Rückkehr aus dem Dschungel

Rund siebzig Prozent der Guerilleros im Süden Kolumbiens gehören einer indigenen Ethnie an. Wenn sie in diesen Monaten aus dem krieg zurück in ihre Gemeinschaften kommen, sind sie oft nicht willkommen.

Von Toni Keppeler

Hernán Fajardo sieht aus, wie man sich einen Kaziken vorstellt. Er ist groß, stark, stattlich. Das volle graue Haar hat er nach hinten gekämmt. Über seiner westlichen Arbeitskleidung trägt er eine knielange schwarze Kutte und darüber, auf der breiten Brust, eine Kette aus den Zähnen wilder Tiere. Wer sich mit ihm an seinen groben Holztisch setzt, erfährt, was es bedeutet, wenn Geschichte nicht schriftlich, sondern mündlich weitergegeben wird. Man braucht Zeit. Fajardo erzählt gern; weitschweifig und gespickt mit Details, die bisweilen so fantastisch anmuten, dass man nicht weiß, ob man ihm glauben soll. Er gibt gerne zu, dass er mit seinen 59 Jahren „nur mit Mühe den Namen schreiben“ und allenfalls „sehr langsam lesen“ kann. Und doch ist er der höchste Kazike in einem über 300.000 Hektar großen Schutzgebiet, in dem 9.000 Indigenas leben. Eine Schule gibt es nicht.

Hernán Fajardo gehört zum Volk der Awá und außer dieser wohnen noch sechs weitere Ethnien im „Resguardo de Orígen Colonial Gran Jardín de la Sierra“, dem Schutzgebiet „Großer Garten des Gebirges“, dessen Rechtstitel auf die Zeit der Kolonie zurückgeht. Es liegt im Süden Kolumbiens, in der Provinz Putumayo an der Grenze zu Ecuador. „Die Spanier haben uns 1806 Unabhängigkeit zugestanden“, erzählt der Kazike. „Und die gilt bis ans Ende der Welt, so steht es wörtlich in dem noch erhaltenen Dokument.“ Respektiert aber wurde das lange nicht. Er selbst habe mit der Hilfe von Menschenrechtsanwälten einen dreißig Jahre währenden Rechtsstreit ausgetragen, bis das Schutzgebiet 2006 staatlich anerkannt wurde. Seither ist Fajardo höchste Autorität, Friedensrichter und zuständig für die Verteilung kollektiver Landtitel an die verschiedenen Ethnien.

Zu seiner Arbeit gehören lange Fußmärsche, die manchmal auch gefährlich sind. Ein paar hundert Meter hinter seinem Haus und den Ställen mit seinen Schafen beginnen die mit Urwald bestandenen Berge. Und ganz hinten im Schutzgebiet, in 2.000 Meter Höhe, lebe ein Volk, das fast nackt durch den Dschungel streife und sein Territorium mit Speeren und giftigen Pfeilen gegen Eindringliche verteidige. Er könne nur gemeinsam mit einem jungen Mann dorthin, der im Stammesgebiet geboren, später aber weggezogen sei und die spanische Sprache leidlich beherrsche. Der diene ihm als Dolmetscher. Einmal sei ihm dort zum Mittagessen ein über dem Feuer gebratener menschlicher Arm angeboten worden.

Fajardos größte Sorge sind derzeit andere Krieger: Ehemalige Kämpfer der Guerilla der „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc), die nach dem Friedensschluss im vergangenen Jahr in den nächsten Monaten demobilisiert und in ihre Heimatgemeinden zurückkehren werden. Die Provinz Putumayo galt den ganzen Krieg über als sogenannte „rote Zone“ – als Gebiet mit ständiger Guerilla-Präsenz und häufigen Gefechten. Rund siebzig Prozent der Guerilleros in Putumayo waren Indígenas. Sie haben in den vergangenen Jahren, viele sogar in den letzten Jahrzehnten kein anderes als das Kriegshandwerk ausgeübt. Fajardo wäre es am liebsten, sie kämen nicht zurück. „Aber wenn sie kommen, müssen wir sie aufnehmen“, sagt er. „Sie sind Kinder unserer Völker.“ Er werde sie unter strengste Bewachung stellen.

