es waren die letzten Jahre des Bürgerkriegs. Nach Einbruch der Dämmerung herrschte Ausgangssperre, die Jungs ihrer Clique wurden zwangsrekrutiert. „Da habe ich zusammen mit vier Freundinnen beschlossen, dass wir in die USA gehen.“ Sie erzählt es, als wäre eine solche Entscheidung das normalste auf der Welt und tatsächlich war für arme junge Salvadorianerinnen das damals völlig normal - und ist es auch noch heute. „Wir haben gehört, dass Kindermädchen dort drei oder vier Dollar in der Stunde verdienen und da haben wir eine Rechnung aufgemacht.“ In El Salvador bekamen Fabrikarbeiter damals so viel Geld an einem Tag. „Wir haben alles rosarot gesehen.“

Jazmín ist nicht heimlich abgehauen. Ihre Familie war informiert. Die älteren ihrer sieben Geschwister legten Geld zusammen und bezahlten einen Kojoten. So nennt man in El Salvador die Schlepper, die Illegale in den Norden bringen. „Der hat uns im Bus nach Guatemala gebracht.“ Erst in die Hauptstadt, dann nach Tecún Umán, an den Fluss.

Es war damals so einfach wie heute, hinüber auf die andere Seite zu kommen. Vom offiziellen Grenzübergang an der Brücke geht man nur zweihundert Meter Fluss aufwärts, dann kommt man an die Ablegestelle. Nichts geht hier heimlich von statten. Ein paar Dämme aus Schwemmsand sind in den Suchiate geschüttet, dazwischen schaukeln Dutzende von Floßen im ruhigen Wasser: Aufgepumpte Schläuche von den Reifen großer Lastwagen, darauf ein grober Rost aus Holzlatten.

Diese Floße werden von Männern an einem Seil auf die andere Seite des Flusses gezogen. An den tiefsten Stellen versinken die Schlepper bis zu den Schultern im Wasser. Zehn Menschen passen leicht auf einen Rost. 75 Quetzales - knapp sieben Euro - kostet die Überfahrt pro Fuhre, egal, wieviele Passagiere es sind. Ein Flößer macht an einem normalen Tag - und es geschieht wirklich am hellen Tag und in Sichtweite der Grenzer an der Brücke - drei bis fünf Fahrten. Hinüber bringt er Menschen, zurück in aller Regel Schmuggelware.

Am Ufer warten Packer und schichten Säcke, Kartons und Kannister übermannshoch auf Lastenfahrräder. Ein paar Meter die Böschung hinauf sind die ersten Verkaufsstände aufgebaut: Spielzeug, Haushaltswaren, Kleider. Die ihre Waren anpreisenden Händler werden vom Lautsprecher eines evangelikalen Predigers übertönt, der zwischen vielen Hallelujas das jüngste Gericht ankündigt und zu Buße und Umkehr mahnt. Aber kein Wort davon, dass Schmuggel vielleicht auch Sünde sein könnte.
Auf der staubigen ungeteerten Straße, die von der Anlegestelle hinein ins Städtchen führt, haben zwischen Läden und billigen Bordellen die Geldwechsler ihre Verschläge. Zentralamerikanische Währungen werden in mexikanische Pesos getauscht. Unter dem Tresen lugt griffbereit der Knauf eines Revolvers hervor.

Wer sich die Überfahrt zu 50 Quetzales nicht leisten kann, watet noch einmal hundert Meter weiter Fluss aufwärts zu Fuß durch den Suchiate. Der flache Einstieg wirkt fast wie ein Strandbad. Maya-Frauen schürzen ihre schweren bunten Wickelröcke bis knapp unters Gesäß, Kinder und Jugendliche kichern, Männer steigen aus den Hosen und staksen in Unterwäsche durchs Wasser. Bei weitem nicht alle sind Illegale auf dem Weg in den Norden. Hier spielt sich auch der ganz normale kleine Grenzverkehr von Leuten ab, die kein Visum für Mexiko haben und oft genug nicht einmal einen Pass. Die Mojados erkennt man leichten Gepäck: Ein kleiner Rucksack oder eine Umhängetasche mit Kleidern zum Wechseln und einer Hand voll Dollars. Mehr brauchen sie nicht.

