Von den Gefahren im Alltag

Wie der 26-jährige Josué Arturo López in El Salvador durch einen ganz normalen Arbeitstag in der Hauptstadt kommt.

Protokoll: Cecibel Romero

„Ein normaler Tag von mir beginnt sehr früh: Um 4:20 Uhr läutet der Wecker. Meine Kleider liegen schon bereit, ich bügle sie am Abend zuvor, um nicht noch früher aufstehen zu müssen. Um 5 Uhr gehe ich aus dem Haus. Ich habe zehn Minuten zu Fuß bis zur nächsten Bushaltestelle. Manchmal kommt gleich ein Bus, manchmal muss ich in der Dunkelheit warten. Um diese Zeit ist es noch Nacht in San Salvador. Die Gegend, in der ich wohne, gehört zum Einflussbereich der Mara Salvatrucha, einer gefährlichen Jugendbande. Aber um diese Zeit sind ihre Mitglieder noch nicht unterwegs. Höchstens ein verschlafener Typ, der dich um einen Dollar für einen Schluck Schnaps anbettelt. Ich wohne noch nicht lange in San Jacinto, einem alten Stadtviertel in der Nähe des Zentrums. Bislang ist mir noch nichts passiert. Das mag daran liegen, dass ich schon vorher in einem Viertel gewohnt habe, das von der selben Mara kontrolliert wird und sie mich kennen. Aber man weiß nie.

Um sechs Uhr fange ich mit der Arbeit an. Ich arbeite in einem Café, das auch Essen für Firmen und Feste ausliefert, und bin dort eigentlich für alles zuständig. Zuerst helfe ich meinen Kolleginnen beim Bedienen der ersten Gäste. Lächeln ist Pflicht, auch wenn man sich mit Problemen herumschlägt. Wenn der Ansturm des Frühstücks bewältigt ist, helfe ich in der Küche. Ich bin dort für Backwaren zuständig: Brot, Kuchen, Torten, aber auch salziges Gebäck mit Fleischfüllung. Und weil ich der einzige Angestellte bin, der einen Führerschein hat, übernehme ich auch die Auslieferung und den Einkauf mit einem Lieferwagen. Oft stehe ich dabei stundenlang im Stau, in der tropischen Hitze, und der Wagen hat keine Klimaanlage. Der Verkehr wird immer schlimmer. Es werden zwar immer wieder neue Stadtautobahnen gebaut, aber die Zahl der Autos wächst schneller als die Straßen.

Üblicherweise bin ich nachmittags um vier mit der Arbeit fertig. Um diese Zeit brauche ich eineinhalb Stunden für den Heimweg, obwohl das nur rund drei Kilometer sind. Man muss durchs Zentrum von San Salvador und dort verhaken sich Busse und Autos ineinander und man steht einfach nur und wartet. Das Zentrum ist mir unangenehm. Dort werden Busse am häufigsten überfallen, am hellen Tag. Ich verstecke mein Geld immer in den Socken. Vor einem Jahr bin ich an einer Bushaltestelle überfallen worden, nach Einbruch der Dunkelheit. Es ging gut, sie haben mir nur das Mobiltelefon weggenommen.

Am Abend koche ich für mich und plaudere mit der Familie. Ich sehe wenig fern und gehe lieber früh ins Bett. Ich wohne bei einem Onkel, seiner Frau und ihren vier Kindern. Ich habe lange mit einer Frau zusammen gelebt, der Mutter meiner Tochter. Die kam zur Welt, als ich dreizehn Jahre alt war. Damals habe ich auf dem Markt gearbeitet und habe Kisten und Säcke mit Waren geschleppt. Dort habe ich auch meine Partnerin kennengelernt. Es ging lange gut und dann nicht mehr. Meine Tochter war die Freundin von einem von der Mara Salvatrucha und ich war damit nicht einverstanden. Ich hatte den Eindruck, dass ich ernste Probleme bekommen könnte, wenn ich in dem Haus bleiben würde.

Am Samstag arbeite ich nur von sieben Uhr bis zum Mittag. Am Nachmittag wasche ich meine Klamotten, repariere im Haus, was repariert werden muss, und mache ein bisschen Gymnastik. Liegestütze und so, alles drinnen. Ich habe auch ein Fahrrad, aber ich will damit nicht herumfahren. Ich habe Angst, dass sie es mir rauben. Es gibt im Viertel noch immer Leute, die stehen den ganzen Samstag nachmittag in der Tür und beobachten, was auf der Straße so alles vor sich geht. Ich mache das nie. Ich will keine Probleme mit den Jugendbanden haben. Die sagen immer: „Sehen, hören und schweigen.“ Ich will erst gar nichts sehen. Jeder Blick kann falsch verstanden werden und dann hast du Probleme.

Sonntags kaufe ich alle 14 Tage das Essen für die ganze Familie auf dem Markt. Das ist gewissermaßen die Miete, ein Ausgleich dafür, dass mein Onkel und seine Familie mich aufgenommen haben. Darüber hinaus habe ich nur wenige Ausgaben. Ich verdiene 300 Dollar im Monat und komme damit zurecht. Zu meiner Tochter und ihrer Mutter habe ich keinen Kontakt mehr. Sie haben die Nummern ihrer Mobiltelefone geändert und ich will nicht dorthin, wo sie wohnen. Da habe ich Angst. Erst vor kurzen hat die Jugendbande dort einen 15-Jährigen umgebracht, mit dem ich befreundet war, als ich noch dort wohnte. Niemand weiß, warum er ermordet wurde. So etwas kommt oft vor in diesem Land.“

Publik Forum 12/2018