Was Fajardo nicht weiß: Es gibt schon ein paar ehemalige Guerilleros in seinem Schutzgebiet, sogar in seinem eigenen Volk. Pablo Maya zum Beispiel, ein schmaler jugendlich wirkender Mann mit schwarzen Stoppelhaaren und freundlichem Blick. Der 36-Jährige ist Awá wie der Kazike. Sechzehn Jahre lang war er bei der Farc und kämpfte in der Nachbarprovinz Nariño. 2010 ist er dessertiert, hat aber den Idealen der Guerilla bis heute nicht abgeschworen. „Die Farc war eine politisch-militärische Organisation“, sagt er. „Das Militärische ging mir irgendwann gegen den Strich, politisch aber denke ich immer noch gleich.“ Der Umgang der Guerilla mit der Zivilbevölkerung sei ihm mehr und mehr zuwider gewesen: dass man Leute, die verdächtigt wurden, die rechten Paramilitärs zu unterstützen, einfach erschossen habe. „Wenn man die Macht übernehmen will, braucht man die Mehrheit der Bevölkerung auf seiner Seite“, sagt er. „Mit Waffengewalt aber erntet man immer nur Ablehnung.“ So sei er eines Nachts heimlich aus dem Guerillalager geflohen. Sein Gewehr habe er zurückgelassen. Trotzdem gilt er seinen ehemaligen Genossen seither als Verräter. Im Krieg wurden Verräter erschossen.

Seit gut sechs Jahren lebt Maya mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn im Schutzgebiet in einer Hütte auf einem Stück Land, das er geerbt hat. Strom gibt es dort nicht, Wasser nur aus einem entfernten Brunnen. Trotzdem ist Maya zufrieden. „Für mich war die Rückkehr ins zivile Leben verhältnismäßig einfach“, sagt er. Die Nachbarn kannten seine Geschichte nicht, er fühlte sich sicher. Und er hat Land, das er bebauen kann. „Viele von denen, die in den kommenden Monaten zurückkommen werden, sind als Jugendliche gegangen und manche waren dreißig oder vierzig Jahre weg“, weiß er. „Die haben nicht einmal einen Platz, auf den sie eine Matratze legen könnten. “ Denen will er helfen. Maya gehört zu einer Gruppe ehemaliger indigener Farc-Kämpfer, die sich zum Ziel gesetzt haben, den jetzt demobilisierten Guerilleros die Rückkehr in ihre Heimatgemeinden zu erleichtern. Und er weiß: Viele Dorfälteste heißen die ehemaligen Kämpfer ganz und gar nicht willkommen. Eine Haltung wie die des Kaziken Fajardo sei da fast noch verständnisvoll.

Fajardos vergleichsweise offene Einstellung mag damit zusammenhängen, dass er weiß, weshalb sich so viele junge Indígenas den Rebellen angeschlossen haben. In dem von ihm verwalteten Schutzgebiet gibt es vor allem zwei Gründe, warum man sich gegen den Staat, die Armee und die mit ihnen verbandelten Paramilitärs aufgelehnt hat: Erdöl und Koka.

„Erdöl wird hier seit sechzig Jahren gefördert“, sagt Fajardo. Der Schotterweg, der vom Städtchen Orito in vielen Kurven über Hügel und durch Täler über eine Stunde lang hinauf zu seinem Haus führt, wird auf der ganzen Strecke von Pipelines begleitet. Wo sie herkommen, sieht man nicht. Die Ölquellen liegen, umzäunt und von Wachleuten geschützt, versteckt im Dschungel. Sehr vertraueneserregend sehen diese Pipelines nicht aus. Viele rosten, zum Teil sind sie in waghalsigen Konstruktionen über Bäche hinweg oder direkt an Häusern vorbei gebaut. Für die Guerilla waren diese Leitungen ein leichtes Ziel für Sabotageakte. Immer wieder wurden sie gesprengt, Öl floss in die Flüsse und tötete die Fische. „Die Fischerei lohnt sich heute nicht mehr“, sagt Fajardo, und auch das Jagen sei beschwerlich geworden. Die ständigen Helikopterflüge des staatlichen Energiekonzerns Ecopetrol hätten das Wild immer tiefer in den Dschungel getrieben. „Früher gab es hier viele Hirsche“, erinnert sich der Kazike. „Heute müssen wir oft mehrere Tagesmärsche in den Wald, um noch Wild zu finden.“ Er selbst hat deshalb mit der Schafzucht begonnen.