Die Furt durch den Suchiate ist seicht, nur die kleineren versinken bis zur Hüfte. Dafür ist er hier breiter als unten bei der Anlegestelle der Floße. Vielleicht 30 Meter vor dem mexikanischen Ufer ist - als wäre es das Willkommenstor - ein großer Bogen aus Plastikblumen ins Wasser gesteckt, geschmückt mit der rot-weiß-grünen Fahne Mexikos auf der linken und dem Sternenbanner der Vereinigten Staaten von Amerika auf der rechten Seite. Am Ausstieg steht dann eine blumengeschmückte Madonna zwischen den Flaggen von Guatemala und Mexiko und gleich daneben ein großes naives Wandgemälde, das glitzernde Wolkenkratzer zeigt mit einem Düsenflugzeug darüber und der Aufschrift „USA“. Es ist so einfach, hinüber zu kommen nach Mexiko und leicht will man glauben, man sei eingeladen, weiter zu reisen ins gelobte Land.

Auch Jazmín González kam vor zwanzig Jahren ganz leicht hinüber nach Mexiko. Der Coyote brachte sie und ihre Freundinnen bis zum Güterbahnhof in Tapachula, rund zwanzig Kilometer hinter der Grenze. Damals gab es die Straßenkontrollen der Einwanderungsbehörde noch nicht, bei denen die Illegalen aus den Bussen gezogen und zurück zur Brücke nach Tecún Umán gebracht werden. Die Männer von der „Migra“ hören genau, wen sie zu kontrollieren haben: Zentralamerikaner haben nicht den singenden Tonfall der Mexikaner. Wenn sie versuchen, ihn nachzuahmen, wirkt das nur lächerlich.

Am Grenzfluss wäre es leichter, die Illegalen erst gar nicht ans Ufer zu lassen, sondern schnurstracks durchs Wasser zurückzuschicken. Doch daran haben die mexikanischen Behörden kein Interesse. „Die verdienen doch mit am Schmuggelverkehr“, sagt ein Flößer am guatemaltekischen Ufer. Nur manchmal komme die mexikanische Kriegsmarine vorbei und beschlagnahme alles, was sie finden könne. Aber das sei in die Preise schon einkalkuliert. Für die guatemaltekischen Grenzer genüge ein geringes Schmiergeld.

In Tapachula stiegen Jazmín und ihre vier Freundinnen auf den Güterzug, den die Illegalen „La Bestia“ nennen. „Der Coyote sagte, er komme gleich nach, aber wir haben ihn nie wieder gesehen.“ Der Zug fuhr los. „Man muss sich gut festhalten“, erzählt Jazmín. „Dort, wo der Zug langsam fährt, lauern Banden und versuchen, die Frauen von den Waggons zu ziehen.“ An zwei ihrer Freundinnen hätten diese Männer gezerrt. „Sie klammerten sich fest und fielen schließlich zwischen die Gleise. Die ganzen Wagen rollten drüber. Von denen ist nichts übrig geblieben.“ „La Bestia“ verschlingt ihre Passagiere und Jazmín erzählt das ganz ohne Rührung. In ihrer Heimat El Salvador ist der schnelle und grausige Tod alltäglich. Man trauert genauso schnell wie man vergisst und blickt dann wieder fatalistisch nach vorn. „Erst haben wir geweint und wollten uns vom Zug stürzen. Aber dann dachten wir: Für irgend etwas hat Gott uns gerettet.“ Er rettete sie fürs Bordell.

Damals waren die Mojados noch nicht so gut organisiert. Heute unterhält die Migrantenorganisation „Hermanos en el camino“ („Geschwister unterwegs“) eine Internetseite mit vielen Ratschlägen. Für die Fahrt auf „La Bestia“ wird unter anderem empfohlen: „Wenn du in einen Zugwagen einsteigst, mach die Tür nie ganz zu. Leg dich in Tunneln auf den Boden, unten gibt es mehr Luft zum atmen. Nimm Handschuhe oder Tücher für die Hände mit. An kalten Tagen und in Tunneln wird das Eisen der Güterwaggons sehr kalt.“ Und über die Coyoten: „Trau nie einem Schlepper. Er kann dich einem anderen Coyoten übergeben oder dich an die Einwanderungsbehörde ausliefern. Und er kann dich entführen. Gib einem Schlepper nie die Telefonnummer deiner Familie.“

