Wider die überflüssigen Dinge

Über Shopping Malls und Konsumismus, einen neuen hedonistischen Faschismus und marktkonforme Demokratie, – und was dagegen zu tun ist. Ein Essay.

Von Toni Keppeler

Am Morgen, wenn die Millionenstadt erwacht und die U-Bahnen sich überfüllen, kommen nicht nur die Angestellten in Anzug und Krawatte oder dezentem Kostüm aus den Mittelklasse-Vierteln ins Zentrum von Santiago de Chile. Auch schlecht gekleidete Leute drängen sich in den Zügen. Sie kommen von weit draußen, vom Stadtrand, wo die Mietskasernen an heruntergekommene Plattenbauten aus Sowjetzeiten erinnern oder nur noch Hütten aus Holz an ungeteerten Wegen mit großen Pfützen stehen. Sie tragen in Tücher zusammengefasste Bündel auf dem Rücken.

Ihr Ziel sind die großen glitzernden Shopping Malls. Dort breiten sie auf dem Bürgersteig ihre Tücher und darauf die mitgebrachten Sachen aus. Sie verkaufen Kappen, Schulhefte, Buntstifte, manche auch Süßigkeiten oder einfach nur Wasser. Sie rufen den ganzen Tag ihre Waren aus. Am Abend, bevor sie wieder in den Schacht der U-Bahn hinabsteigen, gehen sie noch schnell in die Shopping Mall und geben einen Teil ihrer schmalen Tageseinnahmen bei einem Hamburger-Bräter oder einem Pizza-Service aus. Sie sind vorbildliche Chilenen: selbständige Unternehmer, um die sich der Staat nicht kümmern muss. Und sie sind Konsumenten. Wenn ihr Bares zur Neige geht, bezahlen sie mit einer Kreditkarte.

Man hat es längst vergessen: Nicht das Britannien unter Margaret Thatcher und auch nicht die USA unter Ronald Reagan waren das Geburtsland des Neoliberalismus. Es war das Chile unter dem Diktator Augusto Pinochet, wo Milton Friedman, der marktradikale Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisgewinner aus Chicago, im Schutz der Gewehre der Militärjunta zum ersten Mal seine Theorie in die Praxis umsetzte. Man nannte seine nach Chile geschickten Schüler die „Chicago-Boys“ und sie krempelten das Land gründlich um. Sie schlossen Fabriken, privatisierten Staatsbetriebe, Straßen, Krankenhäuser, Schulen und Universitäten. Sie öffneten die Zollgrenzen für billige Importe. Es war das erste neoliberale Schockprogramm der Geschichte. Die Militärs zerschlugen derweil die Gewerkschaften.

Zum Trost baute man Shopping Malls für die Chilenen. So wurden aus einer solidarischen Arbeiterbewegung innerhalb weniger Jahre vereinzelte Konsumenten. Die Shopping Mall wurde zum Ort, an dem die aus der Niederlage erwachsenen Frustrationen versüßt hinuntergewürgt werden konnten. Und damit dies auch gewährleistet war, bot man jedem Chilenen an, was vorher nur die Superreichen hatten: eine Kreditkarte. Dass Konsumschulden Abhängigkeiten schaffen gegenüber Finanzkapitalisten – den eigentlichen neuen Herren des Landes – war kein Nebeneffekt, sondern durchaus erwünscht. In der aus siebzehn Jahren Diktatur geborenen neuen Spielart einer „Demokratie“ war dann die Wahlfreiheit zur freien Auswahl unter endlos vielen Waren geworden. So ist es kein Wunder, dass der einzige rechte Präsident Chiles seit Pinochet mit Sebastián Piñera ein Mann war, der erst als Investmentbanker und dann als Kreditkartenkönig Lateinamerikas zum Multimilliardär geworden ist.

Diesen Zustand einer Gesellschaft hat der italienische Poet, Literat und Filmemacher Pier Paolo Pasolini in seinen in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre meist im Corriere della Sera publizierten und später in den „Freibeuterschriften“ zusammengefassten Essays beschrieben, bevor er richtig Wirklichkeit geworden ist. Pasolini dachte dabei nicht an Chile, sondern an Italien und ahnte wohl, was auf Europa zukommen würde. Er beschrieb dabei das, was er „Konsumismus“ nannte, als eine neue Form des Totalitarismus, der „die Entfremdung bis zur äußersten Grenze der anthropologischen Degradierung“ treibe. In der Konsumgesellschaft werde die Kultur des einzelnen zerstört: „Es ist klar, dass überflüssige Dinge das Leben überflüssig gemacht haben.“

Pasolini nannte dies einen „neuen“, einen „hedonistischen Faschismus“, der im Gegensatz zu seiner brutalen althergebrachten Variante die Menschen nicht mehr verfolge, foltere und liquidiere – allenfalls in Ausnahmefällen. (Selbst die chilenischen Militärs waren nur in den Jahren vor dem neoliberalen Schock richtig brutal und danach im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Diktaturen verhältnismäßig unblutig.) Dieser „neue Faschismus“ ist nicht mehr dumpf, sondern glitzernd, freundlich, verführerisch. Aber – so Pasolini – er „schaltet mit seiner Diktatur des Konsums die Körper und Köpfe gleich“ und liquidiere so die Menschlichkeit.

