Wer einreist, ist einfach da

Lange hat der informelle Arbeitsmarkt die lateinamerikanische Flüchtlingskrise entschärft und Migranten aus Venezuela einfach aufgesogen. Jetzt scheint er gesättigt zu sein. Die Aufnahmeländer fordern internationale Hilfe.

Von Toni Keppeler

Die Bilder erinnern an die „Balkanroute“ im Sommer 2015: Straßen mit nicht enden wollenden Trecks von Flüchtlingen, bepackt mit Koffern, Rucksäcken, kleinen Kindern. Auch ein paar Alte, müde geworden vom langen Marsch, werden getragen. „Wir nähern uns einer Krise, wie wir sie in anderen Weltgegenden, etwa im Mittelmeerraum, schon gesehen haben“, sagt Joel Millman, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration. Millman spricht von den 2,3 Millionen Venezuelanern – rund sieben Prozent der Bevölkerung – sie seit 2014 ihre Heimat verlassen haben. Allein in den vergangenen zwei Jahren waren es 1,6 Millionen. Das sind weniger, als vor dem Krieg in Syrien geflüchtet sind. Für die Aufnahmeländer aber sind es im Verhältnis zur eigenen Bevölkerung mehr, als Deutschland in jenem Sommer 2015 aufgenommen hat, in dem Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet hatte: „Wir schaffen das!“

Inzwischen schottet sich Europa ab, bezahlt die Regimes in der Türkei oder Libyen dafür, dass sie den reichen Ländern Flüchtlinge vom Leib halten, Italien lässt aus Seenot gerettete Migranten nicht mehr an Land. Aus Lateinamerika, wo die Zahl der Flüchtlinge aus Venezuela weiterhin stetig steigt, hörte man lange keine Klage. Die Grenzen sind nach wie vor offen, und das, obwohl so gut wie alle, die sie überqueren, in Europa abschätzig „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt und wieder zurückgeschickt würden. In Lateinamerika aber spricht man angesichts der verheerenden Engpässe an Lebensmitteln und Medikamenten in Venezuela von einer „humanitären Krise“ und fühlt sich zu Hilfe verpflichtet.

Nur die Regierungen von Ecuador und Peru haben Ende August von den Flüchtlingen kurzfristig einen Pass zur Einreise verlangt, wurden dann aber schnell von Gerichten zurückgepfiffen. Ecuador kennt in seiner Verfassung eine „universelle Staatsbürgerschaft“ und das bedeutet, dass jede und jeder einreisen darf und dafür keine Papiere braucht. In Peru wird Humanität höher bewertet als Grenzschutz, die Behörden wurden angewiesen, ältere Migranten, schwangere Frauen und Kinder und ihre Begleitung – also so gut wie alle Flüchtlinge – ins Land zu lassen.

Reiche Venezuelaner setzen sich in der Regel mit dem Flugzeug nach Spanien ab. Seit dem Beginn der Krise 2014 sind dort rund 200.000 angekommen. Im vergangenen Jahr stellten sie mehr Asylanträge als alle Afrikaner zusammen. Die Mittelschicht und die Armen aber reisen zu Fuß oder mit dem Bus, zunächst ins benachbarte Kolumbien. Rund die Hälfte – inzwischen über eine Million – ist dort geblieben. Die anderen ziehen weiter, vor allem nach Ecuador (etwa 400.000), Peru (ebenfalls rund 400.000) und Chile (über 200.000). Ein paar Tausend kamen bis Argentinien. Probleme mit der Integration hörte man bislang nur aus Brasilien, über dessen Grenze mit Venezuela im Dschungel bislang weniger als 50.000 Flüchtlinge gekommen sind. Mitte August wurde dort ein Zeltlager von Venezuelanern niedergebrannt, am vergangenen Wochenende soll ein bei einem Diebstahl ertappter Flüchtling gelyncht worden sein.

Dass es ausgerechnet im größten und bevölkerungsreichsten Land mit den wenigsten Flüchtlingen zu vereinzelten Gewaltexzessen kam, führen lokale Kommentatoren auf die ausländerfeindliche Hetze rechter Kandidaten für die Präsidentschaftswahl Anfang Oktober zurück. Für einen aufgewiegelten Mob sind Venezuelaner leicht zu erkennen: Sie sprechen Spanisch, in Brasilien spricht man Portugiesisch.