Trotz solcher Warnungen werden nach Schätzungen des Büros des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten in Mexiko pro Jahr mindestens 20.000 illegale Migranten entführt. Viel zu holen ist bei den Angehörigen nicht. Die warten ja selbst nur darauf, dass ihr Verwandter sich in die USA durchschlägt, dort eine Arbeit findet und dann Geld zum Überleben nach Hause schickt. Illegale Arbeitskraft ist das bei weitem wichtigste Exportprodukt aller zentralamerikanischen Ländern mit der einzigen Ausnahme Costa Rica. Aber ein paar hundert Dollar können sich selbst die Armen zusammenleihen und für die Entführer macht es die Masse.

Neuerdings versuchen auch Drogenmafias, die Mojados zu rekrutieren und ihnen kurz vor der Grenze zu den USA ein paar Pfund Kokain in den Rucksack zu stecken, die sie dann auf der anderen Seite wieder abzugeben haben. Es ist nicht ratsam, sich zu verweigern. Ende August vergangenen Jahres wurden in dem Dorf San Fernando im Norden von Mexiko auf einem Landgut 72 gefolterte und dann erschossene Wanderarbeiter entdeckt. Sie waren von einer Drogenbande entführt worden und hatten es abgelehnt, Kurierdienste zu übernehmen.

Besonders gefährdet sind Frauen. Sechs von zehn werden auf ihrem Weg durch Mexiko vergewaltigt.

Jazmín González und ihre beiden Freundinnen waren nicht lange allein. In einer Station irgendwo im Bundesstaat Tehuantepec bot sich ein neuer Schlepper an und die Mädchen dachten, in Begleitung eines Mannes seien sie vielleicht sicherer. „Aber das war gar kein Coyote. Er hat uns an ein Bordell in Tabasco verkauft.“ Und weil die Bordellmutter für sie bezahlt hatte, mussten sie erst einmal die Investition hereinarbeiten. „Die Kunden bezahlten nicht uns, sondern sie. Wir haben nie auch nur einen Heller gesehen.“ Selbst das Essen und die Kleider wurden auf ihre Rechnung gesetzt und die wurde nie geringer. „Wenn wir geflohen wären, hätten wir betteln müssen. Und das in unseren engen Minikleidern und auf Stöckelschuhen. Etwas anderes zum Anziehen hatten wir ja nicht.“

Nach acht Monaten haben sie es trotzdem getan. „Wir wollten einfach nur noch nach Hause.“ Aber sie kamen nur bis Tapachula. Als hätten sie nichts gelernt, ließen sie sich auch dort von einem angeblichen Schlepper aufgreifen und der brachte sie wieder in ein Bordell. „Zwei Jahre lang haben wir unsere Schulden abgearbeitet“, sagt sie: „Unsere Schulden.“ Sie hat längst akzeptiert, dass das Leben nun einmal so ist und sie die Verantwortung für Taten übernehmen muss, deren Opfer sie geworden ist. Erst als sie sich selbst endlich freigearbeitet hatte, ist sie über die Grenze gegangen nach Tecún Umán. „Ich war 17 und meine erste Tochter kam zur Welt. Ich habe keine Ahnung, wer ihr Vater ist.“

Eigentlich wollte sie nach der Geburt weiterreisen nach El Salvador. Sie rief zu Hause an, damit man ihr Geld schicke für den Bus. „Die haben längst geglaubt, ich sei tot.“ Und trotzdem löste ihr Anruf keine Freude aus. „Mein Vater wollte nichts mehr mit mir zu tun haben, weil ich eine uneheliche Tochter hatte.“ Sie blieb in Tecún Umán und ging wieder ins Bordell, diesmal nach einem eigenen Entschluss. „Was sollte ich denn sonst tun?“ Sie hatte nichts gelernt und das Kind brauchte Windeln und Milch.