Man mag sich an dem Begriff „Faschismus“ für diesen Zustand einer Gesellschaft stören. Der Sozialphilosoph Herbert Marcuse hat das Phänomen schon zehn Jahre vor Pasolini auf den Begriff der „repressiven Toleranz“ gebracht und erst jüngst nannte der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco Berardi in seinem 2015 auf deutsch erschienenen Buch „Der Aufstand“ diesen Zustand „eine Art kapitalistischen Absolutismus“.

Im Grund meinen sie alle dasselbe: Eine vom Finanzkapital gesteuerte und vom Konsumwahn geprägte Gesellschaftsordnung, in der Politik so lächerlich sinnlos geworden ist, dass sich ihre Botschaften auf weniger als 140 Anschlägen in so genannte soziale (!) Netzwerke versenden lassen. Man nennt das dann „Mediendemokratie“. Wo sie hinführt, konnte erst jüngst bei der Brexit-Abstimmung in Britannien studiert werden.

Die Zukunft der Welt, will man weismachen, liege in der grenzenlosen Freiheit der Information, im endlosen Raum des Internets. Die dazugehörenden Konzerne – Apple, Google, Facebook oder Netflix – gelten entsprechend als Zukunftsbranche. Man versucht, darüber vergessen zu machen, dass diese schöne neue körperlose Welt nur möglich ist, weil anderswo, versteckt in der in Europa gern ignorierten armen Welt, Menschen geschunden werden.

Mobiltelefone, Tablets und Laptops werden in China unter bisweilen im Wortsinn mörderischen Arbeitsbedingungen montiert. Das dafür nötige Coltan wird unter noch viel grausameren Umständen im Herzen Afrikas aus dem Boden gekratzt. Die lässigen T-Shirts der Milliarden schweren jugendlichen Zukunftskonzernchefs werden in regelmäßig einstürzenden Schwitzbuden in Bangladesch genäht, ihre schicken Sportsneakers in stickigen Fabrikhallen in Vietnam. Der hässliche Manchester-Kapitalismus lebt weiter; noch viel hässlicher, als ihn Friedrich Engels in seiner Studie über „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ und Charles Dickens in „Oliver Twist“ beschrieben haben. Dieser elende dreckige Kapitalismus ist die Grundlage unserer glitzernden marktkonformen Konsumdemokratie.

Pasolini glaubte schon vor über vierzig Jahren, dass der Konsumismus in den Körpern und Köpfen der davon befallenen Massen eine Eigendynamik entwickelt habe, die „unaufhörlich“ und „unaufhaltbar“ sei. Rettung kann deshalb nur von außen kommen. Pasolini suchte sie damals im Ländlichen, im Bäuerlichen. Dort hoffte er, noch etwas Ursprüngliches, Unverfälschtes, Echtes zu finden. Aber die Landwirtschaft in den reichen Ländern ist längst industrialisiert und durchrationalisiert, ihre Produkte sind der Finanzspekulation unterworfen. Man muss also anderswo suchen, in Regionen, die noch in geringerem Ausmaß von der Logik des Konsums durchdrungen sind.

In Bolivien etwa, dem nördlichen Nachbarn von Chile, dem ärmsten Land Südamerikas. Dort findet man auf den Märkten zwar auch schon chinesische Ramschware, aber trotzdem hat Bolivien eine ganz eigene Ursprünglichkeit bewahrt. Von dort, von den Völkern in den Hochlagen der Anden, hat ein uralter Begriff jetzt Europa erreicht, der den von Pasolini so genannten „hedonistischen Faschismus“ konterkariert. Er heißt „suma qamaña“ in Aymara, „Sumak kawsay“ in Quechua, „buen vivir“ auf Spanisch und auf Deutsch „das gute Leben“.

Was dieses „gute Leben“ ist, erklärt der Bauer Silverino Emamani aus dem Dorf Compi am Titicaca-See so: „Mein Vater war glücklich, wenn er Tiere hatte – einen Esel und eine Kuh vielleicht, ein paar Schweine und ein paar Hühner. Und wenn das Haus nach der Ernte voll war mit Vorräten. Das war für ihn das gute Leben.“ Für den Sohn ist es ein bisschen mehr: Er hat Strom in seinem Häuschen unweit des Ufers, einen Kühlschrank und ein Transistorradio. Und vor allem: Er hat einen Nachen, mit dem er zum Fischen hinausrudert auf den See. Das erweitert den Speißeplan zu Hause. Silverino Emamani ist ein zufriedener Mann.

Man muss nicht zurück zu dieser Bescheidenheit der bloßen Subsistenz. Aber man muss hin zu einer Konzentration aufs Wesentliche. Das bricht mit der Logik des Konsumismus. Pasolini es nannte dies eine „Kultur der Armut“ und dachte dabei nicht an ein Leben in Elend, Hunger und Darben, sondern an eine Kultur, „in der die lebensnotwendigen Dinge Bedeutung haben“. Was für den aus der Kommunistischen Partei Italiens ausgeschlossenen bekennenden Kommunisten wahrer Kommunismus war, schrieb er im Entwurf zu einem bäuerlichen Gedicht: „Lasst uns umkehren! Es lebe die Armut! Es lebe der kommunistische Kampf für die lebensnotwendigen Dinge!“

Kunst und Kultur 4,5/2016