Zwanzig Jahre Propagandakrieg

Warum in Kolumbien aus der militärisch-politischen Guerilla-Organisation Farc in der öffentlichen Meinung eine wild um sich schießenden Bande von Drogenhändlern geworden ist.

Von Toni Keppeler

Die Parlamentswahl in Kolumbien vom 11. März war für die Farc eine Katastrophe. Die Präsidentschaftswahl vom kommenden Sonntag ist schon jetzt eine noch viel größere: Die Linkspartei hat nicht einmal einen Kandidaten. Genau 52.532 Stimmen hat sie bei der Senatswahl erhalten, bei der am selben Tag stattfindenden Parlamentswahl waren es 32.636 – in einem Land mit einer Bevölkerung von 50 Millionen. Der Bruchteil eines Prozents. Die Farc kann froh sein, dass der Friedensvertrag vom November 2016, der einen über fünfzigjährigen Krieg beendet hat, ihr unabhängig vom Ergebnis fünf Sitze im Senat und fünf weitere im Parlament in dieser und in der nächsten Legislaturperiode zuspricht.

Natürlich: Die Voraussetzungen waren schlecht. Schon Anfang Februar hatte die Farc den Wahlkampf eingestellt, weil zuviele ihrer Mitglieder ermordet und zuviele ihrer Veranstaltungen angegriffen worden waren. Anfang März erlitt ihr Präsidentschaftskandidat und ehemals höchster Kommandant Rodrigo Lodoño einen schweren Herzanfall. Die Farc zog ihn als Kandidaten zurück und ernannte keinen neuen.

„Wir haben einen schlechten Ruf“, sagte die ehemalige Farc-Kommandantin Manuela Marín vor der Wahl. „Wir müssen zuerst das Vertrauen der Menschen gewinnen und das wird ein schwieriger und langer Prozess.“ Die Umbenennung unter dem selben Kürzel – „Farc“ bedeutet heute nicht mehr „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ sondern „Alternative revolutionäre Kraft des Gemeinwohls“ – sollte den Eindruck verbessern. Für viele Kolumbianer aber sind Farc-Mitglieder schlicht „narcoterroristas“ – „Drogenterroristen“.

Sicher: Die Farc hat sich als Guerilla über Entführungen und Kriegssteuern finanziert. Sie gibt zu, solche Steuern auch von Koka-Bauern und Drogenlaboren eingetrieben zu haben. Sie hat Ölpipelines in die Luft gesprengt und Attentate verübt, bei denen auch Zivilisten ums Leben kamen. Alle lateinamerikanischen Guerillas haben sich mit Entführungen und Steuern finanziert, haben Wirtschaftssabotage betrieben und Zivilisten ermordet. Und doch wurden sie immer auch als politische Kraft respektiert und nicht als gemeine Verbrecherbande denunziert.

Der Begriff „narcoterrorista“ hat seinen Ursprung im „Plan Colombia“, einem im Jahr 2000 von Bill Clinton und Andrés Pastrana – damals Präsidenten der USA und Kolumbiens – unterzeichneten Abkommen. Seither flossen über 7 Milliarden US-Dollar von den USA nach Kolumbien, gut 85 Prozent davon als Militärhilfe. Mit eigenen Truppen haben sich die USA nie eingemischt; sie schickten ihre militärischen Vertragsunternehmen, also Söldner. Offiziell ist der „Plan Colombia“ Teil eines „Kriegs gegen den Drogenhandel“ und soll Kolumbien „Frieden, Wohlstand und eine Erneuerung des Staats“ bringen. Tatsächlich war er von Anfang an ein Plan zur Aufstandsbekämpfung. Um den offiziellen Schein zu wahren, musste die Farc von einer linken militärisch-politischen Organisation in der öffentlichen Meinung zu einer wild um sich schießenden Bande von Drogenhändlern werden.

Dieser propagandistische Coup ist nach zwei Jahrzehnten der Dauerberieselung gelungen. Doch damit nicht genug: Anfang April wurde Jesús Santrich verhaftet, einer der wichtigsten Verhandlungsführer der Farc bei den Friedensgesprächen mit der Regierung. Die Spione der US-Drogenbehörde DEA wollen herausgefunden haben, dass er zusammen mit drei Komplizen den Export von zehn Tonnen Kokain in die USA vereinbart habe. Beweise wurden nicht vorgelegt. Der Propagandakrieg der USA und der kolumbianischen Regierung geht auch gegen die Farc als Linkspartei weiter.

Trotzdem ist für die Linke nicht alles verloren. Immerhin kann es Gustavo Petro am Sonntag in die Stichwahl um die Präsidentschaft schaffen. Auch er ist ehemaliger Guerillero, von der Bewegung M-19. Die hat schon 1990 einen Friedensvertrag mit der Regierung geschlossen und sich in eine Partei verwandelt – zu einer Zeit, als man Guerillas noch politisch ernst nahm. Umfragen geben ihm um die 25 Prozent. Immerhin.

woz, 24.5.2018