Für Norma Licia Moreno ist so eine Geschichte Alltag. Die Nonne gehört zum Orden der „Oblaten-Schwestern des heiligsten Erlösers“, der sich in Tecún Umán um die Prostituierten kümmert. „Wir haben mit 500 bis 700 Frauen Kontakt, die alle schon eine Weile im Geschäft sind“, sagt sie. Wie viele es genau sind, könne sie nicht sagen. „Oft sind sie in verschiedenen Bordellen unter verschiedenen Namen registriert. Sie haben gefälschte Personalausweise, aber die sind hier leicht zu haben.“ Die Papiere müssen bei regelmäßigen Untersuchungen im Gesundheitszentrum vorgezeigt werden - eine Voraussetzung für die Lizenz zur Prostitution.

Die meisten dieser Frauen kommen aus El Salvador und Honduras, sagt die Nonne. Ein paar auch aus Nicaragua und auch aus Guatemala selbst. „Neunzig Prozent erzählen uns, sie täten es, um ihre Kinder durchzubringen.“ Meist wurden die Kleinen zu Hause bei Verwandten zurückgelassen und die erwarten, dass regelmäßig Geld kommt. Wenn nicht aus den USA, dann eben aus dem Bordell. „Die Frauen trinken und nehmen Drogen und schicken irgendwann kein Geld mehr nach Hause. Dann machen die Verwandten Druck.“ Es gebe hier Prostituierte, die seien schon weit über vierzig.

Jazmín González hatte Glück. Sie lernte beim Check im Gesundheitszentrum einen älteren Herrn kennen, fast vierzig Jahre älter als sie. Der nahm dort im Labor die Blutproben entgegen. „Dem war es egal, dass ich Prostituierte war. Wir haben geheiratet und ich habe noch einmal zwei Kinder mit ihm.“ Fast eine Pretty-Woman-Geschichte, nur eben auf sehr viel niedrigerem Niveau. Der zukünftige Gatte kam nicht wie Richard Gere in der Stretchlimousine zur billigen Nutte, um seinen Antrag zu machen, er kam auf einem klapprigen Fahrrad. Und Jazmín war nicht so schlank wie Julia Roberts. Aber sie kam heraus aus dem Bordell.

Ihre Heimat El Salvador hat sie nie wieder betreten. Als sich ihr Vater zur Hochzeit anmeldete, hat sie ihn an der Grenze abgeholt. Frisch verheiratet ging sie zum ersten Mal in die Schule. In der selben Klasse wie ihre älteste Tochter lernte sie lesen und schreiben. „Meine Kinder wissen, dass ich Prostituierte war“, sagt sie. „Ich habe es ihnen erzählt; als Warnung, dass sie ihr Leben nicht wegwerfen.“ Das sei doch kein Leben: durchgemachte Nächte, schlechtes Essen, viel Alkohol und stinkende Freier. „Ich könnte heute Ärztin sein, Akademikerin.“ Bei ihrer Herkunft ist das nicht mehr als ein schöner Traum. Kinder aus den Armenvierteln Zentralamerikas haben solche Chancen nicht. Ihr anderer Traum ist schon realistischer: „Ich würde gerne eine Ausbildung als Krankenschwester machen, aber dazu bräuchte ich ein Stipendium.“

Immerhin hat sie einen Job. Sie, die erst spät lesen und schreiben gelernt hat, arbeitet heute in einem Alphabetisierungsprogramm für Erwachsene und verdient damit umgerechnet knapp 45 Euro im Monat. Ihr Mann, inzwischen 73 Jahre alt, nimmt im Labor des Gesundheitszentrums noch immer die Blutproben entgegen. Ihr Vater ist bei ihr geblieben. Er hatte einen Schlaganfall und ist bettlägrig. „Wenn die Sonne scheint, tragen wir ihn manchmal hinaus in den Hof. Es wäre einfacher, wenn wir uns einen Rollstuhl leisten könnten.“

Jazmín wohnt im Stadtviertel Caserío Jobo, unten am Grenzfluss Suchiate. Manchmal geht sie an seinem Ufer spazieren. Hinüber auf die andere Seite will sie nicht mehr. Und schon gar nicht in die USA, in die sie vor zwanzig Jahren aufgebrochen und wo sie nie angekommen ist. „Ich würde höchstens hingehen, um eine Bombe zu legen“, sagt sie. „Die locken uns doch nur mit falschen Versprechungen.“ Ihre Heimat ist heute Tecún Umán. Sie ist Guatemaltekin geworden, mit ganz legalen Papieren, aus tiefer Überzeugung: „Guatemala war gut zu mir.“

taz, 3.9.2011