Ecopetrol habe sich das Land um die Ölquellen einfach genommen, mitten im indigenen Schutzgebiet und ohne zu fragen, ob die dort lebenden Völker damit einverstanden sind. „Ich habe dagegen vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof geklagt und nach einem langen Prozess vor eineinhalb Jahren Recht bekommen“, sagt Fajardo. Ecoperol hat kein Recht, dort nach Öl zu bohren. „Konsequenzen aber hat das bis heute nicht.“

Der zweite wichtige Rohstoff, den es neben Erdöl in Putumayo gibt, ist illegal: Kokasträucher, aus deren Blättern Kokain gewonnen wird. Die Pflanzungen, meist nur wenige Hektar groß, liegen versteckt im Dschungel. Früher hat die Farc die Kokabauern besteuert, die Paramilitärs waren stets darauf erpicht, die Kontrolle über die gegend und damit über die Plantagen zu übernehmen und sie vesuchten das sehr brutal. „Wenn die Paramilitärs in ein Dorf kamen, haben sie oft Dutzende von Menschen umgebracht, zum Teil nicht mit Gewehren, sondern mit Kettensägen“, erzählt der Kazike. Und wenn dann danach die Farc vorbeizog „hielten sie die Überlebenden für Unterstützer der Paramilitärs.“ Die indigenen Völker seien immer zwischen den Fronten zerrieben worden.

Pablo Maya kennt diese Geschichte und versteht deshalb die Vorbehalte gegenüber Rückkehrern aus der Guerilla. Wenn aber die Integration ehemaliger Kämpfer misslinge, dann drohe Gefahr. „Wenn meine ehemaligen Genossen keine Arbeit und kein stabiles Umfeld finden, werden viele auf das zurückgeifen, was sie können: mit der Waffe in der Hand überleben.“ Er befürchtet, dass dann neue kriminelle Banden aus frustrierten früheren Guerilleros entstehen. Manche könnten sogar zu ihren ehemaligen Todfeinden, den Paramilitärs überlaufen. „Hunger tötet jede Ideologie“, sagt Maya.

Um es nicht so weit kommen zu lassen, wollen Maya und seine Gruppe, zu der Vertreter aller vierzehn in Putumayo lebenden indigenen Ethnien gehören, den jetzt Demobilisierten bei der Integration in ihre alten Gemeinschaften helfen. Sie besuchen Kaziken und Dorfälteste, rufen Familienangehörige von ehemaligen Kämpfern zu Gesprächsgruppen zusammen, um sie auf die Rückkehr vorzubereiten. „Wir wissen, was das bedeutet und wo die Probleme liegen“, sagt er. „Wir haben das alles selbst mitgemacht.“ Schon allein das Schlafen in einem geschlossenen Haus könne nach Jahren im Dschungelcamp klaustrofobische Ängste auslösen.

Den ehemaligen Guerilleros müsse man deutlich machen, dass sie sich in ihren alten Gemeinschaften erst einmal bewähren müssten. Das wichtigste dabei sei, dass sie in den sechs Monaten im Demobilisierungscamp etwas lernen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen können. Tatsächlich sollen in diesen Lagern handwerkliche Ausbildungskurse angeboten werden. „Über unsere Möglichkeiten geht so etwas weit hinaus“, sagt Maya. „Wir haben kein Geld und kein Büro; wir haben nur unsere eigenen Erfahrungen und den Willen, etwas zu tun.“

Der Kazike Fajardo will Rückkehrer unter ständige Beobachtung stellen. „Wir werden sie an die ganz kurze Leine nehmen“, sagt er. „Sie müssen sich an unsere Regeln halten.“ Und wenn sie sich etwas zu Schulden kommen lassen würden, habe man die eigene Gerichtsbarkeit. Er holt sechsschwänzige Hirschlederpeitsche von ihrem Platz an der Wand, nimmt sie in die rechte Hand und schlägt sich sanft auf die Fläche der linken. Die Peitsche müsse aus Hirschleder sein, erklärt er. Werde sie aus Rindleder hergestellt, dann sinne ein damit gezüchtigter Mann sofort auf Rache. Bei Hirschleder sei das nicht der Fall. Bei schlimmen Vergehen peitsche man einen Delinquenten nicht nur aus, man binde ihn für ein paar Tage weit draußen im Dschungel an einen Baum und lasse ihn allein. „Nachts werden sie dann von Geistern gequält, man hört sie schreien.“ Und wenn kein Angehöriger oder Freund ihnen Wasser bringe, dann würden sie verdursten.

Er erzählt das mit freundlicher Mine. Er weiß, dass er Besucher mit solchen Geschichten erschrecken kann und genießt es ein bisschen. „Aber die westliche Gerichtsbarkeit mit ihren Gefängnissen ist für uns noch viel schlimmer“, sagt er. Überhaupt hoffe er, dass die Hirschlederpeitsche an der Wand bleiben könne. „Wenn die Rückkehrer neue Produzenten werden, dann sind sie uns willkommen. Neue Konsumenten brauchen wir nicht.“

weltsichten 03/2017