Überall sonst in Lateinamerika hat die Integration lange weitgehend problemlos geklappt. Dies liegt zunächst einmal daran, dass keines der Aufnahmeländer einen bürkratischen Apparat aufgebaut hat, der Flüchtlinge – nach welchen Kriterien auch immer – in „berechtigte“ und „unberechtigte“ scheidet, um möglichst viele zurückzuweisen. In der Regel genügt ein Personalausweis zum Grenzübertritt. Und weil die Behörden wissen, wie schwer es derzeit in Venezuela ist, an gültige Papiere zu kommen, wird oft nicht einmal dieses Dokument verlangt. Wer einreist, ist einfach da. Es gibt keine Sammellager, keine Unterkünfte mit Residenzpflicht. Es gibt aber auch keine Hilfe. Migranten aus Venezuela sind auf sich selbst gestellt.

Zunächst kam ihnen dabei etwas entgegen, was gemeinhin als Schwäche der Volkswirtschaften Lateinamerikas gilt: Ein riesiger informeller Sektor, in dem in den ärmeren Landern des Subkontinents bis zur Hälfte des Bruttoinlandprodukts erarbeitet wird. Das sind Firmen und Werkstätten aller Art, die nirgendwo registriert sind und die auch keine Steuern bezahlen, ambulante Händler, Restaurants oder Agrarbetriebe, die Arbeiter brauchen. Niemand fragt nach Papieren. Wer sich die über 6.000 Kilometer lange Reise von Venezuela nach Chile vorgenommen hatte, machte immer wieder ein paar Tage oder Wochen Pause, um Geld zu verdienen. Unterkunft fanden viele Migranten in den Armenvierteln der Städte, wo eine Hütte aus Holz und Wellblech in wenigen Stunden zusammengezimmert ist und niemand nach einer Erlaubnis fragt. Und weil Venezuelaner wie alle anderen (außer den Brasilianern) Spanisch sprechen und aus ähnlichen Verhältnissen kommen, gibt es weder Sprachprobleme noch kulturelle Missverständnisse.

Lange konnte dieser informelle Arbeitsmarkt die Migranten einfach aufsaugen. Jetzt scheint er an seine Grenzen gekommen zu sein. Vor allem in Kolumbien müssen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland immer schlechter bezahlte Arbeit annehmen, wenn sie überhaupt etwas verdienen wollen. Das führt zu Konflikten mit Einheimischen, die auf dem gesetzlich garantierten Mindestlohn bestehen und dann von Zuwanderern unterboten werden. In den Großstädten wurden einheimische Prostituierte von billigeren Venezuelanerinnen verdrängt – was die zunehmende Not der Flüchtlinge zeigt. Ecuador hat in diesem Monat Zeltlager in Grenznähe eingerichtet, in denen Migranten mit Essen versorgt werden. Kostenlose Busse transportieren die Flüchtlinge von der Grenze mit Kolumbien zu der mit Peru.

Erst Anfang September schlugen die Regierungen der Aufnahmeländer Alarm. Bei einem Treffen in Ecuadors Hauptstadt Quito forderten sie die Unterstützung der Uno-Flüchtlingshilfe und internationaler Entwicklungsagenturen. Venezuelas Präsident Maduro forderten sie auf, endlich humanitäre Hilfe ins Land zu lassen, um die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu verbessern. Maduro war zwar auch eingeladen, blieb dem Treffen aber fern. In einer Regierungserklärung aus Caracas heißt es, es gebe keine Flüchtlingskrise, die „Migrationsbewegungen sind normal“. Diosdado Cabello, Vorsitzender der verfassungsgebenden Versammlung und zweitmächtigster Mann hinter Maduro, nannte die Bilder von den Flüchtlingstrecks „Fotomontagen“.

Trump und die Putschisten

Präsident Nicolás Maduro hat es oft behauptet, aber nie Beweise vorgelegt. Jetzt gab ihm die „New York Times“, die gewiss keine Nähe zur Regierung Venezuelas hat, recht. In der Ausgabe vom vergangenen Sonntag enthüllte die Zeitung geheime Treffen zwischen Abgesandten von US-Präsident Donald Trump und Offizieren der venezuelanischen Armee, bei denen über einen Militärputsch gegen Maduro gesprochen wurde. Die Treffen fanden zwischen dem Herbst vergangenen Jahres und diesem Frühjahr statt, der Putsch sollte zuerst im März stattfinden und wurde dann auf den 20. Mai verlegt – dem Tag, an dem Maduro wiedergewählt wurde. Auch das zweite Datum verstrich tatenlos, danach wurden mindestens zwölf der Verschwörer verhaftet. Man habe von den US-Amerikanern lediglich verschlüsselte Funkgeräte zur besseren Vorbereitung des Putschs haben wollen, sagte einer der Verschwörer der „New York Times“. Aber nicht einmal diese habe man bekommen. Trumps Abgesandte wollten anscheinend nur wissen, was da läuft.

woz, 13.9.2018